Thesauros Edebiyat Tarih Ἱστορίαι

Ἱστορίαι

Ἱστορίαι Thucydides

Kitap 1

 
Als die Kerkyräer von diesen Rüstungen erfuhren, kamen sie im Geleit Lakedämonischer und Sikyonischer Gesandten nach Korinth und forderten, die Korinther sollten ihre Tnlppen und die neuen Ansiedler aus Epidamnos wegziehen, da sie auf diese Kolonie kein Recht hätten. Glaubten sie aber doch Gegenansprüche machen zu dür- 72) Gemeint ist die Gleichheit mit den Epidamniern (Schol.), denn die unter einander verstand sich wohl von selbst. (Kr.) 72) Die korinthische Drachme betrug 9^/s gute Groshcen, nach Böckh, Staatshaushalt der Athen. I. S. 17. Genauere? in der 2. Ausl. I. S. 26. Vgl. dessen metrolog. Untersuch. S. 96. fen, so seien sie bereit, die Angelegenheit denjenigen peloponnefischen Städten zur Entscheidung vorzulegen, über welche sich beide Theile vorher geeinigt haben würden. Wem von ihnen beiden die Kolonie dann zugesprochen werde, der solle Sieger sein. Auch dem Delphischen Orakel wollten sie die Entscheidung anheimstellen^*), nnr möge man keinen Krieg anfangen; denn sonst seien auch sie gezwungen, zu ihrer Unterstützung sich andere Bundesgenossen zu erwerben als die, welche sie jetzt hätten, und zwar solche, welche den Korinthern nicht angenehm wären, obgleich sie selbst dazu nöthigten Die Korinther gaben zur Antwort: wenn jene erst ihre Schiffe und die Barbaren von Epidamnos zurückgezogen hätten, seien sie zu Unterhandlungen bereit, vorher aber wolle es ihnen nicht wohl anstehei, daß die in Epidamnos belagert würden, und sie hier Verhandlungen Pflögen. Hieraus erwiderten die Kerkyräer, sie wären damit einverstanden, wenn auch jene ihre Leute Epidamnos wollten räumen lassen; auch wäre es ihnen Recht, wenn beide Parteien in ihren gegenwärtigen Stellungen verblieben und einen Waffenstillstand schlößen, bis der Rechtsspruch erfolgt sei.
 
Hierin aber gaben die Korinther in keinem Punkte nach, sondern als ihre Schiffe gerüstet und ihre Bundesgenossen bereit waren, schickten sie vorher einen Herold ab, um den Kerkyräern den Krieg anzusagen, und segelten dann mit fünfundsiebenzig Schiffen und zwei Tausend Schwerbewaffneten nach Epidamnos, um gegen die Kerkyräer den Kampf entscheiden zu lassen Anführer der Schiffe waren Aristeus, Sohn des Pellichas, Kallikrates, des Kallias, und Timanor, des Timanthes Sohn; die Landtruppen befehligten Archetimos, Sohn des Enrytimos, und Jsarchidas, Sohn des Jsarchos. Als sie bei Aktion auf Anaktorifchem Gebiete, dort wo der Tempel des Apollo 73*) Streitigkeiten einzelner Städte wurden nicht vor das Bundesoberhaupt, die Spartaner, gebracht, um diese nicht allzu mächtig werden zu lassen, fondern vor ein Schiedsgericht anderer Städte oder das delphische Orakel. 74) Bezeichnet werden die Athener und die Trennung von den stammverwandten Peloponnesiern. (Kr.) 75) Diese Unternehmungen und die Schlacht bei Leukimme fallen in den Frühling von Ol. 36, 2 (43 4 v. Chr.), vgl. Krüger, histor. philol. Stab. S. 219 ff. steht, nahe an der Mündung des Amprakischen Meerbusens angekommen waren, schickten ihnen die Kerkyräer ein Boot mit einem Herold entgegen, der sie aufforderte, nicht weiter gegen sie vorzurücken. Zu gleicher Zeit bemannten sie ihre Schiffe, gaben den alten neue Querdecke, so daß sie die See halten konnten, und machten die andern segelfertig. Der Herold brachte von den Korinthern keine friedliche Antwort, und da ihre Schiffe die Besatzung aufgenommen hatten, — es waren deren achtzig: vierzig andere nämlich hielten Epidamnos blokirt^), — so fuhren sie auf die hohe See jenen entgegen, stellten sich in Schlachtordnung auf, und die Seeschlacht begann. Es trugen aber die Kerkyräer einen entschiedenen Sieg davon und vernichteten den Korinthern fünfzehn Schiffe. An demselben Tage hatten auch die, welche Epidamnos entschlossen, das Glück, die Stadt durch Uebergabe in ihre Hand zu bekommen, unter der Bedingung, daß die Fremden verkauft, die Korinther aber gefangen gehalten werden sollten, bis anders entschieden sei.
 
Nach der Seeschlacht errichteten die Kerkyräer auf Leukimme [Lefkimo], dem Vorgebirge von Kerkyra, ein Siegeszeichen und tödteten die [znr See] gemachten Gefangenen mit Ausnahme der Korinther, welche sie in Fesseln behielten; und als die Korinther und ihre Bundesgenossen nach der Niederlage mit ihren Schiffen nach Hause zurückgekehrt waren, blieben die Kerkyräer Herren aller jener Gewässer. Sie segelten gen Lenkas, eine Pflanzstadt Korinths^), und verheerten das Land; auch steckten sie Kyllene, die Schiffswerft der Eleer, in Brand, weil diese den Korinthern Schiffe und Geld geliefert hatten. Die längste Zeit nach jener Seeschlacht blieben sie Herren des Meeres 7 s), suchten die Bundesgenossen der Korinther heim und fügten ihnen Schaden zu, bis die Korinther gegen Ende des Sommers Schiffe und Truppen aus-schicken, da ihre Bundesgenossen zu sehr litten. Sie lagerten bei Aktion nnd in der Nähe von Cheimerion im 76) Dies gibt den Grund an, weshalb nicht alle 12V beinannt wurden, vgl. Kap. 2S. 77) Bei Gründung der Kolonie Leukas war auch Kerkyra betheiligt. Blut. Themist. 2 4. (Kr.) 78) Etwa fünf bis sechs Monate; die Schlacht fiel in den Frühling OI. 86, 2. v. Chr. 43 4. Krüger, histor. philol. Sind. I. S. 220. Gebiete der Thefproter, um Leukas und die andern befreundeten Städte zu schützen. Die Kerkyräer hingegen nahmen mit der Flotte und den Landtruppen Stellung bei Leukimme. Zur Seeschlacht kam es jedoch nicht, sondern sie blieben den ganzen Sommer ruhig einander gegenüber stehen, und als der Winter bereits hereingebrochen war, kehrten beide Theile nach Hause zurück.
 
Die Korinther, durch den Verlauf des Krieges mit den Kerkyräern auf's Höchste gereizt, beschäftigten sich das ganze Jahr nach der Seeschlacht und das darauf folgende mit dem Schiffsbau und rüsteten mit aller möglichen Anstrengung eine Flotte^). Ruderer verschafften sie sich um hohen Lohn aus dem Peloponnes selbst und aus dem übrigen Hellas. Als die Kerkyräer von diesen Rüstungen .hörten, geriethen sie in Furcht, und da sie mit keinem der Hellenischen Staaten verbündet waren und sich auch weder in den Athenischen, noch in den Lakedämonischen Bund eingeschrieben hatten, so beschlossen sie nach Athen zu schicken und sich diesen als Bundesgenossen anzutragen, um zu versuchen, ob sie hier Unterstützung fänden. Die Korinther nun, als sie dies erfuhren, schickten auch ihrerseits Gesandte nach Athen, damit nicht die Vereinigung der Kerkyräifchen und der Attischen Flotte es ihnen unmöglich mache, den Krieg nach Wunsch zu beendigen. Eine Volksversammlung wurde anberaumt, und beide Theile kamen zur Rede und Gegenrede. Die Kerkyräer nun sprachen folgendermaßen So): Die beiden Jahre sind Frühling Ol. se, 2 bis se, 4. 434 — 432 v. Chr. Krüger Ebend. S. 219 ff. IV) Einen künstlichen Plan nnd rhetorische Ausführung haben die philippischen Reden des Demosthenes so wenig als die thnkydideischen. (Niebuhr, kleine hist. und phil. Schriften, II, S. 153.) Doch fehlt eS beiden nicht an psychologischer Berechnung des Eindrucks und einer dieser gemäßen Anordnung, die sich freilich über pedantische Technik hinwegsetzt. (Kr.) Künstlicher Plan und rhetorische Ausführung, können nur auf müßige und schale Köpfe einen Eindruck hervorbringen. Wem es um die Sache zu thun ist, der gibt und verlangt dergleichen nicht. Thnk. war kein Gorgias. Wer aber als Historiker Reden Anderer abfaßt, wäre viel eher veranlaßt, sie technisch möglichst schul- gerecht zu disponiren, als wer in re auf eigene Verantwortung redet. Hierin zeigt sich eben wieder des That Geistesgröße. Aber er hatte auch keine Redeschule durchzumachen, wie wir Modernen, deren Gesetze aus der griech. Sophisten-
 
