Kitap 5
Im nächsten Sommer lief der einjährige Waffenstillstand ab, und es war wieder Krieg bis zu den Pythischen Spielen. Noch während des Waffenstillstandes hatten die Athener die Bewohner von Delos zur Auswanderung ge zwungen. Sie glaubten nämlich, einer alten Schuld wegen wären diese nicht rein genug für die Heilige Insel, und die Reinigung, die sie, wie oben erzählt, früher ihrer Meinung nach durch Wegschaffung der Särge der Verstorbenen richtig vorgenommen hatten, sei insofern doch nicht genügend gewesen. Den Deliern bot Pharnakes Atramyttion in Asien zum Wohnsitz an, und soweit sie dazu geneigt waren, ließen sie sich dort nieder.
Kleon, der die Athener bewogen hatte, ihn mit einem Heere nach dem thrakischen Küstenlande zu schicken, ging nach Ablauf des Waffenstillstandes mit zwölfhundert athenischen Hopliten, dreihundert Reitern und zahlreichen Bundesgenossen mit dreißig Schiffen dahin unter Segel. Nachdem er zuerst Skione, das noch belagert wurde, angelaufen und von hier eine Anzahl der vor der Stadt liegenden Hopliten mitge nommen, landete er bei Torone in dem unweit der Stadt ge legenen Hafen Kophos. Da er von Überläufern erfahren, daß Brasidas selbst nicht in Torone wäre und die Besatzung zu schwach, um den Ort zu halten, rückte er mit dem Land heere vor die Stadt und ließ zehn Schiffe nach dem Hafen herumfahren. Er gelangte zuerst bis an die neue Mauer, mit welcher Brasidas die Stadt umgeben hatte, um die Vorstadt mit einzubeziehen, wobei ein Stück der alten Mauer niedergelegt und so das Ganze zu einer Stadt gemacht worden war.
Hier stellte sich der lakedämonische Befehlshaber Pasitelidas mit der in der Stadt vorhandenen Mannschaft auf, um den Angriff der Athener abzuschlagen. Da jedoch der Angreifer Fortschritte machte und gleichzeitig die abgesandten Schiffe in den Hafen herumkamen, fürchtete er, man könnte sich von den Schiffen aus der von Streitkräften entblößten Stadt inzwischen bemächtigen, er selbst aber, wenn die Mauer genommen würde. II abgeschnitten werden, und zog deshalb spornstreichs wieder in die Stadt zurück. Unterdessen aber war Torone schon von den Athenern genommen, teils von den Schiffen aus, teils von dem Landheere, welches hinter ihm durch die Lücke der alten Stadtmauer sogleich mit eingedrungen war. Peloponnesier und Toroner wurden zum Teil gleich im Handgemenge von den Athenern niedergemacht, während die übrigen, darunter auch ihr Befehlshaber Pasitelidas, ihnen lebend in die Hände fielen. Brasidas war zum Entsatz von Torone aufgebrocken, als er jedoch unterwegs hörte, daß es bereits genommen sei, kehrte er wieder um; nur noch ungefähr vierzig Stadien, und er wäre zur rechten Zeit gekommen. Kleon und die Athener errichteten zwei Siegeszeichen, eins am Hafen, das andere an der Mauer; Weiber und Kinder in Torone verkauften sie als Sklaven, die Männer aber und die Peloponnesier und was sonst an Chalkidiern in der Stadt war, im ganzen iseben hundert, schickten sie nach Athen. Später beim Friedensschluß wurden die Peloponnesier von ihnen herausgegeben, die übrigen von den Olynthern übernommen und Mann gegen Mann aus gewechselt. Um dieselbe Zeit bemächtigten sich die Böotier Panaktons, eines festen Platzes an der athenischen Grenze, durch Verrat. Kleon ging von Torone, wo er eine Besatzung ließ, wieder in See und fuhr um den Athos, um sich gegen Amphipolis zu wenden.
Phaiax, Erasistratos' Sohn, war selbdritter als athenischer Gesandter um diese Zeit mit zwei Schiffen nach Italien und Sizilien abgegangen. In Leontinoi nämlich hatte man nach dem Frieden und dem Abzüge der Athener aus Sizilien viele neue Bürger aufgenommen, und das Volk verlangte eine neue Ackerverteilung. Als die vornehmen Bürger das merkten, riefen sie die Syrakuser zu Hilfe und vertrieben die Demo kraten, die seitdem aufs Geratewohl im Lande umherzogen. Die Vornehmen aber schlossen einen Vertrag mit den Syra kusern, infolgedessen sie ihre Stadt aufgaben und nach Syrakus übersiedelten, wo sie Bürgerrecht erhalten sollten. Später ver ließen einige von ihnen Syrakus wieder, weit es ihnen dort nicht gefiel, und bemächtigten sich in Leontinoi eines Stadtteils namens Phokaiai und des im Leontinischen belegenen Kastells Brikinniai. Hier schlossen sich die seinerzeit vertriebenen Demo traten ihnen größtenteils wieder an und machten diese festen Plätze zu Stützpunkten kriegerischer Unternehmungen. Als die Athener davon hörten, schickten sie Phaiax nach Sizilien, um zu versich en, ob man nicht die dortigen Bundesgenossen und womöglich auch die übrigen sizilischen Griechen zu einem ge meinsamen Feldzuge gegen das allzu mächtig werdende Syrakus bewegen und der Demokratie in Leontinoi wieder aufhelfen könnte. Auch gelang es Phaiax nach seiner Ankunft dort, Kamarina und Akragas für die Sache zu gewinnen. In Gela aber wollte man davon nichts wissen. Deshalb gab er es auf, noch andere Städte zu besuchen, die, wie er wohl merkte, ebensowenig dafür zu haben gewesen wären, sondern kehrte durch das Land der Sikeler nach Katana zurück, wo er, nachdem er unterwegs noch einen Abstecher nach Brikinniai gemacht und den Leuten dort Mut eingesprochen hatte, sich einschiffte und wieder abfuhr.
