Thesauros Edebiyat Tarih Ἱστορίαι

Ἱστορίαι

Ἱστορίαι Thucydides

Kitap 2

 
Im folgenden Winter beredete der Akarnanier Euarchos, um Astokos wieder in seine Gewalt zu bekommen, die Korinther, daß sie ihn zur See mit vierzig Schiffen und fünfzehn Hundert Schwerbewaffneten zurückführen sollten. Dazu hatte er selbst einige Hülssvölker gemiethet. Anführer des Zugs waren Euphamidas, des Aristo­ 16) Vgl. l, 57, ei; noch sechzehnhnndert l. 64. Um so viele mochte die Anzahl (4600) durch die Belagerung vermindert sein (Poppo). Es in doch wohl eher auch eine Anzahl zurückgekehrt (Kr.) nymos Sohn. Timoxenos, Sohn des Timokrates, und Eumachos, Sohn 431v. Chr. des Chrysis. Und wirklich führten sie ihn mit ihren Schiffen zurück. Sie dachten aber auch noch andere Plätze an der akarnanishcen Küste in ihre Gewalt zu bringen und machten auch Versuche dazu; aber es gelang nicht, und so schifften sie nach Hause zurück. Auf der Heimfahrt hielten sie bei Kephallenia an und machten eine Landung auf das Gebiet der Krämer, ließen sich aber durch die Vorspiegelung, als wolle man mit ihnen ein gütliches Uebereinkommen treffen, täuschen und verloren einige Leute durch einen unerwarteten Ueberfall der Kranier, und so unsanft zurückgewiesen eilten sie nach Hause zu kommen.
 
In diesem Winter feierten nach väterlicher Weise die Athener öffentlich das Leichenbegängniß der zuerst in diesem Kriege Gefallenen. Hiebei wurde es so gehalten: Drei Tage vorher wird ein Zelt aufgeschlagen, und darin die Gebeine der Gebliebenen zur Schau ausgestellt, und ein Jeder bringt seinem Todten eine Gabe, wenn er will. Wenn uuu die Gebeine hinausgesührt werden, so kommen Wagen mit Särgen von Cypressenholz, Einem für jede Gemeinde, lind die Gebeine eines Jeden kommen in den Sarg seiner Gemeinde. Ein gepolstertes Todtenbett wird leer nachgetragen für die Vermißten, welche man nicht finden und aufheben konnte. Mit dem Zuge kann aber Jeder gehen, wer will, sei er Bürger oder Fremder, und auch die verwandten Frauen sind bei dem Begräbniß, zur Wehklage. Darauf nun setzt man sie in dem öffentlichen Grabmale bei, welches in der schönsten Vorstadt Athens ist, — und hier begräbt man immer die im Kampfe Gefallenen; ausgenommen sind nur die von Marathon; denn da die Athener deren Tapferkeit für hell vorleuchtend erklärten, so gaben sie ihnen auch ihr eigenes Grab. Wenn nun die Erde sie bedeckt hat, so hält ein von der Stadt gewählter Mann, der für einsichtig gilt nnd an Ansehen vor-ragt, ihnen die geziemende Lobrede. Danach gehen sie auseinander. Dies ist die Art und Weise ihres Begräbnisses, und den ganzen Krieg hindurch, so oft es vorkam, hielt man sich an diese Sitte. Für diese Ersten nun wurde Perikles, des Xanthippos Sohn, zum Reden gewählt, und als der Augenblick dazu gekommen war, trat er von dem Grabmal auf eine hohe Bühne, die man dazu errichtet hatte, damit er weithin durch die ganze Versammlung gehört werde, und redete so:
 
431v Chr. „Die an diesem Orte vor mir gesprochen, haben meist Dem eine Lobrede gehalten, der zu dem gesetzlichen Brauche noch diese Art von Rede hinzugefügt hat, weil es für ihre eigene Person ihnen ehrenvoll schien, zum Preise der im Kampfe Gefallenen zu sprechen. Mir aber schien es zu genügen, wenn tapferer Männer Thaten auch nur durch eine That geehrt werden, — durch eine Handlung, meine ich , wie ihr sie hier zu diesem Begräbnis; aus öffentlichem Wesen in's Werk gesetzt seht, — und nicht sollte von Einem Manne die Tapferkeit vieler Männer Gefahr fürchten müssen; denn, wem ihr Lob anvertraut wird, kann vielleicht gut reden, aber vielleicht auch schlecht. Im Reden das rechte Maß halten, ist schwer, und kaum wird auch durch dasselbe eine richtige Anschauung von der Wahrheit hervorgerufen. Denn wer von den Zuhörern die Thaten selbst mit angesehen hat, und sosern er ein wohlwollender Mann ist, wird leicht die Schilderung unter seiner eigenen Erwartung und seiner Kenntniß finden. Wer aber des Vorgefallenen unkundig ist, wird Manches für übertrieben erachten, weil sich in ihm der Neid regt, wenn er von Dingen hört, die über seine Kräfte gehen. Denn bis zu dem Punkte ertragen die Menschen wohl Lobsprüche auf Andere, so lange Jeder glaubt, selbst solcher Thaten fähig zu sein, wie er sie da mit anhört. Was aber darüber hinausgeht, dem schenkt man keinen Glauben, weil sich dann der Neid regt. Weil es aber denen vor uns als löblicher Gebrauch ershcienen ist, so muß auch ich mich in das Gesetz schicken und muß streben, Euer Aller Wunsch und Meinung zu genügen, so gut ich's kann."
 
„Beginnen aber will ich mit unseren Vorfahren , denn wir sind damit nur gerecht gegen sie, und zugleich geziemt es sich bei solcher Gelegenheit, daß ihnen diese Ehre der Erinnerung gegeben werde. Denn nie wollten sie dies Land mit einem andern vertaushcen, und so, von Geschlecht zu Geschlecht es fortvererbend, haben sie es uns durch ihre Tapferkeit als freien Boden überliefert. Und verdienen sie darum Lob, so sind unsere Väter dessen noch würdiger; denn über das hinaus, was sie empfingen, haben sie die Macht, die wir jetzt besitzen, nicht ohne Mühe auf uns gebracht. Das größte Wachsthum des Staates aber haben wir selbst, wir Genossen der Gegenwart, und besonders wir, die wir jetzt im besten Mannesalter stehen, zu Wege gebracht. Wir haben die Stadt in allen Stücken in den Stand gesetzt, daß sie im Kriege wie im Frieden sich selbst ganz und gar genügt. Wie dies 431 v. Chr. Alles durch Kriegsthaten erworben worden ist, und wie nur selbst oder unsere Väter in tapferer Abwehr gegen Barbaren wie Hcllenen es geschirmt haben, darüber mag ich unter Männern, die es selbst wissen, nicht lange reden. Wie aber und durch welches Streben wir so weit gekommen sind, und durch welche Staatseinrichlungen und Grundsätze wir diese Größe erreicht haben, darüber will ich zuerst reden und dann zum Lobe dieser Todten übergehen; denn ich glaube, daß über jenes zu reden bei dieser Gelegenheit nicht ungeziemend ist, und daß diese ganze Versammlung, Städter wie Fremde, es mit Nutzen anhören werden."
 
„Wir haben eine Verfassung, welche die Gesetzgebung anderer Staaten nicht nachahmt, im Gegentheile sind wir selbst viel mehr Andern zum Muster, als daß wir Auswärtige nachahnitet. Und mit Recht wird sie, weil nicht bei Wenigen, sondern bei der großen Menge die Gewalt ist, Volksherrschaft genannt. Es hat nämlich in eigenen Sachen Jeder gleiches Recht mit dem Andern, nnd was Staatswürden anlangt, so wird nicht bevorzugt, wer einer besonderen Kaste angehört, sondern Jeder, je nachdem er gerade in irgend einem Fache Werthschätzung genießt oder Tüchtigkeit zeigt. Und auch nicht der Armuth wegen, wenn er nur dem Staate irgendwie nützen kann, legt Einem die Unscheinbarkeit seines Standes ein Hindernis; in den Weg. Mit Freiheit behandeln wir unsere Staatsangelegenheiten und eben so frei das bei den Gelegenheiten des täglichen Verkehrs leicht entstehende Mißtrauen gegen einander; wir sind auf den Nachbar nicht erbost, wenn er seiner Lust einmal die Zügel schießen läßt, und verhängen keine Ahndüngen, wie Andere (die Lakedämonier) pflegen, die zwar dem Geldbeutel nicht wehe thun, aber dem Auge mit anzusehen empörend sind. Im täglichen Umgang bewegen wir uns frei von Härte und Sauersthen, und doch überschreiten wir dem Staate gegenüber die Vorschriften nie, aus Scheu und Ehrfurcht vorzüglich, indem wir ans die jedesmaligen Obrigkeiten und die Gesetze hören , und vorzüglich aus die, welche zum Schutze der Beeinträchtigten bestehen und die, zwar ungeschrieben, doch in der allgemeinen Denkart dem Uebertreter Schande drohen."
 
