Kitap 2
Hier beginnt nun der wirkliche Krieg zwischen den Athenern und den Peloponnesiern und ihren beiderseitigen Bundesgenossen, in dem sie ohne Heroldsgeleit nicht mehr mit einander verkehrten und sich beständig in Waffen gegenüber- standen. Was sich darin im einzelnen ereignet hat, wird hier Jahr für Jahr nach Sommer und Winter der Reihe nach erzählt.
Vierzehn Jahre hatte der nach der Eroberung von Euboia geschlossene dreißigjährige Friede vorgehalten. Im fünfzehnten Jahre aber, als Drysis ahctundvierzig Jahre Priesterin in Argos, Ainesios Ephor in Sparta und das Amtsjahr des Archon ^Pythodoros in Athen bis auf vier Monate abgelaufen war, im sechsten Monat nach der Schlacht bei Potidäa, zu Anfang des Frühlings überfiel eine Anzahl bewaffneter Thebaner, etwas über dreihundert Mann, unter den Böotarchen Pythangelos, Phyleides' Sohn, und Diemporos, Onetorides' Sohn, das mit Athen verbündete böotische Platää und drang, als die Einwohner eben im ersten Schlafe lagen, in die Stadt. Bürger von Platää, Naukleides und seine Anhänger, waren es, die sie gerufen und ihnen das Stadttor geöffnet hatten, weil sie, um selbst ans Ruder zu kommen, ihre Gegner in der Bürger schaft stürzen und die Stadt den Thebanern in die Hände spielen wollten. Eurymachos, Leontiades' Sohn, ein besonders einflußreicher Mann in Theben, hatte dabei den Mittelsmann gemacht. Denn da die Thebaner den Krieg kommen sahen, wollten sie Platää, ihre alte Feindin, lieber im Frieden, bevor es förmlich zum Kriege käme, noch schnell in ihre Gewalt bringen. So konnten sie auch um so leichter unbemerkt in die Stadt gelangen, da keine Wachen ausgestellt waren. Als sie hier auf dem Markte haltmachten, forderten ihre Freunde, die sie gerufen hatten, sie dazu auf, gleich in die Häuser der Gegner zu dringen und kurzen Prozeß mit ihnen zu machen. Darauf gingen sie jedoch nicht ein, beschlossen vielmehr, eine versöhnliche Kundgebung zu erlassen, um die Bürgerschaft zu einem gütlichen Vergleich zu bewegen, und ließen auch öffentlich ausrufen, alle guten Böotier, welche für den alten Bund wären, möchten sich waffnen und ihnen anschließen. Auf diese Weise hofften sie die Stadt leicht zu sich herüberziehen zu können.
Als die Platäer gewahr wurden, daß die Thebaner ein gedrungen waren und ihre Stadt so im Handumdrehen erobert hatten, wurden sie bange, und weil sie die Zahl der Eingedrun genen im Dunkeln nicht deutlich erkennen konnten und für weit größer hielten, als sie wirklich war, verstanden sie sich zu einem Vergleich, gingen auf ihre Vorschläge ein und hielten sich ruhig, zumal man bis dahin noch keinem was zuleide getan hatte. Inzwischen überzeugten sie sich jedoch, daß die Thebaner gar nicht so zahlreich waren und durch einen entschlossenen Angriff anscheinend leicht überwältigt werden könnten; denn die große Mehrzahl der Platäer war keineswegs gemeint, sich von den Athenern zu trennen. Sie beschlossen also, sie an zugreifen, rotteten sich zusammen, indem sie, um auf der Straße nicht gesehen zu werden, die Wände zwischen den Häusern durchbrachen, verrammelten die Straßen durch ausgespannte Frachtwagen und trafen auch sonst alle ihnen in dem Augen blick zweckmäßig erscheinenden Maßregeln. Als alles so weit vorbereitet war, nahmen sie die Nacht oder doch die Dämmerung noch wahr, um aus den Häusern über sie herzufallen, denn bei Hellem Tage wären die Thebaner mutiger und nicht weiter im Nachteil gewesen, während sie so in banger Nacht bei ihrer Ortskenntnis den Fremden gegenüber im Vorteil waren. Auch kam es sogleich zum Angriff und damit zum Hand gemenge.
Als die Thebaner sahen, daß sie überlistet waren, schlossen sie sich eng zusammen, um den Feinden nach allen Seiten die Spitze bieten zu können, schlugen auch zwei- oder dreimal einen Angriff ab. Da jedoch die Platäer von neuem ungestüm auf sie eindrangen und auch Frauen und Sklaven mit wildem .Geschrei ihnen Steine und Dachziegel von den Häusern auf die Köpfe warfen, dazu noch in der Nacht viel Regen gefallen war, kriegten sie es mit der Angst, ergriffen die Flucht und zerstreuten sich in der Stadt. Und da die meisten hier nicht I Bescheid wußten und in Kot und Dunkelheit - denn es war Neumond - den rechten Weg nicht finden und ihren Ver folgern, denen jedes Gäßchen bekannt war, nicht entrinnen konnten, so kamen die meisten um. Auch das Tor, durch das sie eingedrungen, das einzige, welches offen war, verschloß ein Platäer, indem er den Schaft seines Spießes anstatt des Pflockes durch den Querbalken stieß, so daß man auch da nicht mehr hinaus konnte. Da man sie in der Stadt überall verfolgte, stiegen einige auf die Stadtmauer und ließen sich nach außen hinabfallen, kamen dabei aber meist ums Leben. Einige ge langten durch ein unbewachtes Tor, dessen Querbalken sie mit einem Beil, das ihnen eine Frau gegeben, zerschlagen hatten, unbemerkt ins Freie, allerdings nicht viele, da es bald bemerkt wurde. Auch wurde manchem, der sich in der Stadt verlaufen hatte, der Garaus gemacht. Der größte Haufe aber, der noch einigermaßen zusammenhielt, geriet in ein geräumiges Haus an der Stadtmauer, dessen Torweg zufällig offen stand, in der Meinung, es sei das Stadttor und habe auf der anderen Seite einen Ausgang ins Freie. Als die Platäer sahen, daß sie sich hier gefangen hatten, waren sie unschlüssig, ob sie das Haus anstecken und alle bei lebendigem Leibe dann verbrennen oder was sie sonst mit ihnen anfangen sollten. Schließlich kam es zu einem Abkommen, wonach sie und alle noch am Leben befindlichen, in der Stadt umherirrenden Thebaner die Waffen streckten und sich den Platäern auf Gnade und Un gnade ergaben. So endete der Überfall von Platäa.
Als die anderen Thebaner, welche für den Fall, daß den Eindringlingen was in die Quere käme, schon in der Nacht mit ihrer Hauptmacht zur Stelle sein sollten, unterwegs die Nachricht erhielten, wie die Sache abgelaufen, beschleunigten sie ihren Marsch. Platää ist von Theben siebzig Stadien ent fernt, und da es über Nacht stark geregnet hatte, kamen sie nur langsam vorwärts. Der Asopos war hoch angeshcwollen. und schwer zu überschreiten. Und da sie im Regen marschieren mußten und beim Übergange über den Fluß viel Zeit verloren hatten, kamen sie zu spät, so daß ihre Landsleute entweder schon tot oder gefangen waren. Als sie das erfuhren, suchten sie die außerhalb der Stadt befindlichen Platäer einzufangen; denn da der Überfall so urplötzlich mitten im Frieden erfolgt war, waren noch Leute und Gerätschaften draußen auf dem Lande. Die eingefangenen Platäer aber sollten ihnen als Geiseln dienen für ihre noch am Leben befindlichen gefangenen Landsleute. Während sie sich die Sache noch überlegten, schickten die Platäer, die etwas der Art vermuteten und für ihre Leute draußen fürchteten, aus der Stadt einen Herold an sie ab und ließen ihnen sagen, es sei schon schweres Un recht gegen sie gewesen, mitten im Frieden einen solchen Ge waltstreich gegen ihre Stadt zu führen, und man solle sie jetzt draußen im Frieden lassen. Wo nicht, so würden auch sie die Gefangenen töten, denen sie bisher das Leben gelassen und die sie ihnen herausgeben würden, wenn sie ihr Gebiet räumten. So wenigstens sagen die Thebaner und versichern sogar, die Platäer hätten sich eidlich dazu verpflichtet. Die Platäer aber stellen in Abrede, die sofortige Herausgabe der Gefangenen versprochen zu haben, behaupten vielmehr, sie hätten sich dazu nur bereit erklärt, falls es auf Grund weiterer Verhandlungen zu einem Vergleich kommen würde, eidlich aber hätten sie sich überhaupt zu nichts verpflichtet. Die Thebaner räumten denn auch ihr Gebiet, ohne dort weiter Schaden zu tun. Die Pla täer aber brachten alles, was draußen war, schnell in die Stadt und töteten dann die Gefangenen auf der Stelle. Im ganzen waren es hundertundachtzig, unter ihnen auch Eurymachos, mit dem die Verräter die Sache eingefädelt hatten.
