Book 7
Nachdem beide den Tag über lange vor- und rückwärts gerudert und ihre Kräfte gemessen hatten, ohne einen nennens werten Erfolg zu erzielen, nur daß die Syrakuser den Athenern ein paar Schiffe versenkt hatten, stellten sie den Kampf ein. Gleichzeitig zog sich auch ihr Landheer von der Mauer zurück. Am folgenden Tage ließen sich die Syrakuser nicht blicken, und man merkte nicht, was sie vorhatten. Da Nikias sah, daß die Schlacht unentshcieden geblieben war, und sich auf einen neuen Angriff gefaßt machte, wies er die Trierarchen an, ihre Schiffe, soweit sie beschädigt waren, wieder auszu bessern, und verankerte Lastschiffe vor dem Pfahlwerke der Athener, das er in Ermangelung eines umshclossenen Hafens zum Schutze der Schiffe in der See angelegt hatte. Die Lastschiffe wurden in Abständen von zwei Plethren verlegt^ damit die etwa gefährdeten Kriegsschiffe sich in Sicherheit zurückziehen und ungehindert wieder auskaufen könnten. Mit diesen Zurüstungen waren die Athener bis in die Nacht be schäftigt.
Am Tage darauf eröffneten die Syrakuser den Kampf gegen die Athener in derselben Weise, jedoch schon zu früherer Stunde, mit dem Heere und der Flotte von neuem. Und wiederum hielten sie einander wie das erstemal einen großen Teil des Tages das Widerspiel, bis Ariston, Pyrrichos' Sohn, der beste Steuermann auf seiten der Syrakuser, den Befehls habern auf ihrer Flotte riet, den Marktvögten in der Stadt sagen zu lassen, sie sollten den Hokenmarkt auf den Strand ver legen und die Verkäufer zwingen, alles, was sie an Eßwaren hätten, dort feilzubieten, damit ihre Seeleute schnell ans Land gehen und in unmittelbarer Nähe der Schiffe was essen und dann die Athener noch an demselben Tage unversehens wieder angreifen könnten.
Auf seinen Rat schickten die auch einen Boten in die Stadt, und der Markt wurde dort aufgeschlagen. Nun zogen sich die Syrakuser, Ruder rückwärts, an die Stadt zurück, gingen geschwind ans Land und verzehrten dort ihre Mahlzeit. Die Athener aber glaubten, sie hätten sich nach der Stadt zurück- gezogen, weil sie die Schlacht verloren gäben, gingen ruhig ans Land an ihre Geschäfte oder zum Essen und meinten, daß es an dem Tage wohl nicht mehr zur Schlacht kommen würde. Plötzlich aber waren die Syrakuser wieder an Bord und ruderten auf sie zu. Nun eilten auch sie in wilder Hast, meist noch mit leerem Magen, aufs Geratewohl wieder auf die Schiffe, und nur mit Mühe gelang es, diese endlich gegen den Feind zu führen. Eine Zeitlang standen sich beide Aug' in Auge untätig gegenüber. Dann aber entschlossen sich die Athener, um nicht bei längerem Warten zu ermüden und sich durch eigene Schuld eine Niederlage zuzuziehen, unverzüglich anzugreifen, warfen sich, einander durch Zuruf anfeuernd, auf den Feind und begannen das Gefecht. Die Syrakuser nahmen den Kampf auf, wobei sie ihrem Plane gemäß mit ihren Schiffen auf das Vorderteil der feindlichen Schiffe hielten und mittels der dort angebrachten Sturmbalken vielen von ihnen den Bug aufrissen, während die Speerschützen auf dem Verdeck - den Athenern großen Schaden taten. Noch gefährlicher aber wurden diesen die syrakusischen Schützen, welche sie in den Booten umshcwärmten, sich in das Ruderwerk der feindlichen Schiffe drängten oder ihnen an die Seite kamen und vom Boote aus ihre Matrosen beschossen.
Auf diese Weise erfochten die Syrakuser schließlich nach heißer Schlacht den Sieg, und die geschlagenen Athener mußten sich zwischen den Lastschiffen hindurch auf ihren Ankerplatz zurückziehen. Die Schiffe der Syrakuser verfolgten sie bis an die Lastschiffe; hier aber wurden sie durch die mit Delphinen beschwerten Stangen, welche von den Lastschiffen aus die Ein fahrten überragten, an der weiteren Verfolgung gehindert. Zwei syrakusische Schiffe aber, die sich im Hochgefühl des Sieges zu nahe herangewagt, wurden zertrümmert, und eins davon fiel mit der ganzen Mannschaft den Athenern in die Hände. Die Syrakuser, welche den Athenern sieben Schiffe versenkt, viele leckgemacht und die Mannschaft entweder ge fangengenommen oder getötet hatten, zogen sich zurück und er richteten Siegeszeichen für beide Seeschlachten, bereits voller Zuversicht, der feindlichen Flotte weit überlegen zu sein, und überzeugt, auch mit dem Landheere schon fertigzuwerden. Sie richteten sich also darauf ein, beide von neuem anzugreifen.