„Von denjenigen, ihr Athener, die Andere um Hilfe angehen, ohne sich auf früher geleistete Dienste oder vorangegangene Bundesgenossenschaft berufen zu können, wie eben wir jetzt in dem Falle sind, von denen wird billig der Beweis verlangt, vor Allem, daß ihr Gesuch ein vortheilbringendes, oder, wenn das nicht, doch wenigstens nicht mit Nachtheil verknüpft sei, und dann, daß man bei ihnen auf Dankbarkeit sicher rechnen dürfe. Gelingt es ihnen nicht, diese Punkte außer Zweifel zu stellen, so sollen sie sich nicht beschweren, wenn sie keinen Erfolg haben. Die Kerkyräer nun haben uns mit der Bitte um Bundesgenossenschaft an Euch abgesandt, und sie vertrauten, Euch hierüber alle Sicherheit geben zu können. Unser bisheriges Gebahren freilich ist wohl der Art gewesen, daß es uns weder euch gegenüber zur Sache empfehlend ist, noch auch uns selbst in unserer jetzigen Lage irgendwie Vortheil bringt. Denn wir sind früher niemals gern eines Andern Bundesgenosse geworden, und kommen nun doch zu Fremden, um die Bundesgenossenschaft nachzusuchen, und zugleich stehen wir für diesen Krieg mit den Korinthern ganz verlassen da, und was an uns früher Klugheit schien: nie durch fremde Bundesgenossenschaft die Gefahren fremden Beginnens theilen zu wollen, erscheint jetzt umgekehrt als Unberathenheit und Schwäche. In der Seeschlacht, die vorgefallen ist, haben wir uns zwar allein der Korinther erwehrt, jetzt aber, da sie mit größerer Rüstung vom Peloponnes und dem übrigen Hellas gegen uns heranziehen, und wir uns zu schwach fühlen, um mit der eigenen Macht allein obzusiegen, und da auch die Gefahr groß ist, wenn wir unterliegen sollten, so sind wir gezwungen, euch und jeden Andern um Hilfe zu bitten; und wenn wir jetzt etwas unternehmen, was zu unserer früheren Unthätigkeit nicht stimmt, so möge uns zur Entschuldigung dienen, daß wir nicht aus böser Absicht, sondern aus irriger Einsicht gehandelt haben."
 
„Euch aber, wenn ihr uns willfahrt, wird der Zufall, der uns als Hilfsbedürftige zu euch führt, in mancher Hinsicht Vortheil bringen. Für's Erste werdet ihr Unrechtleidenden Hilfe leisten und rhetorik durch den Kanal der christl. Homiletik bis in die Lehrbücher des Curial- Styles und in unsere Schul-Chrien geflossen sind. nicht solchen, welche Anderen Schaden zufügen; dann bietet ihr eure Hand solchen, die um ihre höchsten Güter kämpfen, und werdet sie euch in unauslöschlicher Dankbarkeit verbinden, und endlich besitzen wir eine Flotte, die außer der eurigen jede andere übertrifft. Ueberleget, ob es einen selteneren und euren Feinden unerwünschteren Glücksfall geben kann, als wenn eine Macht, die ihr gern mit viel Geld und Gunst auf eure Seite gezogen hättet, ganz aus eigenem Antrieb und ohne alle Gefahren und Kosten euerseits sich anbietet, die noch dazu vor der Welt eure edle Gesinnung in's Licht stellt, euch die Dankbarkeit derer sichert, denen eure Hilfe wird, und eure eigene Macht vergrößert. So viel Gutes vereint ist zu jeder Zeit nur Wenigen zu Theil geworden, und selten bringen die, welche um Bundesgenossenschaften bitten, denen, welche sie darum angehen, die gleiche Sicherung ihrer Macht und des guten Rufes zu, die sie selbst von jenen zu empfangen gekommen sind. Wenn aber Jemand glaubt, daß der Kriegsfall nicht eintreten werde, für welchen wir euch von Nutzen sein könnten, so irrt er sich und merkt nicht, wie die Lakedämonier aus Furcht vor Ench bereits auf Krieg sinnen, und daß die Korinther, die eure Feinde sind, bei jenen aber viel vermögen, vorerst mit uns fertig zu werden wünschen, um dann gegen euch loszugehen, damit wir nicht in gemeinsamer Feindschaft gegen sie zusammenstehen, und damit sie von Zweien wenigstens Eins erreichen, nämlich entweder uns Schaden zuzufügen, oder ihre eigene Macht zu vermehren. Unsere ^gemeinsames Sache nun ist es, ihnen den Vorsprung abzugewinnen, indem wir euch die Kampfgenossenschaft antragen, und ihr sie annehmt, um dann selbst mit dem Angriff zuvorzukommen, anstatt hinterher auf Vertheidigung zu denken."
 
„Wenn sie aber behaupten, daß ihr Unrecht thnt, eine ihrer Pflanzstädte aufzunehmen, so mögen sie erst lernen, daß jede Pflanzstadt ihre Mutterstadt ehrt, so lange sie gut behandelt wird, daß sie sich aber abwendet, wenn sie Ungerechtigkeiten zu erdulden hat. Denn Kolonisten werden nicht ausgesandt, um der Zurückbleibenden Knechte zu werden, sondern um ihres Gleichen zu bleiben. Daß sie uns aber Unrecht zugefügt haben, ist deutlich; denn als sie von uns wegen der Epidamnischen Sache zur Ausgleichung aufgefordert wurden, wollten sie die Beschwerden lieber durch Krieg zur Entscheidung bringen, als sie nach dem Recht beilegen lassen. Und wie sie gegen uns, ihre Blutsverwandten, handeln, das möge Euch zur Warnung sein, daß ihr euch weder durch ihre Hinterlist täuschen lasset, noch auch dem, was sie offen verlangen, willfahret. Denn der steht wohl am sichersten, der es am wenigsten bereuen muß, seinen Feinden gefällig gewesen zu sein."
 
„Auch brecht ihr nicht die Verträge mit den Lakedämoniern ^ durch unsere Aufnahme, denn wir gehören noch zu keiner der beiden Bundesgenossenschasten, und es heißt ja in jenem Vertrag, daß es den Hellenischen Staaten, die noch auf keiner Seite mitkämpfen, frei stehe, sich nach Gefallen an einen der beiden Theile anzuschließen. Und es stünde auch sehr schlimm, wenn es jenen erlaubt sein sollte, ihre Schiffe nicht nur mit Bundesgenossen zu bemannen, sondern auch aus den andern snicht verbündeten^ griechischen Staaten und sogar aus solchen, die euch Unterthan sind, und wenn sie uns von der bestehenden Bundesgenossenschaft ausschließen und verbieten wollten, auch anderswo uns Hilfe zu suchen, und wenn sie auch euch ein Verbrechen daraus machen wollten, unsere Bitte zu gewähren. Viel mehr Ursache hätten wir, uns über euch zu beklagen, wenn ihr uns kein Gehör schenken wolltet, denn damit würdet ihr Solche von euch stoßen, die in Noth nnd Gefahr schweben und eure Feinde nicht sind; jene aber, die eure Feinde sind und euch zu Leibe gehen, hindert ihr nicht nur auf keine Weise, sondern laßt sie auch aus eurem eigenen Gebiet ihre Kriegskraft verstärken, und das ist nicht Recht, sondern entweder müßt ihr in eurem Gebiete die Werbungen jener untersagen, oder auch uns Hilfe schicken, unter welchen Bedingungen es euch nun am besten dünken mag. Ein offenes Bündnis; und der Beistand eurer Waffen wäre aber das Entsprechendste. Für diesen Fall gewähren wir große Vortheile, wie wir schon Anfangs gesagt haben. Der bedeutendste liegt darin, daß wir beide dieselben Feinde haben, was ja das stärkste Band treuen Zusammenhaltens ist, und zwar keine schwachen, sondern die wohl im Stande sind, euch zu züchtigen, wenn ihr von uns zurücktretet ^Auch 81) Der dreißigjährige Vertrag mit den Lakcdämoniern I, 115. 82) Ich übersetze μετασιάντας auf die Athener bezogen, gleich μετανα- σιάντας von uns, den jetzt Bittenden, wegtretend. ist es nicht gleichviel, das Bündnis; mit einer Seemacht von der Hand weisen, oder das mit einer Landmacht, was wir nicht sind. Eigentlich solltet ihr nach Kräften verhindern, daß ein Anderer überhaupt eine Flotte besitze; wenn aber das schon einmal unmöglich ist, solltet ihr wenigstens danach streben, die mächtigste Seemacht auf eurer Seite zn haben."
 