„Und auch von Müh' und Arbeit haben wir dem Geiste zahlreiche Erholungen bereitet, durch gesetzliche Kampfspiele und die im Jahre wiederkehrenden Opferfeste; dann auch durch gefällige Ein« 431 v. Chr. richlung des häuslichen Lebens, deren täglicher Genuß die Schwermuth verbannt. Es kommen aber wegen der Größe unserer Stadt aus allen Ländern uns alle Erzeugnisse zu, und was bei uns das Land Gutes hervorbringt, können wir nicht in höherem Grade als unser Eigenstes genießen, als was von andern Völkern zu uns kommt."
 
„Wir untershceiden uns aber auch in Handhabung des Kriegswesens von unseren Gegnern darin, daß wir den Zutritt zu unserer Stadt freigeben, und es kommt nicht vor, daß wir durch Fremdcnaustreibung irgend Jemanden am Lernen oder Beshcauen hindern, damit nicht etwa Einer unserer Feinde nicht verborgen Gehaltenes sehe und daraus Nutzen ziehe; denn wir vertrauen weniger auf Nnstwerk und Kniffe, als auf unsere eigene Thatenlnst und Tapferkeit. In der Jugenderziehung suchen jene schon von klein auf durch mühevolle Uebungen Mannhaftigkeit zu erwerben, wir aber gehen, wenn auch viel gemächlicher lebend, doch nicht weniger entschlossen in den Kampf ungewisser Entscheidung gegen den gleichstarken Feind. Beweis dafür ist, daß die Lakedämonier nicht nur mit ihrer eigenen Macht, sondern mit allen möglichen Bundesgenossen gegen unser Land zu Felde ziehen. Wenn aber wir selbst in auswärtiges Gebiet einfallen, so gewinnen wir auf fremdem Boden und im Kampfe gegen solche, welche ihr Eigenthum vertheidigen, meist den Sieg. Unsere Gesammtmacht aber hat noch kein Feind sich gegenüber gesehen, weil wir auch zugleich immer die Flotte bedenken und unsere Landmacht selbst auf viele Punkte vertheilen. Wenn sie aber mit einem Bruchtheil unserer Macht zusammengestoßen sind und den Sieg davon getragen haben, so prahlen sie, sie hätten unsere Gesammtheit geworfen; sind aber sie besiegt worden, so heißt es, sie wären unserer gesammten Macht gegenüber in Nachtheil gewesen. Und wenn wir auch wirklich mehr ans leichtem Blute als in Folge mühseliger Gewöhnung, und weniger in Folge einer tapferen Gesetzgebung als ans angeborner Tapferkeit die Gefahr des Kampfes lieben, nun so sind wir im Vortheil, denn wir sind nicht im Vorans durch Mühsal ermattet und zeigen uns doch bei der That nicht weniger kühn als die, welche ihr Leben lang sich abmartern."
 
„Hierin ist unsere Stadt der Bewunderung würdig: aber nicht minder in anderen Stücken. Denn wir sind Freunde des Schönen, ohne im Auswande das Maß zu überschreiten, und pflegen der Wissenschaft, ohne uns verweichlichen zu lassen. Aus unserem Reich- 431 v. Chr. thum machen mir eine Gelegenheit zur That, nicht zur Prahlerei imt c Worten, und zu gestehen, daß Einer arm sei, gereicht ihm nicht zur Schande; viel schimpflicher ist's, die Armuth durch Fleiß nicht fern zu halten. Ein und dieselben Männer widmen sich den eigenen Angelegenheiten und den Aemtern des Staates, und die Andern, die dem Landban und den Gewerben obliegen müssen, haben deshalb keinen schlechten Verstand in Staatsdingen; denn allein bei uns wird Einer, der von Staatssachen sich ganz fern hält, nicht für einen Ruheliebenden, sondern für einen unnützen Menschen angesehen. Auch sind wir es, welche die Verhältniss; auf die richtige Weise beurtheilen, oder doch wenigstens in Erwägung ziehen, denn wir sind nicht der Ansicht, daß durch das Reden die Thaten Schaden leiden, sondern im Gegentheil dadurch, wenn man an die That geht, ohne vorher durch die Rede belehrt worden zu sein. Denn auch das ist ein großer Vorzug, den wir vor Andern voraus haben, daß muthiges Wagen und bedächtige Ueberlegung dessen, was wir unternehmen wollen, bei uns vereinigt sind, während bei Andern nur Unkenntniß der Gefahr Kühnheit erzeugt, Ueberlegung aber Zagheit. Für die tapfersten Seelen werden aber mit Recht wohl die gehalten, welche das Schreckliche wie das Angenehme genau kennen und dabei doch vor Gefahr nicht zurückshceuen."
 
„Und auch von der Tugend des Wohlthnns denken wir anders als die meisten; denn nicht durch Empfangen, sondern durch Wohlthaten erweisen erwerben wir uns Freunde. Beständiger ist ja die Gesinnung des Wohlthäters, der das schuldige Dankgefühl durch fortgesetztes Wohlwollen bei dem Empfänger zu erhalten bemüht ist. Der zum Dank Verpflichtete ist schon weniger eifrig, da er nicht um freie Gunst zu erweisen, sondern um eine Schuld abzutragen, das empfangene Gute erwidern muß. Wir allein sind es, die weniger aus Berechnung des Nutzens als aus edlem Vertrauen einer freien Denkart Andern Wohlthaten erweisen, ohne Undank zu fürchten."
 
„Und um es mit Einem Worte zu sagen, so behaupte ich, daß unsere Stadt eine Bildungsschnle für ganz Griechenland sei, und daß Mann für Mann bei uns sich Jeder den meisten Anforderungen mit größter Anmuth und Gewandtheit gewachsen zeige. Und daß dies Alles nicht für diese Gelegenheit erfundener Redeprunk, sondern die 431 v. Chr. Wahrheit der Dinge selbst ist, davon ist Beweis die Macht des Staates , die wir eben durch jene Eigenschaften erworben haben. Denn hervorragend über Alles, was bis jetzt erhört worden ist, geht er der Erprobung seiner Kraft entgegen, und er allein erregt weder dem angreifenden Feinde Entrüstung, daß er von Solchen Ungemach erleide, noch Tadel bei dem Unterworfenen, als ob er von Unwürdigen beherrscht werde. Unter großen redenden Beweisen und gewißlich nicht unbezeugt haben wir unsere Macht entfaltet und werden darum von den Lebenden und den Zukünftigen bewundert werden, und wir bedürfen weder eines Homer als Lobredners, noch sonst eines Andern, der mit seinen Gesängen zwar für den Augenblick ergötzt, aber bald wird die Wirklichkeit seine Anschauung der Dinge Lügen strafen, sondern zu allem Land und Meer hat unsere Kühnheit sich den Weg gebrochen, überall sich unvergängliche Denkmale im Guten und Bösen gründend. Für eine solche Stadt nun sind die hier im tapferen Kampfe gefallen, entschlossen, sich ihrer nicht berauben zu lassen, und von den Ueberlebenden ist Jeder mit Recht bereit, um dieser Stadt willen Mühen und Gefahren zu erdulden."
 
„Deshalb habe ich mich auch länger bei der Schilderung unseres Staates verweilt, um zu zeigen, daß wir und Andere, die Nichts dem Geschilderten Aehnliches besitzen, nicht um gleichen Preis kämpfen, und zugleich um die Ruhmwürdigkeit dieser hier, um deren willen ich jetzt rede, in deutlichen Beweisen vor Augen zu stellen. Denn was ich eben an unserer Stadt Lobwürdiges erwähnt, damit haben dieser Männer und ihres Gleichen Tugenden sie geschmückt, und sürwahr nicht bei vielen Hellenen möchte ein solcher Ausspruch, wie bei diesen, die Thaten nicht zu überbieien scheinen. Ein solches Ende aber, wie Diese es erlangten, scheint mir als erstes Probestück Mannestapferkeit zu bekunden, und als letztes sie zu besiegelte. Denn auch bei Solchen, die in andern Dingen sich schlechter gezeigt, wäre es billig, daß die für das Vaterland im Kampfe gegen den Feind bewiesene Tapferkeit über jenes hinaus hoch angerechnet werde; denn indem sie durch ihre Tapferkeit die Erinnerung an das Schlechte austilgten, haben sie dem Gemeinwesen mehr genützt, als im Einzelnen geschadet. Von diesen hier aber hat weder Einer, den Genuß vorziehend, im Reichthums sich verweichlicht, noch auch in der Hoffnung, der Armuth zu entgehen lind Reichthümer zu erwerben, es hinausgeschoben, sich der Gefahr zu 431 v. Chr. stellen; vielmehr schien ihnen Rache an den Feinden süßer, und indem sie die Gefahr des Todes für die schönste erachteten, wollten sie mit ihr an diesen sich rächen und jene Güter erringen. Den ungewissen Erfolg überließen sie der Hoffnung, im Handeln aber um da?, was sichtbar vor Augen lag, glaubten sie sich selbst vertrauen zu müssen, und indem sie lieber kämpfen und leiden wollten als weichen und gerettet werden, entgingen sie schimpflicher Nachrede; die That aber bestanden sie mit ihrem Leibe, und im kurzen Schicksalsaugenblicke, von höchsten Ruhmes Odem, nicht von Furcht umflossen, sind sie geschieden."
 