Hierauf sandten sie einen Boten nach Athen, gaben den Thebanern ihre Toten unter freiem Geleit heraus und richteten sich in der Stadt einstweilen auf eigene Hand ein. Die Athener aber, welche von den Ereignissen in Platää gleich Nachricht erhalten hatten, ließen sofort alle Böotier in Attika festnehmen und schickten einen Herold nach Platää mit der Weisung, den gefangenen Thebanern nichts weiter zuleide zu tun, bis man sich auch in Athen ihretwegen schlüssig gemacht hätte; denn davon, daß sie bereits getötet waren, hatten sie noch keine Nachricht. Ein erster Bote war nämlich gleich nach dem Ein bruch der Thebaner an sie abgegangen, der zweite unmittelbar nachdem sie überwältigt und in Gefangenschaft geraten waren. Seitdem hatten sie nichts weiter gehört. So sandten sie denn auch jetzt ihren Herold ab, ohne zu wissen, wie die Dinge in Platää tsanden, und als dieser dort ankam, fand er die Ge fangenen schon nicht mehr am Leben. Darauf schickten die Athener Truppen nach Platää, versahen die Stadt mit Lebens mitteln und ließen eine Besatzung darin zurück, nachdem sie die nicht wehrfähigen Männer sowie die Weiber und Kinder hinausgeschafft hatten.
Nachdem das Gewitter in Platää zum Ausbruch gekommen war, konnte natürlich vom Frieden keine Rede mehr sein, und die Athener rüsteten zum Kriege. Die Lakedämonier aber und ihre Bundesgenossen rüsteten ebenfalls. Auch schickten beide Teile gleich Gesandtschaften an den Perserkönig und solche barbarische Völkerschaften, von denen sie sich irgendwelche Hilfe versprachen, wie sie sich auch unter den unabhängigen Staaten nach Bundesgenossen umsahen. Die Lakedämonier wiesen die ihnen befreundeten Städte in Italien und Sizilien an, zur Verstärkung der auf fünfhundert Segel zu bringenden pelo ponnesischen Flotte je nach ihrer Größe eine Anzahl Schiffe einzustellen und sich auf bestimmte Geldleistungen einzurichten, im übrigen aber bis zur Vollendung der Rüstungen ruhig zu bleiben und auch die Athener, wenn sie nur mit einem einzelnen Schiffe kämen, nach wie vor in ihren Häfen zuzulassen. Die Athener aber musterten die Kräfte ihres Seebundes und be schickten namentlich auch die um den Peloponnes liegenden Orte, Kerkyra, Kephallenia, Akarnanien und Zakynthos, da ihnen einleuchtete, wenn sie mit denen auf gutem Fuße ständen, würden sie den Peloponnes von allen Seiten nachdrücklich bekämpfen können.
Beiden standen die Gedanken nicht niedrig, und sie stürzten sich mit vollem Eifer in den Krieg. Anfangs will eben jeder hoch hinaus, und zumal die zahlreiche Jugend, die es damals im Peloponnes sowohl wie in Attika gab, welche den Krieg noch nicht kannte, brannte vor Kriegslust. Ganz Griechenland abei^schwebte in banger Erwartung, als die beiden ersten Staaten gegeneinander in die Schranken traten. Man hörte viel von Weissagungen, und überall ließen sich Propheten ver nehmen, nicht nur in den zum Kriege rüstenden Staaten, sondern auch anderswo. Dazu war die Insel Delos kürzlich von einem Erdbeben betroffen, wo bis dahin, soweit man in Griechenland zurückdenken konnte, noch nie ein Erdbeben ge wesen war. Auch das, so hieß es und glaubte man, deute auf die Dinge hin, die da kommen sollten. Und allem, was sich der Art etwa sonst zugetragen, wurde eifrig nachgeforscht. Die öffentliche Meinung aber war ganz überwiegend für die Lakedämonier, schon weil sie die Freiheit Griechenlands auf ihre Fahne schrieben. Alle Welt, einzelne wie Staaten, konnte sich nicht genugtun, ihnen mit Wort und Tat be hilflich zu sein, und jeder glaubte, er müsse auch mit dabei sein, wenn aus der Sache was werden solle. So allgemein war die Erbitterung gegen die Athener; die einen wollten ihre Herrschaft abschütteln, die andern fürchteten, unter ihre Fuchtel zu geraten.
Mit solchen Rüstungen und Gesinnungen ging man in den Krieg. Bei Ausbruch des Krieges hatten beide Mächte folgende Bundesgenossen: Auf seiten der Lakedämonier waren sämtliche Peloponnesier innerhalb des Isthmus, mit Ausnahme der Argeier und der Achäer, die mit beiden in Frieden lebten. Nur die Pellener unter den Achäern nahmen gleich anfangs am Kriege teil, später dann aber auch alle übrigen. Außerhalb deS Pelo ponnes die Megarer, Phokier, Lokrer, Böotier, Amprakier, Leukadier und Anaktorier. Von diesen stellten die Korinther, Megarer, Sikyoner, Pellener, Eleer, Amprakier und Leukadier Schiffe, die Böotier, Phokier und Lokrer Reiterei, die übrigen Staaten Fußvolk. Das waren die Bundesgenossen der Lake dämonier. Auf seiten der Athener waren die Chier, Lesbier Platäer, die Messenier in Naupaktos, die meisten Akarnanier, die Kerkyräer, die Zakynther und die ihnen in den vershciedenen Ländern steuerplfichtigen Orte, das karische Küstenland, die Dorier an der karischen Grenze, Jonien, Hellespont, das thra kische Küstenland, die Inseln im Osten des Peloponnes bis Kreta und alle übrigen Kykladen außer Melos und Thera. Von diesen stellten die Chier, Lesbier und Kerkyräer Schiffe, die übrigen stellten Fußvolk und zahlten Geld. Das waren die Bundesgenossen und Kräfte, welche beiden Teilen für den Krieg zu Gebote tsanden.