„Und wenn Einer in dem Vorgebrachten zwar wirklich: Vortheile erkennt, aber doch ihretwegen die Verträge zu lösen fürchtet, der möge wissen, daß, wenn er bei seiner Scheu auch Macht besitzt, er beim Gegner noch größere Scheu erwecken wird, — daß es aber als Schwäche erscheint, wenn er sein Vertrauen darauf setzt, uns nicht ausgenommen zu haben, und daß er deshalb einem mächtigen Feind um so weniger Furcht einflößen wird. Und es handelt sich ja auch zugleich nicht in höherem Grade um das Wohl Kerkyra's als um das Athens, und es heißt nicht das Beste dieses Staates im Auge haben, wenn man bei einem bevorstehenden Kriege, der schon so gut als wirklich da ist, nicht über den Augenblick hinausdenkt und noch lange ansteht, sich einen Staat zu verbinden, dessen Freundschaft oder Feindschaft sehr schwer in die Wagschale fällt. Denn Kerkyra hat eine höchst günstige Lage für die Ueberfahrt nach Italien und Sicilien, und es vermag ebensowohl eine von dort ansegelnde Flotte zu verhindern, daß sie gegen den Peloponnes darbringe, als es Schiffe von hier dorthin geleiten kann, und noch in vielen anderen Beziehungen bietet es große Vortheile. Um uns aber ganz kurz zu fassen und Alles samt und sonders nur in der Hauptsache auszusprechen, so erfahrt denn, warum ihr uns nicht ohne Hilfe lassen dürfet. Es gibt unter den Hellenen drei nennenswerthe Seemächte, die einige, die unsere und die der Korinther. Wenn ihr es nun geschehen lasset, daß zwei davon in Eine zusammenschmelzen, indem die Korinther uns vorwegnehmen, so habt ihr nachher mit der vereinigten Seemacht der Kerkyräer und der Peloponnesier zu kämpfen. Nehmet ihr hingegen uns zu Verbündeten an, so werdet ihr den Kampf gegen jene führen, euerseits um die Zahl unserer Schiffe verstärkt."
 
So redeten die Kerkyräer. Nach ihnen aber die Korinther, wie folgt:
 
„Da die Kerkyräer in ihrer Rede nicht bei dem Ansuchen um eure Bundesgenossenschaft stehen geblieben sind, sondern auch behauptet haben, daß wir hart und ungerecht gegen sie verfahren, und daß sie selbst gegen alles Recht mit Krieg überzogen werden, so müssen auch wir uns zuerst über diese beiden Punkte auslassen, ehe wir zum eigentlichen Zweck unserer Rede kommen, damit ihr von vorn herein deutlich seht, was wir wollen, und damit wir euch triftige Gründe an die Hand geben. Dieser Ansuchen zurückzuweisen. Wie sie sagen, hätte sie die Klugheit bewogen, sich mit Niemanden in ein Bündniß einzulassen, aber das ist nur aus bösem Willen, nicht aus rühmenswerther Gesinnung geshcehen. Sie konnten zu ihren Schändlichkeiten keine Gehilfen und keine Zeugen brauchen und wollten sich durch Zuziehung Anderer keiner Beschämung aussetzen. Auch gibt ihnen die Lage ihres Inselstaates eine unabhängige Stellung und gestattet ihnen, in eigener Person über Diejenigen Richter zu sein, denen sie selbst Unrecht zufügen, ohne sich an Verträge binden zu müssen. Denn sie selbst besuchen mit ihren Schiffen Niemanden, wohl aber sind Andere oft genöthigt, bei ihnen Zuflucht zu suchen ^). Das ist der Grund ihrer gerühmten Zurückhaltung von fremder Bundesgenoffenschast. Sie wollen nicht, wie sie vorschützen, an fremdem Unrecht unbetheiligt bleiben, sondern auf eigene Rechnung Unrecht ausüben und, wo sie die Macht dazu in Händen haben, Gewalt brauchen, wo es aber heimlich geschehen kann. Andere Übervortheilen; in jedem Fall aber wollen sie keiner Beschämung ausgesetzt sein, wenn sie irgendwo Raub verübt haben. Wären sie rechtliche Leute, wie sie sich rühmen, so könnten sie durch Rechtgeben und Nehmen ihre Tugend um so Heller leuchten lassen, je unangreifbarer ihre Stellung nach Außen ist.
 
„Aber sie haben sich gegen Andere so wenig, wie gegen uns so gezeigt. Obgleich sie ein Pflanzvolk von uns sind, haben sie sich gänzlich von uns losgesagt, und jetzt führen sie Krieg gegen uns und sagen, sie seien nicht deshalb als Ansiedler ausgesandt worden, um sich Unrecht gefallen zu lassen. Wir aber sagen: wir haben sie nicht ausgesandt, um von ihnen eine übermüthige Behandlung zu erfahren. 83) Eliva durch Stürme genöthigt, wo sie wahrscheinlich bedeutende Abgaben erhoben. (Kr.) sondern um als ihr Oberhaupt betrachtet und nach Gebühr geehrt zu werden. Auch schätzen uns ja die übrigen Kolonien, und wir erfahren von unseren Ansiedlern die größte Anhänglichkeit. Wenn nun die Mehrzahl mit uns zufrieden ist, so ist es klar, daß diese allein keinen genügenden Grund zur Unzufriedenheit haben, und wir selbst führen auch keinen so auffälligen Krieg, ohne auffällig beleidigt worden zu sein. Aber selbst wenn wir gefehlt hätten, wäre es für sie schicklich gewesen, unserer Gereiztheit nachzugehen, und uns würde es dann zur Schande gereicht haben, ihrer Mäßigung gegenüber mit Anwendung von Gewalt zu verfahren. Sie haben aber in ihrem Uebermuthe und im Trotz auf die Macht ihres Geldes sich auch noch anderweitig viel an uns vergangen, und auch Epidamnos, das uns gehört, und wonach sie nie Verlangen getragen haben, so lange die Stadt in Noth war, haben sie mit Gewalt in Besitz genommen, als wir zur Hilfeleistung unterwegs waren."
 
„Sie behaupten zwar auch, vorher ein Schiedsgericht vorgeschlagen zu haben. Aber ein solches Anerbieten darf doch nicht von Seiten Desjenigen als redlich gemeint angesehen werden, der sich bereits im Vortheil befindet ^)und aus seiner sicheren Stellung heraus eine Entscheidung verlangt, sondern nur von denen, welche sich in Wort und That mit den Andern auf gleichen Fuß stellen, bevor sie es noch zum Kampfe kommen lassen. Diese aber sind mit dem berufenen Vorschlag des Schiedsgerichtes nicht etwa ausgetreten, bevor sie noch jenen Platz belagerten, sondern als sie schon sicher waren, daß wir nicht mehr ruhig zusehen würden. Und nun kommen sie daher und haben noch nicht genug daran, daß sie dort Unrecht gethan, sondern wollen auch euch noch zu Bundesgenossen, d. h. zu Genossen ihres Frevels, und wünshcen, daß ihr sie bei ihrer Feindschaft mit uns in euren Schutz nehmet. Damals hätten sie kommen sollen, als sie noch Nichts zu fürchten hatten, nicht aber jetzt, da wir von ihnen beleidigt sind, und sie eben deshalb Gefahr lausen, so daß ihr ihnen also jetzt eure Hilfe würdet zu Theil werden lassen, ohne früher ans ihrer Macht Vortheil gezogen zu haben. Ohne an ihren Vergehungen betheiligt 84) Wie die Kerkyräer durch den Sieg und die Unterwerfung der Epidamnier I, 29. (Kr.) zu sein, würdet ihr euch damit doch dieselben Vorwürfe unserer Seits zuziehen; aber nur, wenn ihr früher den Mitgenuß ihrer Macht gehabt hättet, wäret ihr jetzt verbunden, die Folgen gemeinsam zu tragen."
 
„Es ist nun klar, daß wir selbst mit gerechten Beshcwerden vor euch auftreten, diese aber gewaltthätige Räuber sind; wir müssen mm noch zeigen, daß ihr Unrecht thun würdet, sie als Bundesgenossen auszunehmen. Wenn es nämlich in den Vertragsbestimmungen heißt, daß es den nicht eingeschriebenen Städten freistehen solle, sich an die eine oder die andere Partei nach Belieben anzuschließen, so hat diese Übereinkunft nicht auf diejenigen Anwendung, welche darauf aus sind. Andern Schaden zuzufügen, sondern nur aus den, welcher fremde Hilfe sucht, ohne sich selbst seinen Verpflichtungen gegen Andere entziehen zu wollen, und der denen, welche ihm Schutz gewähren sollen, wenn diese anders vernünftig sind, nicht statt des Friedens den Krieg zubringt. Allein in diesen Fall würdet ihr kommen, wenn ihr uns nicht folgtet; denn ihr würdet nicht nur diese beschützen, sondern auch uns selbst aus Vertragsgenossen Feinde werden. Natürlich! denn wenn ihr mit jenen geht, können wir uns jener nicht erwehren, ohne uns zugleich gegen euch zu wenden. Gerecht handeln werdet ihr aber nur dann, wenn ihr entweder beide Theile für sich gewähren lasset, oder wenn ihr mit uns gegen diese zu Felde zieht. Denn mit uns Korinthern seid ihr durch Verträge verbündet, mit den Kerkyräern aber habt ihr niemals auch nur einen Vertrag auf kurze Zeit geschlossen. Fangt nicht damit an, die abgefallenen Bundesgenossen Anderer aufzunehmen; denn auch wir haben damals, als die Samier von euch abgefallen sind, und die übrigen Peloponnesier getheilter Meinung waren, ob man sie unterstützen solle, nicht gegen euch gestimmt, sondern offen erklärt, daß es einem Jeden zustehen müsse, seine Bundesgenossen selbst zu bestrafen. Denn wenn ihr jetzt diesen gewaltthätigen Leuten Aufnahme und Hilfe gewähren wolltet, so würde es bald geshcehen, daß nicht minder auch eure Bundesgenossen zu uns übertreten, und ihr hättet dann diese Handlungsweise mehr zu eurem eigenen als zu unserem Schaden eingeführt."
 
