Thesauros Edebiyat Tarih Ἱστορίαι

Ἱστορίαι

Ἱστορίαι Thucydides

Kitap 8

 
Durch diesen Zwischenfall wurden aber die Chier und die in Milet wieder mehr Meister in ihren'Gewässern^ und AstyochöS', als er die Nachricht von der Seeschlacht und von der Abfahrt, der Schiffe unter Strombichides erhielt, faßte jetzt Muth! 'Er fuhr also mit zwei! Fahrzeugen'nach Chios, vereinigte hier'alle Schiffe und machte mit denselben'einen Angriff auf-Samos/ 'Weil aber-die Athener-gegeneinander selbst Argwohn-hatten, so gingen-sie ihm mit ihren Schiffen nicht entgegen',' und .'so'fuhr er wieder nach Milet zurück.
 
.1 Um dieselbe Zeit nämlich und noch früher wurde die Athenische Demokratie aufgehoben. Denn nachdem die Gesandten mit Peisan^ droS vom Tiffaphernes nach Samos zurückgekommen waren, faßten sie im Heerlager'selbst die Zügel fester! in die Hand', da sogar die Samier, obgleich sie zum Sturze ihrer-"eigenen Oligarchie deinen Aufstand erregt hatten, die Vornehmen und Mächtigen unter-den Athenern aufforderten, mit ihnen die Einführung einer-Oligarchie zu versuchen; und auch unter sich selbst-beschloffcn die Athener-auf Samos, welche hierin gemeinsame Sache gemacht'hätten, den Älkibiades/ da er nicht mitthun wolle, aus dem Spiel zulassen- —''zuMäl er auch nicht der rechte Mann schien-, um unter'die Oligatchen'auft genommen zu werden —''und'nur für sich'selbst, weil sie bereits das Gefahrvolle gewagt, zuzusehen/auf'wclche'Art die'Leitung'de^'Dinge ihren Händen nicht entschlüpfendkönne,' und zugleich wollten? finden Krieg kräftig fortführenund dazu aus'eigenen Mitteln Geld und was sonst nöthig würde, eifrig beisteuern, da sie'von jetzt an auch nicht-inehr für Andere, sondern nur für'sich'selbst Mühe und BtschwÄden'auf sich nähmen.'" " 7. ' in nur."-
 
Nachdem sie sich aus diese Weise in ihren Plänen bestärkt hatten,' schickten^ sie? sofort den PeisandroS und die Hälfte'der Gesandten nach Haufen-um dort die Sache in's Werk zu setzen,'nnd trugen denselben zugleich auf, unterwegs in 'allen' unterthänigen Städten^'bet-'denen sie anlanden würden, -oligarchische Verfassung 411 v. Chr. einzuführen; die andere Hälfte verschickten sie nach, den andern unterthänigen Plätzen, den Einen hierhin, den Andern dorthin; und den Diotrephes, der vor Chios stand, jetzt aber zum Befehlshaber an den Thrakischen Gränzen ernannt worden war, schickten sie dorthin zur Uebernahme des Kommando'S. Als dieser nach Thasos kam, hob er daselbst die Demokratie auf. Aber ungefähr im zweiten Monat, nachdem er sie wieder verlassen, befestigten die Thafier ihre Stadt, da sie jetzt einer aristokratischen Regierung im Bund mit den Athenern nicht mehr bedurften, vielmehr jeden Tag ihre Befreiung durch die Lakedämonier erwarten konnten. Es waren- nämlich einige ihrer durch die Athener verbannten Mitbürger zu den Peloponnesiern geflohen i und diese in..Verbindung mit ihren Angehörigen in der Stadt arbeiteten kräftigst dahin, eine Flotte vor Thasos zu bringen und-den Abfall der Insel zu bewirken. Diesen war nun grade das, was sie wünschten, zu Theil geworden, daß nämlich ihr Staat ohne Gefahr für sie selbst in die rechte Verfassung gesetzt und die Herrschaft der Volkspartei, die sich ihnen widersetzt haben würde, gebrochen worden war. Bei Thasos also hatten die Athener, welche die Oligarchie einführten, grade den entgegengesetzten Erfolg, und wie mir scheint, auch bei vielen andern Unterthanen. Denn als die Städte eine verständigere und gemäßigte Regierungsform und Freiheit der. Bewegung erhalten hatten, strebten sie sofort nach entschiedener.Unabhängkeit, weit entfernt, die verdächtigt, von den Athenern gebotene freie Verfassung, vorzuziehen. -
 
Die mit Peisandros Abgesandten schifften indeß an der Küste^hin und hoben; wie beschlossen war, in den einzelnen Städten die Volksregierung auf und nahmen aus einigen derselben auch Schwerbewaffnete zu ihrer Unterstützung mit nach Athen. Hier? fanden sie bereits daS Meiste durch ihre .Genossen vorgearbeitet. Es hatten nämlich Einige der Jüngeren,sich verbunden und den AndrokleS, einen Hauptanführer der Volkspartei, heimlich getödtet, der auch des AlkibiadeS Verbannung hauptsächlich durchgesetzt hatte, und zwar hatten sie grade ihn um so eher auS dem Wege geräumt, weil bei ihm zweierlei zusammentraf: einmal, weil er Demagoge war, und dann weil sie damit dem Alkibiades einen Gefallen zu thun glaubten, der zurückkehren und ihnen die-Freundschaft des Tissaphernts.-mitbringen sollte. Auf dieselbe Weise schafften sie auch einige Andere heimlich 412 v. Chr. bei Seite, die ihnen im Wege standen. Oeffentlich aber hatten-sie den Antrag vorbereitet, daß außer denen, die am Kriegsdienste Theil nähmen, sonst Niemand mehr Sold erhalten^), und daß nicht mehr als fünftausend Bürger an der Verwaltung Theil haben sollten, und zwar die, welche im Stande wären, durch Besitz und Kriegsdienst dem Staate am meisten zu nützen. ^ ' - - ' , - .
 
Dieß war aber nur ein Deckmäntel gegenüber der Menge, da ja doch nur -eben diejenigen die Stadtregierung erhalten sollten; welche die Verfassung umzustürzen wünschten. Gleichwohl wurde das Volk, sowie auch der durch'S Bohnenloos erwählte Rath^), immer noch versammelt. Es kam jedoch nicht nur Nichts zur Berathung, außer was-den Verschwörern gefiel, sondern auch die auftretenden Redner'gehörten nur dieser Partei an, und^es war bereits vorher abgekartet, was sie vorbringen sollten. Von den Andern aber widersprach bereits Niemand mehr, weil Jeder sich fürchtete; da ersah, wie groß die Macht der Verschworenen-sei. Wenn aber ja Einer zu widersprechen wagte, so wurde -er sofort auf geschickte Weise aus dem'Wege geräumt, und den Thätern wurde weder nachgespürt) noch auch fand Bestrafung Statt, wenn gegen Einen Verdacht vorlag; und das Volk verhielt sich so ruhig und war so eingeschüchtert, daß man es schon für Gewinn hielt; nur an der eigenen Person keine Gewalt zu erleiden, wenn man 'auch-schweigen mußte. Da sie die Zahl der Verschworenen überdieß noch-für viel größer hielten; als sie wirklich war, so hätten sie um so mehr den Muth verloren.. Auch war man bei der Größe der Stadt und wegen gegenseitiger Unbekanntschast nicht im Stande, der Verschwörung genau auf den Grund zu kommen, und eben deßhalb war es auch unmöglich, seine Besorg­ 45) Dir Zweck war, die Armen durch Entziehung der Besoldungen von den StaatSgeschästen und Gerichten zn entfernen (Kr.). ' ^ ' 46) Der Rath oder Senat der 500. Bei der Wahl wurden-die Namen der wahlfähigen (über 30 Jahre alten) Bürger abgelesen und gleichzeitig bei jedem Namen ein Griff in einen Topf gethan, der mit weißen und schwarzen Bohnen gefüllt war. Eine weiße machte zum Rathsherrn. — Bei Xenophon, Denkwürdigkeiten des SokrateS. I, 2. 9, sagt dieser: Nur Narren können die Wahl der Staatsbehörden einer Bohne'anver» trauen; für einen durchs BohnenlovS gewählten Steuermann würde sich Jeder bedanken. 411 v.. Chri nisse, por einemAndern auszuschütten, um sich dann der Angriffe gemeinsam zu erwehren, denn entweder- wäre man.mit seiner Mitthei-lung" an-einen Unbekannten gerathen, oder, wenn auch an einen Bekannten, doch.vielleicht,-an einen Unzuverlässigen. - Denn Alle von d^Volksparjei! behandelten sich-gegenseitig mit dem größten Argwohn, als,.ob Jeder an dem betheiligt sein könne, was im Plan war. Und in der That gab es auch viele Leute darunter > von denen Niemand'je.vermuthet Hätte, daß-sie zur Oligarchie,übergehen°wnrden. Und gerade solche erregten cunter der Menge daS größte gegenseitige Mißtrauen und.verhalsen den Oligarchen am meisten zu ihrer Sicherheit, indem sie. das gegenseitige Mißtrauen in der Volkspartei unüberwindlich machten. - !. X ' c
 