Auf der Fahrt nach Sizilien und jetzt wieder auf der Rück reise verhandelte er in Italien mit verschiedenen Städten über ein Bündnis mit Athen. Er traf auch die kürzlich aus Messene vertriebenen lokrischen Ansiedler, welche nach dem Abschluß deS Friedens unter den sizilischen Griechen, als eine Partei in Messene die Lokrer bei einem Aufstand zu Hilfe gerufen hatte, nach Messene geschickt worden waren, das darauf eine Zeit lang lokrifch geworden war. Mit ihnen also traf Phaiax auf ihrem Rückwege zusammen, machte ihnen aber keine Schwierig keiten, da die Lokrer sich inzwischen mit ihm über ein Bündnis mit Athen verständigt hatten. Sie waren nämlich die einzigen unter den Bundesgenossen, welche damals, als die sizilischen Griechen Frieden schlossen, sich auf keinen Vertrag mit den Athenern eingelassen hatten, und sie hätten das auch jetzt nicht getan, wenn sie nicht mit Itonern und Melaievn, ihren Nach barn und Kolonisten, im Kriege gewesen wären. Einige Zeit nachher kam Phaiax nach Athen zurück.
Kleon unternahm damals auf jener Fahrt von Torone nach Amphipolis von Eion aus einen Angriff auf Stageiros, eine Kolonie von Andros, eroberte es aber nicht. Dagegen nahm er Galepsos, die Kolonie von Thasos, mit Sturm. Er schickte Gesandte an Perdikkas und forderte ihn auf, dem Bündnis gemäß mit seinem Heere zu ihm zu stoßen, und ebenso nach Thrakien an Polles, den König der Odomanter, der ihm möglichst viele thrakische Söldner zuführen sollte. Er selbst blieb einstweilen in Eion, um sie dort zu erwarten. Auf die Nachricht hiervon lagerte sich auch Brasidas ihm gegen über bei Kerdylion, einem argilischen Orte an der anderen Seite des Flusses, nicht weit von Amphipolis, von wo man die ganze Gegend übersehen konnte, so daß Kleon nicht un bemerkt mit seinem Heere hätte aufbrechen können. In der Tat erwartete Brasidas es nicht anders, als daß er das tun und angesichts der geringen Zahl des GegnerS schon mit seinem jetzigen Heere stromaufwärts gegen Amphipolis ziehen würde. Zugleich richtete er sich auf eine Schlacht ein, indem er fünfzehn hundert thrakische Söldner und die Edonen, Peltasten und Reiter, sämtlich an sich zog. An myrkinischen und chalkidischen Peltasten hatte er außer denen in Amphipolis tausend, an schwerem Fußvolk alles in allem etwa zweitausend Mann, dazu dreihundert griechische Reiter. Davon hatte Brasidas in seinem Lager bei Kerdylion gegen fünfzehnhundert selbst bei sich, die übrigen standen unter Klearidas in Amphi polis.
Kleon rührte sich indes eine Zeitlang nicht von der Stelle, sah sich dann aber schließlich doch gezwungen, zu tun, was Brasidas erwartet hatte. Denn seine Leute murrten über das lange Stillsitzen und hielten sich darüber auf, was bei seiner ungeschickten und schwächlichen Führung einem so erfahrenen und kühnen Gegner gegenüber aus der Sache werden solle, wie sie auch nur ungern mit ihm zu Felde gezogen wären. Als er das merkte, brach er auf, um sie durch längeres Still sitzen nicht noch unzufriedener zu machen, und setzte sich in Marsch. Er rechnete dabei auf ebenso glücklichen Erfolg wie bei der Unternehmung gegen Pylos, worauf er sich so viel zu gute tat. Daß man sich ihm zur Schlacht stellen würde, dachte er gar nicht. Nur um eine Übersicht über die Gegend zu ge winnen, sagte er, begäbe er sich stromaufwärts, und wartete auf Verstärkungen. Aber für den Fall, daß er schlagen müsse, eine günstige Stellung zu wählen, hielt er nicht für nötig, meinte vielmehr, die Stadt einfach einschließen und mit Sturm nehmen zu können. Bei Amphipolis angelangt, ließ er sein Heer auf einer abschüssigen Höhe haltmachen und betrachtete sich selbst die sumpfige Niederung am Strymon und die Lage der Stadt nach Thrakien hin. Dabei glaubte er, jeden Augen blick ohne Schwertstreich wieder abziehen zu können; denn auf der Mauer ließ sich niemand sehen, und ebensowenig kam vor den Toren jemand zum Vorschein, die alle verschlossen blieben. Deshalb bedauerte er schon, kein Sturmzeug mitgebracht zu haben, sonst hätte er ja die von Truppen entblößte Stadt gleich nehmen können.
Sobald Brasidas die Athener sich in Bewegung setzen sah, brach er ebenfalls von der Höhe bei Kerdylion auf und rückte mit seinem Heere in Amphipolis ein. Aus der Stadt zu kommen und den Athenern in Reih und Glied entgegenzutreten, wagte er nicht, weil er seinen Truppen nicht traute, die er den Athenern nicht für gewahcsen hielt, nicht an Zahl, denn die war einiger maßen gleich, wohl aber an Güte; denn ihr Heer bestand aus athenischen Kerntruppen und den besten Leuten auS Lemnos und Jmbros. Dagegen dachte er ihnen durch List beizukommen. Er glaubte nämlich, wenn er den Gegnern seine Truppen nicht vorher zeigte, eher Aussicht zu haben, sie zu besiegen, als wenn er ihnen schon vorher Gelegenheit gegeben, sich mit eigenen Augen von der Zahl und der nur notdürftigen Bewaffnung seiner Leute zu überzeugen. Er wählte sich also selbst hundert funfzig Hopliten aus und übergab die übrigen Klearidas in der Absicht, die Athener, bevor sie abzögen, unversehens an zugreifen, weil er glaubte, wenn sie erst ihre Verstärkungen erhalten, würde er sie schwerlich wieder so allein zu fassen kriegen. Er rief deshalb alle seine Soldaten zusammen, um sie zu ermutigen und sie über seine Absicht aufzuklären, und redete sie also an:
„Peloponnesier! Aus was für einem Lande wir kommen, daß dies Land von jeher die Freiheit seiner Tapferkeit ver dankt, und daß ihr Dorier jetzt gegen Jonier kämpfen sollt, die ihr zu besiegen gewohnt seid, brauche ich nur eben anzu deuten. Aufklären aber will ich euch darüber, wie ich den Angriff zu machen beabsichtige, damit ihr mir nicht meint, wir wären zu schwach, weil wir nur zu wenigen und nicht gleich alle ins Gefecht gehen, und deshalb den Mut sinken laßt. Unsere Gegner, die sich vermutlich nur, weil sie uns verachten und gar nicht darauf rechnen, daß man eS im freien Felde mit ihnen aufnehmen würde, bis hierher verstiegen haben, halten keine Ordnung und haben auch jetzt nichts Besseres zu tun, als sich die Gegend zu besehen. Wenn man auf solche Fehler des Gegners gut acht gibt und dann auch seinen An griff mit Rücksicht auf die eignen Kräfte einrichtet, nicht gleich seine ganze Macht einsetzt, sondern die Umstände geschickt zu benutzen weiß, hat man die beste Aussicht, ihn zu besiegen. Und je besser man versteht, die Feinde durch List zu täuschen und den Seinigen dadurch Vorteile zu vershcaffen, um so größer der Ruhm. Darum will ich, solange sie noch arglos und unvorbereitet sind und, wie es mir vorkommt, überhaupt nicht standhalten, sondern wieder abziehen wollen, bevor sie zur Be sinnung kommen und ihren Schlachtplan machen, mit meinen Leuten hier über sie herfallen und im Sturmschritt womöglich mitten in ihr Heer dringen, und du, Klearidas, mußt dann, sobald du siehst, daß ich ihnen auf der Kappe bin und sie gehörig in Schreck gesetzt habe, plötzlich das Tor öffnen lassen und mit deinen Leuten und den Mannschaften aus Amphi polis und den anderen Bundesstädten vorbrechen und so schnell wie möglich handgemein mit ihnen zu werden suchen. Denn so haben wir die beste Hoffnung, sie in die Flucht zu schlagen. Denn ein unerwarteter zweiter Angriff ist für den Feind schrecklicher als ein Kampf, in dem er sich dem Gegner von vornherein Mann gegen Mann gegenübersieht. Du selbst hatte dich brav, wie es einem Spartaner ziemt, und ihr, wackere Bundesgenossen, folgt eurem Führer mutig nach und glaubt nur, daß williger und pünktlicher Gehorsam gegen die Vorgesetzten die erste Bedingung glücklichen Erfolgs im Kriege ist. Bedenkt auch, daß es sich heute entscheiden wird, ob ihr dank eurer Tapferkeit hinfort frei sein und Bundesgenossen der Lakedämonier heißen, oder den Athenern gehorchen sollt und, wenn es dann auch ohne Sklaverei und Hinrichtungen abgeht, jedenfalls einer drückenderen Knechtschaft als bisher verfallen und die Befreiung der übrigen Griechen verhindern werdet. Also nur Mut, und denkt daran, was heute auf dem Spiel steht. Ich aber werde euch zeigen, daß ich nicht nur anderen Mut predigen, sondern auch selbst mutig meinen Mann stehen kann."
Nach diesen Worten machte Brasidas selbst sich zum Aus fall fertig und stellte die übrigen Truppen unter Klearidas am sogenannten Thrakischen Tore auf, aus dem sie nahcher seiner Anordnung gemäß vorbrechen sollten. Nun hatte man bemerkt, daß Brasidas von Kerdylion abgezogen und jetzt, wie man von draußen sehen konnte, in der Stadt zu Gange war und am Tempel der Athena opferte. Kleon hatte sich zur Be . obachtung des Gegners in die Nähe der Stadt begeben, und hier wurde ihm gemeldet, daß das ganze feindliche Heer in der Stadt auf den Beinen sei und nach der Menge der Menshcen- und Pferdefüße, die man unter dem Tore durch sehen könne, offenbar ein Ausfall beabsichtigt werde. Auf die Meldung ging er selbst bis dicht an das Tor, und nachdem auch er sich davon überzeugt, ließ er, weil er vor Ankunft seiner Verstärkungen keine Schlacht liefern wollte und sie durch seinen Abzug noch vermeiden zu können glaubte, das Zeichen zum Rückzüge geben und befahl, wie das auch allein möglich war, vom linken Flügel in der Richtung nach Eion abzu marshcieren. Als es ihm damit zu langsam ging, schwenkte er selbst mit dem rechten Flügel ab und setzte sich, indem er dem Feinde die offene Flanke bot, mit dem Heere in Marsch. Sobald Brasidas sah, daß eS an der Zeit und daS feindliche Heer sich in Bewegung setzte, rief er seinen Leuten und den übrigen zu: „Die Kerls halten nicht stand; man sieht das an der Bewegung ihrer Speere und Köpfe, wo eS dazu kommt, will man dem Gegner nicht standhalten. Jetzt also daS bezeichnete Tor auf und, was wir können, hinaus und dem Feinde zu Leibe!" Damit stürmte er durch das nach den Palisaden führende und das erste Tor der damaligen langen Mauer auf dem graden Wege, da, wo jetzt oben daS Sieges zeichen steht, in vollem Lauf hinaus und mitten hinein in die Haufen der infolge ihrer Unordnung und durch die Kühnheit des Feindes erschreckten Athener und trieb sie in die Flucht. Gleichzeitig brach Klearidas, wie ihm befohlen, auS dem Thra kischen Tore vor und warf sich auf das feindliche Heer, so daß die plötzlich von zwei Seiten angegriffenen Athener vollends in Verwirrung gerieten. Ihr linker Flügel auf der Straße nach Eion, der schon etwas voraus war, suchte gleich in wilder Flucht das Weite. Da dieser schon das Feld geräumt hatte, warf Brasidas sich auf den rechten Flügel, wurde dabei aber selbst verwundet. Die Athener bemerkten nicht, daß er gestürzt war, die Seinigen aber hoben ihn auf und trugen ihn weg. Der rechte Flügel der Athener hielt besser stand. Kleon freilich, der ja von vornherein an kein Standhalten gedacht hatte, nahm gleich Reißaus, wurde aber von einem myrkini schen Peltasten eingeholt und niedergemacht. Seine Hopliten aber zogen sich enggeschlossen auf die Anhöhe, schlugen Klea ridas' Angriffe zwei- bis dreimal ab und wichen nicht eher vom Platze, bis die myrkinische und chalkidische Reiterei und die Peltasten von allen Seiten auf sie eindrangen und sie mit ihren Speerwürfen zum Weichen brachten. So war nunmehr das ganze Heer der Athener in die Flucht geschlagen, und was davon nicht gleich auf dem Schlachtfelde geblieben oder von der chalkidischen Reiterei und den Peltasten niedergemacht war, gelangte auf vershciedenen Wegen durch die Berge mit Mühe und Not wieder nach Eion. Die Gefährten des Bra sidas, die ihn vom Schlachtfelde aufgehoben, hatten ihn noch lebend in die Stadt gebracht. Auch hörte er noch, daß die Seinigen gesiegt, gab aber bald nahcher den Geist auf. DaS übrige Heer unter Klearidas nahm nach der Rückkehr von der Verfolgung den gefallenen Feinden die Rüstungen ab nnd er richtete ein Siegeszeichen.