Gleich nach dem Vorfall von Platää ließen die Lakedämo nier an die Städte im Peloponnes und ihre auswärtigen Bundesgenossen den Befehl ergehen, ihre Truppen marschbereit zu machen und mit dem Bedarf für einen Feldzug außer Landes zu versehen, um nach Attika einzufallen. Als alle damit zur bestimmten Zeit fertig waren, vereinigten sich die sämtlichen Streitkräfte, aus jeder Stadt zwei Drittel der vorhandenen Mannschaft, auf dem Isthmus. Als das ganze Heer hier bei sammen war, berief der lakedämonische König Archidamos, der in diesem Feldzuge den Oberbefehl führte, die Feldhauptleute aller Städte sowie die höheren Beamten und sonst angesehenen Personen zu einer Versammlung und redete sie also an:
„Peloponnesier und Bundesgenossen! Unsere Väter sind schon oft nicht nur im Peloponnes, sondern auch auswärts zu Felde gezogen, und die Älteren unter uns haben selbst auch schon mehrfach Kriege mitgemacht, allein mit einem so statt lichen Heere wie diesmal sind wir noch nie ins Feld gerückt. Aber es geht auch gegen eine mächtige Stadt, und darum treten auch wir so zahlreich und mit unseren besten Kräften auf den Plan. Ich darf erwarten, daß wir uns nicht schlechter zeigen werden als unsere Väter und unserem alten Ruhm auch diesmal Ehre machen werden. Denn ganz Griechenland sieht mit gespannter Erwartung auf diese unsere Unternehmung und wünscht uns dabei aus Haß gegen die Athener den besten Er folg. Wir dürfen uns jedoch nicht etwa im Vertrauen auf unsere Überzahl in Sicherheit wiegen und es in der Meinung, der Feind werde sich gar nicht an uns heranwagen, auf dem Marsche an der nötigen Vorsicht fehlen lassen, vielmehr muß nicht nur jeder Befehlshaber der verschiedenen Städte, sondern auch jeder einzelne Mann immer darauf gefaßt sein, daß es im nächsten Augenblick zum Gefecht kommen kann; denn im Kriege weiß man nie vorher, was kommt, und so ein Angriff erfolgt fast immer plötzlich und unangemeldet. Schon manch mal hat eine Minderheit, die auf ihrer Hut war, gegen einen überlegenen Feind glücklich gekämpft, weil dieser in seinem Übermut nicht aufgepaßt hatte. Bei einem Feldzuge in Feindes land muß man kühn, aber vorsichtig zu Werke gehen. Denn dann kann man den Feind herzhaft angreifen und hat von seinen Angriffen am wenigsten zu fürchten. Wir ziehen auch nicht gegen einen Feind, der sich nicht wehren könnte, sondern gegen eine Stadt, die in jeder Hinsicht vortrefflich gerüstet ist. Wir müssen also unbedingt darauf rechnen, daß es zur Schlacht kommen wird, und wenn sie sich dort auch nicht gleich dazu entschließen, solange wir noch in weiter Ferne sind, so doch ganz gewiß, wenn sie uns erst in ihrem Lande sengen und brennen und Hab und Gut vernichten sehen. Denn wer so was noch nicht erlebt, dem läuft die Galle über, wenn er es selbst mit ansehen muß. Und je weniger sich einer zu be herrshcen weiß, um so leidenschaftlicher wird er gleich drein schlagen. Von den Athenern aber muß man sich dessen be sonders versehen, da sie sich zwar berufen fühlen, andere zu beherrschen und fremde Länder zu verwüsten, aber nicht gewohnt sind, daß es ihnen auch so geht. Weil ihr denn gegen eine solche Stadt ins Feld zieht und dabei, je nachdem, euch und euren Vorfahren die größte Ehre oder aber die ärgste Schande machen werdet, so folgt euren Führern, wohin es auch geht, haltet vor allen Dingen auf Mannszucht und Wachsamkeit und tut stets willig, was euch befohlen wird. Nichts Schöneres und Verläßlicheres als solch ein großes Heer, das gleichsam von einem Willen und vom hohen Geiste der Ordnung be seelt scheint."
Nach diesen Worten entließ Archidamos die Versammlung und schickte nun zunächst den Spartaner Melesippos, Dia kritos' Sohn, nach Athen, um zu sehen, ob man dort jetzt nicht schon eher mit sich handeln ließe, nachdem man sich über zeugt, daß das feindliche Heer bereits unterwegs war. Die Athener aber ließen ihn gar nicht in die Stadt und vor dem Volke auftreten; denn schon vorher hatte Perikles den Antrag durchgesetzt, daß weder ein Herold noch eine Gesandtschaft der Lakedämonier aus dem Felde angenommen werden sollte. Sie schickten ihn also, ohne ihn zu hören, wieder weg mit dem Befehl, noch an demselben Tage wieder über die Grenze zu sein und den Lakedämoniern zu sagen, wenn sie sonst was wollten, möchten sie erst wieder nach Hause gehen, ehe sie Gesandte schickten. Und damit er unterwegs mit niemand in Berührung käme, gaben sie ihm einige Leute zum Geleit mit. Als er an die Grenze gelangt und im Begriff war, sich von seinen Begleitern zu trennen, sagte er beim Abschied: „Dieser Tag wird für Griechenland der Anfang großen Herzeleids sein." Als er ins Lager zurückgekehrt war und Archidamos einsah, daß die Athener auf keinen Fall nachgeben würden, brach er unverzüglich mit dem Heere auf und rückte ihnen ins Land. Auch die Böotier ließen ihr Kontingent und ihre Reiterei zu den Peloponnesiern stoßen; mit ihren übrigen Truppen zogen sie nach Platää und verheerten das Land.
Schon während die Peloponnesier sich auf dem Isthmus sammelten und auf ihrem Marsche noch nicht nach Attika ge langt waren, vermutete Perikles, Xanthippos' Sohn, damals selbzehnter Feldherr in Athen, als er den Einfall kommen sah, daß Archidamos, als sein Gastfreund, aus persönlicher Freund schaft seine Besitzungen außerhalb der Stadt schonen und viel- leicht nicht mit verwüsten würde, oder daß wohl gar die Lake dämonier ihm Befehl dazu erteilen könnten, um Mißtrauen gegen ihn zu erregen, wie sie ja auch schon vorher seinetwegen die Sühne des Frevels verlangt hatten. Er erklärte deshalb den Athenern in der Volksversammlung, wenn Archidamos auch sein Gastfreund sei, so solle das seinen Mitbürgern nicht zum Schaden gereichen, und falls etwa die Feinde seine Häuser und Felder nicht ebenso verwüsten würden wie die übrigen, so trete er sie, um nicht in Verdacht zu kommen, hiermit der Stadt zu Eigentum ab. Wie früher riet er ihnen auch jetzt wieder, sich auf den Krieg einzurichten, vom Lande alles in die Stadt zu schaffen und sich draußen auf keine Schlacht ein zulassen, sondern sich auf die Verteidigung der Stadt zu be schränken, namentlich aber die Flotte, worin denn doch ihre Stärke bestehe, in guten Stand zu setzen. Die Bundesgenossen müßten sie in der Hand behalten, denn deren Steuern seien das Rückgrat ihrer Macht, da im Kriege das meiste auf Klug heit und Geld ankomme. Übrigens brauchten sie sich keine Sorgen zu machen; denn abgesehen von sonstigen Einkünften nähme die Stadt allein aus Steuern der Bundesgenossen alle Jahre durchschnittlich sechshundert Talente ein, und außerdem befänden sich im Schatze auf der Burg sechstausend Talente geprägtes Silber. - Der höchste Betrag war neuntausendsieben hundert Talente gewesen, davon aber waren Auslagen für die Propyläen und andere Bauten betsritten. - Dazu kämen an ungeprägtem Gold und Silber, an öffentlichen und Privat weihgeschenken und an dem, was an heiligen Geräten für fest liche Aufzüge und Spiele, an Perserbeute und dergleichen vor handen sei, mindestens fünfhundert Talente. Nötigenfalls könne man auch noch auf recht ansehnliche Schätze in den übrigen Tempeln und, wenn alle Stricke reißen sollten, auf das goldene Gewand der Göttin greifen, an deren Standbilde, wie er ihnen nachwies, sich vierzig Talente reines Gold befänden, das alles abgenommen werden könne, später freilich, wenn man sich dessen in der Not bediene, voll ersetzt werden müsse. Auf diese Weise suchte er sie über die Zulänglichkeit ihrer Geldmittel zu be- ruhigen. Ihre Streitkräfte anlangend, rechnete er ihnen vor, sie hätten dreizehntausend Mann schweres Fußvolk ohne die Besatzungen in den festen Plätzen und die sechzehntausend zur Bewachung der Mauern. So viel aus den ältesten und jüngsten Jahrgängen und den Schutzverwandten entnommene Hopliten waren nämlich gleich anfangs für den Fall eines feindlichen Angriffs zum Dienst auf den Mauern bestimmt. Die Länge der phalerischen Mauer bis an die Ringmauer der Stadt betrug fünfunddreißig Stadien und die der Ringmauer selbst, soweit sie besetzt wurde, dreiundvierzig Stadien; denn ein Teil, das Stück zwischen der langen und der phalerischen Mauer, wurde nicht besetzt. Die langen Mauern nach dem Peiraieus, von denen jedoch nur die äußere besetzt wurde, waren vierzig Stadien lang. Die Mauer um den Peiraieus mit Einschluß von Muny chia war im ganzen sechzig Stadien lang, und etwa die Hälfte davon wurde besetzt. An Reiterei, gab er weiter an, hätten sie mit Einschluß der reitenden Bogenschützen zwölfhundert Mann, Bogenschützen zu Fuß sechzehnhundert, an Kriegsschiffen aber dreihundert seetüchtige Trieren. So viel und von allem mindestens so viel hatten die Athener damals in der Tat, als der erste Einfall der Peloponnesier bevorstand und sie in den Krieg gingen. Aber auch sonst sagte ihnen Perikles, wie bei jeder Gelegenheit, auch diesmal noch alles mögliche, um ihnen zu beweisen, daß sie den Krieg siegreich bestehen würden.