Während die Dinge nun so standen, kam Peisandros mit seinen/Genossen an und^ legte sogleich Hand .-an das, was. noch, zu thun übriA^war.^ .'Zuerst versammelten sie das Volk und stellten den Antrag,? zehn Männer-mit-unumschränkter Vollmacht zum Entwurf einer neuen Verfassung zu wählen; diese sollten an einem bestimmten Tag-ihre Vorschläge vor das Volk bringen, auf welche Weise der Staat am besten verwaltet werden könne.. Danach, als der.angesagte.Tag gekommen war, beriefen, sie.die Volksversammlung.in den beschränkten Raum??) nach Kolonos —- welches ein Heiligthum des Poseidon ist, ^außerhalb der Stadt und etwa zehn.Stadien entfernt -77-7 und jene zehn Männer, wußten da vor allen Dingen vorzuschlagen) daß es jedem.Athener.erlaubt sein solle,-jeden beliebigen Antrag zu stellen, und für den Fall, daß Einer'einen Redner-wegen gesetzwidriger, Vorschläge anklagen, oder, ihn aus.irgend eine andere Art zu Schaden bringen sollte,-.sehten sie schwere Strafen-fest.:' Darauf wurde dann sogleich ganz unverblümt gesagt, daß keine Behörde nach der alten Verfassung mehr zu amtiren oder Gehalt zu beziehen habe, und daß fünf Männer als Vorsitzer zu wählen seien; die sollten wieder hundert Männer wählen, und von diesen Hundert Feder sich.drei Andere beigesellen. Diese, also zusammen vierhundert, sollten vom RathhauS.. Besitz ergreifen und mit unumschränkter Vollmacht, nach 47) So saßt die. Stelle auch Kr. 5- Damit nickt Alle genügend Mag fänden. Mancher wieder davpnginge. , bester, Einsichtregieren und die fünftausend versammeln,, wann eS 4l2 v. Chr, ihnen gut dünke.
 
Diesen /Antrag brachte.PeisandroS selbst^ein, und auch im Uebrigen zeigte.er sich ganz offen als d^en.eifrigßen Mitw Sturz der Demokratie..?-- Wer aher dies. gflnze.zSache .so eingefädelt und geleitet hatte, .«daß.sie soweit gedieh,,und. schon-seit.langer Zeit daraus hingearbeitet Hatte , das war Antiphon, ein, Mann, der unter den. Athenern,, seiner Zeit, an Tüchtigkeit Keinem nachstand, von-,der stärksten Einsicht und ausgezeichneter Beredtsamkeit.^Vor dem Volke zwar.pflegte er nicht au/zutreten, noch auch ließ er.sich sonst freiwillig in Nechtshändel'tin, eber daSzBolk betrachtete ihn wegen des NufeS ft.iner,' RedeLMglt-.Mit- .Mißtraue^;. wer. aber;eine Rechtssache vor Gericht oder.vor -.der.VoDversamujlun^Kattedem könnte er besser als. irge.nd. Einer rath/n und nutzen. Auch hat^cr.für sich selbst, als später die Vierhundert durch eine Gegenrevolution gestürzt, und von der Volkspartei verfolgt, worden,, und er selber.beschuldigt wurde, ,zu deren Einsetzung mitgewirkt zu-haben,^in eben diesem. Prozeß^unter Allen bis auf-meine Zeit die.beste Verheidigungsrede, gegen eine^Anklage auf Hinrichtung gehalten^f). Aber auch Phrynichos zeigte sich auf eine, vor. Allen hervorragende^eise^ sehr eifrig wirksam-für.die Oligarchie, aus Furcht-vor^Alkibiades nämlich ; und.weil er wußte, daß diesem bekannt sei, was er.von Samos aus mit Astyöchos^verhandelt,hatte,-und weil er glaubte, daß derselbe aller Wahrscheinlichkeit nach,unter einer oligarchischen Regierungsform nicht zurückkehren könne;.und nachdem^er einmal.dasür eingestanden war, zeigte.er,sich auch sonst-in diesem gefahrvollen Unternehmen äls.der Zuverlässigste. Auch.TherameneS, Sohn des Hagnou, swar,einer,der Ersten,/^welche am Sturz f der-Demokratie arbeiteten, ^» Mann, der^weder an Beredtsamkejt, noch an Einsicht, unbedeutend.war. »So.lst eS also erklärlich,, daß dieß Unternehmen trotz seiner Größe glücklichen.Erfolg hatte, da es von vielen und einsichtsvollen Männern in's Werk gesetzt wurde. Denn eS war eine, schwere Sache , dem^Volke der Athener seine Freiheit zu-,nehmen, da es.dieselbe seit. Vertreibung der Tyrann nen schon nah? an. hundert.-Jahre besaß und nicht nur. Nichts von 47) Aber doch zum Tode verurtheilt. Plutarch, Leben der zehn Redner. MarkelliyoZ? 412 v. Chr. Gehorchen wußte, sondern sogar'über'die'Hälfte jener Zeit selbst über Andere zu herrschen gewohnt war. ^ > >i
 
Als nun in der Volksversammlung sich kein Wideispruch erhob,' vielmehr die Anträge durchgingen und die Versammlung sich danach auslöste, so" führte man sofort die Vierhundert auf folgende Weise in das Rathhaus ein. Ein Theil der Athener war beständig als Besatzung auf den Mauern und ein anderer 'unter den Waffen in Ordnung ausgestellt, der Feinde-in Dekeleia wegen. ^ An jenem Tage nun ließ man diejenigen, welche'um den Plan Nichts wußten, wie gewöhnlich ausziehen,' den Mitverschworenen aber würde-angesagt, sich ohne alles Aufsehen nicht auf den Waffenplätzen selbst, sondern'in einiger Entfernung davon' aufzustellen" und abzuwarten, ob sich Widerstand gegen das Unternommene zeige/ in diesem Fallt aber die Waffen zu ergreifen und Gewalt mit G^wält abzuwehren? Es waren aber auch dreihundert Mann von Ändros , Te'oS ulid Kärystos und Einige von den Aeginetischen Pflanzbürgern, welche die Athener dorthin verseht hatten, zu'eben diesem Zwecke'bewaffnet ge-' kommen; denen gleichfalls jener Beseht gegeben wurde.' Als diese nun auf die angegebene Weise aufgestellt waren, kämen die Vierhundert,'Heder mit einem versteckten Dolche, und mit ihnen die hundert und zwanzig Jünglinge^), deren sie sich bedienten, wenn es irgendwo der Gewalt bedurfte, traten in das Räthhäüs,'wo die durch daS Bohn'enlöos gewählten Rathsherren wären, und sagten ihnen, sie sollten ihren Gehalt'nehmen und fortgehen. Sie hatten ihnen nämlich ihren ganzen Sold auch für die noch übrige Zeit mitgebracht und gaben ihnen denselben beim'Hinausgehen auf die Hand. ^ " '
 
Da nun so der Rath ohne Einspruch zu erheben sich da; vondrückte und auch die andern Bürger sich'nicht rührten, sondern gaNz ruhig verhielten, so loosten die Vierhundert, nachdem sie'daS Nathhaus in Besitz genommen, aus ihrer Mitte die Prytanen auS 48) Im Tert steht noch Hellenische Jiin'gttngewohl später zugesetzt.' damit man nicht an die skythischen Bogenschützen, eine Art Gentdarmerie denke. (Masse.) » 49) Für die verflossene Zeit (?ortvs). — Für den Rest deS Jahres, meint BSckh, StaatShauSH. d. Ath. I, S. IN. Aber wozu die unnöthige Ausgabe? fragt Ar. — vielleicht, um sie etwas besserer Laune zu machen. — Ar. versteht den rückständigen Sold. ' und traten, nach Verrichtung der üblichen Gebete und Opfer an die 411 v. Chr. Götter, ihr Amt an. Später aber änderten sie Vieles in den unter der Demokratie geübten Verwaltungs- und Regierungsmaßregeln, nur die Verbannten riefen sie, des Alkibiades wegen, nicht zurück. Sonst aber verwalteten sie den Staat in gewalthaberischem Sinne. Einige, von denen es zweckmäßig schien, daß sie aus dem Wege geräumt würden, ließen sie hinrichten, Andere warfen sie in'S Gefängniß und Etliche wußten sie zu entfernen. Zu Agis, dem König der Lakedämonier, der in Dekeleia stand, schickten sie den Herold und ließen ihm sagen, daß sie sich vergleichen wollten, und es sei billig zu erwarten, daß er mit ihnen eher einen Vertrag schließe, als mit der jetzt gestürzten unzuverlässigen Volksregierung.
 