Darnach wurde Brasidas von sämtlichen Bundesgenossen mit kriegerischen Ehren auf öffentliche Kosten in der Stadt, dem jetzigen Marktplatze gegenüber, bestattet. Später wurde sein Grabmal dort eingefriedigt. In Amphipolis bringt man ihm jetzt als Heros Totenopfer und hat ihm zu Ehren Kampf- spiele und jährliche Totenopser eingeführt. Von nun an be trachtete man ihn als Gründer der Kolonie, riß Hagnons Bauten nieder und beseitigte alles, was an ihn als Gründer der Stadt erinnern konnte, teils weil man Brasidas wirklich als den Retter der Stadt ansah, teils weit man unter den damaligen Verhältnissen aus Furcht vor den Athenern auf daS Bündnis mit den Lakedämoniern den höchsten Wert legte, während man sich bei der Feindschaft mit Athen von einer weiteren Verehrung Hagnons nicht die gleichen Vorteile ver sprach und wohl überhaupt nichts mehr davon wissen wollte. Den Athenern gab man ihre Toten heraus. Athener waren gegen sechshundert gefallen, auf seiten ihrer Gegner nur sieben, weil man nicht in Reihe und Glied, sondern unter so günstigen Umständen gegen einen im Grunde schon geschlagenen Feind gefochten hatte. Nach Bestattung der Toten fuhren die Athener nach Hause, Klearidas aber und seine Truppen richteten sich in Amphipolis ein.
Um dieselbe Zeit gegen Ende des Sommers führten die Lakedämonier Rhamphias, Antocharidas und EpikydidaS neun hundert Hopliten als Nachschub nach dem thrakischen Küsten lande. Sie kamen bis Herakleia, wo sie die dort von ihnen vorgefundenen Mißstände abstellten. Während ihres dortigen Aufenthalts wurde die Schlacht geschlagen, und damit ging der Sommer zu Ende.
Gleich im Beginn deS WinterS hatte RhamphiaS mit seinen Leuten seinen Marsch bis an daS Gebirge Pierien in Thessalien fortgesetzt. Da die Thessaler sie nicht durchlassen wollten, auch Brasidas, zu dem sie ja stoßen sollten, inzwischen gestorben war, kehrten sie wieder nach Hause zurück. Auch hatte die Sache ihrer Meinung nach jetzt keinen Zweck mehr, da die Athener nach ihrer Niederlage abgezogen waren, sie aber zu weiteren Unternehmungen, wie sie Brasidas im Sinne gehabt, nicht fähig gewesen wären. Hauptsächlich aber kehrten sie um, weil sie wußten, daß die Lakedämonier schon damals, als sie auszogen, gern Frieden geschlossen hätten.
Gleich nach der Schlacht bei Amphipolis und dem Rück züge des Rhamphias aus Thessalien zeigte sich denn auch, daß beide Teile des Krieges müde waren und sich nach Frieden sehnten. Die Athener, die bei Delion und bald darauf zum zweiten Male bei Amphipolis geschlagen waren, trauten ihrer Macht nicht mehr so wie früher, wo sie sich auf keinen Ver trag einlassen wollten und bei den damaligen Erfolgen als Sieger aus dem Kriege hervorzugehen glaubten. Zudem fürchteten sie, infolge jener Niederlagen könnten ihnen ihre Bundes genossen aufsässig werden und immer mehr von ihnen abfallen. Sie bereuten deshalb, daß sie nach den Kämpfen bei Pylos keinen Frieden geschlossen, wo sich ihnen dazu die günstigste Gelegenheit geboten hatte. Für die Lakedämonier wiederum hatte der Krieg, in dem sie die Macht der Athener durch Ver heerung ihres Landes in wenig Jahren vernichten zu können meinten, einen unerwarteten Verlauf genommen; sie hatten auf der Insel eine Niederlage erlitten, wie sie Sparta noch nie erlebt, ihr Land wurde von Pylos und Kythera aus durch Streifzüge verheert, die Heloten liefen ihnen weg, und sie mußten immer darauf gefaßt sein, daß die im Lande Gebliebenen sich durch die Ausgetretenen verführen lassen würden, sich wie früher auch jetzt wieder zu empören. Dazu kam, daß ihr dreißigjähriger Friede mit Argos zu Ende ging, und daß die Argeier sich zu dessen Verlängerung nur verstehen wollten, wenn man ihnen die Landschaft Kynosuria abträte. Gleich zeitig gegen Argos und Athen Krieg zu führen, hielten sie aber nicht für möglich. Auch hatten sie mehrere peloponnesische Städte in Verdacht, sie würden zu den Argeiern übergehen, wie es dann ja auch wirklich kam.
Aus solchen Erwägungen wünschten beide, daß es zum Frieden käme, besonders die Lakedämonier, denen sehr daran lag, ihre Gefangenen von der Insel zurückzuerhalten; denn unter diesen befanden sich die ersten Spartiaten und Angehörige der besten Familien. Schon gleich nach der Gefangennahme hatten sie den Athenern Friedensanträge gemacht, diese aber, die damals in ihrem Glück noch zu hoch hinaus wollten, waren darauf nicht eingegangen. Nach ihrer Niederlage bei Delion aber hatten die Lakedämonier gleich gemerkt, daß sie jetzt schon eher smit sich reden lassen würden, und den einjährigen Waffen stillstand geschlossen, in welchem Bevollmächtigte beider Teile zusammentreten und über dessen Verlängerung verhandeln sollten.