Die Athener aber befolgten seinen Rat und schafften Weiber und Kinder, sowie alles, was sie an Hausgerät draußen hatten, ja selbst das Holzwerk der Häuser, die sie abbrachen, vom Lande in die Stadt. Schafe und Zugtiere brachten sie nach Euboia und den benachbarten Inseln hinüber. Es kam sie freilich hart an, so mit Sack und Pack abzuziehen, da sie meist gewohnt waren, immer auf dem Lande zu leben.
Das war nämlich bei ihnen mehr als anderswo schon seit ältester Zeit Sitte gewesen. Unter Kekrops und den ersten Königen bis auf Theseus lebte man in Attika in einzelnen Ortschaften, die ihre eigenen Prytanen und Archonten hatten. Wenn nicht grade eine besondere Gefahr drohte, kam man auch nicht beim Könige zu gemeinsamer Beratung zusammen, sondern die einzelnen Gemeinden halfen und regierten sich selbst, führten wohl gar mal Krieg untereinander, wie die Eleusinier mit Eumolpos gegen Erechtheus. Als aber Theseus König geworden war, der, ein ebenso kluger wie mächtiger Herr, über haupt erst Ordnung im Lande schuf, machte er den Prytanen und Archonten in den einzelnen Ortschaften ein Ende und ver einigte diese zu der jetzigen einen Stadt mit nur einem Rat und Prytaneum für alle. Er ließ ihnen zwar die selbständige Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten wie bisher, machte sie aber politisch zu einem Gemeinwesen, das damit, weil ihm nun alle angehörten, zu einer ansehnlichen Stadt wurde und als solche von Theseus auf seine Nachfolger überging. Darum feiern die Athener bis auf den heutigen Tag von Staats wegen noch ihr Eingemeindungsfest zu Ehren der Göttin. Früher bestand die Stadt nur aus der.Burg und dem südlich daran stoßenden Stadtteil. Das kann man noch daran sehen, daß die Tempel auch anderer Götter auf der Burg selbst oder doch vorzugsweise in diesem Stadtteil liegen, so der Tempel des olympischen Zeus, das Phythion, der Tempel der Ge und der ! des Dionysos im Brühl, dem zu Ehren am Zwölften des E Monats Anthesterion die alten Dionysien gefeiert werden, wie es auch bei den von den Athenern abstammenden Joniern noch jetzt gehalten wird. In dieser Gegend liegen noch mehrere andere alte Tempel. Auch die Quelle dort in der Nähe, welche, seit sie von den Tyrannen in jetziger Weise gefaßt wurde, Enneakrunos heißt, in älterer Zeit aber, wo sie noch ungefaßt war, Kallirrhoe genannt wurde, stand vor alters in besonderem Ansehen, und von der Zeit hat sich bis heute der Glaube er halten, daß man bei Hochzeiten und dergleichen feierlichen Ge legenheiten das Wasser aus dieser Quelle holen müsse. Und eben, weil man sich hier zuerst angebaut hatte, wird die Burg von den Athenern immer noch die Stadt genannt.
Da die Athener so lange als ihre eigenen Herren auf dem Lande gelebt und auch nach ihrer Vereinigung sowohl in älterer Zeit als auch später noch bis zu diesem Kriege dort vielfach nach alter Gewohnheit nicht nur ihre eingerichteten Wohnungen gehabt, sondern auch wirklich gewohnt hatten, wurde ihnen dieser Aufbruch schwer genug, zumal sie sich dort nach dem Perserkriege eben erst wieder häuslich eingerichtet hatten. Es wollte ihnen nicht in den Sinn und war ihnen schmerzlich, sich von ihren Häusern und den ihnen aus der Zeit der älteren Verfassung immer ehrwürdig und teuer gebliebenen Heiligtümern zu trennen und sich völlig umleben zu müssen; ja es kam ihnen allen gradezu wie ein Abschied von der Heimat vor.
Bei ihrer Ankunft in der Stadt fanden die wenigsten dort Wohnungen oder ein Unterkommen bei Freunden und Ver wandten. Die meisten behalfen sich auf den freien Plätzen der s Stadt oder quartierten sich überall in den Tempeln der Götter und Heroen ein, ausgenommen allein die Burg und das Eleu l sinion und was sonst etwa Schloß und Riegel hatte. Selbst das sogenannte Pelasgikon am Fuße der Burg richtete man jetzt notgedrungen zu Wohnungen ein, obgleich ein Fluch darauf stand, dort zu wohnen, und ein pythisches Orakel ausdrück lich davor gewarnt hatte, an dessen Schlüsse es hieß: „Doch besser, das Pelasgikon bleibt unbewohnt." Nach meiner Meinung freilich war das Orakel gar nicht so gemeint, wie man es damals verstand: nicht das unerlaubte Wohnen dort werde die Stadt in Not bringen, sondern der Krieg werde dermaleinst dazu nötigen, dort zu wohnen. Den hatte das Orakel allerdings nicht genannt, wohl aber vorher gewußt, daß nur die Not dazu zwingen würde, auch dort Wohnungen ein zurichten. Viele behalfen sich auch in den Türmen der Stadt mauer oder wo sie sonst ein Unterkommen fanden. Denn es '.fehlte in der Stadt an Platz für die vielen darin zusammen ! gepferchten Menschen, so daß später sogar die langen Mauern uund der größte Teil der Mauer um den Peiraieus zu Woh nungen eingerichtet werden mußten, um die Leute unterzubringen. Unterdessen wurden jedoch die Rüstungen fortgesetzt, die Bundes genossen aufgeboten und hundert Schiffe zu einer Fahrt nach dem Peloponnes in Dienst gestellt. So weit war man in Athen mit den Anstalten zum Kriege.