Agis aber dachte, das Volk werde die alte Freiheit nicht so leichten Kaufs preisgeben und wenigstens, wenn eS ein großes feindliches Heer vor sich sähe, einen Aufstand erregen, und selbst für den Augenblick wollte er nicht daran glauben, daß es so ohne alle Unruhen hergehe. Deßhalb gab er den Abgesandten der Vierhundert auch keine versöhnliche Antwort, sondern ließ bald danach eine bedeutende, Verstärkungsmacht aus dem Peloponnes kommen und rückte mit dieser und seiner eigenen Besatzung von Dekeleia bis dicht vor die Mauern der Athener, in der Hoffnung, daß sie bei ihren inneren Unruhen sich entweder seinem Begehren um so leichter fügen würden, oder daß die Stadt vielleicht sogar beim ersten Anlauf genommen werden könne, wegen der, wie zu erwarten stand, von Innen und Außen zugleich erregten Verwirrung. Die langen Mauern zu nehmen, könne ihm, so meinte er, weil sie unbesetzt seien, gar nicht fehlen. Als er aber nahe genug herangekommen war, und die Athener an ihren inneren Zustand auch nicht im Mindesten rührten oder rüttelten. vielmehr ihre Reiterei gegen ihn ausschickten, die ihm von seinen Schwerbewaffneten und Leichten und Bogenschützen, die sich zu nahe heranwagten, viele Leute niederwarfen und auch einige Rüstungen und Todte abnahmen, so besann er sich eines Bessern und führte fein Heer wieder zurück. Er selbst mit seinen eigenen Leuten blieb im Lande in Dekeleia stehen, die Neuangekommenen aber schickte er wieder nach Hause zurück, nachdem sie wenige Tage im Lande verweilt hatten. Danach unterließen eS aber die Vierhundert nicht, Thulyvide». Vlll. 20 412 v. Chr. weitere Botschaften an den Agis.zu senden, und jener lieh ihnen jetzt schon ein geneigteres Ohr. und auf seine Aufforderung schickten sie auch Gesandte nach Lakedämon wegen eines Vertrags; denn sie wollten Frieden haben. ^ ^
 
Auch nach Samos sandten sie zehn Männer ab, welche das dortige Heer beschwichtigen und belehren sollten, daß die Oligarchie keineswegs zu Schaden und Gefahr für die Stadt und die Bürger eingeführt worden sei, sondern zur Rettung des Ganzen, und daß ja fünftausend, nicht bloß vierhundert die Regierung in Händen hätten, während doch sonst niemals in Athen, der Feldzüge und auswärtigen Geschäfte wegen, zu keinem so wichtigen Geschäfte, fünftausend Bürger zur Berathung zusammengekommen wären 2"). Dieß und anderes Sachgemäße trugen sie ihnen auf zu sagen und schickten sie damit sogleich nach ihrem Regierungsantritt ab, weil sie ^fürchteten, das Schiffsvolk möchte sich eine oligarchische Verfassung nicht gefallen lassen wollen und von dort aus beginnen, ihren Sturz herbeizuführen,- was denn auch wirklich eintrat. " '
 
Es wurde nämlich bereits damals schon auf.Samös am Sturz der Oligarchie gearbeitet, und ungefähr um eben die Zeit,'als die Vierhundert zusammentraten, geschah daselbst Folgendes. Diejenigen Samier, welche früher^) als Anhänger der'Demokratie gegen ihre oligarchischen Machthaber aufgestanden waren, drehten sich jetzt herum und schlossen, von Peisandros, als er damals gekommen war, > und von den Athenischen Verschwornen auf Samos überredet, einen gefchwornen Bund von etwa dreihundert Männern, um auf die Uebrigen, als Demokraten, > loszugehen. Auch ließen sie einen gewissen Hyperbolos aus Athen hinrichten, einen schlechten Menschen, der nicht etwa aus Furcht vor seiner Macht oder seinem Ansehen; sondern wegen seiner Schlechtigkeit, weil er der Stadt Schande, machte, durch das Scherbengericht verbannt worden war; und zwar thaten sie dieß dem Charminos, einem det Feldherrn, und einigen andern Athenern, die bei ihnen waren, zu Gefallen, um ihnen dadurch ein Pfand zu geben, und so halfen sie ihnen auch manches An­ 50) Sie wollten sich damit den Anschein geben, bessere Demokraten zu sein, all die Nolttpartei selbst. " , 51) Vergl. VIII, dere der Art durchführen; der Demokratie aber schickten sie sich an 411 v. Chr. zu Leibe zu gehen. Die von der Volkspartei aber merkten es und zeigten das Vorhaben dem Leon und dem Diomedon an, welche unter den Feldherrn der Oligarchie sich nur unwillig fügten, weil sie bei der Volkspartei in Ansehen standen, und zugleich auch dem Thrasybulos, der einen Dreiruderer führte, und dem Thrasyllos, der als Schwerbewaffneter mitdiente, und noch einigen Andern, welche den Verschwornen am meisten abgeneigt schienen. Sie sagten, man solle nicht ruhig zusehen, während sie zu Grunde gerichtet und Samos den Athenern entfremdet würde, durch welches allein ihre Macht sich bis dahin gehalten hätte. Jene aber gaben ihnen Gehör und nahmen die Soldaten einzeln bei Seite und forderten sie aus, nicht ruhig zuzusehen; vor Allen aber die Paralier, lauter Athener und freie Männer ^2), die von jeher der Oligarchie, auch wenn sie nicht grade herrschend war, Feindschaft geschworen hatten; und Leon und Diomedon ließen ihnen jedesmal, wenn sie wohin fuhren, einige Schiffe zur Bewachung zurück. Als nun die Dreihundert ihren Schlag führen wollten, eilten jene Alle zu Hilfe, besonders aber die Paralier, und so blieb die Volkspartei Meister. Etwa dreißig von den Dreihundert tödteten sie dabei, die drei Haupträdelsführer bestraften sie mit Verbannung, die Andern aber ließen sie, ohne des Geschehenen weiter zu gedenken, ruhig unter sich leben und behielten ihre demokratische Verfassung.
 
Das Schiff Par'aloS mit dem Chaireas, des Archestratos Sohn, einem Athener, der zum Sturz der Oligarchen eifrig mitgewirkt hatte, schickten nun die Samier und die Athenischen Soldaten sofort nach Athen, um das Geschehene zu melden; denn sie wußten ' noch nicht, daß die Vierhundert sich der Regierung bemächtigt hatten. Als sie zu Athen ankamen, ließen die Vierhundert sogleich zwei oder drei der Paralier in Ketten legen, die Uebrigen nahmen sie von ihrem Schiffe weg und versetzten sie auf ein anderes Soldatenlastschiff welches sie in den Euböischen Gewässern stationirten. ChaireaS aber, 52) Während andere Schiffe tbeilweise mit Sklaven bemannt waren (Blo»mfi«ld) lieber das Schiff „Paralos" vergl. III, 33. 53) Siehe Anm. S5 Buch VI. 2g» 411 v. Chr. als er sah, wie die Dinge standen, wußte sich auf irgend eine Weise durchzuschleichen, kam nach Samos zurück und berichtete dem Heere, waS zu Athen geschehen war, indem er Alles mit grellen Farben in'S Schlimmere ausmalte: wie die Machthaber Alle mit Schlagen bestraften und Niemand ihnen widersprechen dürfe, daß ihre eigenen Weiber und Kinder mißhandelt würden, und daß jene Willens seien, die Angehörigen aller Soldaten des HeereS aus Samos, die nicht ihrer Partei angehörten, zu ergreifen und einzusperren, um sie hinzurichten, wenn sie selbst sich nicht unterwerfen würden. Dergleichen erzählte er und noch vieles Andere, was er dazu log.
 
Als sie dieß hörten, wollten sie zuerst gegen die Haupträdelsführer der Oligarchie losschlagen und gegen die, welche an den andern Vorfällen Schuld waren, dann aber ließen sie sich durch die, welche keiner von beiden Parteien angehörten, zurückhalten und belehren, daß man nicht Alles auf's Spiel setzen dürfe, während die Schiffe der Feinde kampfbereit in der Nähe lauerten, und so beruhigten sie sich. Darauf ließen ThrasybuloS, des Lykos Sohn, und Thrasyllos, — denn diese hatten sich bei der Entscheidung am meisten betheiligt, — in der Absicht, die Verfassung von Samos auf das Entschiedenste nach den Grundsätzen der Demokratie einzurichten, alle Soldaten die heiligsten Eide schwören, und auch die, welche am meisten oligarchisch gesinnt waren, daß sie gewiß und wahrhaftig die Demokratie aufrecht erhalten und einträchtig bleiben wollten und den Krieg gegen die Peloponnesier mit allem Eifer fortführen, den Vierhunderten aber Feind sein und auch keinen Verkehr durch den Herold mit ihnen haben. Denselben Eid schwuren auch sämmtliche Samier mit, die das gehörige Alter hatten, und so schloß also das Heer mit den Samiern eine Gemeinschaft aller Dinge und des ErfolgS aller Kämpfe und Gefahren, im Glauben, daß weder diese, noch sie selbst eine rettende Zuflucht hätten, sondern untergehen müßten, ob nun die Vierhundert siegten oder die Feinde bei Milet. -
 