Seitdem waren die Athener nun auch noch bei Amphi polis geschlagen und Kleon und Brasidas gefallen, die Männer, welche auf beiden Seiten die Hauptgegner des Friedens ge wesen waren, dieser, weil der Krieg ihm, dem glücklichen Feldherrn, Ruhm und Ehre brachte, jener, weil er fürchtete, in ruhigen Zeiten möchten seine schlechten Streiche eher anS Licht kommen und seine Lügen und Verdächtigungen nichts mehr verschlagen. Um so eifriger traten jetzt zwei Männer für den Frieden ein, welche beide in ihrer Heimat nach der Führerschaft tsrebten, Pleistoanax, der Sohn des Pausanias, König der Lakedämonier, und Nikias, Nikeratos' Sohn, ein damals besonders glücklicher Feldherr. Nikias, der bis dahin immer Glück gehabt hatte und in diesem Rufe stand, wollte sein Glück nicht aufs Spiel setzen und wünschte, nicht nur selbst keine schwere Zeiten mehr zu erleben, sondern auch seine Mitbürger davor zu bewahren und der Nachwelt den Namen eines Mannes zu hinterlassen, unter dem seiner Vaterstadt niemals ein Unglück zugestoßen sei. Zu dem Ende, glaubte er, müsse man sich vor Gefahren hüten und sich auf keine gewagten Unternehmungen einlassen, der beste Schutz vor Gefahren aber sei der Friede. Pleistoanax dagegen wurde seiner Zurückberufung wegen von seinen Gegnern angefeindet, die, so oft den Lakedämoniern ein Unglück zustieß, ihnen be ständig damit in den Ohren lagen, das komme davon, daß man ihn rechtswidrig zurückberufen habe. Sie gaben ihm nämlich schuld, mit seinem Bruder Aristokles die Priesterin in Delphi angestiftet zu haben, den Lakedämoniern, wenn sie das Orakel beschickten, immer wieder den Bescheid zu erteilen, sie sollten den vom Halbgotte, dem Sohne des Zeus, Ent sprossenen aus der Fremde wieder in ihr Land versetzen, sonst würden sie mit silberner Pflugschar pflügen, wodurch die Lake dämonier endlich bewogen seien, ihn vom Lykaion, wo er unter dem Verdacht, seinerzeit zum Abzüge auS Attika be stochen zu sein, als Verbannter lebte und aus Furcht vor den Lakedämoniern ein zur Hälfte im Heiligtume deS ZeuS befindliches Haus bewohnte, nach neunzehn Jahren unter Tänzen und Opfern zurückzuführen, so wie man bei der Besitz nahme von Lakedämon die ersten Könige eingesetzt hatte.
Aus Ärger über diese Anfeindungen und weil er glaubte, im Frieden, wenn die Niederlagen ein Ende und die Lakedämonier ihre Gefangenen wieder hätten, würden auch seine Feinde ihn wohl in Ruhe lassen, im Kriege aber alle Niederlagen natürlich immer der Regierung in die Schuhe geschoben werden, wünschte er dringend, daß es zum Frieden käme. Auch trat man noch in diesem Winter zu Verhand lungen zusammen, und um dabei auf die Athener einen Druck zu üben, rasselten die Lakedämonier schon gegen das Frühjahr wieder mit dem Säbel und gaben Befehle über Festungs bauten an die Bundesstädte aus. Nach längeren Verhand lungen, in denen von beiden Seiten eine Menge Forderungen geltend gemacht worden waren, kam man schließlich überein, daß beide Teile die im Kriege gemachten Eroberungen zurück- geben, die Athener jedoch im Besitz von Nisaia bleiben sollten, und daraufhin Frieden zu schließen. Als es sich nämlich dabei auch um die Herausgabe von Platää handelte, behaup teten die Thebaner, sie hätten den Ort nicht durch Gewalt oder Verrat gewonnen, sondern er sei ihnen freiwillig v«nt den Einwohnern übergeben, und ans demselben Grunde be anspruchten die Athener, Nisaia zu behalten. Hierauf riefen die Lakedämonier ihre Bundesgenossen zusammen, und da sie alle bis auf die Böotier, Korinth, Elis und Megara, die mit den Vereinbarungen nicht einverstanden waren, für den Frieden stimmten, nahmen sie ihn an und beshcworen ihn feierlich gegenüber den Athenern und diese gegenüber den Lakedämoniern, und zwar folgendergestalt:
„Die Athener und die Lakedämonier und ihre Bundes genossen haben Frieden geschlossen unter folgenden Bedingungen und ihn Stadt für Stadt beschworen.
Anlangend die gemeinsamen Heiligtümer, so soll jedem frei stehen, sie wie von alters her zu besuchen, dort zu opfern und die Orakel zu befragen und zu dem Zwecke Gesandte hin zuschicken, auch niemandem dabei ein Hindernis in den Weg gelegt werden, weder zu Lande noch zur See.
Das Heiligtum und der Tempel des Apollon in Delphi und ganz Delphi soll unabhängig sein mit dem Rechte der Selbst besteuerung und eigener Gerichtsbarkeit über Land und Leute wie von alters her.
Der Friede soll zwischen den Athenern und den Bundes genossen der Athener einerseits und den Lakedämoniern und den Bundesgenossen der Lakedämonier anderseits fünfzig Jahre ohne Gefährde unverbrüchlich gehalten werden zu Lande wie zur See.
Wegen vermeintlicher Ansprüche gegen den anderen Teil Waffengewalt anzuwenden oder sich List oder ähnlicher Mittel zu bedienen, soll weder den Lakedämoniern und deren Bundes genossen gegen die Athener und deren Bundesgenossen, noch den Athenern und deren Bundesgenossen gegen die Lake dämonier und deren Bundesgenossen gestattet sein, etwaige Streitigkeiten unter ihnen sollen vielmehr im Wege Rechtens ausgetragen werden. Die Lakedämonier und ihre Bundes genossen sollen Amphipolis den Athenern herausgeben, die Bewohner aller von den Lakedämoniern an die Athener heraus gegebenen Städte aber berechtigt sein, mit Hab und Gut ab zuziehen, wohin sie wollen. Die nach dem Ansatz des AristeideS tseuernden Städte sollen unabhängig sein, die Athener aber und ihre Bundesgenossen ihnen nach Abschluß deS Friedens keine Truppen in feindlicher Absicht ins Land schicken, wenn sie die Steuer zahlen. Es sind dies Argilos, StageiroS, Akanthos, Skolos, OlynthoS und Spartolos. Sie brauchen sich keinem der beiden Bündnisse anzuschließen, weder dem Lakedämonischen noch dem Athenischen; wenn sie sich aber freiwillig dazu bereitfinden lassen, so dürfen die Athener sie als Bundesgenossen annehmen. In Mekyberne, Sane und Singos soll es bei der bestehenden Verfassung bleiben, ebenso wie in Olynthos und Akanthos. Die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen sollen Panakton den Athenern, die Athener aber den Lakedämoniern Koryphasion, Kothera, Methone, Pteleon und Atalanta abtreten, auch alle Lakedämonier heraus geben, die sich in Athen oder sonstwo innerhalb ihres Macht bereichs in Kriegsgefangenschaft befinden. Auch sollen sie den in Skione belagerten Peloponnesiern und allen in Skione befindlichen, von Brasidas dahin geschickten Bundesgenossen der Lakedämonier freien Abzug gewähren und alle Bundesgenossen der Lakedämonier freilassen, die sich in Athen oder sonstwo innerhalb des Machtbereichs der Athener in Kriegsgefangen schaft befinden. Ebenso sollen auch die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen alle Athener und deren Bundesgenossen freilassen, die sich bei ihnen in Gefangenschaft befinden. Mit Skione, Torone, Sermyle und den etwa sonst noch von ihnen er oberten Städten mögen die Athener nach Gutdünken verfahren. Die Athener und ihre Bundesgenossen sollen den Frieden den Lakedämoniern gegenüber Stadt für Stadt beschwören und die aus jeder Stadt Schwörenden den ortsüblich höchsten Eid leisten. Der Eid aber soll also lauten: Ich will den Vertrag und den Frieden gewissenhaft halten ohne Gefährde. In gleicher Weise sollen die Lakedämonier und ihre Bundes genossen den Athenern gegenüber schwören. Beide Teile haben den Eid alljährlich von neuem zu leisten.