„Das sind die Rechtsgründe, mit denen wir euch gegenüber unsere Sache stützen, und nach Hellenischen Begriffen sind sie voll giltig. Wir besitzen aber noch ein anderes Mittel, euch für uns zu stimmen, und Anspruch auf euren Dank, dessen Abstattung wir unter den jetzigen Umständen von euch verlangen, nicht in feindlicher Absicht, als ob wir euch schaden wollten, und auch nicht wie manche Freunde in der Absicht, euch zu mißbrauchen. Als ihr nämlich damals in euren Händeln mit den Aegineten — noch vor den Perserkriegen — nicht genug lange Schiffe hattet, habt ihr von den Korinthern zwanzig zu leihen genommen ^), und diese Gefälligkeit und die andere in Betreff der Samier, als sich nämlich die Peloponnefier durch uns von der Hilfeleistung abmahnen ließen, hat euch den Sieg über die Aegineten und die Züchtigung der Samier möglich gemacht^). Und das geschah unter solchen Verhältnissen, in denen die Menschen, im Eifer den Sieg über die zu erringen, welche sie angreifen, alles Andere zu übersehen und zu vergessen Pflegen. Denn in einem solchen Augenblick hält man den für einen Freund, der sich dienstbeflissen zeigt, auch wenn er früher ein Feind gewesen wäre, und den für einen Feind, der sich hinderlich erweist, auch wenn er sonst cm Freund wäre; ja man vernachlässigt der augenblicklichen Streitsache wegen sogar die Regelung der eigenen inneren Verhältnisse."
 
„Das ruft euch in's Gedächtniß zurück, und die Jüngeren unter euch mögen es sich von den Aelteren erzählen lassen, und so entschließt euch, uns Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Möge Niemand glauben: was wir verlangen, sei zwar gerecht, allein der Vortheil erheische für den Fall des Krieges etwas Anderes; der günstigste Erfolg wird Einem in den Dingen zu Theil, darin man am wenigste,! gegen die Gerechtigkeit verstoßen hat. Die zukünftige Wendung des Krieges, mit welcher die Kerkyräer euch Furcht einzujagen suchen, um euch zur Ungerechtigkeit zu verleiten, liegt noch im Dunkel, und es wäre nicht recht, wenn ihr euch durch diese Rücksicht bewegen ließet, euch die offene und nicht erst künftig eintretende Feindschaft der Korinther zuzuziehen. Klüger wäre es, die wegen Megara noch aus frü- 85) vgl. Hand. VI, 89. Krüger, hist. philol. Studien S. 16 ff. 86) Müller, ^sxillst. p. 117 bemerkt, es sei falsch, daß die Schiffe der Korinther den Sieg herbeigeführt; vgl. Plutarch, über die Bosheit des Herodot, 22. (Kr.) hercr Zeit her obwaltende Spannung^) zu beseitigen, denn noch in: letzten Augenblick kann selbst eine minder wichtige Gefälligkeit, wenn sie nur den Umständen zu Hilfe kommt, auch eine bedeutende Schwierigkeit heben. Laßt euch auch nicht dadurch hinreißen, daß sie euch die Unterstützung einer großen Flotte gewähren. Denn es liegt eine dauerhaftere Macht darin, seines Gleichen nicht Unrecht zu thun, als wenn man sich durch die scheinbare Gunst des Augenblicks hinreißen läßt, einem Gefahr bringenden Gewinn nachzujagen."
 
„Unsere Lage ist nun dieselbe wie die eure damals, als wir in Lakedämon erklärten^), daß Jeder seine eigenen Bundesgenossen zu züchtigen das Recht habe, nnd wir erwarten nun von euch dasselbe Benehmen, und daß ihr uns durch eure Entscheidung nicht in dem gleichen Fall schadet, in welchem wir durch die unsere euch genützt haben. Vergeltet Gleiches mit Gleichem und bedenket, daß eben die jetzige Lage wieder eine solche ist, in welcher derjenige der beste Freund ist, der sich dienstbeflissen zeigt, und der ein Feind, der sich hinderlich erweist, und nehmt nicht die Kerkyräer uns zum Trotz als Bundesgenossen an, noch leistet ihrem ungerechten Treiben Vorschub. Wenn ihr so handelt, werdet ihr Recht thun und das beschließen, was auch für euch selbst das Nutzbringendste ist."
 
So sprachen die Korinther. Nachdem nun die Athener beide Theile angehört nnd sogar nach einander zwei Volksversammlungen abgehalten hatten, so fanden die Korinther in der ersten nicht geringe Beistimmung, in der folgenden aber siegte eine andere Meinung, und sie beschlossen, zwar nicht mit den Kerkyräern ein Schutzund Trutzbündniß in der Art einzugehen, daß die Feinde jener auch ihre Feinde, und jener Freunde auch ihre Freunde sein sollten, — denn wenn die Kerkyräer sie diesfalls aufgefordert hätten, mit ihnen gegen Korinth in See zu gehen, so wäre dadurch der mit den Peloponnesiern geschlossene Waffenstillstand von ihrer Seite gebrochen worden, — sondern sie schlossen ein Schutzbündniß zur gegenseitigen Vertheidigung für den Fall, daß Einer Kerkyra oder Athen oder beider Bundesgenossen angreifen sollte. Der Krieg mit den Peloponnesiern 87) vgl. I, 103. 88) I, 40. schien ihnen nämlich ohnehin nicht zu vermeiden, und sie wollten Kerkyra mit seiner bedeutenden Seemacht nicht den Korinthern in die Hände liefern, wünschten aber doch, daß beide Theile so hart als möglich aneinander gerathen möchten, damit sie selbst mit einem schon geschwächten Feinde zu thun hätten, wenn es zum Krieg mit Korinth oder einer andern Seemacht kommen sollte. Zugleich schien ihnen die Insel für die Ueberfahrt nach Italien und Sicilien sehr günstig gelegen.
 
Diese Ueberlegungen also veranlaßten die Athener, die Kerkyräer in ihren Bund aufzunehmen, und bald nachdem sich die korinthischen Gesandten entfernt hatten, schickten sie ihnen zehn Schiffe zu Hilfe 89). Das Geschwader befehligten Lakedämonios, Sohn des Kimon, Diotimos, Sohn des Strombichos, und Proteas, des Epikles Sohn. Diese nahmen jedoch den Befehl mit, sich zur See mit den Korinthern in keinen Kampf einzulassen, außer im Fall, daß diese gegen Kerkyra segelten und dort oder auf einem dazu gehörigen Gebiete landen wollten. Hieran sollten sie sie jedoch nach Kräften verhindern. Diese Weisung gab man ihnen mit, um den Friedensvertrag nicht zu brechen. Jene Schiffe kamen denn auch glücklich bei Kerkyra an.
 
Die Korinther nun, nachdem sie ihre Rüstungen vollendet hatten, gingen mit hundert und fünfzig Schiffen gegen Kerkyra unter Segel. Zehn davon hatten die Eleer gestellt, zwölf die Megarer, die Leukadier zehn, die Amprakioten siebenundzwanzig, und Eines die Anaktorier, die Korinther selbst aber neunzig. Jede der einzelnen Städte hatte auch ihre besonderen Anführer mitgesandt; Befehlshaber der Korinther war nebst vier andern Xenokleides, des Euthykles Sohn. Als sie Kerkyra gegenüber in die Nähe des Festlands gekommen waren, warfen sie von Leukas ansegelnd bei Cheimerion ^Varlam bei Arpitza^ im Lande der Thesproter Anker. So heißt nämlich der Hafen, und über demselben, etwas weiter vom Meere entfernt, liegt in dem eläatischen Bezirke von Thefprotien die Stadt Ephyra. In der Nähe mündet der Acherusische See in's Meer. Der Acheronfluß, wel­ 89) So viele mochten wirklich genügend erscheinen. BlvS gehässig ist die Anschuldigung gegen Perikles bei Plutarch, Perikl. 29. (Kr.) ThukydideS. I. 4 cher Thesprotien durchströmt, ergießt sich in diesen See und gibt ihm auch seinen Namen. Es fließt dort auch, an der Gränze von Thesprotien und Kestrine, der Fluß Tbyamis, und zwischen diesen beiden Flüssen erhebt sich das Vorgebirge von Cheimerion, bei welchem die Korinther vor Anker gingen und auf dem Festland ein Lager schlugen.
 
Als ihre Annäherung den Kerkyräern bekannt wurde, bemannten diese hundert und zehn Schiffe unter den Befehlen des Mei- Rades, Aefimides und Eurybatos, und stellten sich bei einer der Inseln auf, welche den Namen Sybota ^S. Nikolo diSivota^ führen. Auch die zehn athenischen Schiffe befanden sich bei ihnen. Ihr Landheer stand aus dem Vorgebirg Leukimme ^Lefkimo^, verstärkt durch tausend schwerbewaffnete Zakynthier. Auch zu den Korinthern waren auf dem Festland zahlreiche Barbaren gestoßen, denn die Bewohner des Festlands in der dortigen Gegend find ihnen von jeher befreundet.
 