So widerstrebten sich also um diese Zeit beide Parteien um die Wette, die Einen, um ihre Vaterstadt zur Demokratie zu zwingen, die Andern, um das Heer zur Unterwerfung unter die Oligarchie zu nöthigen. Die Soldaten hielten nun auch sofort eine ^Versammlung ab, in welcher sie die früheren Feldherrn und die ihnen verdächtigen Schiffsführer absetzten und andere Feldherrn und Schiffs- 411 v. Chr. führer an ihrer Statt wählten, und unter diesen auch ThrasybuloS und Thrasyllos. Auch traten Einige unter ihnen auf und ermuthigten das Heer in anderer Weise, und daß man den Muth nicht verlieren dürfe, wenn auch die Stadt der Demokratie untreu geworden sei. Die Abgefallenen seien ja nur die Minderzahl, sie selbst aber bildeten die Mehrzahl und hätten zu Allem die größeren Hülfsmittel in Händen. Denn da sie ja die ganze Flotte hätten, so könnten sie die andern Städte eben so gut zum Entrichten der Steuern zwingen, als wenn sie aus dem Hafen von Athen ausliefen; die Stadt Samos, die keineswegs schwach sei, sondern damals im Kriege die Athenische Seeherrschaft um ein Geringes an sich gerissen hätte, stehe ihnen ja zur Verfügung, und ihrer Feinde hätten sie sich aus derselben Stellung zu erwehren, wie auch früher. Auch seien sie im Besitz der Flotte besser im Stande, sich alles Nöthige zu verschaffen, als die zu Hause in der Stadt. Und nur, weil sie selbst durch ihre Aufstellung bei Samos die in der Heimat deckten, hätten sich dieselben bis jetzt die Einfahrt in den Piräens frei halten können ^), und wenn sie ihnen jetzt nicht die demokratische Verfassung wieder- geben wollten, so stehe die Sache so, daß sie selbst viel leichter jene von der See abschneiden, als von ihnen abgeschnitten werden könnten. Was die Stadt ihnen bis jetzt an Mitteln zur Ueberwindung der Feinde geleistet habe, sei unbedeutend und nicht der Rede werth, und sie hätten also Nichts verloren, da man ihnen weder Geld schicken könne, welches sie vielmehr sich selbst verschaffen müßten, noch auch einen guten Anschlag geben, wodurch sonst eine Stadt vor Armeen im Vortheil sei. Aber auch in dieser Hinsicht hätten jene durch Umsturz der väterlichen Gesetze jetzt gefehlt, sie selbst aber hielten diese aufrecht und wollten nun versuchen, auch jene wieder zu denselben zurückzuzwingen, so daß also aus ihrer Seite auch die besseren Rathgeber seien. Auch werde ihnen Alkibiades, wenn sie ihm Sicherheit und freie Rückkehr gestatteten, gern die Bundesgenossenschaft des Königs verschaffen. Das Allerwichtigste aber, selbst wenn alles Andere fehlschlüge, sei, daß sie, im Besitze einer so großen Flotte, 54) Weil sonst die feindliche Flotte den Piräeus blokiren würde. (Arnold.) 411 v. Chr. viele Zufluchtsorte hätten, wo sie Städte und Land finden würden.
 
Dergleichen wurde in der Versammlung zur gegenseitigen Ermuthigung vorgetragen, und die Rüstungen zum Kriege betrieben sie mit ungeschwächtem Eifer fort. Die Abgesandten der Vierhundert nach Samos aber, jene zehn Männer nämlich, als sie diese Vorfälle schon in Delos erfuhren, blieben daselbst ruhig zurück.
 
Um dieselbe Zeit aber beklagten sich die Soldaten aus der Flotte der Peloponnesier vor Milet laut unter sich, daß durch des Astyochos und des Tissaphernes Schuld es mit ihnen immer schlechter werde, indem jener weder früher eine Seeschlacht habe wagen wollen, als sie selbst noch stärker und die Flotte der Athener noch klein war, noch auch jetzt, wo dieselbe, wie man sage, unter sich uneinS und auch ihre Schiffe noch nicht an Einem Orte vereint seien; statt dessen sitze man ruhig da und warte auf die Phönikischen Schiffe des This^ saphernes, die ja nur dem Namen nach, aber nicht in der That vorhanden wären, und so sei Gefahr da, daß sie sich selber aufrieben. TissapherneS hinwiederum lasse jene Schiffe nicht kommen und beeinträchtige ihre Flotte, indem er den Sold weder ohne Unterbrechung, noch auch voll auszahle. Man dürfe jetzt nicht länger mehr zaudern, sagten sie, sondern müsse eine Seeschlacht liefern. Am allermeisten aber drängen die Syrakusaner darauf.
 
Da nun die Bundesgenossen und Astyochos das Gerede vernahmen und danach in einer Versammlung beschlossen hatten, eine entscheidende Seeschlacht zu liefern, weil ihnen nämlich auch die unruhigen Zustände auf Samos gemeldet worden waren, so gingen sie mit allen Schiffen unter Segel, zusammen einhundert und zwölf, befahlen den Milesiern, zu Lande an der Küste hin nach Mykale zu marschiren, und fuhren auch selbst gegen diese Stadt. Als aber die Athener von Samos, welche mit zweiundachtzig Schiffen bei Glauke in der Gegend von Mykale vor Anker lagen — hier, gegen Mykale hin, ist nämlich die Insel Samos vom Festland nur wenig entfernt — die Flotte der Peloponnesier ansegeln sahen, zogen sie sich nach Samos zurück, da sie sich nicht für stark genug halten, um es gegenüber einer so großen Zahl auf eine Alles entscheidende Schlacht ankommen zu lassen. Auch wollten sie den Strombichides abwarten, der vom Hellespont her-mit den von Chios nach Abydos gegangenen Schiffen 411v-. Chr. ihnen zu Hilfe kommen sollte, — sie hatten nämlich bereits aus Milet her erfahren, daß jene die Absicht hätten, eine Seeschlacht zu liefern, und eS war deßhalb ein Bote an den Strombichides abgefertigt worden. Sie also zogen sich nach Samos zurück, die Peloponnesier aber steuerten wieder nach Mykale und bezogen daselbst ein Lager, und so auch das Landheer der Milesier und ihrer Nachbarn. Als sie am folgenden Tag im Begriff waren, Samos anzugreifen, erhielten sie die Meldung, daß Strombichides mit den Schiffen vom Hellespont bereits angekommen sei, und fuhren deßhalb sogleich wieder nach Milet zurück. - Nun aber steuerten dle Athener, durch jene Fahrzeuge verstärkt, mit hundert und acht Schiffen auf Milet loS, um eine Seeschlacht zu liefern; da ihnen aber Niemand entgegenfuhr, so gingen sie wieder nach Samos zurück.
 
' In demselben Sommer, sogleich nach diesen Ereignissen^ entschlossen sich die Peloponnesier, — da sie sich der vereinigten Schiffsmacht der Feinde nicht gewachsen fühlten, auch nicht gegen dieselbe ausgelaufen waren, um die angebotene Schlacht anzunehmen, und sich nun in Verlegenheit fanden, woher für so viele Schiffe das Geld« nehmen, zumal auch Tissaphernes den Sold nur ungenügend auszahlte, — den Klearchos, des RhamphiaS Sohn, mit vierzig Schiffen an den PharnabazoS zu senden, wie ihnen auch von vornherein vom Peloponnes befohlen war. PharnabazoS nämlich hatte sie aufgefordert zu kommen und war bereit, ihnen Sold zu zahlen; und zugleich hatte auch Byzanz durch Gesandte erklärt, daß es bereit sei, von Athen abzufallen. Diese vierzig peloponnesischen Schiffe steuerten nun, um auf ihrer Fahrt von den Athenern nicht bemerkt zu werden, auf die hohe See hinaus und wurden hier vom Sturm überfallen, der die meisten derselben mit Klearchos nach der Insel Delos trieb, von wo sie später wieder nach Milet zurückkehrten — Klearchos reiste dann zu Lande- nach dem Hellespont und übernahm daselbst den Oberbefehl — während die zehn übrigen unter Helixos, dem Feldherrn der Megarenser, glücklich nach dem Hellespont kamen und den Abfall von Byzanz bewirkten. Als die Athener auf Samos hievon Kenntniß erhielten, schickten sie eine Anzahl Schiffe zur Abwehr und Beobachtung nach dem Hellespont, und es-fand auch 4ll v. Chr. vor Byzanz ein unbedeutendes Seetreffen Statt, acht Schiffe gegen acht.
 
Die Vorsteher auf Samos aber und vor Allen Thrasybulos hielten seit dem bewirkten Umschwung der Dinge immer-noch dafür, daß man den Alkibiades zurückrufen solle, und zuletzt gewann denn auch ThrasybuloS in einer Versammlung die große Masse der Soldaten durch seine Ueberredung, und als diese den Beschluß gefaßt hatten, Alkibiades könne sicher zurückkehren, so fuhr er selbst zu Tissaphernes und brachte den Alkibiades nach Samos herüber; denn er hielt eS für den einzigen Weg zur Rettung, wenn dieser den TissapherneS von den Peloponnesiern auf ihre Seite herüberziehe.. Als nun eine Versammlung abgehalten wurde, machte ihnen Alkibiades Vorwürfe wegen seiner Verbannung und bejammerte dieß Unglück, sprach viel über die politischen Verhältnisse, erregte bei ihnen nicht geringe Hoffnungen für die Zukunft und stellte prahlerisch übertrieben seinen Einfluß auf den Tissaphernes dar. damit die oligarchischen Machthaber zu Hause sich vor ihm fürchten nnd die Ve " vörungen auslösen möchten, und die auf Samos ihn mehr in Ehren hielten und auch für sich selbst mehr Muth faßten, die Peloponnefier aber mit dem Tissaphernes möglichst verfeindet und so um ihre Hoffnungen betrogen würden. Mit der größten Prahlerei gab nun Alkibiades die Versicherung, Tissaphernes habe sich gegen ihn verpflichtet: so lange er nur selbst noch etwas besitze, und wenn er nur erst Vertrauen zu den Athenern fassen könne, sollte es ihnen ganz gewiß an Nichts fehlen, und wenn er zuletzt sein Bettzeug versilbern müsse; und die Schiffe der Phöniker, die schon vor Aspendos stünden, werde er den Athenern und nicht den Peloponnesiern zuführen. Vertrauen dürfe er aber den Athenern erst dann, wenn Alkibiades zurückgerufen würde und ihm Bürgschaft leisten könne.
 