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Säulen sollen aufgestellt werden zu Olympia, Pntho, auf dem Isthmus, in Athen auf der Burg und im Amyklaion in Lake dämon.
Sollte einer von beiden Teilen hierbei etwas vergessen haben, so soll es beiden nach dem Eide unbenommen sein, das offen und ehrlich zur Sprache zu bringen, um, falls beide, Athener und Lakedämonier, damit einverstanden sind, in dieser Beziehung eine Änderung des Vertrags herbeizu führen."
Beim Friedensschluß hatte den Vorsitz der Ephor Pleistolas am vierundzwanzigsten Artemisios, in Athen der Archon Altaios am sechsundzwanzigsten Elaphebolion. Den Frieden beshcworen von seiten der Lakedämonier Pleistoanax, Agis, Pleistolas, Damagetos, Chionis, Metagenes, Akanthos, Dailthos, Jscha goras, Philocharidas, Zeuxidas, Antippos, Tellis, Alkidanas, Empedias, Menas und Laphilos, von seiten der Athener Lampon, Jsthmionikos, Nikias, Laches, Euthydemos, Prokles, Pythodoros, Hagnon, Myrtilos, Thrafykles, Theagenes, Aristo krates,Jolkios,Timokrates, Leon, Lamachos und Demosthenes.
Dieser Friede wurde geschlossen zu Ende des Winters gegen Frühlingsanfang gleich nach den städtischen Dionysien, grade zehn Jahre und ein paar Tage nach dem ersten Einfall in Attika und dem Ausbruch des Krieges. Nur muß man dabei auch die Jahreszeiten berücksichtigen und sich nicht bloß an die Namen der Archonten oder sonstigen Würdenträger halten, wonach in den einzelnen Orten bei geschichtlichen Er eignissen gerechnet wird. Denn das ist nicht genau genug, weil es auf den Zeitpunkt ankommt, an dem das Ereignis während ihres Amtsjahrs eingetreten ist, ob zu Anfang, in der Mitte, oder wann sonst. Zählt man aber nach Sommern und Wintern, wie ich es hier getan habe, so ergibt sich, da die beiden Hälften zusammen das Jahr ausmachen, daß in diesem ersten Abschnitt des Krieges zehn Sommer und eben so viel Winter verflossen waren.
Die Lakedämonier, welche, wie durchs Los entschieden war, zuerst herausgeben mußten, setzten ihre Kriegsgefangenen sofort in Freiheit, schickten auch Jschagoras, Menas und Philocharidas als Bevollmächtigte nach der thrakischen Küste und befahlen Klearidas, Amphipolis den Athenern herauszugeben, den übrigen Orten aber, sich den in Beziehung auf sie in dem Vertrage getroffenen Bestimmungen zu unterwerfen. Die wollten das aber nicht, weil sie ihnen nicht nach Sinne waren. Auch Klearidas gab Amphipolis nicht heraus, den Chalkidiern zu Gefallen, und erklärte, gegen deren Widerspruch sei ihm daS nicht möglich. Indes machte er sich doch unverzüglich mit den Bevollmächtigten von dort nach Lakedämon auf, um sich zu rechtfertigen, falls diese ihn wegen seines Ungehorsams verklagen würden, zugleich aber auch, um zu erfahren, ob der Vertrag nicht noch geändert werden könnte. Als er aber hörte, daß der Friede bereits endgültig geschlossen sei und die Lakedämonier ihn mit dem Befehl entließen, die Stadt heraus zugeben oder, wenn daS nicht ginge, wenigstens mit allen Peloponnesiern von dort abzuziehen, reiste er unverzüglich wieder ab.
Die Bundesgenossen waren damals grade in Lakedämon selbst zugegen, und die Lakedämonier suchten nun auch die Städte, welche den Frieden nicht angenommen hatten, zum Beitritt zu bewegen. Die aber lehnten das aus demselben Grunde ab, aus dem sie sich dessen gleich anfangs geweigert hatten, und erklärten, sie würden sich dazu nur verstehen wenn man ihnen günstigere Bedingungen gewähre. Da sie nicht wollten, ließen die Lakedämonier sie ziehen und schlossen nun selbst ein Bündnis mit den Athenern. Sie glaubten nämlich, daß die Argeier, die schon damals Ampelidas und Lichas gegenüber, in der Meinung, ohne die Athener könnten sie ihnen nicht gefährlich werden, die Verlängerung des Friedens abgelehnt hatten, sich jetzt schwerlich ruhig zugeben, sondern samt den übrigen peloponnesischen Staaten bei erster Gelegen heit mit den Athenern verbinden würden. Sie benutzten also die Anwesenheit athenischer Gesandten, um mit ihnen Ver handlungen über den Abschluß eines Bündnisses anzuknüpfen, das dann auch folgendermaßen zustande kam und beshcworen wurde.