„Als so tapfere Männer also haben sieh diese erwiesen, wie es ihre Pflicht.g^en die Stadt war. Die Ueberlebenden nun mögen zwar die Götter um ein ungefährdetes Leben bitten, aber es auch für Pflicht halten, nicht minder kühne Gesinnung gegen den Feind zu hegen. Den Nutzen derselben sollt ihr aber nicht blos durch Worte euch anschaulich machen, die Einer gar weitschweifig machen könnte, indem er euch vorhält, was Alles für gute Dinge von Abwehr der Feinde abhängen, ohne daß ihr es darum nicht auch schon vorher gewußt hättet; vielmehr sollt ihr die Kräfte des Staates täglich euch vor Augen stellen und ihn liebgewinnen, und wenn euch seine Macht groß zu sein dünkt, so bedenkt, daß kühne Männer, die wußten, was Noth thut, und die im Kampfe aus die Stimme der Schaam und der Ehre hörten, jene Macht erworben haben, — die, wenn ihnen auch einmal ein Unternehmen fehlschlug, darum nicht gleich dem Staate ihre Tapferkeit entziehen wollten, sondern für ihn sich selbst als schönstes Opfer Hingaben. Gemeinsam mit den Andern haben sie ihr Leben blosgestellt. und für sich haben sie unsterbliches Lob errungen und das schönste Grab, nicht nur das, in welchem sie ruhen, sondern das vielmehr, in welchem in der Brust eines jeden Mannes bei jedem Anlaß der Rede oder der That unvergessen ihr Ruhm lebt. Berühmter Männer Graberde ist jedes Land, und nicht mir die Inschrift einer Säule in der eigenen Heimath bezeichnet sie, sondern auch im fremden Lande lebt in Jedem ungeschrieben das Gedächtniß mehr ihres Muthes als ihrer That. Diese also ahmet nach und suchet das Glück in der Freiheit, die Freiheit aber im eigenen Muthes, und übersehet nicht die vom Feinde drohende Gefahr. Denn nicht die, welche ein elendes Dasein führen, 43l v. Chr. und die keine Hoffnung auf Besseres haben, werden mehr Ursache haben, ihr Leben in die Schanze zu schlagen, sondern die, welche Gefahr lausen, einen Umschwung des Glückes zum Unglück zu erleben, und bei denen nachher der Unterschied sehr groß ist, wenn ein Unfall sie betroffen hat. Denn viel empfindlicher trifft einen Mann, der hochherzig denkt, die durch Feigheit herbeigeführte Schmach als Tod, der nicht empfunden wird, bei unerschrockener Tapferkeit und begeisterter Aussicht auf die Größe des Vaterlandes."
 
„Deshalb will ich euch Aeltern der Gefallenen, soviel eurer anwesend sind, nicht beklagen, sondern vielmehr nur trösten. Denn ihr selbst wißt, in wie vielfachem Wechsel des Glückes ihr gelebt habt, und daß glücklich sein nur dem zu Theil wurde, der einen so ruhmvollen Tod erlangt wie diese, und eine so ruhmvolle Trauer wie ihr, und dem es zugemessen wurde, in Dem auch seinen Tod zu finden, was das Glück seines Lebens ausmachte. Ich weiß wohl, daß es schwer ist, euer Gemüth zu überreden, da ihr ost Anlaß zur Erinnerung an jene haben werdet, wenn ihr Andere in einem Glücke seht, dessen ihr euch selbst einst erfreutet. Auch betrübt man sich ja nicht um Güter, durch deren Verlust unsere Zukunft keines gewohnten Genusses beraubt wird, sondern um solche, an deren Genuß man gewöhnt war. Aber auch in der Hoffnung auf andere Kinder sollen die ihr Gemüth auf« richten, die noch in dem Alter sind, Nachkommen zu erzielen; denn im eigenen Hause werden die Neugeborenen den Schmerz heilen um die, die nicht mehr sind, und dem Staate wird es doppelter Vortheil sein, nicht arm zu werden an Bürgern und an Sicherheit zuzunehmen. Denn es ist nicht möglich, daß Einer in recht gleicher Denkart mit den. Andern an den Berathungen um das Gemeinwohl theilnehme, wenn er nicht, wie die Andern, Kinder daran zu wagen hat. Ihr aber, die ihr über jenes Alter hinaus seid, sollt es als Gewinn betrachten, daß ihr den längeren Theil eures Lebens in Glück verbracht habt, und daß das Uebrige nur noch kurz sein wird; und an dem Ruhme dieser Todten möget ihr euer Gemüth heben, denn die Ehre allein ist nicht alternd, und in den Jahren unnützlicher Schwäche ist es nicht Geldgewinn, was am meisten erfreut, wie Viele sagen, sondern Ehre zu genießen."
 
„Euch Söhnen aber und Brüdern der Gefallenen, sopiel Euer anwesend sind, seh ich großen Wettjamps bevorstehen. Denn wer nicht mehr unter den Lebenden ist, den lobt Jeder; ihr aber werdet 431 v. Chr es auch durch ein Uebermaß von Tapferkeit nicht erreichen, diesen gleich- geachtet zu sein, sondern immer noch um etwas tiefer angesetzt werden. Denn die Lebenden verläßt nicht der Neid gegen den Nebenbuhler, wer aber nicht mehr im Wege ist und durch keinen Wetteifer hemmt, der wird wohlwollend geehrt. — Soll ich aber nun auch noch der weiblichen Tugend derer Erwähnung thun, die nun als Wittwen leben werden, so will ich in kurzem Ermunterungswort Alles sagen. Euch wird groß der Ruhm sein, wenn ihr eurer weiblichen Art treu bleibt, und wenn unter Männern in Lob oder Tadel von Einer am wenigsten die Rede ist."
 
„So habe denn auch ich, dem Gesetze gehorchend, was ich zu sagen wußte, in der Rede vorgebracht; durch die That sind die Be> grabenen schon geehrt. Ihre Kinder aber wird die Stadt von jetzt an bis zur Mannesreife auf öffentliche Kosten erziehen, und damit fetzt sie diesen Todten wie den Ueberlebenden einen nützlichen Siegerkranz als Kampfpreis aus. Denn die Bürgerschaft wird die tapfersten Männer zählen, in welcher die Tapferkeit der höchste Preis erwartet. Nun aber weihet Jeder den Seinigen dieTodtenklage, nnd dann gehet nach Hause."
 
So wurde die Grabfeier in diesem Winter abgehalten, und mit ihm war auch das erste Jahr dieses Krieges abaelanfen. Sobald aber der Sommer seinen Ansang genommen hatte, fielen allsogleich die 430 v. Chr. peloponneper und ihre Bundesgenossen mit zwei Drittheuen ihrer Heeresmacht in Attika ein, wie auch das erste Mal. Anführer war Archidamos , des Zeuxidamos Sohn, König der Lakcdämonier. Sie schlugen ein Lager und fingen dann an das Land zu verwüsten. Noch waren sie erst wenige Tage in Attika, da sing zuerst die Seuche an sich unter den Athenern zu zeigen, und sie soll zwar, wie erzählt wird, schon früher zu mehreren Malen auf Lemnos und auch ander, wärts ausgebrochen sein, aber seit Menschengedenken war keine solche Pest und kein solches Sterben irgendwo vorgekommen. Denn auch die Aerzte vermochten Anfangs Nichts auszurichten, da sie die Krankheit behandelten, ohne sie zu kennen, sondern grade sie starben am häufigsten weg, da sie ja auch am meisten mit ihr in Berührung kamen. Und auch keine andere menschliche Kunst wollte helfen. Alles Beten in den Tempeln, Orakelbefragen und dergleichen war Alles nutzlos, und endlich, vom Uebel ganz bewältigt, unterließ man auch das.
 
