Kitap 2
Wenn es bisher bei den Rednern an dieser Stätte fast allgemeiner Brauch geworden, den Mann zu rühmen, der mit der Bestattung diese Rede verband, weil an dem Grabe gefallener Krieger ein ehrendes Wort sich zieme, so würde ich es für hinreichend gehalten haben, dass man Helden der That mit einer festlichen Handlung ehre, — wie das denn der Staat durch die Bestattung gethan hat, deren Zeugen ihr so eben gewesen — und würde die Verherrlichung so vieler Männer nicht einem Einzelnen und der zufälligen Wirkung seines Vortrags anheimgegeben haben.
Denn wie schwer ist es, da das Rechte zu sagen, wo sich schon die Ueberzeugung von der Wahrheit des Gesagten kaum erreichen lässt. Für den eingeweihten und wohlwollenden Zuhörer wird gar manches hinter seinen gerechten Erwartungen zurückbleiben, während den unkundigen der Neid wieder ebensoviel Uebertreibung darin finden lässt, wenn er an höhere Beweggründe glauben soll, als er selber kennt. Denn Lobreden auf andere erträgt der Mensch nur so weit, als er die Kraft zu den Handlungen, die man ihm erzählt, wenn auch nur zum Theil, in sich findet; jede weitere Zumuthung weckt nur den Neid und man will nicht mehr glauben.
Weil denn aber unsere Vorfahren diese Einrichtung für angemessen erkannt haben, so will auch ich dem Gesetze Genüge thun, indem ich es versuche, den Erwartungen und Ansichten dieser Versammlung nach allen Seiten möglichst gerecht zu werden.
Lasst mich mit unsern Ahnen beginnen; wir erfüllen nur eine Pflicht der Dankbarkeit und ehren uns selber, wenn wir bei dieser Feier ihnen ein Wort ehrender Erinnerung widmen.
Ihrer Tapferkeit dankt noch jetzt das Vaterland seine Freiheit, und nie haben Wanderungen die Reihe von Geschlechtern unterbrochen, die sie uns überliefert. Und dieser Dank, den wir ihnen zollen, gebührt er nicht mehr noch unsern Vätern, die zu dem Erbe der Vorzeit noch das mächtige Reich, das wir beherrschen, wahrlich nicht mühelos erworben und dem jetzt lebenden Geschlechte hinterlassen haben?
Seine jetzige Ausdehnung aber haben wir selber, die Männer in mittleren Jahren der gegenwärtigen Generation, ihm gegeben und dem Vaterlande zu dem unbedingtesten Besitz aller Hülfsmittel für Krieg und Frieden verholten.
Von den Kriegsthaten und Eroberungen dieser Männer, von all' den Angriffen fremder oder griechischer Völker, die wir oder unsere Väter muthig zurückgeschlagen, will ich schweigen, um kurz zu sein über allgemein Bekanntes.
Vergegenwärtigen wir uns dagegen vor allem die eigentümliche Lebensrichtung, die sie so weit gebracht, die politischen und die sittlichen Ursachen unserer Grösse, ehe wir zu dem Lob der Gefallenen selbst übergehen,— ein Gegenstand, der gewiss einer solchen Feier angemessen und für keinen in dieser Versammlung, sei er Fremder oder Bürger, ohne Nutzen sein wird.
Wir erfreuen uns einer Verfassung, welche nicht entstanden aus der Uebertragung fremder Gesetze, keine Nachahmung, sondern vielmehr selber ein würdiges Vorbild für andere ist. Mag sie Volksherrschaft heissen, sofern die Bürgerschaft, nicht ein Adel der Berechtigte ist ; aber bei aller Gleichheit, welche das Gesetz den persönlichen Unterschieden gegenüber allen gewährt, ist es doch lediglich die Tüchtigkeit, wo sie sich auch hervorthun mag, welche den Rang bestimmt und den Weg zu Ehren und Würden bahnt, ja auch für den Aermsten, wofern er nur dem Staate zu nützen vermag, bildet seine niedrige Stellung kein Hindernis.