Inzwischen gelangte das Heer der Peloponnesier auf seinem Marsche zunächst nach Oinoe, wo der Einfall erfolgen sollte. Hier machte es halt und schickte sich an, die Festung mit Sturm zu nehmen. Denn Oinoe, an der Grenze von Attika und Böotien, war Festung und diente als solche den Athenern, die, wenn es nach Krieg aussah, eine Besatzung hineinlegten. Man kam jedoch über die Vorbereitungen nicht hinaus und verlor hier unnütz seine Zeit. Dadurch aber zog Archidamos sich arge Nackenschläge zu. Meinte man, daß er sich schon vor Beginn des Krieges schwach und als Athenerfreund gezeigt habe, so wollte man ihm jetzt, nachdem das Heer beisammen, sein Zaudern auf dem Isthmus und die Langsamkeit des weiteren Vormarsches, namentlich aber den langen Aufenthalt bei Oinoe, erst recht nicht verzeihen. Denn unterdessen hatten die Athener alles in Sicherheit gebracht, während es, wenn er sich nicht so viel Zeit gelassen und seinen Marsch beschleunigt hätte, den Peloponne siern wahrscheinlich noch in die Hände gefallen wäre. So war man wegen dieses Aufenthalts im Heere auf Archidamos schlecht zu sprechen. Er aber hielt sich, wie es heißt, deshalb so lange dort aus, weit er immer noch darauf rechnete, die Athener würden nachgeben und es nicht auf die Verwüstung ihres Landes ankommen lassen.
Da alle Versuche der Peloponnesier, das von ihnen be lagerte Oinoe zu nehmen, erfolglos blieben, auch die Athener sich nicht auf Verhandlungen einließen, brachen sie, etwa acht zig Tage nach dem Überfall von Platää durch die Thebaner, im Sommer, als das Korn zur Reife stand, von dort auf und rückten nach Attika ein. Archidamos, Zeuxidamos' Sohn, König der Lakedämonier, befehligte das Heer. Nachdem sie ein Lager bezogen, verheerten sie erst Eleusis und die Ebene von Thria, lieferten auch bei den sogenannten Rheitoi ein glückliches Ge fecht gegen athenische Reiterei. Darauf zogen sie weiter, das Gebirge Aigaleos zur Rechten, durch Kropeia nach Acharnai, i dem größten unter den sogenannten attischen Demen. Hier ! machten sie halt und schlugen ein Lager auf, von wo sie längere Zeit die Umgegend verheerten.
Angeblich hat sich Archidamos damals, als er hier bei Acharnai schlachtbereit stehen blieb und bei diesem Einfall nicht weiter in die Ebene vordrang, die Sache so gedacht: Er nahm an, daß die Athener, mit ihrer zahlreichen jungen Mann schaft und zum Kriege gerüstet wie nie zuvor, sich sicherlich außerhalb der Stadt zur Schlacht stellen und der Verwüstung ihres Landes nicht ruhig zusehen würden. Nachdem es bei Eleusis und in der Ebene von Thria dazu nicht gekommen war, wollte er versuchen, ob sie sich jetzt nicht zu einem Angriff auf seine Stellung bei Acharnai verleiten ließen. Denn wie er einerseits Acharnai für einen besonders geeigneten Lagerplatz hielt, so glaubte er anderseits, die Acharner, die einen sehr ansehnlichen Teil der Bürgerschaft ausmachten und dreitausend Hopliten stellten, würden die Verwüstung ihrer Besitzungen schwerlich ruhig mit ansehen, sondern auch die übrigen zu einer Schlacht zu bestimmen suchen. Sollten die Athener trotzdem bei diesem Einfall nicht herauskommen, so würde er ihnen das nächste Mal um so unbedenklicher die Ebene verheeren und bis an die Stadt selbst rücken können; denn dann würden die Acharner, nachdem sie das Ihrige verloren, keine Lust mehr haben, ihre Haut für fremdes Gut zu Markte zu tragen, und die Athener sich infolgedessen untereinander in die Haare ge raten. In dieser Weise wird Archidamos bei Acharnai die Sache angesehen haben.
Solange das feindliche Heer noch bei Eleusis und in der Ebene von Thria stand, durften die Athener immer noch hoffen, daß es nicht weiter vorrücken würde. Erinnerte man sich doch, daß auch König Pleistoanax, Pausanias' Sohn, als er vierzehn Jahr vor diesem Kriege mit einem peloponnesischen Heere in Attika bis nach Eleusis und Thria vorgedrungen, hier umgekehrt und wieder abgezogen war. Allerdings war er dafür auch aus Sparta verbannt worden, weil man glaubte, er sei zu diesem Rückzug? bestochen gewesen. Als sie aber das Heer schon bei Acharnai, sechzig Stadien von der Stadt, sahen, wurde es ihnen doch zu viel. Daß das Land so unter ihren Augen verwüstet wurde, wie das die Jüngeren noch nie, die Älteren nur in den Perserkriegen erlebt hatten, schien ihnen begreiflihcerweise entsetzlich, und namentlich die Jüngeren meinten, man könne das unmöglich länger mit ansehen, sondern müsse dem Feinde zu Leibe gehen. Immerhin waren die Mei nungen geteilt, und es kam zu lebhaften Erörterungen, indem die einen verlangten, man solle den Feind draußen angreifen, andere aber sich dagegen erklärten. Wahrsager ließen sich mit allerlei Prophezeiungen hören, die jeder sich auf seine Weise zurechtlegte. Die Acharner aber, die in Athen denn doch auch was zu bedeuten glaubten und nun die Verwüstung ihres Landes mit ansehen mußten, drängten am meisten zum Angriff. So herrschte in der Stadt allgemeine Aufregung und große Erbitterung gegen Perikles. Uneingedenk der guten Lehren, die er ihnen vorher gegeben hatte, schalten sie auf den Feld herrn, der sie nicht vor den Feind führen wolle, und betrachteten ihn als den Urheber aller ihrer Leiden.
Perikles sah recht gut, wie widerwillig sie diesen Zustand ertrugen und wie schlecht sie auf ihn zu sprechen waren, blieb aber nach wie vor bei seiner Ansicht, daß man sich draußen auf keine Schlacht einlassen dürfe. Er ließ es deshalb weder zu einer Volksversammlung noch zu anderen Zusammenkünften kommen aus Furcht, daß eine so vielköpfige Versammlung, statt die Sache verständig zu erwägen, sich von ihrer Stimmung hinreißen lassen und Dummheiten machen könnte. Inzwischen ließ er jedoch die Stadt sorgfältig bewachen und die Ruhe möglichst aufrechterhalten. Auch schickte er beständig Reiter aus, um zu verhindern, daß feindliche Streifpartien in der Nähe der Stadt die Felder verwüsteten. Bei der Gelegenheit kam es bei Phrygioi mal zu einem Gefecht zwischen einer Ab teilung athenischer und thessalischer Reiter und der böotischen Reiterei, in dem sich die Athener und Thessaler gut hielten, bis sie sich dann doch zurückziehen mußten, weil den Böotiern schweres Fußvolk zu Hilfe kam. Die Athener und Thessaler hatten dabei einige Tote, die sie jedoch noch an demselben Tage auch ohne Waffenstillstand wieder mitnehmen konnten. Die Peloponnesier aber errichteten am Tage daraufein Siegeszeichen. Die Thessaler waren auf Grund des alten Bundesverhält nisses zu den Athenern gestoßen, infolgedessen sich Larisaier, Pharsaler, Parasier, Kranonier, Pyrasier, Gyrtonier und Pheraier bei ihnen eingefunden hatten. Ihre Anführer waren aus Larisa Polymedos und Aristonus, von jeder Partei einer, aus Pharsalos Menon, und ebenso hatten auch die übrigen alle ihre eigenen Befehlshaber.