430 v. Chr. Zuerst soll sie sich, wie erzählt wird, in Aethiopien jenseits AegMen gezeigt haben, dann stieg sie nachAegypten und Libyen hinab und in viele Länder des persischen Königs. In die Stadt der Athener aber kam sie ganz plötzlich, und zwar befiel sie zuerst die Leute im Piräeus, so daß unter diesen sich Stimmen vernehmen ließen, als hätten die Pcloponnesier Gift in die Cisternen geworfen, — denn Brunnen gab es damals dort noch nicht. Bald kam sie aber auch in die obere Stadt, und es starben nun schon viel mehr Menschen daran. Mag nun aber über die Krankheit, wo sie wahrscheinlich ihren Ursprung genommen, und über die Ursachen, die eine so große Veränderung zu bewirken die Kraft hatten, Jeder reden, wie er denkt, sei er Arzt oder Laie, — ich will hier nur erzählen, wie sie sich gezeigt hat, und will sie so schildern, daß Einer, wenn sie einmal wiederkommen sollte, genug von ihr wisse, um sie nicht zu verkennen; denn ich selbst habe sie über« standen uud habe auch Andere gesehen, die daran Niederlagen.
 
Wie einstimmig anerkannt wurde, war das Jahr in Bezug auf sonstige Krankheiten ein vorzüglich gesundes, und wenn Einer an sonst etwas litt, so schlugen alle Uebel in dies Eine um. Die Andern aber ergriff ohne irgend welche Veranlassung, sondern ganz plötzlich und in voller Gesundheit, zuerst eine starke Hitze im Kopfe und Nöthe und Entzündung der Augen. Die innern Theile, Schlund und Zunge, unterliefen dann sogleich mit Blut, und der Athem wurde schlecht und übelriechend; dann folgten Niesen und Heiserkeit, und binnen Kurzem stieg das Uebel in die Brust hinab, unter starkem Husten, und wenn es sich aus den Magen gesetzt hatte, kehrte es diesen um, und es erfolgten nach einander alle die Entleerungen der Galle, wie sie von den Aerzten mit Namen ausgezählt werden , und zwar unter großen Schmerzen. Die Meisten befiel ein leeres Schluchzen und dics verursachte einen heftigen Krampf, der bei den Einen bald, bei den Andern aber erst nach langer Zeit nachließ. Aeußerlich war der Körper nicht sehr heiß zum Anfühlen nnd auch nicht blaß, sondern geröthet und in's Blcisarbige spielend, uud in kleine Blasen und Geschwüre aufgefahren. Innerlich aber litt man solchen Brand, daß man nicht einmal die Bedeckung ganz leichter Gewänder oder der feinsten Leinwand ertragen und nur völlige Nacktheit leiden mochte; am liebsten hätte man sicb in kaltes Wasser gestürzt, und das thaten auch Viele von denen, deren Niemand Acht hatte, indem sie in die Brunnen sprangen, von unauf- 430 v. Chr. hörlichem Durste gequält. Und es war ganz gleichgültig, ob Einer viel trank oder wenig. Ruhelosigkeit und Mangel an Schlaf quälten unaufhörlich. Der Körper selbst, wie lange auch die Krankheit schon währte, welkte nicht, sondern leistete über Erwarten dem Verderben Widerstand, so daß die Meisten erst am neunten oder siebenten Tag an innerem Brande starben, obgeich sie sonst noch bei Kräften waren, oder — wenn sie hier entrannen, so stieg die Krankheit in den Unterleib hinab, und dann bildeten sich große Geschwüre, und nichtzustillender Durchsall trat ein, in dessen Folge die Meisten später aus Entkräftung zu Grunde gingen. Denn den ganzenKörper durchlief das Uebel, anfangend beim Kopfe, wo es sich zuerst festsetzte; und wenn Einer über das Schlimmste hinausgekommen war, so zeigte sich dies an, indem das Uebel die äußersten Körpertheile befiel; denn es ergriff die Scham- theile und die Finger und die Zehen, und Viele kamen mit dem Verluste dieser Gliedmaßen davon, Manche aber verloren auch die Augen. Einige ergriff, nachdem sie Alles überstanden, augenblicklich Vergessen» heit aller Dinge, und sie kannten sich selbst und ihre nächsten Angehörigen nicht mehr.
 
Daß die Besonderheit dieser Seuche über alle Beschreibung geht, zeigt sich schon darin, daß sie den Einzelnen mit einer Gewalt anfiel, welche die menschliche Natur nicht zu ertragen vermochte; daß sie aber etwas ganz Unerhörtes war, beweist das Folgende. Von den Vögeln und Vierfüßlern, welche sonst von Leichnamen fressen, rührte keiner die vielen unbegrabenen Todten an, oder wenn das Thier davon sraß, so verendete es selbst. Beweis dafür ist das unzweifelhafte Verschwinden von dergleichen Vögeln, und man sah weder sonstwo einen, noch auch in der Nähe der Leichnam. Am deutlichsten war diese Wirkung bei den Hunden wahrzunehmen, weil sie in Gesellschaft der Menschen leben.
 
Dies war im Ganzen die Art der Krankheit, um von vielen andern seltsamen Dingen zu schweigen, die dabei vorzugsweise dem Einen oder dem Anderen zustießen. Zu gleicher Zeit hatte man von den sonst gewöhnlichen Krankheiten Nichts zu leiden, und wenn etwas der Art vorkam, so schlug es in jene um. Es starben aber wie die, denen es an Pflege mangelte, so auch die mit aller Sorgfalt Gevflea« ThukydideZ. II. 12 430 v. Chr. ten. Es gab auch nicht cm besonderes Heilmittel, von dem man sagen konnte, daß sein Gebrauch hätte nützen müssen; denn was dem Einen nützte, erwies sich dem Andern schädlich. Die Leibesbeschaffcnheit für sich genommen, war es ganz gleichgültig, ob Einer kräftig war oder schwächlich, sondern Alles ohne Unterschied raffte die Seuche dahin, ob sich nun Einer so oder so behandeln ließ. Das Furchtbarste dabei war aber die Muthlosigkeit, wann sich Einer von dem Uebel ergriffen fühlte, — dein dann überließ man sich allsogleich der Hoffnungslosigkeit, gab sich über Gebühr selbst auf und leistete keinen Widerstand, — und daß, Einer durch die Pflege des Andern angesteckt, die Menschen dahinstarben wie die Schafe. Das war es, was den stärksten Verlust verursachte. Denn wenn man aus Furcht sich den Andern zu nähern vermied, so gingen diese in ihrer Verlassenheit zu Grunde, wie denn viele Häuser aus Mangel an Wärtern ganz ausgestorben waren. Wer aber sich jenen näherte, ging auch zu Grunde, und besonders die, welche den Tugendpflichten ein Genüge leisten wollten; denn aus Scham schonten sie sich selbst nicht und besuchten ihre Freunde, da auch die nächsten Anverwandten, überwältigt von dem endlosen Elende, des Klagens über die Gestorbenen müde wurden. Größeres Mitleid aber, mit den Gestorbenen sowohl wie mit den noch Leidenden, hatten die Geretteten, weil sie das Uebel kannten und sich selbst bereits in Sicherheit wußten. Denn zum zweiten Male befiel Keinen die Krankheit so, daß er daran gestorben wäre. Und die Andern und sie selbst priesen sich glücklich, vor großer Freude über die Gegenwart sowohl, als auch weil sie der Hoffnung lebten, daß ihnen nun vielleicht keine Krankheit mehr tödtlich werden könnte.
 
Es bedrängte sie aber zudem vorhandenen Elend mehr noch der Zusammenfluß von Menschen vom Lande nach der Stadt, und nicht weniger litten dadurch die Ankömmlinge selbst. Denn da die Häuser für sie nicht hinreichten, sondern sie sich zur Sommerszeit in dumpfigen Hütten aushalten mußten, so gingen sie in wüstem Unwesen zu Grunde, ja sogar aus und über einander starben sie dahin und blieben als Leichen liegen, oder sie wälzten sich auf den Straßen und um alle Brunnen, halbtodt aus Begierde nach Wasser. Die Tempel, in denen sie ein Unterkommen gesucht hatten, waren gestillt mit Leichen, da sie an heiliger Stelle dahin starben. Denn ganz überwältigt von 430 v. Chr. dem Elend wußten die Menschen nicht, was da noch werden sollte, < und fingen an sich nm göttliche wie um menschliche Dinge nicht mehr zu kümmern. Alle gesetzlichen Gebräuche, die man früher bei Begräbnissen beobachtet hatte, wurden vernachlässigt, und Jeder begrub seine Todten, wie er eben konnte. Viele ans Mangel an den nöthigen Erfordernissen, da ihnen schon zu Viele gestorben waren, wurden so schamlos, daß sie ihre Todten auf fremde Scheiterhaufen legten und diese in Brand steckten, ehe noch die dazu kommen konnten, welche sie ausgerichtet hatten, oder auch warfen sie ihren mitgebrachten Leichnam aus den ersten besten brennenden Scheiterhaufen und machten sich davon.
 