Und diese Freisinnigkeit des öffentlichen herrscht sie nicht auch in dem täglichen Leben? Kein Splitterrichter verfolgt hier Schritt und Tritt, und niemand verargt dem Nächsten seine Vergnügungen und quält sich mit einem Aerger, der zwar unschädlich, aber immerhin für das Auge beleidigend ist.
Und wie die Humanität unser Privatleben, so bewahrt unser öffentliches Leben schon die natürliche Scheu vor aller Ungebühr; wir gehorchen der erkomen übrigkeit und den Gesetzen, vor allem denen, die zum Schutz des Verfolgten gegeben sind, und jenen ungeschriebenen, welche durch die strafende Volksstimme sich in Kraft zu setzen wissen.
Und wo ist für die Erholung des Gemüthes nach der Arbeit reichlicher gesorgt als bei uns, wo Kampfspiele und Feste in steter Folge sich ablösen, und die geschmackvolle Einrichtung des Hauses das Herz täglich aufs neue zum Frohsinn stimmt?
So gross ist unsere Stadt, dass jedes Land sein Bestes uns sendet, und wir in gleicher Fülle an den Gütern der Fremde wie an den Gaben des heimathlichen Bodens uns erfreuen dürfen.
Aber auch die Kriegsverfassung Athens besitzt ihre Vorzüge vor der unserer Feinde. In unserer Stadt hat jedermann Zutritt, und keine Fremdenausweisung verwehrt ihm, alles zu schauen und kennen zu lernen, wenn auch ein Feind hingehen und diese Liberalität sich zu nutze machen könnte; im stolzen Gefühle unseres kriegerischen Muthes verschmähen wir alle solche schwächlichen Vorkehrungen. Und wenn bei jenen die Erziehung darauf ausgeht, durch mühselige Abrichtung von früher Jugend auf Männer zu bilden, können wir, ohne uns solchen Zwang anzuthun, es trotz ihnen mit den schwersten Kämpfen aufnehmen.
Ich berufe mich auf Thatsachen. Sparta selbst schickt uns nicht seine Contingente, sondern nur das vereinigte Bundesheer ins Land , und bei unsern eigenen Feldzügen kostet es uns in der Regel wenig Mühe, im Feindesland einen Gegner, der für Haus und Herd kämpft, aus dem Felde zu schlagen.
Noch hat kein Feind es mit unserer gesamten Macht zu thun gehabt, die gleichzeitig durch den Flottendienst und zu Land durch Verschickung der Bürgertruppen an alle bedrohten Punkte in Anspruch genommen ist, und es ist nur Prahlerei, wenn uns jedes unbedeutende Gefecht, worin etliche der Unsern unterlagen, als allgemeine Niederlage, und haben wir gesiegt, als volle Machtentfaltung angerechnet wird.
Wie vorteilhaft aber! Gehen wir nur frisch, ohne diese geschulte Abhältung und statt mit einer gebotenen, mit natürlicher Tapferkeit in den Kampf, so brauchen wir uns nicht mit künftigem Ungemach im voraus zu mühen, ohne doch in der Stunde der Entscheidung weniger Entschlossenheit zu zeigen, als sie, die sich immer quälen; so dass Athen auch hierin gleich bewunderungswürdig dasteht, wie in so vielem.
Hier blüht Kunstsinn neben Sitteneinfalt, und die Wissenschaften ohne Ueberfeinerung; der'Reichthum dient nicht der Hoffahrt, sondern dem Unteraehmungsgeiste, und die ehrliche Armuth wird nirgends beschämt, vielmehr die stumpfsinnige, arbeitsscheue ist eine Schande.
Hier versteht es der Staatsmann zugleich Geschäftsmann zu sein, und der Handwerker ist mit der Regierungskunst wohl bekannt; denn wer hierin ein Fremdling bleibt, der blosse Privatmann, wird nirgends so als Tagdieb angesehen.