Jene, nachdem sie dieß und vieles Andere angehört hatten, wählten ihn sogleich zum Feldherrn zu den schon vorhandenen und übertrugen ihm die oberste Leitung des Ganzen. In diesem Augenblick würde wohl Keiner von ihnen seine Hoffnung auf Rettung und Rache an den Vierhundert um irgend etwas in der Welt verkauft haben, und sie gingen für den Augenblick schon so weit, die nahen Feinde in Folge jener Reden zu verachten, und wollten gegen den PiräeuS. schiffen. Alkibiades aber setzte sich mit aller Kraft dawider, 411 v.. Chr. daß man an einen Angriff auf den Piräeus denke und die näheren Feinde sich im Rücken lasse, obgleich Viele darauf drangen. Zuerst, sagte er, lägen ihm die Erfordernisse des Krieges ob, da man ihn einmal zum Feldherrn erwählt habe, und deßhalb müsse er zu TissapherneS fahren, um mit diesem hierüber zu unterhandeln. Auch reiste er unmittelbar nach dieser Versammlung ab, damit es den Anschein gewinne, als ob er Alles in Gemeinschaft mit jenem betreibe, und zugleich auch, um demselben mehr Achtung vor seiner Persönlichkeit einzuflößen und ihm zu zeigen, daß er bereits zum Feldherrn gewählt sei und die Mittel besitze, ihm zu nützen und zu schaden. So hatte es also Alkibiades einzurichten gewußt, daß er die Athener mit dem Tissaphernes, und den Tissaphernes mit den Athenern schrecken konnte.
 
Als nun aber die Peloponnesier bei Milet die Zurückberufung des Alkibiades erfuhren, so mußten sie jetzt, wenn sie dem TissapherneS schon früher.mißtraut hatten, mit demselben jetzt noch viel mehr zerfallen. Dazu war noch gekommen, daß seit dem Erscheinen der Athener vor Milet, damals, als sie selbst nicht gegen sie auSlaufen wollten, um die Seeschlacht anzunehmen, Tissaphernes im Auszahlen des SoldeS sich noch viel unzuverlässiger zeigte und ihnen demnach schon vor diesem Ereigniß mit Alkibiades noch mehr Grund zum Haß gegeben hatte. Die Soldaten traten, wie auch früher schon, unter sich zusammen, und sonst Einige der angesehenen Personen, und beschwerten sich, daß man ihnen niemals den Sold voll ausgezahlt habe, daß das, was sie an Geld erhielten, unzureichend sei und trotzdem nicht einmal ohne Unterbrechung bezahlt werde. Wenn man nicht entweder eine Seeschlacht liefere oder anderswohin gehe, von wo man sich verproviantiren könne, so würde die Mannschaft von ihren Schiffen davonlaufen; und an dem Allem sei Astvochos Schuld, der aus persönlichem Eigennutz um die Gunst des TissapherneS buhle.
 
Während nun dergleichen Reden durch das Heer gingen, ereignete sich auch mit AstyochoS noch folgender Lärm. Die Syrakusanische und Thurische Schiffsmannschaft bestand zum allergrößten Theil aus lauter freien Männern, und um so kecker gingen sie ihm zu Leibe und verlangten ihren Sold von ihm. Er aber geberdete sich 4ll v. Chr. in seiner Antwort herrisch, stieß Drohungen gegen sie auS, und gegen den DorieuS, der seinen Leuten das Wort redete, hob er sogar den Stock, auf. Als aber der große Haufe der Soldaten dieß sah, so drangen sie, wie schon Seeleute eS zu machen pflegen, mit Geschrei auf den AstyochoS ein und schlugen nach ihm; er aber war auf der Hut. und flüchtete sich zu einem Altar. Verwundet wurde er jedoch nicht, sondern beide Theile wurden auseinander gebracht.
 
Auch nahmen die Milesier die Zwingburg weg, welche TissapherneS in ihrer Stadt erbaut hatte, indem sie dieselbe unversehens überfielen. Die Besatzung derselben trieben sie auS. Den übrigen Bundesgenossen gefiel dieß, und vor Allen auch den Syrakusanern; LichaS aber wollte eS nicht gutheißen, sondern erklärte, die Milesier und die Andern in des Königs Land müßten in Allem, was billig sei, dem Tissaphernes dienen und ihm bis zu glücklicher Beendigung des Krieges behülslich sein. Die Milesier aber wurden sowohl deßwegen, als auch auS andern ähnlichen Ursachen gegen ihn erbittert, und als er später an einer Krankheit starb, ließen sie nicht zu, daß er da begraben wurde, wo die anwesenden Lakedämonier eS haben wollten..
 
Während nun ihre Angelegenheiten wegen des Zerwürfnisses mit dem Astyochos wie mit dem Tissaphernes also standen, kam von Lakedämon Mindaros als Nachfolger des Astyochos im Flottenkommando an und übernahm den Oberbefehl; AstyochoS aber schiffte sich.nach Hause ein. Mit ihm schickte Tissaphernes einen der Seinigen, den Karer GauliteS, der beide Sprachen redete, als Gesandten ab. Dieser sollte nämlich die Milesier deS Kastells wegen verklagen und zugleich ihn selbst vertheidigen, denn er wußte, daß auch die Milesier, um ihn zu verklagen, eine Gesandtschaft dorthin schickten, und mit dieser besonders den HermokrateS, welcher den wahren Sachverhalt darstellen sollte, wie nämlich Tissaphernes im Bunde mit AlkibiadeS die Macht der Peloponnesier zn Grunde richte und auf beiden Achseln trage. Diesem Manne war nämlich Tissaphernes von vorn herein Feind geworden wegen der Art und Weise der Soldzahlung, und als schließlich HermokrateS auch aus Syrakus verbannt wurde, und andere Feldherrn für die Syrakusischen Schiffe nach Milet kamen, PotamiS nämlich und Myskon und DemavchoS, so verfolgte Tissaphernes den HermokrateS als Verbannten erst recht, und brachte allerlei Beschuldigungen gegen ihn auf, und unter andern auch, der- 41l v. Chr. selbe habe einmal Geld von ihm verlangt, und weil er eS nicht bekommen, so habe er einen Haß auf ihn geworfen. Astyochos also und die Milesier mit HermokrateS gingen nach Lakedämon ab, AlkibiadeS aber war unterdessen vom Tissaphernes wieder nach Samos zurückgekommen.
 
Während der Anwesenheit des Alkibiades kamen auch von Delos her die Abgesandten der Vierhundert, welche sie damals abgeschickt hatten, um die in Samos zu beruhigen und eines Bessern zu belehren, und versuchten in einer Versammlung, sich Gehör zu verschaffen. Die Soldaten aber wollten sie Anfangs nicht anhören, sondern schrieen, man solle die todten, welche die Volksregierung gestürzt hätten, und nur mit Mühe gaben sie sich endlich zur Ruhe und hörten sie an. Diese berichteten nun, daß der Verfassun'gSwechsel keineswegs zum Verderben des Staates, sondern zu dessen Rettung vorgenommen worden sei, und nicht um den Staat an die Feinde zu verrathen, — denn das hätten sie ja bereits thun können, da jener feindliche Angriff schon während ihrer neuen Regierung stattgefunden habe — und in die Zahl der Fünftausend würden der Reihe nach Alle aufgenommen werden; auch würden ihre eigenen Angehörigen keineswegs mißhandelt, wie ChaireaS böswillig berichtet hätte, vielmehr nicht im Geringsten belästigt, sondern Jeder wohne ruhig in seinem Besitzthum an Ort und Stelle. Dieß und noch vieles Andere brachten sie vor, aber man wollte trotz Allem nicht darauf hören; es zeigte sich die alte Erbitterung, und während der Eine dieß, der Andere jenes vorschlug, waren die Meisten darin Eins,-daß man gegen den Piräeus segeln solle. Hier nun erschien Alkibiades als der, welcher zuerst und nicht weniger als irgend ein Anderer als Ret-« ter des Staates auftrat; denn während die Athener auf Samos die Absicht hatten, zum Kampf gegen ihr eigenes Vaterland''auszuführen, in welchem Falle die Feinde ohne allen Zweifel sofort Jonien und den HelleSpont in Besitz genommen hätten, war er derjenige, welcher dieß verhinderte. Und in jenem Augenblicke wäre wohl auch kein Anderer fähig gewesen, die Masse zurückzuhalten; er aber hielt sie von der Abfahrt zurück und schreckte auch die Einzelnen, die sich in ihrem Zorn an den Gesandten vergreifen wollten, durch Scheltworte 411 v. Chr. davon ab. Er selbst entließ die Gesandten mit der Antwort, daß er Nichts dagegen habe, wenn die Fünftausend die Regierung führten, aber die Vierhundert müßten sie beseitigen und den alten Rath wieder einsetzen, den der Fünfhundert nämlich. Wenn übrigens durch sie Ersparungen erzielt worden wären, so daß die Soldaten im Feld ihre Verpflegung um so leichter erhielten, so lobe er das sehr. Uebrigens sollten sie tapfer Stand halten und den Feinden in Nichts nachgeben. Denn wenn die Stadt sich nur aufrecht erhalte, so sei schon große Hoffnung vorhanden, daß mit ihnen selbst eine Aussöhnung stattfinden werde; wenn aber einer von beiden Theilen unterliege, sei es nun der auf Samos oder jene zu HauS, so sei nicht einmal Einer mehr da, mit dem man sich aussöhnen könne.
 