Eben jetzt kamen Demosthenes und Eurymedon mit den Verstärkungen von Athen an, mit Einschluß der fremden etwa dreiundsiebzig Schiffen, gegen fünftausend Hopliten, teils Athenern, teils Bundesgenossen, und zahlreichen griechischen und barbarischen Schleuderern, Speer- und Bogenschützen, auch mit allem, was ein Heer im Felde bedarf, reichlich versehen. Die Syrakuser und ihre Verbündeten erschraken zuerst nicht wenig, daß der Krieg noch immer kein Ende nehmen wollte, da sie sahen, wie die Athener trotz der Befestigung von Dekeleia imstande waren, nochmal ein annähernd so starkes Heer wie das erste ins Feld zu stellen und nach allen Seiten mit solcher Macht aufzutreten. Das erste Heer der Athener aber bekam, soweit dies nach der erlittenen Niederlage möglich war, wieder Mut. Als Demosthenes sah, wie die Sachen tsanden, glaubte er, keine Zeit verlieren zu dürfen, wenn es ihm nicht so gehen sollte wie Nikias. Denn den hatte man bei seiner Ankunft gefürchtet; weil er aber Syrakus nicht gleich angriff, sondern in Katana überwinterte, kümmerte man sich nicht mehr um ihn, und Gylippos kam aus dein Peloponnes noch rechtzeitig mit seinem Heere an, das man gar nicht mehr hätte zu Hilfe rufen können, wenn Nikias sogleich angegriffen hätte. Denn anfangs hielten sich die Syrakuser allein für stark genug; wäre es aber gleich zur Einschließung der Stadt gekommen, so würden sie sich alsbald vom Gegenteil überzeugt haben, und eS hätte ihnen nichts mehr genützt, noch Hilfe von drüben zu erbitten. Hier von durchdrungen und überzeugt, daß auch er jetzt gleich im ersten Augenblick den Feinden am furchtbarsten vorkommen werde, wollte Demotshenes sich den ersten Schreck zunutze machen, den ihnen sein Heer einflößte. Und da er sah, daß jene neue Mauer, durch welche die Syrakuser die Athener verhindert hatten, die Stadt völlig einzuschließen, nur eine einfache war, und sobald man sich der Zugänge von Epipolai und dann auch des Lagers dort wieder bemächtigt, leicht genommen werden konnte, weil der Feind ihnen schwerlich standhalten würde, so beschloß er es damit sofort zu versuchen. Auf diese Weise dachte er dem Kriege auf kürzestem Wege ein Ende zu machen und entweder, wenn die Sache gut ging, Syrakus zu nehmen, widrigenfalls aber mit dem Heere abzuziehen, um die Athener, die den Feldzug mitmachten, und die ganze Stadt davor zu bewahren, ihre Kräfte unnütz aufzureiben. Zunächst verheerten die Athener auf einem Streifzuge das Gebiet der Syrakuser am Anapos, und ihre Streitkräfte waren wie anfangs zu Lande und zur See den Gegnern überlegen. Denn die Syrakuser kamen weder mit dem Heere noch mit der Flotte heraus, höchstens daß sie sich zuweilen mit der Reiterei und den Speer schützen vom Olympieion vorwagten.