Hier ist es der Bürger, der in Staatssachen das Beste rathet oder doch beschliessen hilft; denn die Besprechung schadet der Thatkraft nicht, sondern gerade die Kurzsichtigkeit, welche dem Rufe zur That folgt, ehe sie sich nur darüber hat belehren lassen. Denn das ist ein weiterer Vorzug, dass bei uns die kühnste Entschlossenheit durch die vorsichtigste Berechnung nicht leidet, während sonst der Muth nur aus Unkunde, aus Ueberlegung aber Unentschlossenheit entspringt. Und gibt es wohl eine grössere Seelenstärke als die Besonnenheit, die Gefahr und Genuss wohl kennt und sich doch dadurch die Lust am Kampfe nicht rauben lässt?
Auch unser Edelmuth ist von einer andern als der gewöhnlichen Art. Denn erstlich sind es erwiesene und nicht empfangene Wohlthaten, was unsere Freundschaften schliefst, und der Gebende ist immer auch zuverlässiger, um sich die Dankesschuld des Wohlwollens bei dem Empfänger stets ausstehend zu erhalten ; während der Verpflichtete fühlt, dass seine aufopferndste Freundschaft doch nur Schuldigkeit und kein Verdienst ist und dadurch verdrossen wird.
Und dann ist es wie nirgend sonst das Selbstgefühl der Freiheit, das uns den Muth verleiht, ohne Berechnung des Vortheils einem Jeden beizustehen.
Kurz, wie Athen selber als Griechenlands Bildungsschule dasteht, so mag man auch getrost jeden seiner Bürger als ein Muster der vielseitigsten Befähigung zu den Geschäften, der genialsten Gewandtheit hinstellen.
Und dass dies nicht rednerischer Selbstruhm, sondern That und Wirklichkeit ist, das bezeugt selbstredend die Macht des Staates, die nur solche Männer erwerben konnten.
Die Welt staunt über eine Macht, die in der Probe das Gerücht noch übertrifft, die keinem Angreifer Ursache lässt, nach dem blutigen Versuch seiner Besieger sich zu schämen, keinem Unterthanen, den Herrscherberuf seiner Gebieter in Zweifel zu ziehen.
Und welche Proben haben wir nicht von unserer Macht abgelegt, unvergängliche Denkmale, die uns die Bewunderung der Mit - und Nachwelt sichern! Unser Ruhm bedarf keines Homeres mehr, keines Dichters, dessen Gesänge zwar den Hörer erfreuen, während doch seine vermeintlichen Kämpfe vor der Prüfung nicht bestehen können; vielmehr hat sich unser Schwert zu jedem Land und Meer unaufhaltsam den Zugang erstritten und überall bleibende Denkmale von Strafe und Belohnung hinterlassen.
Und dies ist das Vaterland, um dessen Besitz unsere Todten im ruhmvollen Kampfe gefallen sind, und welches auch uns Ueberlebende alle zu jeglichem Opfer verpflichtet.
Darum eben habe ich auch bei dem Preise des Vaterlandes verweilt, um den Beweis zu führen, dass es ein höheres Gut ist, wofür wir kämpfen, als die, welche keinen dieser Vorzüge in gleichem Grade besitzen, und damit das Verdienst der Männer, denen ich hier die Grabrede halte, durch Thatsachen ins Licht zu setzen.
Ja im Grunde ist dasselbe schon bezeichnet. Denn alles Herrliche, das wir an dem Vaterlande gepriesen, verdankt es ihnen oder Männern von ihren Tugenden, und gleichwie bei den gefeiertsten Männern Griechenlands wiegen ihre Thaten jede Lobrede auf. Sehet ihr Sterben an: als Helden haben sie sich angekündigt, als Helden bis ans Ende bewährt.
Muss ja schon der gewöhnliche Mensch wegen patriotischer Tapferkeit im Kriege werth gehalten werden , da er das Böse durch Gutes in Vergessenheit gebracht und durch bürgerliche Tugend mehr genützt, als im Privatleben geschadet hat. —
Von diesen aber hat keinem der lockende Genuss des Reichthums die Entschlossenheit geraubt, keinen die Hoffnung des Armen auf künftiges Glück und Reichthum mit seiner Pflicht markten lassen. Allein von dem Wunsche beseelt, den Feind zu züchtigen, und im Gefühle der grossen Sache, für die sie stritten, wollten sie auf dem Schlachtfeld den Sieg und die Erfüllung ihrer Wünsche finden, so doch dass sie den dunkeln Ausgang ruhig dem Glücke vertrauten und der Wirklichkeit, dem Ernst des Augenblicks die männliche Zuversicht auf die eigene Kraft entgegensetzten . In der Schlacht selbst achteten sie nicht Tod und Wunden, keiner wich und rettete das Leben, sondern wahrte die Ehre und erwartete den Todesstreich, und als sie dem Geschick seinen kurzen Triumph lassen musten, schieden sie ohne Bangen, im Vorgenuss ihres Ruhmes.