Da die Athener doch nicht zur Schlacht herauskamen, brachen die Peloponnesier von Acharnai auf und verwüsteten noch einige Deinen zwischen Parnes und Britessos. Während sie dort noch im Lande waren, gingen die Athener mit den hundert in Dienst gestellten Schiffen, tausend Hopliten und vierhundert Bogenschützen unter Karkinos, Xenotimos' Sohn, Proteas, Epikles' Sohn, und Sokrates, Antigones' Sohn, nach dem Peloponnes unter Segel und kreuzten damit in den dortigen Gewässern. Die Peloponnesier aber blieben in Attika, solange sie dort zu leben hatten; darauf zogen sie wieder ab, jedoch nicht auf dem Wege, auf dem sie gekommen waren, sondern durch Böotien. Unterwegs verwüsteten sie bei Oropos das sogenannte gra'ische Land, das von Oropiern unter athenischer Hoheit bewohnt wird. Als sie im Peloponnes wieder an gekommen waren, ging das Heer auseinander und jeder in seine Heimat.
Nach ihrem Abzüge richteten die Athener über Land und See einen Wachdienst ein, wie sie ihn für die Dauer des Krieges beibehalten wollten. Auch beschlossen sie, aus dem Burgschatz tausend Talente als unangreifbaren Bestand zurück zulegen und die Kriegskosten nur aus dem übrigen zu bestreiten, auch jeden, der vorschlagen oder dafür stimmen würde, dies Geld anzugreifen, es sei denn, daß man die Stadt gegen den Angriff einer feindlichen Flotte verteidigen müsse, mit Todes strafe zu bedrohen. Weiter beschlossen sie, alljährlich aus den s hundert besten Trieren und den für sie bestimmten Befehls habern ein besonderes Geschwader zu bilden, von dem, wie von jenem Gelde, nur in solchem äußersten Notfall Gebrauch gemacht werden sollte.
Die inzwischen noch durch fünfzig Schiffe aus Kerkyra und andere Bundesgenossen aus jener Gegend verstärkten Athener auf den hundert Schiffen kreuzten um die peloponnesischen Küsten und richteten dort mancherlei Schaden an. Sie landeten auch bei Methone in Lakonien und machten einen Angriff auf die nur schwach befestigte und unbesetzte Stadt. Zufällig be fand sich der Spartaner Brasidas, Tellis' Sohn, als Befehls haber eines Postens dort in der Nähe, der, als er davon hörte, den Einwohnern mit hundert Hopliten zu Hilfe kam. Auch gelang es ihm, sich durch die athenischen Truppen, die sich in der ganzen Gegend zerstreut und nur die Stadt im Auge hatten, mit Verlust nur weniger Leute nach Methone durchzuschlagen und die Stadt zu retten. Wegen dieser mutigen Tat war er auch der erste, der in Sparta in diesem Kriege öffentlich be lobt wurde. Die Athener gingen hierauf wieder unter Segel und fuhren weiter, zunächst nach Pheia in Elis, verwüsteten zwei Tage das dortige Gebiet und erfochten einen Sieg über eine dreihundert Mann starke auserwählte Schar, welche aus der Umgegend und dem hohlen Elis herbeigeeilt war. Da sich jedoch ein starker Wind aufmachte und sie an der hafenlosen Küste dem Wetter zu sehr ausgesetzt waren, gingen die meisten wieder an Bord und fuhren um das Vorgebirge Jchthys herum in den Hafen von Pheia; die Messenier aber und einige andere, welche die Schiffe nicht mehr hatten erreichen können,Marschierten zu Lande nach Pheia und besetzten die Stadt. Nachher nahmen die inzwischen dort angelangten Schiffe auch sie wieder an Bord und gingen, da auch die Hauptmacht der Eleer bereits im Anzüge war, von Pheia wieder in See. Die Athener aber fuhren fort, die peloponnesischen Küstengegenden von ihren Schiffen aus zu verwüsten.
Um dieselbe Zeit schickten die Athener dreißig Schiffe in die lokrischen Gewässer, welche zugleich die Ausgabe hatten, Euboia zu decken. Den Oberbefehl darüber führte Kleopompos, Kleimas' Sohn. Er landete wiederholt an der Küste, ver heerte einige Ortschaften und eroberte Thronion, wo er sich von den Einwohnern Geiseln geben ließ; auch schlug er einen lokrischen Heerhaufen, der sich ihm bei Alope entgegenstellte, in die Flucht.
In demselben Sommer vertrieben die Athener die Ägineten mit Weib; und Kind von ihrer Insel, da sie ihnen schuld gaben, sie seien die Hauptursache an diesem Kriege. Auch hielten sie es zu ihrer Sicherheit für besser, die so nahe am Peloponnes gelegene Insel Ägina mit eigenen Ansiedlern zu besetzen, die sie zu dem Ende denn auch bald darauf dorthin schickten. Die Lakedämonier aber räumten den vertriebenen Agineten Thyrea als Wohnort ein und wiesen ihnen dort Land an,, teils aus Haß gegen die Athener, teils mit Rücksicht auf die guten Dienste, welche die Ägineten ihnen zur Zeit des Erdbebens und des Helotenaufstandes geleistet hatten. Die Landschaft Thyreatis liegt zwischen Argolis und Lakonien und reicht bis an die See. Die Agineten ließen sich auch zum Teil dort nieder; die übrigen zerstreuten sich über ganz Griechenland.
In demselben Sommer trat bei Neumond, wo es an scheinend auch allein möglich ist, nach Mittag eine Sonnen-' finsternis ein. Hinterher nahm die Sonne ihre vollständige Gestalt wieder an, nachdem sie eine Zeitlang wie eine Mond sichel ausgesehen hatte und auch einzelne Sterne sichtbar ge worden waren.
In demselben Sommer machten die Athener auch Nympho doros, Pythes' Sohn, aus Abdera, dessen Schwester mit Sitalkes verheiratet war, und bei dem er viel galt, zu ihrem Staats gatsfreunde. Während sie ihn früher als ihren Feind angesehen hatten, luden sie ihn jetzt nach Athen ein, weil ihnen daran lag, den Thrakerkönig Sitalkes, den Sohn des Teres, als Bundesgenossen zu gewinnen. Dieser Teres, Sitalkes' Vater, hatte den Odrysen erst die Herrschaft über den größten Teil von Thrakien verschafft; gutenteils nämlich sind die Thraker immer noch unabhängig. Übrigens hat dieser Teres mit Tereus, welcher Prokne, die Tochter Pandions aus Athen, zur Frau hatte, nichts zu tun; beide waren gar nicht mal aus dem selben Thrakien. Denn Tereus lebte in Daulia, jener damals von Thrakern bewohnten Landschaft, welche jetzt Phokis heißt. Hier war es auch, wo die Weiber die Untat an Jtys verübten, wie denn auch manche Dichter, welche die Nachtigall erwähnen, diese den daulischen Vogel nennen. Wahrscheinlich gab doch auch Pandion seine Tochter lieber einem Manne in der Nähe zur Frau, wo beide was voneinander hatten, als einem dort in dem viele Tagereisen entfernten Odrysenlaude. Teres da gegen, der ja auch nicht mal denselben Namen mit ihm führte, war der erste mächtige König der Odrysen. Dessen Sohn Sitalkes also wollten die Athener gern zum Bundes genossen haben, weil sie auf seine Hilfe gegen Perdikkas und im thrakischen Küstenlande hofften. Nymphodoros kam auch wirklich nach Athen und brachte das Bündnis mit Sitalkes zustande. Er verschaffte dessen Sohne Sadokos das athenische Bürgerrecht und machte sich anheischig, dem Kriege an der thrakischen Küste ein Ende zu machen und Sitalkes zu be tsimmen, den Athenern ein aus Reiterei und leichtem Fußvolk gebildetes Heer zu Hilfe zu schicken. Auch söhnte er Perdikkas mit den Athenern aus, die sich dabei ihrerseits dazu verstanden, Therme an Perdikkas zurückzugeben, worauf dieser sich sogleich . mit Phormion und den Athenern zu einem Feldzuge gegen die Chalkidier vereinigte. So wurden Sitalkes, Teres' Sohn, der Thrakerkönig, und Perdikkas, Alexanders Sohn, König von Makedonien, Bundesgenossen der Athener.