Nachdem die Korinther ihre Vorbereitungen getroffen und für drei Tage Lebensmittel eingenommen hatten, segelten sie bei Nacht vom Vorgebirge Cheimerion ab, um eine Seeschlacht zu wagen, und mit der Morgenröthe sahen sie der Kerkyräer Schiffe auf hoher See gegen sich ansegelnd. Nachdem auch jene sie wahrgenommen, stellten sie sich gegen einander in Schlachtordnung auf. Den rechten Flügel der Kerkyräer nahmen die Athenischen Schiffe ein, ihre eigenen, in drei Geschwader unter AnfüHrung ihrer drei Feldherrn abgetheilt, den linken. Dies war die Aufstellung der Kerkyräer. Aus Seiten der Korinther bildeten die Megarischen und Amvrakiotischen Schiffe den rechten Flügel, im Mitteltreffen standen die andern Bundesgenos» sen der Reihe nach, und den linken Flügel hatten mit ihren besten Schiffen die Korinther selbst inne, gegenüber den Athenern und dem rechten Flügel der Kerkyräer.
 
Als auf beiden Seiten die Zeichen gegeben waren 2°), trafen die Flotten auf einander. Beide aber waren mehr nach alter Art und in unvollkommener Weise gerüstet und hatten viel Schwer- 90) Das Signal war wohl eine Art Fahne, an einem Mast, zu Lande an einer Stange cmporgejvgen, vgl. IV, sie. VII, se. Mit, 9S. Herod. IX, 59. (Kr.) bewaffnete auf dem Verdeck, auch viele Bogenschützen und Lanzenträger, und so kämpften sie. Die Seeschlacht war erbittert, aber dem Eifer glich nicht die Geschicklichkeit, und so hatte eS mehr das Ansehen einer Landschlacht. Denn wenn Schiffe auf einander gestoßen waren, so konnten sie sich wegen der Menge und des Gedränges der Fahrzeuge nicht leicht von einander losmachen. Auch erwartete man den Sieg eher von den Schwerbewaffneten auf dem Verdeck, die festen Fußes stehend kämpften, während die Schiffe ruhig lagen. Die Schlachtlinien zu durchbrechen unternahm man nicht ^), sondern Muth der Einzelnen und persönliche Stärke thaten in diesem Seekampf mehr, als Erfahrung und Geschicklichkeit, und überall war großer Lärm und wirres Geschrei. Die Athenischen Schiffe ließen sich nirgends erster Hand in den Kampf ein, sondern wo irgend die Kerkyräer bedrängt wurden, da stellten sie sich ihnen zur Seite und schreckten die Gegner nur zurück, denn die Anführer scheuten sich, der Athener Verbot zu übertreten. Am meisten gerieth der rechte Korinthische Flügel in die Enge, denn die Kerkyräer zwangen ihn mit zwanzig Schiffen zum Wenden, setzten den zerstreuten und gegen das Festland flüchtenden nach und segelten bis dicht an ihr Lager, wo sie an's Land stiegen und die leeren Zelte in Brand steckten und plünderten. Hier also zogen die Korinther und ihre Bundesgenossen den Kürzeren, und die Kerkyräer waren im Vortheil. Wo aber die Korinther selbst standen, aus dem linken Flügel, hatten sie bei Weitem den Vortheil, denn den Kerkyräern, die ohnedies in der Minderzahl waren 22), gingen die zwanzig verfolgenden Schiffe ab. Da nun die Athener, welche vorher sich gehütet hatten handgemein zu werden, die Noth der Kerkyräer sahen, segelten sie unbedenklich zur Hilfe heran, und als die Flucht entschieden war und die Korinther nachsetzten, da legte Jeder der Athener Hand an's Werk, und man konnte keinen Unterschied mehr machen, sondern die Gefahr wurde 91Ist aber schon von Herold. VI, 12. und VIII, 9 erwähnt, ES bestand darin, daß man durch die Schlachtreihe der Gegner schiffte, um die Seiten und Ruder ihrer Schiffe zu beschädigen, und schnell gewendet sie von hinten anzugreifen. Thut, erwähnt sie noch ll, 8Z. 89. VII, Z6. 70. (Kr.) 22) Hundertundjehn (l, 47.) gegen hundertundfünsjig (I, 46.), so daß jetzt etwa so gegen 130 kämpften. (Kr.) 4* so groß, daß Korinther und Athener mit einander handgemein wurden.
 
Als die Feinde sich zur Flucht gewandt hatten, nahmen die Korinther die von ihnen etwa leck gemachten Schiffe nicht in's Schlepptau, sondern kehrten sich gegen die Bemannung, und zwischen den feindlichen Schiffen durchsegelnd gingen sie mehr darauf aus zu morden, als Gefangene zu machen. Daß sie aber auf ihrem rechten Flügel selbst geschlagen waren, wußten sie nicht, und es geschah ihnen daher auch, daß sie aus ihre eigenen Freunde einHieben, denn es war nicht leicht, in dem Getümmel Sieger und Besiegte von einander zu unterscheiden, weil aus beiden Seiten die Zahl der Schiffe groß war und eine weite Fläche des Meeres bedeckte. Denn in Bezug auf die Schiffszahl war diese Schlacht die bedeutendste, in welcher Griechen noch gegen Griechen gekämpft hatten.
 
Nachdem nun die Korinther die Kerkyräer bis an's Land verfolgt hatten, wandten sie ihre Aufmerksamkeit ihren eigenen Schiffstrümmern und Todten zu, wurden auch der meisten habhaft und brachten sie nach Sybota, wo das Hilfsheer der Barbaren stand. Dies Sybota ist ein verlassener Hafen Thesprotiens ^gegenüber den gleichnamigen Inseln^. Nachdem also dies verrichtet war und sie sich wieder gesammelt hatten, rückten sie von Neuem gegen die Kerkyräer an. Diese aber segelten mit ihren noch seetüchtigen Fahrzeugen, worunter auch die bei den Athenischen Schiffen zurückgebliebenen waren, ihnen selbst entgegen, aus Furcht, der Feind möchte eine Landung wagen. Es war bereits spät am Tag, und schon war der Schlachtgesang zum Vorgehen angestimmt 93), da fingen die Korinthischen Schiffe plötzlich an, rückwärts zu rudern^). Sie hatten nämlich zwanzig attische Schiffe heransegeln sehen, welche die Athener später zur Unterstützung der zehn ersten abgeschickt hatten, aus Besorgniß, die Kerkyräer möch- 93) Vor dem Kampfe sang man dem Aus, nach demselben dem Apollon einen Päan. (Schol.) 94) Ohne zu wenden wurde rückwärts gerudert, um das SchiffSvordertheil, welches zu Angriff und Vertheidigung am besten gerüsiet war, dem Feind zugewendet zu halten. ten, was auch wirklich eingetroffen war, geschlagen werden, und die zehn Schiffe möchten zu ihrem Schutze zu schwach sein.
 
Diese Schiffe also erblickten die Korinther zuerst, und weil sie vermutheten, daß sie von Athen kämen und ihrer vielleicht noch mehr seien als die, welche eben in Sicht waren, so nahmen sie den Rückzug. Die Kerkyräer sahen aber diese Schiffe nicht, — denn sie kamen von einer Seite, wo jene sie nicht so leicht wahrnehmen konnten,— und wunderten sich sehr, daß die Korinther rückwärts ruderten,, bis endlich Einige der Schiffe ansichtig wurden und ihr Ansegeln verkündeten. Da zogen auch sie sich zurück, denn es dunkelte schon und die Korinther waren bereits weit weg. So also hatte der Zusammenstoß geendet und die Nacht die Seeschlacht abgeschnitten. Die Kerkyräer nahmen nun bei Leukimme eine Aufstellung, und jene zwanzig Athenischen Schiffe, geführt von Glaukon, des Leagros', und von Andokides, des Leogoros' Sohn, fuhren mitten durch Schiffstrümmer und Leichen auf die Kerkyräer los und kamen, nicht lange nachdem sie zuerst bemerkt worden waren, bei ihrem Standort an. Es war schon dunkele Nacht, und die Kerkyräer hatten gefürchtet, es möchten feindliche Schiffe sein; jetzt aber erkannte man sie, und jene gingen vor Anker.
 
Tags darauf segelten die dreißig attischen Schiffe und so viele von den Kerkyräischen noch seetüchtig waren, auf den Hafen Sybota los, um zu sehen, ob die Korinther, welche dort vor Anker lagen, einen Seekampf wagen würden. Diese stießen auch wirklich vom Lande und stellten sich auf hoher See in Schlachtordnung, aber sie verhielten sich ruhig und zeigten keine Neigung, ihrerseits den Kampf zu eröffnen, da sie die von Athen frisch angekommenen Schiffe sahen, und da auch sie selbst sich in mancher Verlegenheit befanden, theils wegen Überwachung der Gefangenen, die sie auf den Schiffen hatten, theils auch weil die wüste Gegend keine Möglichkeit die Schiffe auszubessern darbot. Wie sie nach Hause zurückschiffen könnten, lag ihnen viel mehr am Herzen; denn sie fürchteten, die Athener möchten den Vertrag für gebrochen erachten, weil es ohnehin schon zum Handgemenge gekommen sei, und möchten sie an der Heimfahrt hindern.
 