Auch in andern Dingen war die Seuche für die Stadt der Anfang vermehrter Gesetzlosigkeit. Denn womit Einer früher geheim gethan hatte, darin ließ er jetzt schon mit größerer Frechheit seiner Lust die Zügel schießen, weil er sah, wie schnell ein Glückswechsel eintrat, wie die Reichen plötzlich dahinstarben, und solche, die früher Nichts besessen, jener Hab und Gut in Besitz nahmen. So trachteten sie also ihre Genüsse zu beschleunigen und deren Süßigkeit zu erhöhen, denn Leib und Gut sahen sie beides gleich schnell vergänglich. Und um des Guten und Rühmlichen wegen sich einer Mühe zu unterziehen, war Keiner geneigt, da er es für ungewiß hielt, ob er nicht zu Grunde gehen werde, bevor er das Ziel erreicht habe. Was aber schon an sich selbst angenehm war oder irgendwie dem Genuß förderlich schien, das galt auch sür schön und nützlich. Weder Furcht der Götter noch menschliches Gesetz hielt da Einen zurück, denn weil man Alle in gleicher Weise umkommen sah, so urtheilte man auch, daß es gleichgültig sei, ob man die Götter fürchte oder nicht fürchte, und Keiner hoffte so lange zu leben, bis er wegen seiner Verbrechen vor Gericht gestellt und gestraft würde; vielmehr sah er eine bereits fest verhäugte und viel größere Strafe über seinem Haupte schweben, und bevor diese hereinbreche, sei es doch billig, daß man seines Lebens noch in etwas genieße.
 
In solchem Elend lebten die bedrängten Athener: in der Stadt starben die Menschen dahin, und draußen wurde ihnen das Land verwüstet. In dieser Noth erinnerten sich auch, wie leicht zu denken, die älteren Leute des Wahrspruchs, der vor Zeiten sollte gegeben worden sein: 12*
 
430 v. Chr. „Kommen wird einstmals dorischer Krieg lind mit ihm die Seuche." Hierüber entstand nun ein Streit unter den Leuten, es habe in dem von den Alten überlieferten Wahrspruch nicht geheißen „die Seuche" (loimos), sondern „der Hunger" (liinos); unter den gegenwärtigen Umständen siegte aber natürlich die Meinung, es habe geheißen, „die Seuche." Denn das Gedächtnis; der Menschen war willig, sich nach tem gegenwärtigen Leiden zu richten, und ich glaube, wenn später wieder einmal ein dorischer Krieg käme und dabei eine Hungersnoth ansbräche, so würde man ganz gewiß die Weissagung danach zustutzen. Wem aber die Sache bekannt war, der erinnerte sich auch des den Lakedämoniern gegebenen Götterspruches, als ihnen damals, da sie den Gott befragten, ob sie den Krieg anfangen sollten oder nicht, zur Antwort wurde: wer mit Macht den Krieg betreibe, dessen werde der Sieg sein, und dem werde auch der Gott selbst beistehen; — und diese urtheilten nun, daß das Eingetroffene der Weissagung ganz entspreche, denn gleich nach dem Einfalle der Peloponnesier fing auch die Seuche an, und im Peloponnes trat sie nicht so auf, daß es der Rede werth gewesen wäre, sondern wüthete grade am ärgsten in Athen, und dann später auch in den volkreichsten anderen Städten. Das ist's, was von der Pest zu berichten war.
 
Die Peloponnesier nun, nachdem sie das flache Land verwüstet, zogen sich nach der Landschaft, welche das Seeland genannt wird, bis nach Laurion hinab, wo die Athener ihre Silbergruben haben, und verheerten zuerst die Seite, welche gegen den Peloponnes hin schaut, und dann die, welche gegen Enböa und Andros gekehrt ist. Perikles aber, der auch für dies Jahr Feldherr war, blieb bei seiner Meinung, daß die Athener nicht aus der Stadt gehen dürften, um jene anzugreifen, wie auch während des ersten Einsalles.
 
Während jene aber noch in der Ebene lagen, und bevor sie sich nach dem Seelande gezogen hatten, rüstete er eine Flotte von hundert Schiffen zum Augriff auf den Peloponnes, und als sie nun bereit war, ging er unter Segel. Aus diesen Schiffen führte er 4000 athenische Schwerbewaffnete und drei Hundert Reiter auf Fahrzeugen, die damals aus alten Schiffen zum ersten Male für Pferde eingerichtet worden waren. Die Chier und Lesbier schifften mit fünfzig Segeln mit. Als diese Unternehmung der Athener abging, ließ sie die Pelo ponnesier im Küstengebiet von Attika zurück. Im Peloponnes lan­ 430v. Chr. deten sie bei Epidauros und verheerten weithin das Land, griffen auch die Stadt an, und es hatte zwar den Anschein, als ob sie dieselbe würden nehmen können, aber es gelang ihnen nicht. Von Epidauros schifften sie weiter und verheerten das Gebiet von Tränen, Halias und Hermione, lauter Städte, an der peloponnesischen Küste gelegen. Von da gingen sie wieder unter Segel und kamen nach Pyrajla, einem Lakedämonischen Seestädtchen, verwüsteten das Land, nahmen das Städtlcin und zerstörten es. Nachdem sie dies ausgerichtet, kehrten sie nach Hause zurück, trafen aber die Peloponnesier nicht mehr ans attischem Boden, sondern bereits abgezogen.
 
Während der ganzen Zeit, als die Peloponnesier auf attischein Gebiet waren und die Athener aus den Schiffen, würgte die Seuche die Athener sowohl ans der Flotte als in der Stadt, so das; auch behauptet wurde, die Peloponnesier hätten das Land schneller geräumt aus Furcht vor der Krankheit, deren Austreten in der Stadt sie durch Ueberläufer erfuhren, während sie auch selbst die mit dem Begraben Beschäftigten sehen konnten. Doch waren sie bei dem diesjährigen Einfalle die längste Zeit im Land geblieben, denn ihr Aufenthalt auf attischem Boden hatte ungefähr vierzig Tage gewährt.
 
Noch in demselben Sommer nahmen Hagnon, Sohn des Nikias, und Theopompos, des Kleinias Sohn, die Mitseldherrn des Perikles, dieselben Schiffe, mit welchen dieser seine Unternehmungen ausgeführt hatte, und zogen gegen die Chalkidier an der thrakifchen Gränze und gegen Potidäa, das immer noch belagert wurde. Als sie gelandet waren, ließen sie ihr Sturmzeug gegen Potidäa spielen und suchten die Stadt ans jegliche Weise zu nehmen. Aber es gelang ihnen weder die Einnahme derselben, noch hatten sie sonst einen Erfolg, der ihre Rüstung gelohnt hätte. Denn die mitgebrachte Krankheit bedrängte hier die Athener aus's Aergste und lichtete ihre Reihen, ja auch die alten Belagerungstrnppen, die bis dahin gesund gewesen waren, wurden durch die Mannschaft des Hagnon angesteckt. Phormion mit seinen sechzeynhundert Mann stand nicht mehr im Gebiet der Chalkidier. So kehrte nun Hagnon mit den Schissen nach Athen zurück, nachdem er in ungefähr vierzig Tagen von vier Tausend Schwerbewaffneten fünfzehn Hundert durch die Seuche verloren hatte. Die 430 v. Chr. alte Truppe aber bli.b am Platz, die Belagerung von Potidäa fortzusetzen.
 