„Mit den Lakedämoniern wird ein Bündnis auf fünfzig Jahre geschlossen, und zwar dahin:
Falls den Lakedämoniern jemand ins Land fällt und Feind seligkeiten gegen sie verübt, sollen die Athener ihnen, soweit es in ihren Kräften steht, nach Möglichkeit zu Hilfe kommen. Wäre er nach Verheerung des Landes wieder abgezogen, so soll er von den Lakedämoniern und den Athenern als Feind behandelt und sein Land von beiden verheert, auch von beiden Staaten nur gemeinschaftlich Frieden geschlossen werden. Alles ehrlich, willig, ohne Gefährde.
Falls den Athenern ein Feind ins Land fällt und Feindselig keiten gegen sie verübt, sollen die Lakedämonier ihnen, soweit es in ihren Kräften steht, nach Möglichkeit zu Hilfe kommen. Wäre er nach Verheerung des Landes wieder abgezogen, so soll er von den Lakedämoniern und den Athenern als Feind behandelt und sein Land verheert, auch von beiden Staaten nur gemeinschaftlich Frieden geschlossen werden. Alles ehrlich, willig, ohne Gefährde.
Im Fall eines Sklavenaufstandes sollen die Athener den Lake dämoniern mit aller Macht nach Möglichkeit zu Hilfe kommen. Dieser Vertrag soll beiderseits von denselben Personen be schworen werden, welche den ersten beshcworen haben. All jährlich soll der Eid von neuem geleistet werden, wozu sich die Lakedämonier zu den Dionysien in Athen, die Athener zu den Hyakinthien in Lakedämon einzusinden haben. Auch soll von beiden eine Säule aufgestellt werden, die eine in Lake dämon beim Tempel des Apollon im Amyklaion, die andere in Athen auf der Burg beim Tempel der Athene. Sollten die Lakedämonier oder die Athener wünschen, in betreff des Bünd nisses etwas hinzuzufügen oder zu streichen, so soll das beiden nach dem Eide unbenommen sein."
Den Eid leisteten von seiten der Lakedämonier Pleistoanax, Agis, Pleistolas, Damagetos, Chionis, Metagenes, Akanthos, Dattos, Ischagoras, Philocharidas, Zeuxidas, Antippos, Alki nadas, Tellis, Empedias, MenaS und Laphilos, von seiten der Athener Lampen, Isthinionikos, Lackes, Nikias, Euthy II demos, Prokles, Pythodoros, Hagnon, Myrtilos, ThrasykleS, Theagenes, Aristokrates, Jolkios, Timokrates, Leon, Lamachos und Demotshenes.
Dieses Bündnis kam nicht lange nach dem Abschluß deS Friedens zustande. Die Athener gaben den Lakedämoniern die Gefangenen von der Insel heraus, und der Sommer des elften Jahres begann. Damit schließt die Beschreibung des ersten Krieges, welcher ohne Unterbrechung die zehn Jahre hindurch gedauert hatte.
Nachdem die Lakedämonier und die Athener den Frieden und das Bündnis geschlossen, wozu es nach dem zehnjährigen Kriege unter dem Ephorat des Pleistolas in Lakedämon und dem Archontat des Alkaios in Athen gekommen war, herrschte unter den Staaten, die ihn angenommen, allerdings Frieden. Die Korinther aber und einige Staaten im Peloponnes wollten sich bei den getroffenen Bestimmungen nicht beruhigen, und schon bald kam es auch noch anderweit zu Reibungen zwischen den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen. Überdies wurden die Lakedämonier im Laufe der Zeit auch den Athenern verdächtig, da sie in verschiedener Beziehung den vertrags mäßigen Bestimmungen nicht nachkamen. Sechs Jahr und zehn Monat vermieden sie es zwar, sich im eigenen Lande an zugreifen, auswärts aber suchten sie einander möglichst Ab bruch zu tun, so daß der Friede hier wenig mehr zu bedeuten hatte. Dann aber sahen sie sich doch genötigt, den nach den zehn Jahren geschlossenen Frieden förmlich zu brechen und den Krieg offen wieder aufzunehmen.
Und diesen hat Thukpdides aus Athen ebenfalls beschrieben, so wie es von Jahr zu Jahr nach Sommern und Wintern darin zugegangen ist, bis die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen der Herrschaft der Athener ein Ende machten und sich der langen Mauern und des Peiraieus bemächtigten. Bis dahin dauerte der Krieg im ganzen siebenundzwanzig Jahre. Wollte man die in der Mitte liegenden Friedensjahre nicht als Kriegszeit ansehen, so wäre das nicht richtig. Es genügt ein Blick auf die Ereignisse, wie ich sie dargestellt, um sich zu überzeugen, daß man nicht füglich von Frieden reden kann in einer Zeit, wo beide Teile weder alles Herausgaben noch wiederbekamen, wie es in dem Vertrage ausgemacht war, und sich außerdem im mautineishcen und epidaurischen Kriege und auch sonst noch über ihn hinweg setzten, die vorderthrakischen Bundesgenossen nach wie vor eine feindliche Haltung behaupteten und die Böotier es bei einem von zehn zu zehn Tagen verlängerten Waffenstillstände be wenden ließen. Rechnet man aber den ersten zehnjährigen Krieg, die darauf folgende kritische Friedenszeit und die späteren Kriegsjahre zusammen, so kommen bis auf wenige Tage so viel Jahre heraus, und das ist denn in der Tat auch das einzige, was für Leute, die noch an Orakel glauben, wirklich ein getroffen ist. Denn ich erinnere mich noch recht gut, wie von Anfang bis zu Ende des Krieges vielfach prophezeit wurde, er würde dreimal neun Jahre dauern. Ich habe den ganzen Krieg miterlebt und während meiner besten Jahre die Er eignisse aufmerksam genug verfolgt, um genau Bescheid zu wissen. Dazu kam, daß ich nach der Zeit meines Oberbefehls bei Amphipolis zwanzig Jahr außer Landes leben mußte und Gelegenheit hatte, mir die Dinge hüben und drüben anzusehen, infolge meiner Verbannung grade auch auf peloponnestscher Seite, und mir um so eher ein unbefangenes Urteil darüber zu bilden. Damit wende ich mich nun zu den Streitigkeiten nach den zehn Jahren, dem Bruch des Friedens und den weiteren Ereignissen des Krieges.