Sie hielten es nun für rathsam, einige Männer aus einem Boot und ohne einen Heroldsstab zu den Athenern zu schicken, um ihre Gesinnung zu erproben. Diese sollten Folgendes sagen: „Ihr thut Unrecht, Männer von Athen, daß ihr den Krieg ansangt und den Frieden brechet. Denn ihr stellt euch bewaffnet uns in den Weg, während wir beschäftigt sind, unsere Feinde zu bestrasen. Habt ihr aber die Absicht, uns zu hindern, ob wir nun gegen Kerkyra, oder irgend sonst wohin schiffen wollen, und wenn ihr die Verträge zu brechen entschlossen seid, so ergreift zuerst uns, wie wir da sind, und behandelt uns als Feinde." Das richteten denn jene auch aus. Das Heer der Kerkyräer aber, so viele ihrer hatten zuhören können, schrieen, man solle sie nur gleich ergreifen und niederhauen; allein die Athener gaben folgende Antwort: „Wir fangen weder den Krieg an, ihr Peloponncfischen Männer, noch brechen wir die Verträge; wir sind nur den Kerkyräern da zu Hilfe gekommen, weil sie unsere Bundesgenossen sind. Wollt ihr irgend anderswohin schiffen, so hindern wir euch nicht, wenn ihr aber gegen Kerkyra segelt oder ein dazu gehöriges Gebiet, so werden wir das nach Möglichkeit hintertreiben."
 
Auf diese Antwort der Athener rüsteten die Korinther zur Heimfahrt und errichteten auf dem festen Lande bei Sybota ein Siegeszeichen. Die Kerkyräer aber sammelten die Schiffstrümmer und Leichname, welche Wind und Wellen an's User geworfen.hatten; denn während der Nachd hatte ein Sturm sie nach allen Seiten zerstreut; und dann errichteten auch sie ein Siegeszeichen zu Sybota aus der Insel, gleich als ob sie die Schlacht gewonnen hätten. Daß aber beide Theile sich den Sieg zuschrieben, geschah aus folgenden Gründen. Die Korinther waren in der Seeschlacht bis zum Anbruche der Nacht im Vortheil gewesen, weßhalb sie auch die meisten Schiffs, trümmer und Leichen sammelten; dann waren ihnen auch nicht weniger als tausend Kriegsgefangene in die Hände gefallen, und Schiffe hat- 95) Ohne Herold-Sand, zum Zeichen, daß sie den Frieden noch nicht für gebrochen erachteten, denn der Stab wurde nur im Krieg getragen. — Ohne HeroldSstab gingen die Boten, um sich nicht als Feinde anzukündigen und dadurch Angriffe der Athener zu provociren. (Kr.) Dieser Stab, von zwei Schlangen umwunden, die sich einander die Köpfe zukehrten (Schol.), gewährt: Unverletzlichkeit. Dieselbe wurde aus Strengste beobachtet. Vgl. Schömann, Sriech. Alterth. II. S. 8 f. ten sie siebenzig versenkt. Aus diesen Gründen errichteten sie ein Siegeszeichen. Die Kerkyräer aber thaten dasselbe, weil sie an dreißig Schiffe vernichtet und nach der Athener Ankunft ihre Schiffstrümmer und Todte gesammelt hatten, dann auch, weil die Korinther beim Anblick der Attischen Schiffe zuerst vor ihnen rückwärts gerudert und den Rückzug genommen hatten und nach Ankunft der Athener ihnen nicht mehr von Sybota aus entgegen gefahren waren. So legten sich beide Theile des Sieges Ehre bei.
 
Die Korinther aber nahmen auf der Heimfahrt durch Lift Anaktorion, an der Mündung des Amprakiotischen Meerbusens, in Besitz, welches bis jetzt ihnen und den Kerkyräeru gemeinsam gehört hatte. Hier ließen sie Korinthische Ansiedler und kehrten dann nach Hause zurück. Von den Kerkyräern verkauften sie achthundert, welche Unfreie waren; zweihundert und fünfzig behielten sie als Gefangene, behandelten sie jedoch rücksichtsvoll, damit dieselben nach ihrer Heimkehr Kerkyra ihnen zuwenden möchten, denn zufällig gehörte die Mehrzahl derselben zu den Mächtigeren ^Aristokraten^ in jenem Staate.
 
Auf diese Weise also hatte Kerkyra den Krieg mit den Korinthern siegreich bestanden, und die Schiffe der Athener kehrten nach Hause zurück. Das aber wurde die erste Veranlassung zum Kriege zwischen Korinthern und Athenern, daß diese während deS Waffenstillstandes in Verbindung mit den Kerkyräern an dem Seekampfe gegen sie Theil genommen hatten.
 
Sehr bald aber kamen auch noch die folgenden Zwistigkeiten zwischen Athenern und Peloponnesiern als neue Veranlassung zum Kriege hinzu: da die Korinther auf Rache sannen, und die Athener diese feindliche Gesinnung bei ihnen auch voraussetzten, so befahlen diese ihren Bundesverwandten und Zinsholden, den Potidäern, — dem Ursprung nach Korinthische Pflanzer, auf der Landenge von Pallene angesessen —, ihre Mauern gegen Pallene hin niederzureißen, außerdem Geißeln zu stellen und die Beamten (Epidemiurgen) 96) Potidäa war die einzige Kolonie der Korinther am Aegaischen Meere und deßhalb für sie von besonderer Bedeutung. — Die Athener befahlen wohl, die Mauer gegen Pallene hin niederzureißen, damit die Stadt, wegzuschicken, welche die Korinther alljährlich dorthin zu senden pflegten, und auch keine neuen mehr aufzunehmen. Sie fürchteten nämlich, jene möchten sich von Perdikkas und den Korinthern zum Abfall bereden lassen und durch ihr Beispiel auch die übrigen Thrakischen Bundesgenossen nachziehen.
 