Nach dem zweiten Einfalle der Peloponnesier fingen die Athener an, anderes Sinnes zu werden, da ihr Land nun schon zum zweiten Male verheert worden war, und mit dem Kriege auch die Seuche sie bedrängte. Sie klagten den Perikles an, daß er sie zum Kriege beredet habe, und durch sein Verschulden sei so viel Unglück über sie gekommen; und mit den Lakedämoniern hätten sie sich gerne verglichen. Auch schickten sie wirklich Gesandte dahin, aber ohne etwas auszurichten. Jetzt waren sie durchaus unschlüssig und hörten nicht aus dem Perikles zuzusetzen. Da er nun sah, wie sie die gegenwärtige Lage unwillig ertrugen, und sich ganz so benahmen, wie er es im Voraus vermuthet hatte, so berief er eine Versammlung, — denn er war noch Feldherr, — um ihnen Muth einzusprechen, ihren Unwillen abzuleiten und sie gemäßigter und vertrauensvoller zu stimmen. Er trat also auf, und redete wie folgt:
 
„Euer Unwille gegen mich kommt mir nicht unerwartet, denn ich kenne dessen Ursachen, nnd deshalb habe ich die Volksversammlung berufen, um euch zur Rede zu setzen nnd zurechtzuweisen, wenn ihr mir mit Unrecht zürnt oder feige vor dem Mißgeschick weichet. Denn ich bin der Meinung, daß ein Staat, der im Ganzen sich wohlbefindet, den einzelnen Bürgern viel mehr zu nützen vermag, als ein solcher, dessen einzelne Bürger alle wohlhabend sind, mit dem es aber im Ganzen schlecht steht Denn geht es auch dem einzelnen Manne für sich noch so gut, so ist er beim Untergange des Vaterlandes doch mit verloren, geht es ihm aber schlecht, so hat er in einem glücklichen Staate viel mehr Gelegenheit sich aufzuhelfen. Wenn nun also der Staat im Stande ist, das Unglück Einzelner zu übertragen, jeder Einzelne aber für sich unfähig ist. das des Staates zu übertragen, sollen dann nicht Alle für ihn einstehen und das vermeiden, was ihr jetzt thut, daß ihr euch durch häusliches Unglück so weit verwirren lasset, das gemeinsame Wohl ganz außer Augen zu lassen, und auf mich, der ich den Krieg veranlaßt habe, und auf euch selbst, die ihr mit dafür gestimmt habt, unwillig zu sein? Und einem Manne zürnet 17) Vgl. Macaulay, E's.'yS I, 101 (Lci.'Z. Tauchilitz) Kr. ihr, der doch in Erkenntnis; dessen, was nöthig ist, und in der Kunst, 430 v. Chr. es auseinanderzusetzen, Niemanden nachsteht, der sein Vaterland liebt und über Gewinnsucht erhaben ist! Denn wer zwar Einsicht hat, aber Andere nicht belehren kann, der ist gerade so gut, als wenn er kein Verständnis; hätte; wer aber beides hat und dabei dem Staate nicht treugesinnt ist, der kann wohl auch nichts Vortheilhaftes vorbringen ; und wer auch das Dritte noch dazu besitzt, vom Gelde aber bestochen wird, der würde für dies Eine Alles Andere zu verkaufen bereit sein. Wenn ihr also damals meiner Aufforderung zum Kriege nachgabt, weil ihr der Ansicht wart, daß ich jene Eigenschaften auch nur in mäßig höherem Grade als Andere besitze, so kann ich jetzt wohl eure Beschuldigungen als ein Unrecht gegen mich zurückweisen."
 
„Wenn Einer, der sonst im Glücke ist, die freie Wahl hat, so ist es eine große Thorheit, den Krieg zu wählen; wenn aber keine andere Wahl da ist, als durch Nachgeben sich dem Fremden zu unterwerfen oder mit der Gefahr des Kampfes den Sieg zu suchen, so ist der, welcher die Gefahr meidet, schlechter als wer sich ihr stellt. Ich für mein Theil bin derselbe geblieben und ändere meine Grundsätze nicht, ihr aber wechselt eure Gesinnungen; denn als ihr im Glücke wäret, ließt ihr euch von mir überreden, und nun, da ihr Verluste erlitten habt, wandelt euch Neue an, und nur in eurer eigenen Gesinnungsschwäche erscheint euch meine Ansicht als unrichtig, weil für Verluste Jeder im Augenblicke Empfindung hat, Alle zusammen aber keine Vorstellung von dem zukünftigen Nutzen. Tritt ein bedeutender Umschwung ein, und dazu noch plötzlich, so ist eure Denkart zu niedrig, als daß ihr aus dem beharrtet, was ihr für gut erkannt habt. Denn was plötzlich und unvorhergesehen und ganz und gar gegen alle Erwartung eintritt, das beugt den Muth nieder; und das ist euch, wie bei andern Dingen, so auch vorzüglich bei der Pest geschehen. Und doch solltet ihr, als Bürger einer großen Stadt und in den entsprechenden Gesinnungen auferzogen, auch den größten Unfällen die Stirne bieten und eure Würde nie verläugnen, — denn mit gleichem Rechte tadeln die Menschen denjenigen, der aus Feigheit hinter ererbtem Ruhme zurückbleibt, als sie den hassen, der frechmüthig nach dem Ruhme greift, der ihm nicht gebührt. Ihr solltet also eigene Unfälle verschmerzen und nur das Ganze zu retten streben."
 
430 v. Chr. „Was aber die Anstrengungen des Krieges wegen betrifft, von denen ihr besorgt, daß sie zu groß für uns werden, und wir vielleicht doch nicht Sieger bleiben möchten, so muß euch das genügen, wodurch ich euch schon früher ost gezeigt habe, daß eure Furcht ungegründet ist. Ich will aber jetzt den Punkt aushellen, den ihr mir weder selbst jemals recht zu bedenken schienet, nämlich die Größe eurer wirklichen Macht, und über den auch ich in meinen früheren Reden nicht gesprochen habe. Und auch jetzt würde ich ihn nicht hervorziehen, da es zu sehr den Anschein der Prahlerei hat, wenn ich euch nicht ganz über alle Gebühr niedergeschlagen sähe. Ihr glaubet nämlich, daß ihr nur über eure Bundesgenossen herrschet; ich aber sage, daß von den zwei Gebieten, auf denen man sich bewegen muß, Land und Meer nämlich, ihr das eine ganz und gar bherrschr, so weit ihr bis jetzt reicht, und noch weiter, wenn ihr nur wollt. Es gibt heute Niemanden, der eurer jetzigen Flotte die See wehren könnte, weder einen König noch auch sonst ein Volk. Es kommt also die Benutzung der Häuser und der Ländereien, mit denen ihr so gar viel verloren zu haben glaubt, neben dieser eurer Macht gar nicht in Betracht. Und es ist nicht in der Ordnung, daß ihr diesen Verlust so gar schwer empfindet; vielmehr solltet ihr dergleichen gering achten, wie allenfalls ein Gärtchen oder ein Prunkstück des Reichthums, und denken, daß die Unabhängigkeit, wenn wir an ihr festhaltend den Kampf überdauern, uns leicht dergleichen wiederbringen wird, daß aber, wenn wir erst Anderen gehorchen, auch der frühere Besitz seinen Werth verliert. Wir dürfen in beiden Dingen nicht schlechter fein als unsere Väter, die jenes unter Mühe und Anstrengung erworben, nicht von Andern ererbt, festgehalten und glücklich auf uns gebracht haben. Es ist aber viel schimpflicher, sich nehmen zulassen, was man hat, als beim Versuche es zu erwerben unglücklich zu sein. Und unseren Feinden müssen wir nicht nur mit hochherziger Unerschrokceuheit, sondern sogar mit Verachtung entgegen gehen. Prahlen kann auch einmal ein Feiger, wenn er, ohne die Gefahr kennen gelernt zu haben, glücklich gewesen ist, verachten aber nur der, der an einsichtigem Muthe den Feind zu übertreffen sich bewußt ist; und das ist bei uns der Fall. Auch die Kühnheit wird bei gleichem Glücke durch das Bewußtsein, auf den Gegner herabsehen zu können, sicherer gemacht; auf die Hoffnung baut das Bewußtsein weniger, denn deren Kraft zeigt sich nur in ganz un- 430 v. Chr. gewisser Lage, wohl aber auf den Muth, der sich faus Kenntnis; der vorhandenen Mittel gründet, in deren vorsorglicher Beischaffung die eigentliche Kraft liegt."
 
„Es versteht sich aber von selbst, daß ihr die Ehre, welche unserer Stadt aus der Herrschaft erwächst, und mit der ihr alle großthut, nicht im Stiche lassen dürfet, und keine Mühe scheuen, wenn ihr nicht überhaupt das Streben nach Ehre ausgeben wollet. Auch deutet nicht, daß es bei diesem Kampfe sich nur um Eines drehe, eigene Abhängigkeit oder Unabhängigkeit, — nein, es handelt sich auch um den Verlust der Herrschaft über Andere und um die Gefahren, die der Haß mit sich bringt, welchen unsere Herrschaft uns zugezogen hat; und diese aufzugeben, dazu ist jetzt gar keine Zeit mehr, wenn es auch vielleicht unter den gegenwärtigen Umständen Einer aus Furcht und aus biedermännischer Liebe zur Unthätigkeit thun möchte. Denn eure Herrschaft ist bereits eine Zwangsherrschaft geworden, und solche an sich zu reißen gilt zwar für Unrecht, allein sie aufzugeben ist gefahrvoll. Dergleichen Leute, wenn sie irgendwo nach ihrer Weise ein freies Staatswesen hätten und ihre Mitbürger mit ihren Meinungen ansteckten, sollten ihren Staat bald zu Grunde gerichtet haben! Denn solche Unthätigkeit kann die Freiheit des Staates nicht erhalten, wenn nicht eine rührige Thatkraft daneben steht; und nicht in einem herrshcenden Staate, sondern in einem unterworfenen ist gefahrlose Dienstbarkeit von Nutzen."
 