ES erschienen aber auch Gesandte der Argiver, welche der Volkspartei der Athener auf Samos ihrerseits Hülfe ankündigten. Alkibiades lobte sie deßhalb, sagte ihnen, sie sollten erscheinen, wenn man sie rufe, und entließ sie damit. Die Argiver waren aber mit den Paraliern gekommern, welche damals von den Vierhundert aus ein Soldatenlastschiff versetzt und beauftragt worden waren, um Euböa zu kreuzen, und als sie dann die Abgesandten der Vierhundert nach Lakedämon, den LaiSpodias und Aristophon und Melesias, zu führen hatten, und eben auf Argos lossteuerten, ergriffen sie diese Gesandten und lieferten sie den Argivern aus als solche, die am Umsturz der Volksregierung vorzüglich mitschuldig seien; sie selbst aber kehrten nicht mehr nach Athen zurück, sondern kamen jetzt mit ihrem Dreiruderer nach Samos und brachten die Gesandten von Argos mit.
 
Um eben dieselbe Zeit in jenem Sommer, als die Peloponnesier sowohl aus den andern Gründen, als auch wegen der Rückkehr des Alkibiades aus den Tissaphernes sehr erzürnt waren, da er es bereits ganz offen mit den Athenern halte, so wollte dieser, wie eS wenigstens scheint, diese Anklagen zum Schweigen bringen und schickte sich an, zu den Phönikischen Schiffen nach Aspcndos zu gehen. Den Lichas erbat er sich als Begleiter. Dem Heere, sagte er, wolle er den TamoS beigeben, seinen Unterstatthalter, der ihnen während seiner eigenen Abwesenheit die Verpflegung liefern solle. ES wird nun über diese Sache nicht übereinstimmend berichtet, und man kann auch nicht leicht wissen, welche Absicht er dabei hatte, daß 411 v. Chr. er nach Aspendos ging und die Schiffe doch nicht mitbrachte. Denn daß hundert und siebenundvierzig Phönikische Schiffe wirklich bis nach Aspendos gekommen sind, daS ist gewiß; weßhalb sie aber nicht weiter gingen, darüber bestehen verschiedene Vermuthungen. Die Einen nämlich sagen, er habe durch seine Abwesenheit, wie denn dieß auch in seinem Plane lag, die Peloponnesier noch mehr schwächen wollen — und Tamos, dem die Sache aufgetragen war, lieferte dem Heere die Verpflegung allerdings um Nichts besser, sondern noch nachlässiger; — Andere sagen, er habe die Phöniker bis nach Aspendos kommen lassen, um für ihre Entlassung von ihnen Geld zu erpressen — denn benützt würde er sie in keinem Falle haben; — Andere wieder, er habe eS nur der Anklagen wegen gethan, die über sein Benehmen nach Lakedämon gedrungen seien, damit man sagen müsse, daß er doch seine Sache thue und sich wirklich zu der in der That kriegsbereiten Flotte begebe. Mir dünkt es am allerwahrscheinlichsten, daß er, um die Hellenen aufzureiben und hinzuhalten, eS unterlassen hat, jene Flotte herbeizuführen; denn geschwächt wurden sie, während er dort abwesend war und zögerte, und dadurch, daß er keinen von beiden Theilen durch seinen Beitritt zum überlegenen machte, erreichte er, daß zwischen beiden ein Gleichgewicht der Macht erhalten blieb; hätte er nämlich den Krieg zur Entscheidung führen wollen. so konnte gar kein Zweifel sein; denn wenn er die Schiffe den Lakedämoniern zuführte, so gab er ihnen damit unzweifelhaft den Sieg, da dieselben sogar unter den gegenwärtigen Umständen ihren Gegnern an SchiffSmacht eher gleichstanden, als nachstanden. Deutlich überführt ihn auch der Vorwand, mit welchem er das Nicht- mitbringen der Flotte zu entschuldigen suchte. Er sagte nämlich, die Schiffe seien in geringerer Zahl zusammengekommen, als der König eS befohlen hätte. In diesem Falle aber hätte er beim König eher noch Gunst erlangt, da er ihm Geld erspart und mit geringen Mitteln doch Dasselbe ausgerichtet hätte. Nach Aspendos indessen kam Tissaphernes wirklich, in welcher Absicht es auch immer geschah, und traf daselbst die Phöniker, und die Peloponnesier schickten auf seine Aufforderung den Philippos, einen Lakedämonier, jener Schiffe wegen mit zwei Dreiruderern mit.
 
411 v. Chr. Alkibiades aber, als er erfuhr, daß Tissaphernes nach AspendoS gehe, nahm dreizehn Schiffe und fuhr ebenfalls dahin, indem er denen auf Samos ganz sichere und große Vortheile verhieß — denn entweder werde er selbst die Phönikischen Schiffe den Athenern zuführen, oder doch verhindern, daß - sie zu den Peloponnesiern stießen — höchst wahrscheinlich wohl, weil er die Absicht des TissapherneS schon seit länger kannte, daß er die Schiffe nämlich in keinem Falle mitbringen werde, und weil er den Tissaphernes seiner Freundschaft zu ihm und den Athenern wegen mit den Peloponnesiern möglichst verfeinden wollte, damit er dadurch um so mehr genöthigt werde, sich ihnen anzuschließen. Er ging also in See und richtete seinen Lauf ostwärts gegen Phaselis und Kaunos.
 
Als nun die von Samos zurückkehrenden Abgesandten der Vierhundert den Bescheid des Alkibiades zu Athen meldeten, daß er sie ausfordere, den Krieg beharrlich fortzuführen und den Feinden in Nichts nachzugehen, und daß er große Hoffnung habe, das Heer mit ihnen auszusöhnen und die Peloponnesier zu besiegen, so wurde die Mehrzahl der an der Oligarchie Betheiligten, die schon seit einiger Zeit sehr gern auf irgend eine Weise der Sache los und ledig geworden wären, wenn es nur mit ihrer Sicherheit anginge, in dieser ihrer Absicht noch viel mehr bestärkt. Schon hielten sie Zusammenkünfte und beklagten und tadelten die Verhältnisse, und an der Spitze standen dabei die Angesehensten unter den Feldherrn und höheren Beamten, wie TherameneS, Sohn des Hagnon, und AristokrateS, des SkelliaS Sohn, und Andere, welche mit an der Spitze der Geschäfte standen, jetzt aber, wie sie sagten, das Heer auf Samos fürchteten und den Alkibiades, und diejenigen unter den Oligarchen, welche Gesandte nach Lakedämon schickten: daß dieselben nämlich ohne Zuziehung der Mehrzahl etwas zum Unheil der Stadt unternehmen möchten, und zwar nicht in dem Sinne, daß die allzuschars ausgesprochene Oligarchie aufgegeben werden solle. Aber man müsse jetzt die Fünftausend nicht nur dem Namen nach, sondern auch in der That einführen und die Regierungsgewalten mehr nach dem Recht der Gleichheit Aller vertheilen. Dieß war aber nur ein Deckmantel, den sie in > ihren Reden.brauchten, um die Bürger zu gewinnen; in der That aber gab sich die Mehrzahl unter ihnen aus persönlichem Ehrgeiz solchen Bestrebungen hin, durch welche fast jede Oligarchie, die aus 411 v. Chr. der Demokratie hervorgegangen ist, sich selbst zu Grunde richtet. Denn vom ersten Tag an will Keiner nicht nur nicht mehr den Andern gleich, sondern sogar vor allen Andern der Erste sein 5 bei Mahlen aber-, die nach.demokratischen Gesetzen stattfinden, erträgt Einer leichter das Ergebniß, da er ja von seines Gleichen nicht zurückgesetzt. werden kann. Am meisten beunruhigte sie aber offenbar die gesicherte Macht des Alkibiades auf Samos, und daß sie selbst keinen Glauben an den Bestand der Oligarchie hatten, und deßhalb eben suchte Jeder dem Andern den Rang abzulaufen, um nur ja der erste Vorsteher einer demokratischen Regierung zu werden.- " '
 