Diese Vorsichtsmaßregeln trafen die Athener sogleich nach der Seeschlacht bei Kerkyra, denn die Korinther waren nun schon so gut wie erklärte Feinde, und Perdikkas 97), des Alexandros' Sohn — wenn sie je abfallen sollte — für sie von der Seeseite her um fv leichter angreifbar sei (Kr.). — Demiurgen, d. h. BolkSarbeiter, hießen anfänglich solche, deren Kunst oder Gewerbe in besonderem Grade dem gemeinen Besten diente, wie Herolde, Sänger, Aerzte. In Attika erscheint dann der Name zur Bezeichnung der Handwerker neben den Geomoren (kleinen Bauern oder Pächterin im Gegensatz gegen die Supatriden, die Adelichen. Hier bezeichnet DeminrgoS die BolkSbeamten Dorischer Staaten, welche, der Oligarchie bereits entgangen, schon mehr volkSthümliche Verfassungen hatten. Epide» minrgen, die sonst nicht vorkommen, sind Beamte, welche hier von der Mntterstadt Korinth zur Beaufsichtigung der Kolonie alljährlich zu den bereits vorhandenen einheimischen Volksvorstehern hinzu (en») geschickt wurden. 97) Als Gründer des Makedonischen Reiches wird Perdikkas I. genannt. Diesem folgten ArgäoS, Philipp I., AeropoS, AlketaS, Amyntas I., Alexan. der I. DeS letzteren Sohn ist der hier genannte Perdikkas II., der bedeutendste unter den früheren Makedonischen Königen, welcher schon ganz die schlaue und treulose Politik befolgte, die später Philipp II. mit solchem Glück zur Aii«- - breitung seiner Macht anwandte. Perdikkas II. hatte zwei Brüder, Philipp und Alketas. Der letztere machte keine Ansprüche auf den Thron, Philipp aber verbündete sich mit den Athenern und floh später zum Thrakii'chen König Sitalkes, der zwar sür ihn Nichts that, aber nach seinem Tode (424 v. Chr.) den Sohn desselben, AmyntaS II., nach Makedonien zurückführte. Später verläßt Sitalkes diesen AmyntaS wieder, der dann aus der Geschichte verschwindet, und schließt sich dem Perdikkas an. Der hier genannte DerdaS, deS ArrhidäoS Sohn und Fürst von Elymia, war ein Verwandter des Perdikkas. — Makedonien spielte eine ähnliche Nolle auf der Balkan-Halbinsel, wie sie neuerer Zeit das HauS Savoyen'Piemont auf der Apenninen-Halbinsel, theilweise auch das Haus Hohenzollcrn in Deutschland spielt: Vergrößerung um jeden Preis (BiSmarck: „die Borussia muß ihren schmalen Leib erweitern). Ueberlegene Macht kann sich leicht erweitern, indem sie schwächere Nachbarschaften sich einverleibt. Das Mittel ist der einfache, meist kurz dauernde Krieg. Das Gefühl, besonders das christlihc-moderne, am allermeisten aber das sogenannte christlich-germanische — welches das allerempifndlichste zu fein scheint — sträubt sich zwar, irgend eine Berechtigung solcher Machtkriege anzuerkennen, aber und König von Makedonien, früher Bundesgenosse und Freund, war ebenfalls zum Feind geworden, weil die Athener sich mit seinem Bruman sieht doch ein, daß sie ganz direkt großen menschlichen Culturzwecken dienen und gegen die sittlichen Forderungen nicht verstoßen? der Schwächere wird zum Anschluß oder zur Unterwerfung aufgefordert, mit der KriegSandrohiing. Er weiß, was ihm im Weigerungsfälle bevorsteht, und der Mächtigere ist deßhalb ihn zu bekämpfen gezwungen, weil in den meisten Fallen ein zweiter Mächtiger auf der andern Seite steht, welcher durch Einverleibung des Schwächeren an Macht so überlegen zu werden droht, daß eben daS Gebot der Selbsterhaltung ihm zuvorzukvminen nöthigt. Hierbei wird weiter kein Recht verletzt, als das Existenzrecht des schwächeren Staates, das in jedem Fall nur ein temporäres und von den größeren Verhältnissen (die nicht von uns, sondern von der Gottheit abhängen) n»r in so lange garantirteS ist, als die umliegenden Staaten von ziemlich gleicher Macht sind. Welcher von diesen Gleichen unter Gleichen sich zuerst zu größerer Macht emporschwingt, kann dies aber nur durch höhere sittliche Anstrengung erreichen, womit eben den höchsten Zwecken der Menschheit und der Gottheit gedient ist. Daher kommt >eS, daß z. B. das Schauspiel der ausstrebenden Römischen Macht ein sittlich erhebendes ist. denn es wird hier gezeigt, was virtus des Menschen vermag. Ganz anders ist es aber, wenn politische Schwäche um jeden Preis zur Macht gelangen will. „Es ist gewiß sehr in der Ordnung und ein natürliches Verlangen, daß man sich zu vergrößern wünscht: und immer werden diejenigen, welche es thun, wofern sie es nur zu thun vermögen (d. h. die ausreichende Macht dazu besitzen), darum belobt, oder doch nicht getadelt werden. Wenn sie eS aber nicht vermögen und doch auf alle Weise thun wollen, da liegt der Tadel und der Fehler. (Machiavell, Fürst, Kap. Z am Schluß.) Machiavell sieht hier nur Machtsragen. Macht und Moralität gehen auch heutzutage noch nicht ganz zusammen, aber wir glauben, es ist nicht zu leugnen, daß heutzutage das moralische Bewußtsein der Volks-nassen doch schon eine ansehnliche Macht geworden ist (in Folge der Erfindung GuttenbergS), mit welcher in der Politik der Neugestaltungen gerechnet werden muß. Da nun politische Schwäche, so gut wie individuelle, sich hauptsächlich unmoralischer Mittel «Zweideutigfett, Lüge, Betrug» bedienen muß, wenn sie rasch emporkommen will, so beleidigt sie dadurch die Macht des sittlichen Bewußtseins der Nationen, und es scheint, daß dieses heutzutage nicht mehr ertragen kann, unmoralisches Verfahren mit großem dauernden Erfolg gekrönt zu sehen. Wir wollen demnach gern glauben, daß Machiavell nicht mehr ganz Recht hätte, wenn er heute schriebe, was er im Fürsten zu Anfang des IS. Kap. sagt: „Wie man wirk» lich lebt, und wie man leben sollte, liegt in meinen Augen so weit von einander ab, daß derjenige, welcher um dessentwillen, was eigentlich geschehen sollte, das verabsäumt, was wirklich geschieht, eher seinen Untergang, als seine Errettung erleben wird, insofern ein Mensch (und ein Staat), der der Philippos 98) und dem Derdas, die sich gemeinsam gegen ihn empörten, verbündet hatten. Zn seiner Furcht suchte er durch eine Gesandtschaft nach Lakedämon den Athenern einen Krieg mit den Peloponnesiern auf den Hals zu ziehen, und die Korinther brachte er wegen des Abfalls von Potidäa auf seine Seite ^). Auch die Chalkidäer und Bottiaer auf der Thrakischen Gränze suchte er abtrünnig zu machen, in der Meinung, daß er in Verbindung mit diesen seinen In allen Stücken zum Guten sich bekennen wollte, unter so Vielen, die nicht gut sind, zu Grunde gehen muß." Vollkommen gilt ober der Satz noch, wenn das Gute, zu welchem sich der betreffende Staat bekennt, eigentlich kein Gutes ist, sondern nur der eben verschwindende Schatten eines ehemaligen Guten, an welchen sich abergläubische Impotenz anklammert. So steifte sich das untergehende Hellenenthum auf seine Frömmigkeit und führte heilige Kriege, den Göttern zu Liebe, zu welchen Kriegen Philipp von Makedonien seine Waffen herlieh, um dann die Unabhängigkeit der Hellenen als wohlverdienten Zins einzuziehen. Impotenz ist eben keine Macht, und die Frömmigkeit macht sie nicht um ein Haar mächtiger. Wer sich selbst hilft, dem hilft auch Gott. — Der Erzherzog Karl sagt (in seiner eben erscheinenden Geschichte des ersten Krieges der franz. Nevol. v. I. t7S2—l?S7, S. ll): Preußen spielte eine unwürdige Rolle, „denn sie gründete sich auf unmoralishce Mittel, auf Schwäche und Betrug." Schwäche ist hier in dem obigen Sinn zu nehmen, daß die vorhandene Macht der Bergrößerungttendenz nicht entspricht. Der äußerlich mächtigere Gegner solcher schwächeren Staaten kann aber deren Jmmoralität den Schein der Moralität verleihen, wenn er selbst an andern Schwächen leidet, z. B. wenn er den großen Zeitrichtungen, denen schließlich keine Macht widerstehen kann, widerstrebt, oder wenn er seinem Charakter nach überhaupt unthätig ist, während der schwächere Feind um so thätiger ist. Unterliegt ein solcher Mächtigerer, so nimmt das sittliche Bewußtsein der Menge sehr wenig Anstoß, denn eS erklärt sich jene beiden Fehler aus Mangel an Kraft und Macht, während eS in der überlegenen Thätigkeit des schwächeren Gegners einen Beweis von wirklicher sittlicher Kraft zu sehen glaubt. So fiel das mächtigere Neapel vor Cavour, und als die Thätigkeit des Athenischen Staatswesens erlahmte, auch deS Deinosthene« beredter Kummer dem erstorbcnen Wesen keine Kraft mehr einzuhauchen vermochte, warf des Makedonischen Philipp Politik, trotz ihrer Jmmoralität. das Hellenenthum zu Boden. In der weitern Erzählung des Ttiuk. beachte man die Züge der treulosen Makedonischen Politik, die erfolgreich war, weil sie anfänglich ein in sich gespaltenes, später ein impotentes Hellenenthum sich gegenüber hatte. 98) vgl. n, 100. 99) Insofern er in der Lage war, den von den Korinthern betriebenen Abfall Potidäa't von Athen wirksamst zu unterstützen. Gränznachbarn den Krieg leichter werde durchführen können. Die Athener aber merkten dies, und um dem Abfall der Städte zuvorzukommen, so gaben sie den Anführern der Flotte, welche unter Archestratos, des Lykomedes' Sohn, und noch zehn Anderen auf dreißig Fahrzeugen tausend Schwerbewaffnete gegen den Perdikkas führen sollte, und die eben zum Auslaufen bereit lag, den Auftrag, von den Potidäern Geißeln zu nehmen, ihre Mauer niederzureißen und aus die benachbarten Städte ein wahcsames Auge zu haben, um ihren Abfall zu verhindern.
 
Die Potidäer schickten nun Gesandte nach Athen und ver. suchten eS, diese neuen Maßregeln gegen sie durch Bitten abzuwenden; doch gingen sie auch mit den Korinthern nach Lakedämon, um für den Fall der Noth sich eine Unterstützung zu sichern. Da sie nun bei den Athenern trotz langer Mühe und Geduld Nichts ausrichteten, sondern deren Schiffe gegen sie selbst ebenso wie gegen Makedonien bestimmt wurden, die Lakedämonische Regierung ihnen aber versprach, in Attika einzufallen, wenn die Athener gegen Potidäa etwas unter, nehmen sollten, so fielen sie mit den Chalkidiern und Bottiäern, ihren EideSgenossen, ab. Gleichzeitig beredete Perdikkas die Chalkidier, ihre Städte am Meere zu verlassen und zu zerstören, um sich weiter im Lande in Olynthos niederzulassen und nur diese Stadt zur gemeinsamen Festung zu machen. Diesen Auswanderern gab er ein Stück seines Gebietes in der Landschaft Mygdonia am See Bolbe für so lange zur Benützung, als der Krieg mit den Athenern dauern würde. Diese zerstörten denn auch ihre Städte, siedelten sich landeinwärts an und rüsteten zum Krieg.
 
Die dreißig Schiffe der Athener kamen nun in die Thrakischen Gewässer und fanden Potidäa und die andern Plätze bereits abgefallen, und da es die Anführer für unmöglich hielten, mit der ihnen zu Gebote stehenden Macht den Perdikkas und die abgefallenen Städte zugleich zu bekämpfen, so wandten sie sich gegen Makedonien, wozu sie auch anfänglich ausgeschickt worden waren, und nachdem sie 100) lieber die Bemannung der Schiffe vgl. Bö«kh, Staatshaush. d. Athen. I, S. 287. Anmerk. (Kr.) — Hier kommen durchschnittlich 2Z Schwer» bewaffnete auf ein Schiff. eine feste Stellung genommen, begannen sie den Krieg in Gemeinschaft mit Philippos und den Brüdern des Derdas, welche aus dem Inneren mit Heeresmacht zur Küste gekommen waren.
 