„Ihr aber laßt euch von so denkenden Mitbürgern nicht zum Narren halten und hegt keinen Unwillen gegen mich, — denn ihr selbst habt mit mir den Krieg beschlossen, — wenn auch die Feinde eingefallen sind und gethan haben, was zu erwarten stand, da ihr ihnen einmal nicht nachgeben wolltet. Es ist aber über unsere Erwartung auch noch diese Seuche hinzugekommen, das Einzige, was uns in schrecklicherer Art betroffen hat, als wir Alle voraussehen konnten; und ich weiß, daß ich von einem Theil eben deshalb noch mehr gehaßt werde; aber nicht mit Recht, ihr müßtet denn auch das mir zuschreiben, wenn euch gegen Erwarten irgend ein Glück zu Theil wird. Was von den Göttern kommt, muß man mit Ergebenheit, was von den Feinden kommt, mannhaft ertragen. So wenigstens 430 v. Chr. war es früher in dieser Stadt Sitte, und ihr wollt es doch nicht ab« stellen? Bedeutet, daß sie unter allen Menschen den größten Namen hat, weil sie dein Unglücke nie gewichen ist; daß sie im Kriege an Menschenleben und Anstrengungen die größten Opfer gebracht hat, und bis auf diesen Tag eine Macht erworben, deren Andenken bei den Nachkommenden nie erlöschen wird, auch wenn mir jetzt einmal etwas zurückgehen sollten, denn Alles, was entstanden ist, muß ja auch einmal niedergehen. Wir sind es, die unter den Hellenen über die größte Zahl von Hellenen geherrscht und in den schwersten Kriegen der Gesammtheit wie den Einzelnen widerstanden haben, und so haben wir diese Stadt, die wir bewohnen, in allen Stücken zur blühendsten und größten gemacht. Das Alles mag freilich der tadeln, der die Thätigkeit für den Uebel halt; wer aber etwas ausrichten will, der wird uns selbst nacheifern, und wer im Erwerben nicht so glücklich ist, der wird uns beneiden. Daß wir aber gehaßt und scheel angesehen werden unter den jetzigen Umständen, das ist das Loos noch Aller gewesen, die je über Andere zu herrschen wünshcten. Wer aber um die größten Dinge Neid auf sich nimmt, der hat das Rechte gewählt; denn Haß dauert nicht lange aus, der gegenwärtige Glanz aber und der zukünftige Ruhm lebt ewig im Gedächtniß der Menshcen. Ihr also bedenket voraus, was in der Zukunft euch Ruhm und für die Gegenwart keine Schande bringt, und nach beiden strebet jetzt schon mit allem Eifer. Mit den Lakedämoniern fanget keine Unterhandlungen an, noch dürst ihr zeigen, daß die gegenwärtigen Unfälle euch niederdrücken; denn wer vom Unglück den Muth sich am wenigsten bengen läßt und ihm mit der That am kräftigsten widerstrebt, die sind unter Staaten und unter Bürgern die besten."
 
Durch solcherlei Reden suchte Perikles den Unwillen der Athener gegen sich zu entkräften und ihre Gedanken von den augenblicklichen Uebeln abzuleiten. In den öffentlichen Angelegenheiten nun folgten sie seinen Worten und schickten nicht weiter mehr zu den Lakedämoniern, sondern rüsteten sich noch eifriger zum Kriege; für sich aber blieb jeder von seinen eigenen Leiden niedergedrückt: das gemeine Volk, weil es nur Weniges besessen nnd auch das noch verloren hatte, die Reichen, weil sie sich ihrer schönen Besitzungen, ihrer Häuser auf dem Lande und der kostbaren Einrichtungen beraubt sahen, und, was von Allem das Wichtigste, weil sie Krieg hatten anstatt des 430 v. Chr. Friedens. Und in der That hörten sie insgesammt nicht eher aus, ihn mit ihrem Unwillen zu verfolgen, als bis sie ihn um eine Summe Geldes gestraft hatten. Wie es aber der große Haufe zu machen pflegt, so wählten sie ihn nicht lange danach wieder zum Feldherrn und übertrugen ihm alle Staatsgeschäfte; denn über das, was Jeder in seinem Häuslichen zu leiden hatte, dachten sie bereits milder, den Bedürfnissen des Staates aber glaubten sie, sei er am besten gewahcsen. Und in der That, so lange er im Frieden dem Staate vorstand, lenkte er ihn mit Mäßigung und bewahrte ihn mit sicherer Hand vor Unheil, und unter seiner Regierung erreichte er seine größte Macht. Als aber der Krieg eintrat, so zeigte es sich, daß er auch hierin die Kräfte des Staates vorher richtig geschätzt hatte. Er lebte aber während desselben noch zwei Jahre und sechs Monate, und als er gestorben war, da wurde seine Voraussicht in Betreff des Krieges erst recht erkannt; denn er hatte behauptet, wenn die Athener sich sonst ruhig verhielten, nur auf die Flotte Bedacht nähmen, während des Krieges ihre Herrschaft nicht weiter ausbreiten und die Stadt selbst keiner Gefahr aussetzen wollten, so würden sie Sieger bleiben. Sie aber wendeten dies Alles in's Gegentheil um und unternahmen aus persönlichem Ehrgeize und um des eigenen Aortheils willen andere Dinge, die mit diesem Kriege gar nicht im Zusammenhang standen, zu ihrem eigenen und ihrer Bundesgenossen Unglück, — Dinge, die, wenn sie gelangen, den Einzelnen zwar Ehre und Nutzen mehren konnten, wenn sie aber mißlangen, dem Staate für den Verlauf des Krieges zum Schaden gereichten. Die Ursache davon war, das; jener, an Ansehen und Einsicht hervorragend, unbestechlich war wie kein Anderer und die Menge durch seinen Freimuth im Zaume hielt. Er wurde nicht von jener gelenkt, sondern lenkte sie vielmehr selbst, weil er nicht durch unerlaubte Mittel zu seiner Macht gelangt war und ihnen deshalb nicht zu Gefallen reden mußte, sondern sich das Recht nahm, ihnen auch mit Leidenschaft zu widersprechen. Wenn er nun merkte, daß sie zur unrechten Zeit aus Uebermuth waghalsig werden wollten, so schlug er durch seine Reden ihre Stimmung bis zur Zaghaftigkeit nieder, und sah er sie in übertriebener Furcht, so richtete er sie wieder zur Kühnheit auf. So gab es dem Namen nach eine Volksherrschaft, in der 430 v. Chr. That aber ging vom ersten Manne die Herrschaft aus. Die aber nach ihm kamen, mehr Einer mit dem Andern gleiches Ranges waren und doch Jeder der Erste werden wollten, fingen an dem Volke zu Gefallen ihm die Staatsangelegenheiten in die Hände zu geben, weshalb, wie es in einem großen und Andere beherrshcenden Staate natürlich ist, sowohl viele andere Fehler begangen wurden, als auch besonders die Seeunternehmung gegen Sicilien. Bei dieser lag aber der Fehler nicht sowohl in der Absicht rücksichtlich derer, gegen welche der Zug unternommen wurde, als vielmehr darin, daß die Unternehmer hinterher die Sache des abgegangenen Heeres nicht im Auge behielten, sondern unter lauter Ränken der Einzelnen um den Vorrang beim Volke die Kraft des Heeres todt legten und wegen der Staatsangelegenheiten zuerst unter sich selbst in Zerwürsniß geriethen. Obgleich sie nun in Sicilien sowohl ihre übrige Kriegsrnstung als auch den größten Theil der Flotte einbüßten, und auch bereits zu Haus unter ihnen Zwiespalt herrschte, so widerstanden sie doch noch drei Jahre ihren früheren Feinden und den Sikelioten noch dazu, während gleichzeitig auch die meisten ihrer Bundesgenossen zu jenen übergegangen waren und auch des Perserkönigs Sohn, Kyros, sich denselben angeschlossen hatte, der den Peloponnesiern Geld zu einer Flotte gab. Und nicht eher gaben sie nach, als bis sie durch ihre eigenen Zwistigkeiten ganz und gar herabgekommen waren. Soweit war Penkles damals noch unter der Wirklichkeit zurückgeblieben, als er voraus berechnete, daß sie im Kriege gegen die Pcloponnesier allein sehr leicht den Sieg behalten würden.
 