Hingegen hatten diejenigen unter den Vierhundert', welche einer solchen Gestaltung der Verhältnisse am meisten feindselig waren und jetzt die oberste Leitung in Händen hatten, — PhrynichoS nämlich, welcher damals als Feldherr aus Samos sich mit dem Alkibiades zerworfen hatte, und AristarchoS, einer der entschiedensten und erbittertsten Gegner der Demokratie, und Peisandros und Antiphon und Andere der Vornehmsten, —, schon früher unmittelbar nach ihrem Regierungsantritt und als die auf Samos zur Demokratie übertraten, Abgesandte nach Lakedämon geschickt und eifrig eine Aussöhnung erstrebt und auch , das Kastell in der sogenannten Eetioneiä gebaut,'—und jetzt, da ihre Gesandten von Samos zurückgekehrt waren und sie auch den größten Theil ihrer für treu ergeben gehaltenen Anhänger, umschlagen, sahen, betrieben sie daS Alles noch.viel entschlossener. Den.Antiphon und PhrynichoS mit noch zehn Andern schickten sie in ihrer Furcht vor den Zuständen in Athen.und auf Samos in aller Eile nach Sparta/und trugen ihnen auf, unter jeder nur irgendwie annehmbaren Bedingung mit den Lakedämoniern einen Vergleich abzuschließen, und betrieben unterdeß den Bau in der Eetiöneia noch viel eifriger. Ihre Absicht bei diesem Festungsbau war, wie Theramenes und seine Partei sagten, keineswegs die, im Stande zu sein, die von Samos, wenn sie einen gewaltsamen Angriff versuchen sollten, am Einlaufen in den Piräeus verhindern zu können, sondern vielmehr die Feinde, wenn eS ihnen beliebte, mit Land- und Seemacht aufzunehmen. Die Eetioneia ist nämlich der Hafendamm des Piräeus, und unmittelbar bei demselben ist die Einfahrt. Der 4ll v. Chr. Bau auf diesem Damm wurde nun mit der schon vorher auf dem Festlande gezogenen Mauer in der Art verbunden, daß man mit einer Besatzung von einer Handvoll Leuten die Einfahrt beherrschte. Denn bei dem einen der beiden Thürme an der engen Hafeneinfahrt endigte sich die alte Mauer nach dem Festland und zugleich auch die neue, innerhalb am Meer aufgebaute. Sie bauten daselbst auch ein gischlossenes Lagerhaus von sehr großem Umfang und unmittelbar bei dieser Befestigung im Piräeus, dessen Verwaltung sie selbst vorstanden. Sie nöthigten nämlich Jeden, alles vorhandene oder zugeführte Getreide in dasselbe zu bringen und eS beim Verkauf wieder aus demselben zu entnehmen.
 
Daß sie solche Absichten verfolgten, hatte Theramenes schon seit längerer Zeit zu verbreiten gewußt, und als nun die Gesandten aus Lakedämon zurückkehrten, ohne etwas ausgerichtet zu haben, was für Alle annehmbar gewesen wäre, so behauptete er, diese Befestigung könne sogar den Untergang der Stadt herbeiführen. Um eben dieselbe Zeit nämlich lagen zweiundvierzig Schiffe, welche sich die Euböer vom PeloponneS erbeten hatten, und unter denen auch Italische aus Tarent und Lokri und einige Sicilianische waren, bereits bei Las in Lakonien vor Anker und rüsteten sich zur Fahrt nach Euböa. ES befehligte dieselben der Spartiate AgesandridraS, deS Agesandros Sohn. Theramenes behauptete nun, diese Schiffe sollten nicht sowohl denen auf Euböa, als vielmehr denen, welche die Eetioneia befestigten, zu Hülfe kommen, und eS sei die höchste Zeit, daß man sich vorsehe, sonst werde man sich plötzlich vom Verderben überrascht sehen. Und in der That war auch von Seiten derer, welche diese Beschuldigung traf, etwas der Art im Werk, und die Anklage war nicht blos leeres Gerede. Denn freilich hätten sie von vorn herein am liebsten als Oligarchen auch über die Bundesgenossen geherrscht, und wenn schon das nicht, doch wenigstens im Besitz der Flotte und der Festungen nach eigenem Belieben regiert; war aber auch das nicht mehr möglich, so hätten sie, um nur nicht vor Andern die ersten Opfer der wiederhergestellten Demokratie zu werden, selbst auch die Feinde herbeigeführt und auch mit Preisgebung der Festungen und Flotte sich mit ihnen verglichen, um nur — auf welche Weise eS auch immer sei — die Stadt in ihrer Macht zu behalten, wenn sie nur für ihre 411 v.. Chr. eigene Person sicher blieben.
 
Aus diesen Gründen also bauten sie so eifrig an dieser Befestigung, welche auch kleine Pforten und Einlaßgänge für die Feinde hatte, und gedachten mit derselben noch rechtzeitig fertig zu werden. Anfangs nun ging jenes Gerede nur zwischen Wenigen hin und her und mehr im Geheimen; als aber Phrynichos, von der Gesandtschaft nach Sparta zurückgekehrt, von einem Manne aus der Landwehr bei vollem Markte und nicht weit vom Rathhause, aus dem er eben wegging, nach einem verabredeten Plane verwundet wurde und augenblicklich den Geist aufgab, entkam zwar der Mörder selbst, aber sein Mithelfer, ein Argiver, wurde ergriffen und auf Befehl der Vierhundert auf die Folter gelegt. Er gab jedoch weder den Namen eines Anstifters, noch sonst etwas an, sondern behauptete nur zu wissen, daß in der Wohnung des Anführers der Landwehr und in andern Häusern viele Leute Versammlungen zu halten pflegten.
 
Als nun auf diese Begebenheit die Vierhundert nichts Entscheidendes vornahmen, so gingen Theramenes und Aristokrates und wer sonst von den Vierhundert oder von den Andern zu ihrer Partei gehörte, bereits entschiedener an die That. Gleichzeitig waren nämlich auch die Schiffe von Las herumgesegelt, hatten sich bei EpidauroS vor Anker gelegt und bis vor Aegina gekreuzt, und Theramenes sagte: wenn diese Schiffe nach Euböa segeln sollten, so habe eS doch keinen Sinn, daß sie bis in die Bucht von Aegina hereinkämen und dann wieder bei Epidauros vor Anker gingen, wenn sie nicht vielmehr eben in der Absicht herbeigerufen seien, deren er jene immer beschuldige. Da dürfe man jetzt nicht mehr ruhig zusehen. Endlich, nachdem viele aufreizende und verdächtigende Reden gefallen, ging man an's Werk. Die Schwerbewaffneten im Piräeus, welche an dem Bau auf der Eetioneia arbeiteten, und unter denen auch Aristokrates als Hauptmann und Anführer seiner Stammabtheilung sich befand, ergriffen nämlich den AlexikleS, einen Feldherrn aus den Oligarchen, der seinen Genossen sehr ergeben war, brachten ihn in ein HauS und hielten ihn hier eingesperrt. Dabei half ihnen unter Andern auch 55) Peripolo». vergl. IV, K7 und Anm- 34. ThukydideS. VIN. 21 411 v. Chr. Hermon, Anführer der nach Munychia kommandirten Landwehr; und was das wichtigste ist, der große Haufe der Schwerbewaffneten war damit einverstanden. ' , "
 
Als dieß den Vierhundert gemeldet wurde — sie hatten eben zufällig Sitzung im Rathhaus — so waren sie mit Ausnahme derer, welche mit dem Stand der Dinge unzufrieden waren, augenblicklich bereit, zu den Waffen zu greifen, und stießen Drohungen aus gegen den Theramenes und seine Genossen. Der aber wies die Beschuldigungen von sich und erklärte: wie er dastehe, sei er ganz bereit, mit ihnen zu gehen und den Alexikles befreien zu helfen. Er nahm auch einen der Feldherren mit, der mit ihm einverstanden war,-und ging nach dem Piräeus. Auch Aristarchos und junge Leute von den Rittern eilten dahin. Es entstand nun ein großer und panischer Schrecken; denn die in der Stadt glaubten, der Piräeus sei schön besetzt und der Gefangene ermordet, und die im Piräeus meinten, daß man aus der Stadt jeden Augenblick gegen sie anrücken werde. Die älteren Leute indeß suchten die in der Stadt Umherläufenden und zu den Waffen Eilenden zurückzuhalten, und auch der Pharsalier Thukydides Staatsgastsreund der Athener, der grade anwesend war, rief voller Eifer den Einzelnen, wie sie ihm grade in den Weg kamen, zu, sie möchten doch nicht, während die Feinde in der Nähe lauerten, ihre Vaterstadt selbst in's Verderben stürzen;- und so beruhigten sie sich und ließen von einander ab. '
 
. Theramenes nun kam in den.PiräeuS — er war nämlich auch Feldherr — und schrie die Schwerbewaffneten laut an und thah als ob er ihnen zürnte; Aristarchos aber und die Gegner (des Volks) waren wirklich voll Zorn und Wuth. Doch der größte Theil der Schwerbewaffneten trat zusammen wie zum Kampf und zeigte'keineswegs Reue; und den Theramenes fragten sie, ob er denn glaube, daß die Befestigung in guter Absicht erbaut worden sei, und ob es nicht besser sei, sie niederzureißen. Da erklärte dieser: nun, wenn es ihnen gut dünke, sie einzureißen, so sei er auch der Meinung. Und nun erstiegen allsogleich die Schwerbewaffneten und viele von den Leuten im Piräeus die Mauern und rissen sie nieder. Dem Volks- Hausen rief man zu: wer wolle, daß die Fünftausend herrschten, anstatt ter Vierhundert, der solle-nur mit Hand anlegen. Demnach versteckte man sich hinter den Namen der Fünftausend, und wer die 411 V, Chr. Volksherrschaft wünschte, wagte es nicht geradezu herauszusagen, ans Furcht, die Fünftausend könnten wirklich schon erwählt sein, und man könne sich in Unkenntniß dessen leicht durch ein Wort verrathen Die Vierhundert hatten aber grade eben deßwegen weder gewollt, daß die Fünftausend erwählt würden, noch auch, daß es bekannt werde, sie seien noch nicht gewählt, da sie die Einsetzung so vieler Mitbeteiligten gradezu als eine Volksregierung betrachteten, und auf der andern Seite die Gewißheit von ihrem NichtVorhandensein unter den Bürgern Furcht erregen mußte.
 