So sind sie würdig des Vaterlandes als Helden gefallen. Uns aber lasset, ob wir auch um einen unblutigeren Ausgang flehen, doch von derselben mannhaften Gesinnung vor dem Feind erfunden werden und nicht nur müssig reden hören von ihrer Nützlichkeit, von der ihr ohne viel Worte und ohne Aufzählung aller Vortheile einer nachdrücklichen Verteidigung schon selbst überzeugt seid, sondern unverdrossen handeln lasst uns für das Vaterland, um seine Grösse zu begreifen und für sie zu erwarmen. Und wenn ihr Bewunderung für sie fühlt, vergesset nicht, dass Männer von Muth, Umsicht und kriegerischem Ehrgefühl es waren, die sie begründet, die wenn ihnen auch zuweilen ein Unternehmen mislang, sich geschämt, desshalb dem Vaterlande ihre Dienste zu entziehen, sondern mit Freuden ihm das beneidenswertheste Opfer dargebracht haben.
Denn für ihr dem Staate geopfertes Leben ist ihnen zum Lohn unsterblicher Ruhm und die ehrenvollste Grabschrift geworden, nicht auf dem Grab von Erde, sondern auf dem, wo ihr Ruhm, so oft ihr Name genannt, ihr Beispiel nachgeahmt wird, unvergesslich fortlebt.
Denn ruhmwürdige Männer haben die ganze Erde zu ihrem Grabmal, und nicht der Buchstabe nur auf dem Grabstein in der Heimat, sondern auch in der Fremde ein lebendiges Andenken, unsichtbar in alle Herzen geschrieben, bewahrt ihren Namen.
Und solchen Vorbildern gilt es jetzt nachzustreben. In der Freiheit sei unser Glück, unsre Freiheit in dem Muthe, und keiner achte seine Pflicht als Krieger gering.
Soll der Arme, dem die Zukunft nur Trübes zeigt, sein Leben daransetzen, und nicht vielmehr derjenige, welchem der entgegengesetzte Glückswechsel zu fürchten, der bei einer Niederlage mit den wichtigsten Interessen betheiligt ist?
Denn die Entehrung, welche der Feigheit folgt, dünkt dem Manne von Ehre ein empfindlicheres Unglück als ein Tod ohne Schmerz, in der Blüthe der Kraft und vaterländischer Hoffnung.
Darum ihr Eltern der Gefallenen in dieser Versammlung, erwartet hier von mir nicht Worte der Klage, sondern des Trostes. Was ist doch unser Leben, als ein Launenspiel des Schicksals, und wer ist der Glückliche als der, dem der Tod der Ehren wie diesen, dem eine Trauer gleich der euren zu Theil ward, dem nach würdigem Genuss des Lebens ein gleiches Ende beschieden war.
Wohl mag das Gefühl noch oft widersprechen, so oft euer Auge bei andern dem Glücke begegnet, das für euch nun dahin ist, auch trauert das Herz nicht um die Entbehrung nie genossener Güter, sondern um langgewohnte, die ihm entrissen wurden.
Doch fasset Muth, auch Söhne können euch noch werden, wer noch auf Leibesfrucht zu hoffen hat. Ein frischer Nachwuchs wird manchem seinen Verlust vergessen machen, und das Vaterland wird sich freuen, dass die Lücken sich wieder füllen und seine Bürgschaften sich mehren. Denn unmöglich kann derjenige redlich zum gemeinen Besten mitrathen , wer nicht auch als Vater mit seinen Mitbürgern die Gefahr theilt.