Die immer noch um den Peloponnes kreuzenden Athener auf den hundert Schiffen eroberten die korinthische Stadt Sollion und räumten Stadt und Land Akarnaniern, jedoch nur den Palaireern, zum Wohnsitz ein. Astakos, wo Euarchos Tyrann war, nahmen sie mit Sturm, vertrieben den Tyrannen und zwangen die Stadt, dem Athenischen Bunde beizutreten. Darauf fuhren sie nach der Insel Kephallenia, die sich ihnen ohne Schwertstreich ergab. Kephallenia liegt Akarnanien und Leukas gegenüber und besteht aus vier Stadtgemeinden, Paleis, Kranioi, Same und Pronnoi. Bald nachher fuhren die Schiffe nach Athen zurück.
Gegen Ende dieses Sommers fielen die Athener mit ihrem ganzen Heere, Bürger und Schutzverwaudte, unter Perikles, Lanthippos' Sohn, nach Megaris ein. Als die auf ihrer Rück fahrt vom Peloponnes grade bei Hgina angelangten Athener auf den hundert Schiffen hörten, daß ganz Athen in Megaris wäre, hielten sie auch dahin ab und vereinigten sich dort mit ihren Landsleuten. Und so wurde dies das größte Heer, welches die Athener noch in ihrer Blütezeit vor Eintritt der Pest auf den Beinen gehabt haben; denn ganz abgesehen von den dreitausend bei Potidäa stellten die Athener selbst mindestens zehntausend Hopliten und ihre Schutzverwandten mindestens dreitausend; dazu kam dann noch die große Menge der Leicht bewaffneten. Nachdem sie einen großen Teil des Landes ver heert hatten, zogen sie wieder ab. Auch im weiteren Verlauf des Krieges machten die Athener alljährlich solche Einfälle nach Megaris, entweder bloß mit der Reiterei oder auch mit dem ganzen Heere, bis sie Nisaia genommen hatten.
Gegen Ende dieses Sommers wurde auch die bisher un bewohnte Insel Atalanta an der Küste der opuntischen Lokrer von den Athenern besetzt und zur Festung ausgebaut, um räube rischen Unternehmungen aus Opus und dem übrigen Lokrien gegen Euboia einen Riegel vorzuschieben. Das waren die Ereignisse dieses Sommers nach dem Abzüge der Peloponnesier aus Attika.
Im folgenden Winter überredete der Akarnanier Euarchos, der sich der Herrschaft in Astakos wieder bemächtigen wollte, die Korinther, ihn mit vierzig Schiffen und fünfzehnhundert Hopliten dahin zurückzuführen, wozu er selbst auch eine Anzahl Söldner geworben hatte. Euphamidas, Aristonymos' Sohn, Timoxenos, Timokrates' Sohn, und Eumachos, Chrysis' Sohn, befehligten den Zug. Sie führten Euarchos auch wirklich nach Astakos zurück und hofften, sich nun auch sonst noch eines oder des anderen Platzes an der akarnanischen Küste bemächtigen zu können, machten dazu auch einige Versuche. Da es ihnen damit jedoch nicht glückte, fuhren sie wieder nach Hause. Als sie aus dem Rückwege an Kephallenia vorbeikamen, landeten sie im Gebiet der Kranier, ließen sich durch deren scheinbare Unter werfung täuschen und verloren infolge eines unerwarteten Überfalls der Kranier eine Anzahl Leute. Sie machten des halb, was sie konnten, daß sie wieder unter Segel kamen, und fuhren nach Hause.
In diesem Winter wurden in Athen, wie es dort altes Herkommen ist, die im ersten Kriegsjahre Gefallenen von Staats wegen feierlich bestattet, und zwar in folgender Weise: Drei Tage vorher werden die Gebeine der Gefallenen in einem dazu hergerichteten Zelte zur Schau gestellt, und jeder bringt seinem Toten, wie ihm ums Herz ist, eine Gabe dar. Wenn sich der Leichenzug in Bewegung setzt, werden Särge aus Zypressen holz zu Wagen hinausgefahren, für jede Phyle ein Sarg, in dem sich die Gebeine aller, die dieser Phyle angehört haben, befinden. Ein leeres, mit Teppichen belegtes Parade bett wird mit hinausgetragen für die Vermißten, die man nicht hat auffinden und mitnehmen können. Jeder, wer will, kann sich dem Zuge anschließen. Einheimische und Fremde; auch Frauen nehmen daran teil, um am Grabe ihrer An gehörigen zu weinen. Die Beisetzung erfolgt in dem Staats- grabe in der schönsten Vorstadt von Athen, wo die Athener ihre im Kriege gefallenen Toten immer bestattet haben mit alleiniger Ausnahme der bei Marathon Gebliebenen, welche! zu Ehren ihrer unvergleichlichen Tapferkeit auf der Walstatt, selbst beerdigt wurden. Ist das Grab zugeschüttet, so hält, jemand, den man dazu mit Rücksicht auf Befähigung und An- se hen von Staats wegen auswählt, eine Rede zu Ehren der Gefallenen, worin er ihre Verdienste gebührend hervorhebt. Darauf geht jeder wieder nach Hause. In dieser Weise ver läuft die Feier, und während des ganzen Krieges wurde es, sooft sie stattfand, immer so damit gehalten. Dies erste Mal war Perikles, Xanthippos' Sohn, zum Redner gewählt, und als es so weit war, trat er vom Grabe her auf eine hohe Bühne, die man dort errichtet hatte, damit man ihn in der Menshcen- menge möglichst weit verstehen könnte, und hielt folgende Rede:
„Die Redner, welche vor mir an dieser Stelle gesprochen, sind in der Regel des Lobes voll darüber gewesen, daß man bei unserer Totenfeier auch diese Rede eingeführt habe, sei eS doch eine schöne Sitte, unsere gefallenen Helden durch eine Rede am Grabe zu ehren. Nach meinem Gefühl hätte man eS lieber dabei lassen sollen, die Verdienste, die sich diese Männer durch ihre Taten erworben, auch nur durch eine Tat zu ehren, ich meine, durch solch ein ehrenvolles Begräbnis, wie ihr es heute wieder mit angesehen habt, anstatt es für die Beginn bigung der Verdienste so vieler Helden darauf ankommen zu lassen, ob einer eine gute oder eine schlechte Rede hält. Eine solche Rede zu halten, ist schwer, und eS wird dem Redner kaum gelingen, seine Zuhörer zu überzeugen, daß er jene Ver dienste zutreffend gewürdigt habe. Denn wer selbst mit dabei gewesen und überhaupt ein guter Athener ist, wird die Rede im Vergleich zu dem, was er erwartet und von der Sache weiß, leicht zu matt finden, wer es aber nicht selbst miterlebt, wird manches für übertrieben halten, weil man keinem ein Lob für Leistungen gönnt, die man sich selbst nicht auch zu traut; denn soweit man es anderen noch gleichtun zu können meint, kann man das ihnen erteilte Lob allenfalls ertragen, darüber hinaus aber ist man gleich neidisch und will nicht daran glauben. Da man nun aber seinerzeit der Meinung gewesen ist, daß es so besser sei, so muß auch ich mich der eingeführten Ordnung fügen und werde versuchen, es jedem von euch möglichst nach Wunsch und Sinn zu machen.