Nachdem der fünfzigjährige Friede und darauf auch das Bündtiis geschlossen war, reisten die dazu nach Lakedämon entbotenen peloponnesischen Gesandten wieder ab, die übrigen nach Hause, die Korinther zunächst nach Argos. Hier stellten sie einigen hohen Beamten vor, daß die Lakedämonier den Frieden und das Bündnis mit ihren alten Feinden, den Athenern, nicht ohne Hintergedanken geschlossen hätten, sondern zu dem Zweck, sich den Peloponnes zu unterwerfen, und es jetzt Sache der Argeier sei, sich des Peloponnes anzunehmen und einen Beschluß zu fassen, wonach allen unabhängigen, einander gegen seitig Rechtsgleichheit zugestehenden griechischen Staaten an heimgestellt würde, ein Schutzbündnis mit Argos einzugehen. Sie dürften damit jedoch nur wenige Männer betrauen^und die Sache nicht vor das Volk bringen, um niemand bloßzu stellen, falls dieses nicht dafür zu haben sein sollte. Sie ver sicherten auch, daß bei dem Haß gegen die Lakedämonier viele einem solchen Bündnis beitreten würden. Nachdem sie ihnen das unter den Fuß gegeben, reisten auch die Korinther nach Hause.
Jene Herren in Argos brachten die ihnen gemachten Vor schläge an die Regierung und das Volk, und die Argeier stimmten ihnen zu, wählten auch zwölf Männer, mit denen . alle Griechen, die dazu bereit, das Bündnis schließen könnten, nur die Athener und die Lakedämonier ausgenommen, mit denen ohne Zustimmung des argeiischen Volks kein Bündnis geschlossen werden sollte. Die Argeier waren darauf um so lieber eingegangen, weil sie beim Ablauf des Friedens den Krieg mit den Lakedämoniern kommen sahen und sich außer dem auf die Hegemonie im Peloponnes Hoffnung machten. Denn Lakedämon stand um die Zeit in der Tat in schlechtem Ruf und hatte infolge seiner Niederlagen sehr an Ansehen eingebüßt; Argos dagegen war in Flor, da es an dem attischen Kriege nicht teilgenommen, sondern mit beiden Teilen in Frieden gelebt und dabei sein Schäfchen geshcoren hatte. So waren die Argeier in der Lage, alle Griechen, die dazu bereit, in ihren Bund aufzunehmen.
Die ersten, die sich ihnen anschlössen, waren die Mantineer und ihre Bundesgenossen, und zwar aus Furcht vor den Lake dämoniern. Die Mantineer hatten sich nämlich noch während des Krieges mit den Athenern ein Stück von Arkadien angeeignet und sagten sich, daß die Lakedämonier das jetzt, wo sie wieder freie Hand hatten, nicht länger dulden würden. Sie schlossen sich also nicht mehr wie gern an Argos an, in Anbetracht, daß dieses ein mächtiges, dazu wie sie demokratisches Gemein wesen war, das den Lakedämoniern immer das Widerspiel gehalten hatte. Nach dem Abfall der Mantineer aber hieß es im Peloponnes allgemein, man müsse es auch so machen, da man glaubte, es würden ihnen für den Übertritt wohl noch besondere Vorteile in Aussicht gestellt sein. Zudem war man auf die Lakedämonier schlecht zu sprechen, namentlich auch deshalb, weil in dem Vertrage mit den Athenern bestimmt war, daß es beiden Staaten, Athen und Lakedämon, nach dem Eide unbenommen sein solle, nach ihrem Belieben etwas hinzuzusetzen oder zu streichen. Grade diese Bestimmung erregte nämlich bei den Peloponnesiern besonderen Anstoß und den Verdacht, die Lakedämonier gingen darauf aus, sie mit Hilfe der Athener zu unterdrücken; denn von Rechts wegen hätte die Befugnis zu einer solchen Änderung nur der Gesamtheit der Bundes genossen eingeräumt werden dürfen. Aus Furcht davor waren die meisten gleich bereit, auch ihrerseits ein Bündnis mit den Argeiern zu schließen.
Als die Lakedämonier merkten, daß es im Peloponnes gärte und daß die Korinther dahinter steckten und sich selbst mit Argos verbinden wollten, schickten sie Gesandte nach Korinth, um dem beizeiten vorzubeugen. Sie warfen den Korinthern vor, sie seien an allem schuld und würden eidbrüchig werden, wenn sie sich von ihnen lossagten und ein Bündnis mit den Argeiern eingingen. Schon daß sie den Frieden mit den Athenern nicht angenommen, sei unrecht gewesen, da vorher ausgemacht worden sei, daß, sofern dem kein Hindernis von seiten der Götter oder Heroen entgegenstehe, Stimmenmehrheit der Bundes genossen entscheiden solle. Die Korinther, welche auch die übrigen Bundesgenossen, die den Frieden nicht angenommen, schon vorher zu sich bestellt hatten, gaben in deren Gegenwart den Lakedämoniern eine Antwort, worin sie zwar mit ihren Beschwerden, daß man die Athener nicht zur Herausgabe von Sollion und Anaktorion genötigt und wodurch sie sich weiter verkürzt glaubten, nicht gradezu herauskamen, aber sich darauf beriefen, sie hätten die vorderthrakischen Städte nicht im Stich lassen dürfen, da sie mit diesen, zuerst mit Potidäa bei dessen Abfall, und nachher auch noch mit anderen, besondere Bündnisse beshcworen hätten. Sie seien also nicht eidbrüchig geworden, wenn sie dem Frieden mit den Athenern nicht beigetreten wären, würden vielmehr ihre Eidespflicht verletzt haben, wenn sie jene im Stich gelassen, nachdem sie ihnen bei den Göttern Treue geshcworen. „Sofern dem kein Hindernis von seiten der Götter oder Heroen entgegenstehe", habe es geheißen, und dies sei ihrer Ansicht nach allerdings ein göttliches Hindernis gewesen. So äußerten sie sich in betreff des alten Bündnisses. Über das Bündnis mit den Argeiern, sagten sie, würden sie sich mit ihren Freunden benehmen und dann tun, was recht wäre. Hierauf reisten die lakedämonischen Gesandten wieder nach Hause. Zufällig waren damals auch Gesandte der Argeier in Korinth, welche den Korinthern anlagen, sich nicht lange zu bedenken und das Bündnis einzugehen. Die aber gaben ihnen anheim, sich zu der bei ihnen demnächst abzuhaltenden weiteren Zusammenkunft wieder einzufindet.