Unterdessen schwebten die Korinther, weil Potidäa abgefallen war und die Athenischen Schiffe sich in den makedonishcen Gewässern befanden, wegen jenes Platzes in Furcht, und da sie die Gefahr als ihre eigene betrachteten, so schickten sie aus ihrer Stadt Freiwillige und Söldlinge aus dem übrigen Peloponnes, im Ganzen sechzehnhundert Schwerbewaffnete und vierhundert Leichtbewaffnete, ab. Anführer war Aristeus, des Adeimantos Sohn, und vorzüglich aus Freundschaft für diesen hatten sich die meisten korinthischen Freiwilligen angeschlossen, denn er stand von jeher mit den Potidäern in genauer Verbindung. Vierzig Tage nach dem Abfall Potidäa's landeten diese an der Küste des Thrakischen Gränzgebietes.
 
Auch den Athenern kam schnell Nachricht vom Abfall der Städte zu, und als sie hörten, daß auch die Truppe des Aristeus zu jenen gestoßen sei, so schickten sie zweitausend Schwerbewaffnete und vierzig Schiffe gegen die Abgefallenen. Anführer war Kallias, des Kalliades Sohn, mit noch vier Anderen. Bei der Ankunft in Makedonien trafen sie die ihnen vorangegangenen tausend Mann schon im Besitze des eben eroberten Therme ^Thessalonich^ und Pydna belagernd; sie lagerten also auch vor Pydna und halfen die Stadt einschließen. Bald aber gingen sie nothgedrungen einen Vergleich und Bundesgenossenschast mit dem Perdikkas ein, wie denn die Rücksicht aus Potidäa und des Aristeus Ankunft sie wirklich dazu zwangen. Nunmehr räumten sie Makedonien und zogen gegen Beröa s^Veria oder Karaveria^ und von da gegen Strepsa ; nachdem ihr Versuch diese Stadt zu nehmen mißlungen war, richteten sie ihren Zug mit dreitausend Schwerbewaffneten aus der eigenen Bürgerschaft, ungerechnet die Menge der Hilfstruppen, und mit sechshundert makedonischen Reitern unter Philippos und Pausanias zu Lande gegen Poti­ 101) Uebersetzt ist die LeSart Ins anstatt was heißen würde- „nachdem sie sich lostwärteZ gewendet." 102) Dieser PausaniaS ist höchst wahrscheinlich einer der in Kap. 59 ge» nannten Brüder des Derdas. däa, während die Flotte, siebzig Segel stark sie begleitend an der Küste hinfuhr. In kurzen Märschen gelangten sie am dritten Tage nach Gigonos ^nächst Potidäa^ und schlugen daselbst ein Lager.
 
Die Potidäer aber und die Peloponnesier unter Aristeus lagerten in Erwartung der Athener auf der Seite ^ihrer eigenen Stadt^ gegen Olynthos zu auf der Landenge und hatten deßhalb auch einen Markt für die Lebensmittel errichtet ^). Zum Anführer sämtlicher Fußtruppen hatten die Verbündeten den Aristeus gewählt und für die Reiterei den Perdikkas; denn dieser war sogleich wieder vom Bündniß mit den Athenern abgefallen und focht auf Seiten der Potidäer, nachdem er den Jolaos zu seinem Stellvertreter in der Regierung gemacht hatte. Es war nun der Plan des Aristeus, mit seiner eigenen Abtheilung einen Angriff der Athener auf der Landenge abzuwarten, während die Chalkidier und die Bundesgenossen außerhalb der Landenge mit den zweihundert Pferden des Perdikkas bei Olynthos stehen bleiben, und wenn die Athener ihn selbst angreifen würden, denselben zu seiner Unterstützung in den Rücken fallen und so die Feinde in die Mitte nehmen sollten. Auf der andern Seite schickte Kallias, der Anführer der Athener, und seine Mitfeldherrn die Makedonischen Reiter und eine kleine Zahl Bundesgenossen gegen Olynthos, um es jenen unmöglich zu machen, von dort aus zu Hilfe zu kommen; sie selbst aber brachen aus dem Lager auf und marfhcirten aus Potidäa los. Als sie nun bei der Landenge anlangten und die Feinde in Schlachtordnung aufgestellt sahen, nahmen auch sie ihre Aufstellung, und es dauerte nicht lange, so kam es zum Handgemenge. Der Flügel des Aristeus selbst, und was an auserlesener Mannschaft der Korinther und der Andern bei ihm stand, schlugen die ihnen Gegenüberstehenden in die Flucht und verfolgten sie ein gutes Stück; das übrige Heer der Potidäer und Peloponnesier aber wurde von den Athenern geschlagen und flüchtete in die Stadt. 103)) Zu den 4t1 des Kallias die 30 des Archestratos I, 57. (Kr.) 105) Der Markt gilt von den zum Einkauf herausgeschafften LebenSmitteln, damit die Soldaten sie nicht aus der Stadt holen durften und nicht etwa ein Theil bei einem Angriffe von Seiten des Feindes fehle (Arnold bei Kr.)
 
Als sich nun Aristeus von der Verfolgung zurückwendete und das übrige Heer geschlagen war, so war er verlegen, nach welcher Seite er es wagen solle sich durchzuschlagen, gegen OlynthoS oder gegen Potidäa, entschloß sich jedoch, seine Truppen so eng als möglich zusammenzuziehen und im Eilschritt den Durchmarsch auf Potidäa zu erzwingen, und wirklich gelangte er über den steinernen vom Meere überflutheten Schutzdamm dahin, beschossen zwar und unter vieler Mühseligkeit und auch einigem Verluste, doch war die Mehrzahl gerettet. Die aber von Olynthos aus den Potidäern zu Hilfe kommen sollten — Olynthos ist ungefähr sechzig Stadien entfernt und kann noch gesehen werden — , rückten beim Beginn des Kampfes, und als die Feldzeichen sichtbar wurden, eine kleine Strecke vor, um Hilfe zu leisten, und die makedonishcen Reiter stellten stch gegenüber auf, um sie daran zu hindern. Als sich aber der Sieg so schnell für die Athener entschied und die Zeichen wieder verschwanden, kehrten sie wieder nach der Stadt zurück und die makedonishcen Reiter zum Heere der Athener, und so war auf keiner von beiden Seiten die Reiterei zum Treffen gekommen. Nach der Schlacht stellten die Athener ein Siegeszeichen auf und gaben unter sicherem Geleit den Potidäern ihre Todten heraus Es waren aber von diesen und ihren Bundesgenossen etwas unter dreihundert Mann gefallen, auf Seiten der Athener von ihren eigenen Bürgern hundert und fünfzig und darunter ihr Anführer KalliaS. 105) Die Partei, welche zur Bestattung ihrer Gebliebenen den Waffenstillstand nachsuchte, erklärte sich dadurch snr besiegt (Kr.), weil eben der Sieger im Besitz des Schlachtfeldes war, aus dem die Gefallenen lagen , er selbst also, um die Seinigen bestatten zu können, keines Waffenstillstands bedürfte. Welcher Werth auf die Bestattung der Todten gelegt wurde, ist bekannt. 106) Also nur die Zahl der von den Athenern selbst <d. i. aus der Athenischen Bürgerschaft, nicht aus den Bundesgenossen) Gebliebenen war dem Geschichtschreiber bekannt, lieber daS ihnen errichtete, theilweise erhaltene Denkmal vgl. ist-erlitt. Lorp. inscript. I. p. Zvv s. tKr) — Siegeszeichen. Auf dein Schlachtfelde ward vom Sieger ein Siegeszeichen (trop»ion, daher Trophäe statt Tropäc) errichtet und den Göttern geweiht. Dies war entweder eine Säule von Holz, oder auch nur ein Baumstamm, mit erbeuteten Waffen behängt und mit einer weihenden Inschrift versehen. ES wird als allgemeine Sitte angegeben, Tropäen nicht von Stein oder Erz zu errichten, damit
 
Allsogleich führten nun die Athener gegenüber der Stadt- seite, welche der Erdenge zugekehrt war, eine Mauer zur Sperre auf und bewachten dieselbe; die Seite gegen Pallene hin blieb jedoch ohne eine solche Mauer; denn sie hielten sich nicht für stark genug, die Landenge durch eine Besatzung zu decken und zugleich nach Pallene überzusetzen, um sich auch dort zu vershcanzen, da sie fürchteten, die Potidäer und Bundesgenossen möchten eine solche Theilung ihrer Truppen zu einem Ueberfall benutzen. Als aber die Athener zu Hause vernahmen, daß Pallene nicht durch eine Mauer gesperrt sei, schickten sie bald darauf sechzehnhundert eigene Schwerbewaffnete ab. Anführer war Phormion, deS Afopios Sohn. Da dieser auf Pallene gelandet war, ließ er von Aphytos aus sein Heer langsam gegen Potidäa vorrücken, indem er zugleich die Gegend verheerte, und als sich Niemand zeigte, um eine Schlacht anzunehmen, so sperrte er die Stadt- seite gegen Pallene hin durch eine Mauer, und so war also Potidäa von beiden Seiten streng eingeschlossen, während die Seeseite durch die Flotte gesperrt wurde.

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