„Ich beginne mit unseren Vorfahren; denn wir sind es ihnen schuldig, und es geziemt sich, bei einer solchen Feier ihrer dankbar zu gedenken. Als alteingesessene, mit dem väter lichen Boden von jeher festverwachsene Bevölkerung dieses Landes haben sie dessen Freiheit von Geschlecht zu Geschlecht bewahrt und auf uns vererbt. Haben schon unsere Altvorderen Anspruch aus unseren Dank, so vollends unsere Väter. Denn sie haben zu dem altererbten Besitz noch das weite Reich, das jetzt unser ist, hinzuerworben und uns hinterlassen. Wir selbst aber, das jetzige Geschlecht, haben es dann freilich noch weiter vermehrt und die Stadt mit allem, was sie für Krieg und Frieden bedarf, überreichlich ausgestattet. Von den Helden taten, denen wir unsere heutige Machtstellung verdanken, und von der Tapferkeit, die wir selbst und unsere Väter in den Kämpfen mit Barbaren oder Hellenen bei jeder Gelegenheit bewiesen haben, will ich nicht weiter reden; es sind das ja euch allen genügend bekannte Dinge. Wohl aber will ich euch, bevor ich mich zur Ehrung unserer Toten wende, ein Wort über den Geist unseres StaatSwesens und der Einrichtungen sagen, worauf die Größe Athens beruht. Denn ich glaube, daß ein Wort darüber bei dieser Gelegenheit nicht unangebracht ist, und daß allen Anwesenden hier, Einheimischen und Fremden, damit gedient sein wird.
„Wir haben bei unserer Verfassung keine fremden Ein richtungen zum Muster genommen; im Gegenteil, wir haben anderen eher als Vorbild gedient, als ihnen was nachgemacht. Und weil das Regiment bei uns nicht in der Hand weniger, sondern der Gesamtheit liegt, nennt man unsere Verfassung demokratisch. Denn wie in den Angelegenheiten der einzelnen gleiches Recht für alle gilt, so gibt auch in Beziehung auf Geltung und An sehen in Staat und Gemeinde nur persönliche Tüchtigkeit einen Vorzug, nicht aber Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse, und selbst Armut hindert keinen, der was kann, aus seiner Unansehnlichkeit zu Amt und Würden zu gelangen. Wir sind im öffentlichen Leben nicht engherzig und im täglichen Verkehr untereinander keine Duckmäuser, nehmen es unserem Nächsten nicht übel, wenn er mal über die Stränge schlägt, und machen darüber kein sauertöpfisches Gesicht, um ihn da durch, wenn auch nicht umzubringen, doch moralisch zu ver nichten. Im persönlichen Verkehr sind wir nichts weniger als Splitterrichter, im öffentlichen Leben aber schämen wir uns jeder Ungesetzlichkeit und gehorchen der jeweiligen Obrigkeit und den Gesetzen, vorzüglich den zum Schutz der Bedrängten gegebenen, und den, wenn auch ungeschriebenen Gesetzen, deren Übertretung jedermann für Schande hält.
„Auch für Gelegenheit zur Erholung von Mühe und Arbeit ist bei uns reichlich gesorgt, durch Spiele und Feste, wie sie hier jahrein jahraus gehalten werden, aber auch durch unser schönes Familienleben, dessen tägliche Freuden die Sorgen vershceuchen. Bei der Größe unserer Stadt kommen die Er zeugnisse aller Länder hier zu Markte, die wir so gut als unser Eigentum ansehen können wie die Erzeugnisse unseres eigenen Landes.
„Auch in Beziehung auf das Kriegswesen befolgen wir insofern andere Grundsätze als unsere Gegner, als wir niemand den Aufenthalt hier in der Stadt verwehren. Es kommt nie vor, daß jemand ausgewiesen oder daran gehindert wird, sich hier umzutun und zu belehren, aus Furcht, die Feinde könnten uns Geheimnisse absehen und sich zunutze machen. Denn wir verlassen uns nicht sowohl auf Vorsichtsmaßregeln und Überrashcungen als vielmehr auf den im Kampfe bewährten persönlichen Mut. Während man bei ihnen die Knaben schon von klein auf durch Anstrengung und Abhärtung zur Tapferkeit erziehen zu müssen glaubt, gehen wir auch ohne solche harte Zucht nicht minder entschlossen in den Kampf und können es dreist mit ihnen aufnehmen. Das steht man schon daraus, daß die Lakedämonier bei Einfällen in unser Land nicht allein kommen, sondern gleich alle ihre Bundesgenossen aufbieten, während wir unseren Nachbarn allein ins Land fallen und ste, obwohl ste für Haus und Hof fechten, in der Regel ohne große Mühe besiegen. Mit unserer ganzen Macht auf einmal hat es ein Feind noch nie zu tun gehabt, weil wir gleichzeitig immer Mannschaft für die Flotte bedürfen und auch zu Lande unsere Truppen an allen Ecken und Enden verwenden müssen. Kommen aber die Herren mal mit einem unserer Heeresteile ins Gefecht und schlagen sie dabei ein paar Athener aus dem Felde, so wird daraus gleich ein Sieg über das ganze athe nische Heer; sind sie dagegen von uns besiegt, so sind sie immer nur unserer ganzen Macht unterlegen. Wenn wir aber auch ohne solchen Zwang getrost in den Kampf gehen und uns dabei nicht auf künstlich gezüchtete Tapferkeit, sondern auf angebo renen Mut verlassen, so kommt uns nur das zugute; denn auch ohne unsere Kräfte vorher auszugeben, stehen wir nicht minder unseren Mann als unsere Gegner, die sich bis dahin beständig abgequält haben. Und deshalb bewundert man Athen mit Recht, aber freilich noch aus anderen Gründen.
„Denn wir pflegen die Künste, aber nicht um eiteln Prunkes willen, und lieben die Wissenschaft, aber ohne uns dadurch verweichlichen zu lassen. Wir schätzen den Reichtum als ein Mittel, um nützlichen Gebrauch davon zu machen, nicht aber um damit zu protzen. Seiner Armut braucht sich niemand zu schämen, es sei denn, daß er sie durch Faulheit selbst verschuldet hat. Der Politiker kann sich bei uns auch seinen eigenen Angelegenheiten widmen und der Geschäfts mann, der sein Gewerbe treibt, dabei sehr wohl auf Politik verstehen. Nur hier hält man den, der sich nicht um Politik bekümmert, nicht für einen guten Bürger, sondern für einen Philister. Bei uns bildet sich jeder wenigstens ein Urteil über solche Fragen, wenn es auch zunächst den berufsmäßigen Poli tikern überlassen bleibt, über deren richtige Lösung nachzudenken. Wir glauben nicht, daß die Sachen darunter leiden, wenn man sich erst öffentlich darüber ausspricht; im Gegenteil, wir halten eS für verkehrt, eine Sache anzugreifen, ohne sich darüber vorher durch Rede und Gegenrede belehren zu lassen. Denn auch darin untershceiden wir uns von anderen, daß wir bei unseren Unternehmungen erst wägen und dann wagen, während sie dummdreist draufgehen und, wenn sie zur Besinnung kommen, den Mut verlieren. Der wahre Mut ist es denn doch, sich zu nächst klarzumachen, was man zu hoffen und zu fürchten hat, und dann doch nicht vor der Gefahr zurückzushcrecken. Auch über Wohltun deuten wir anders als die meisten; nicht durch Nehmen, sondern durch Geben suchen wir uns Freunde zu machen. Wer einem anderen eine Wohltat erweist, hält fester an der Freund schaft und sucht sich dessen Dankbarkeit durch fortgesetztes Wohl wollen zu erhalten; der durch eine Wohltat Verpflichtete da gegen läßt es schon eher darauf ankommen, weil er sich sagt, daß er sie nicht erwidert, um dem anderen eine Freude zu machen, sondern um eine Schuld abzutragen. Wir sind die einzigen, die nicht aus Berechnung und um eigenen Vorteils willen, sondern als freie Männer auch ohne Nebenabsichten vertrauensvoll und furchtlos anderen Wohltaten erweisen.