Die Lakedämonier aber und ihre Bundesgenossen gingen desselbigen Sommers mit Hundert Schiffen unter Segel gegen Zakynlhos, der Insel gegenüber von Elis. Es wohnen dort Ansiedler aus den Peloponnesischen Achaiern, und damals hielten diese zu den Athenern. Die Lakedämonische Flotte führte Tausend Schwerbewaffnete, und der Spartaner Knemos hatte den Oberbefehl. Sie stiegen an's Land und verheerten weithin die Insel; da aber jene nicht nachgaben, so schifften sie nach Hause zurück.
 
Gegen Ende desselben Sommers wollten Aristeus, der Korinther, und von den Lakedämoniern als Abgesandte Aneristos und ^^ikolaos und Stratodemos und der Tegeate Timagoras und mit ihnen anS persönlicher Bewegung Es auch der ArgiverPolliszum Könige 430 v. Chr. nach Asien reisen, ob sie ihn vielleicht bewegen möchten, Hülfsgelder zn zahlen und mit ihnen am Kriege theilzunehmen. Auf dem Wege dahin gingen sie zuerst nach Thrakien zum Sitalkes, dem Sohne des Teres, um ihn wo möglich zu überreden, daß er von der Bundes- genostenschast mit den Athenern abfalle und ein Heer nach Potidäa schicke, wo noch die Belagerungstruppen der Athener standen. Von hier ans wollten sie dann durch jenes Vermittelung über den Hellespont zum Pharnakes, des Pharnabazos Sohn, gelangen, der sie dann weiter zum Hofe des Königs befördern sollte. Es waren aber auch gerade Gesandte der Athener bei dem Sitalkes, Learchos nämlich, Sohn des Kallimachos, und Ameiniades, des Philemon Sohn, und diese überredeten den Sohn des Teres, Sadokos, der athenischer Bürger geworden war, ihnen jene Männer in die Hände zu liesern, damit sie nicht zum Könige gelangen und der Stadt Schaden zufügen möchten , die ja zum Theil auch für ihn Vaterstadt sei. Dieser ließ sich überreden und jene aus der Reise durch Thrakien zu dem Schiffe, welches sie über den Hellespont bringen sollte, bevor sie sich einschiffen konnten, festnehmen, indem er dem Learchos und dem Ameiniades Leute mitgab, welche den Befehl hatten, ihm jene Männer auszuliefern. Tiefe nahmen die Gefangenen und brachten sie nach Athen. Als sie dort ankamen, ließen die Athener aus Furcht, Aristeus möge, wenn er ihnen entkäme, ihnen noch weiteren Schaden zufügen, — denn in der That hatte es sich gezeigt, daß er vordem wegen Potidäa's und Thrakiens Alles eingefädelt hatte, — noch an demselben Tage Alle unangehört hinrichten, obwohl sie Einiges vorbringen wollten, und in Gruben werfen. Hierdurch wollten sie das mit Gleichem vergelten, womit die Spartaner den Anfang gemacht hatten, indem sie die Kauflente von den Athenern und ihren Bundesgenossen, die mit ihren Lastschiffen die peloponnesishcen Gewässer befuhren, ergriffen, tödteten und in Gruben warfen. Und in der That hatten zu Anfang des Krieges die Lakedämonier Alles, was sie auf dem Meere ergriffen, als Feinde umgebracht, mochten sie nun Kampfgenossen der Athener sein, oder zu keinem von beiden Theilen stehen. 18) Argos als Staat stand nämlich auf Seit: der Athener, vgl. l, 115.
 
431 v. Chr. Uni dieselbe Zeit, gegen Ende des Sommers, zogen auch die Amprakioten mit eigener Macht und mit vielen Barbaren, die sie ausgeboten hatten, gegen das amphilochische Argos und die übrig? Landschaft Amphilochia zu Felde. Der Anfang ihrer Feindschaft gegen die Argiver hatte diese Veranlassung. Das amphilockische Argos und den ganzen Staat Amphilochia gründete nach seiner Rückkehr von Troja, da er an den Zuständen von Argos keinen Gefallen fand, Amphilochos, des Amphiaraos Sohn, am Meerbusen von Amprakia und gab ihm nach seiner Vaterstadt den gleichen Namen Argos. Diese Stadt war die größte in Amphilochia und hatte auch die reichsten Einwohner. Um viele Geschlechter später aber geriethen sie durch Unglückssälle in Bedrängniß und luden ihre amprakischen Nachbarn ein, sich unter ihnen niederzulassen, und damals lernten sie ihre jetzige hellenische Sprache von den Amprakioten, die sich unter ihnen ansiedelten; die übrigen Amphilochier aber sind Barbaren. Nach einiger Zeit nun trieben die Amprakioten die Argiver aus und nahmen die Stadt selbst in Besitz, worauf sich die Amphilochier den Akarnanern ergaben und beide die Athener zu Hülfe riefen, die ihnen den Feldherrn Phormio mit dreißig Schiffen zusandten. Nach Phormio's Ankunft nahmen sie die Stadt Argos mit Gewalt und verkauften die Amprakioten in die Sklaverei, und seitdem bewohnten Amphilochier und Akarnaner die Stadt gemeinsam. Danach kam zuerst die Bundesgenossenschast zwischen Athenern und Akarnanern zu Stande. Seiden, aber damals ihre Leute als Sklaven verkaust worden waren, nährten die Amprakioten Haß gegen die Argiver, und später unternahmen sie in diesem Kriege den eben erwähnten Zug mit eigener Macht und mit Hülsstruppen der Chaoner und anderer benachbarter Barbaren. Sie rückten vor Argos und machten sich des Landes Meister, die Stadt aber konnten sie trotz ihrer Bestürmung nicht nehmen, und so zogen sie wiederum ab und gingen ein jeder Stamm in seine Heimath. Das war es, was in diesem Sommer geschehen ist.
 
In dem nun folgenden Winter schickten die Athener zwanzig Schiffe in die peloponnesischen Gewässer unter Anführung des Phormio, der sich bei Naupaktos aufstellte und Wache hielt, daß von Korinth und dem Krisäischen Meerbusen weder Jemand aus- noch einsegeln konnte. Andere sechs Schiffe sandten sie unter dem Ober befehl des Melesander nc^ch Karten und Linien, damit sie in jenen 430 v. Chr. Gegenden Geld eintreiben und Acht haben sollten, daß peloponnesiscke Kaperschiffe sich nicht festsetzten, um von dort aus die Fahrt der Kausmannsschiffe von Phaselis und Phönikien und dem dasigen Festlande zu beunruhigen. Als aber Melesander mit der Besatzung der athenischen Schiffe und mit Truppen der Bundesgenossen einen Einsall in die lykische Landschaft machte, so fiel er selbst, und mit ihm ging ein Theil des geschlagenen Heeres zu Grunde.
 
In demselben Winter vermochten die belagerten Potidäer sich nicht mehr zu halten, da die Einfälle der Peloponnesier in Attika ihnen keineswegs die Athener vom Hals schafften, ihnen selbst vielmehr die Nahrungsmittel ausgingen, und außer andern Dingen, welche die Noth zu genießen zwang, Einige sogar schon Menschensleisch gegessen hatten. Deshalb boten sie den gegen sie aufgestellen Feldherren der Aihener, Aencphon, dem Sohne des Euripides, Hestiodoros, dem Sohn des Aristokleides, und dem Phanomachos, des Kallimachos Sohn, die Hand zu einem Vergleiche. Und diese zeigten sich dazu auch willig, da sie sahen, wie ihre Truppen in der rauhen Gegend litten, und der Staat überdies schon zwei Tausend Talente auf die Belagerung ausgegeben hatte. Sie kamen nun dahin nberein, daß sie selbst mit Weib und Kind, sowie auch ihre Bundesgenossen, Jeder mit einer Gewandung, die Weiber aber mit zweien ausziehen sollten, und ein festgesetztes Stück Geld zur Wegzehrung durften sie auch mitnehmen. Unter dem Schutze dieses Vertrages nun zogen sie gegen Ehalkidike, oder wie es grade Einer einrichten konnte. Die Athener aber waren ungehalten über ihre Feldherrn, daß sie aus eigene Hand den Vertrag geschlossen, denn sie glaubten, die Stadt hätte sich doch auf Gnade oder Ungnade ergeben müssen. Später sandten sie Ansiedler aus ihrer Mitte nach Potidäa und besetzten damit die Stadt für sich.

Pusula

Üyelik

Dil ve Tema

Dil Seçimi
TR EN
Tema Seçimi