Am folgenden Tage kamen die Vierhundert trotz ihrer Bestürzung gleichwohl im Rathhause zusammen, die Schwerbewaffneten im Piräeus aber ließen den Alexikles, den sie eingesperrt hatten, frei und zogen, nachdem sie die Befestigungen abgetragen hatten, nach dem Dionysos-Theater im Piräeus gegen Munychia hin und hielten hier, Gewehr bei Fuß, eine Berathung, in der beschlossen wurde, in die Stadt zu marschireu, was sie auch sofort thaten und im Anakeion 56) sich bewaffnet aufstellten. Hier kamen nun Einige aus den Vierhundert, die man dazu gewählt hatte, zu ihnen, gingen die Einzelnen an und beredeten diejenigen, die sie zugänglicher sahen, sich für ihre eigene Person ruhig zu verhalten und so auch die Uebrigen zu beschwichtigen. Sie sagten dabei: man werde die Fünftausend bezeichnen und aus diesen der Reihe nach, wie die Fünftausend selber beschließen würden, die Vierhundert auswählen: indeß solle man ja nicht den Staat in's Verderben stürzen und den Feinden in die Hände liefern. Auf dieß viele Zureden von vielen Seiten zeigte sich denn auch der ganze Haufe der Schwerbewaffneten milder als Anfangs, und es trat bei ihnen jetzt mehr die Beforgniß für die Erhaltung des ganzen Gemeinwesens in den Vordergrund, und so gaben sie denn nach, unter der Bedingung, daß zur Herstellung des gänzlichen Einvernehmens an einem bestimmten Tag eine VolkSverfamm-. lung im Dionysion gehalten werde.
 
Als nun der Tag für diese Versammlung gekommen, und im Heiligthum des Dionysos fast Alles schon beisammen war, 58) Tempel der Die-taten. 21 411 v. Chr. kam Plötzlich die Nachricht, daß Agesandndas mit den zweiundvierzig Schiffen von Megara her an Salamis vorübersegele, und nun glaubte Jeder von der Volkspartei, daß jetzt eben das eintreffe, was von Theramenes und seinen Genossen schon längst vorausgesagt worden war, daß nämlich die Schiffe zu der Befestigung heransegelten, und es erschien nun als sehr heilsam, daß man dieselbe niedergerissen habe. Vielleicht kreuzte nun auch Agesandndas wirklich in Folge einer Verabredung um Epidauros und in den dortigen Gewässern; es ist aber auch möglich, daß er sich wegen der augenblicklichen inneren Unruhen unter den Athenern dort aufhielt, in der Absicht, im günstigen Falle bei der Hand zu sein. Die Athener aber, sobald diese Botschaft ankam, rückten sogleich mit gesammter Macht im Laufschritt nach dem Piräeus, in der Meinung, daß eben jetzt ihr innerer Krieg stärker hervortrete, als der von den Feinden drohende, und daß er nicht in der Ferne seinen Sitz habe, sondern in-ihrem Hafen selbst. Die Einen stiegen auf die schon bereit liegenden Schiffe, Andere zogen die übrigen in's Wasser, und wieder Andere eilten zur Abwehr aus die Mauern und an die Mündung des Hafens.
 
Die Schiffe der Peloponnesier fuhren aber vorüber, umsegelten Sunion und gingen zwischen Thorikos und Prasia vor Anker; später gingen sie bis Oropos. Die Athener waren genöthigt, sich in der Eile auch ungeübter Schiffsmannschaft zu bedienen, da die Stadt in innerem Zwiespalt lag, und sie so rasch als möglich einer solchen Lebensfrage wegen sich zur Abwehr stellen wollten — denn bei der Absperrung Attika's war Euböa jetzt ihr Alles — und so schickten sie den ThymochareS als Anführer mit Schiffen nach Eretria, welche, mit dem schon früher bei Euböa stationirten Geschwader vereinigt, sechsunddreißig Segel ausmachten. Dieselben wurden auch sofort zu einem Seegefecht gezwungen. AgefandridaS nämlich ließ seine Leute das Frühmahl nehmen und kam dann von OropoS her angesegelt, welches von der Stadt der Eretrier ungefähr sechzig Seestadien entfernt liegt. Als er nun heransteuerte, befahlen auch die Athener sogleich ihre Schiffe zu bemannen, im Glau­ n) Ein Stt-Stadion — 2/,g des gewöhnlichen, also 450 grltch. Fuß, 44 Ruthen rhtinl. ben, daß ihre Mannschaft sich in der Nähe der Fahrzeuge aufhalte. 411 v. Chr. Diese hatten aber, als sie nach Lebensmitteln ausgingen, auf dem Markte Nichts zu ihrer Mahlzeit gefunden — die Eretrier hatten es nämlich so veranstaltet, daß hier Nichts zum Kauf geboten wurde — sondern nur in den entlegensten Häusern der Stadt, damit die Athener ihre Schiffe nur langsam bemannen könnten, während die Feinde sie bereits anfielen und nöthigten, zum Kampfe anszulaufen, wie sie gerade waren. Den Feinden war auch von Eretria aus ein Zeichen nach OropoS gegeben worden, wann sie auslaufen sollten. So schlecht gerüstet also fuhren die Athener aus und nahmen den Seekampf vor dem Hafen der Eretrier an. Gleichwohl hielten sie eine ziemliche Zeit Stand, dann aber wurden sie zur Flucht gezwungen und gegen das Land hin verfolgt. Und die von ihnen, welche sich nach Eretria, als in eine befreundete Stadt, flüchteten, zogen sich das schmählichste Schicksal zu, denn sie wurden von den Eretriern ermordet. Die sich aber in das Kastell der Stadt warfen, welches die Athener besetzt hielten, retteten sich, und so auch diejenigen Schiffe, welche nach Chalkis entkamen. Die Peloponnesier hatten aber zweiundzwanzig Schiffe der Athener genommen und die Mannschaft theils getödtet, theils gefangen genommen und stellten dann ein Siegeszeichen auf. Und nicht lange danach hatten sie den Abfall von ganz Euböa, nur Oreos ausgenommen, bewirkt — diese Stadt nämlich hielten die Athener noch besetzt — und auch alles Umliegende unter sich gebracht.
 
Der Athener aber, als die Nachricht von diesen Ereignissen bei Euböa in die Stadt kam, bemächtigte sich die allergrößte Bestürzung, so wie sie früher nie dagewesen. Denn weder das Unglück auf Sicilien, obgleich es damals hoch genug angeschlagen wurde, noch sonst irgend ein anderer Unfall hatte sie so in Furcht und Schrecken gesetzt. Das Heer auf Samos war von ihnen abgefallen, andere Schiffe waren nicht mehr da, noch auch Leute zur Bemannung; sie selbst waren unter sich zwiespältig, und keinen Augenblick war man sicher, ob es nicht unter ihnen selbst zum Losschlagen käme; und nun war noch ein solches Unglück dazugekommen, durch welches sie ihre Schiffe und, was das Wichtigste war, Euböa verloren, woher sie mehr Nutzen gehabt hatten, als aus Attika; — wie hatten sie da 411 v. Chr. also nicht den Muth verlieren sollen? Am allermeisten beunruhigte sie aber die in nächster Nahe drohende Gefahr, wenn die siegreichen Feinde es wagen würden, sogleich gegen den Piräeus loszusegeln, der von Schiffen ganz entblößt war, und jeden Augenblick glaubte man, sie müßt«-« erscheinen. Und in der That hätten die Feinde dieß leicht durchgesetzt, wenn sie nur etwas kühner gewesen wären; und entweder hätten sie, wenn sie die Stadt blokirten, das Zerwürsniß in derselben noch erweitert, oder wenn sie sich festsetzten und dieselbe belagerten, die athenischen Schiffe von Jonien, trotz deren Feindschaft gegen die Oliga-rchie, herbeizukommen gezwungen, um den eigenen Angehörigen und dem Gesammtstaat Hülfe zu leisten; und in diesem Falle wäre der Hellespont und Jonien und die Inseln und alles Land bis Euböa hin, und sozusagen die ganze Herrschaft der Athener ihnen in die Hände gefallen. Aber nicht nur bei dieser Gelegenheit allein zeigten sich die Lakedämonier den Athenern als Feinde, deren Kriegführung den Vortheil auf ihrer Seite ließ, sondern auch in vielen anderen. Schon im Charakter beider Theile lag der größte Gegensatz; sie selbst waren rasch, jene langsam, — sie unternehmend, jene bedenklich; und hierin lag besonders für die Erhaltung ihrer Seeherrschaft der größte Nutzen. DaS haben besonders die Syrakusaner gezeigt, die dem Charakter nach den Athenern am nächsten standen und sie auch mit dem besten Glück zu bekämpfen wußten.

Pusula

Üyelik

Dil ve Tema

Dil Seçimi
TR EN
Tema Seçimi