Darauf beschloß Demosthenes, die neue Mauer mit seinem Sturmzeug zuerst anzugreifen. Als ihm aber die Gegner, welche die Mauer verteidigten, dieses in Brand steckten, und die Angriffe seiner Leute auch sonst überall abgeschlagen wurden, . beschloß er, sich damit nicht länger aufzuhalten, sondern nun mehr, nachdem er sich darüber mit Nikias und den übrigen Befehlshabern verständigt, den geplanten Angriff auf Epipolai zu unternehmen. Da er es für ausgeschlossen hielt, bei Tage unbemerkt heranzukommen und auf die Höhe zu gelangen, be fahl er den Truppen, sich für fünf Tage mit Lebensmitteln zu versehen, ließ alle Maurer und Zimmerleute antreten, auch Ge schütz und alles mitnehmen, was nötig war, um sich, wenn die Sache gut ging, dort zu befestigen, und setzte sich dann mit Eurymedon und Menandros um die Zeit des ersten Schlafs mit allen Truppen in Marsch, während Nikias in den Festungs werken zurückblieb. Als sie in der Nähe des Euryelos die Höhe erreicht hatten, wo auch das vorige Heer zuerst hinauf- gekommen war, rückten sie, ohne von den syrakusischen Wachen bemerkt zu werden, gegen das dort vorhandene Werk der Syra kuser vor, eroberten es und hieben eine Anzahl Leute darin nieder. Die meisten flüchteten jedoch gleich nach den Lagern, deren es drei auf Epipolai gab, eins für die Syrakuser, eins für die anderen sizilischen Griechen und eins für die Bundes genossen, und meldeten dort den Überfall, setzten auch die syra kusischen Sechshundert, welche auf dieser Seite von Epipolai auf Vorposten standen, davon in Kenntnis. Diese kamen auch sogleich herbei, Demotshenes und die Athener aber gingen ihnen zuleibe und schlugen sie nach tapferem Widerstande in die Flucht. Auch drang Demosthenes mit den Seinen dann sogleich weiter vor, um den ersten Feuereifer, womit sie drauf gingen, nicht erkalten zu lassen. Inzwischen eroberten andere auch die neue Mauer, gegen die der erste Angriff gerichtet gewesen war, deren Besatzung diesmal nicht standhielt, und rissen die Brustwehren nieder. Nun nahmen die Syrakuser mit ihren Bundesgenossen und Gylippos mit seinen Leuten von den Außenwerken her den Kampf gegen die Athener auf, wurden aber, da ihnen der Schreck von dem unerwarteten nächtlichen Überfall noch in den Gliedern lag, von ihnen be siegt und anfangs zum Rückzüge gezwungen. Als aber die Athener, schon des Sieges gewiß, um auch das noch nicht zum Schlagen gekommene feindliche Heer sogleich über den Haufen zu werfen und ihm keine Zeit zu lassen, sich in einer ein tretenden Gefechtspause wieder zu sammeln, ohne die nötige Ordnung vordrangen, stellten sich ihnen zuerst die Böotier ent gegen, schlugen sie zurück und trieben sie in die Flucht.
Und nun gerieten die Athener in Verwirrung und bereits in eine sehr bedenkliche Lage. Ich habe mich vergeblich be müht, von der einen oder der anderen Seite Auskunft darüber zu erhalten, wie es dabei im einzelnen zugegangen. Denn selbst am Tage, wo man deutlicher sieht, weiß der einzelne, der eine Schlacht mitmacht, davon kaum mehr als er selbst erlebt. Wie hätte man sich also von dieser nächtlichen Schlacht, der einzigen eben, zu der es in diesem Kriege zwischen größeren Heeren kam, ein deutliches Bild machen können? Es war zwar Heller Mondschein, und man konnte einander sehen, wie man eben bei Mondlicht Gestatten sich gegenüber sieht, aber Freund und Feind nicht unterscheiden. Auf beiden Seiten ver liefen sich eine Menge Leute im Gedränge. Die Athener waren zum Teil schon besiegt, während andere im ersten Angriff noch siegreich vordrangen. Ein großer Teil ihres übrigen Heeres war entweder eben erst oben angekommen oder noch im Begriff, die Höhe zu ersteigen, und man wußte nicht, wohin man sich wenden sollte. Denn vorn war, seit der Rückzug begonnen, schon alles in Verwirrung, und bei dem Geschrei war es schwer, etwas zu untershceiden. Die siegreichen Syrakuser und ihre Verbündeten feuerten sich nämlich durch lautes Schreien an, da es bei Nacht unmöglich war, sich auf andere Weise ver nehmlich zu machen, und wußten sich dabei zugleich der An griffe der Athener zu erwehren. Die nachkommenden Athener aber suchten ihre Landsleute und hielten alles, was ihnen ent gegenkam, auch wenn es zu ihren zurückströmenden Freunden gehörte, für Feinde. Und bei dem ewigen Fragen nach der Losung, woran sie sich allein erkennen konnten, gab es nicht nur bei ihnen einen Höllenlärm, weil sie alle zugleich fragten, sondern sie wurde auch den Feinden bekannt. Sie aber wußten deren Losung nicht, da diese als Sieger geschlossen vorgingen und sich leichter erkennen konnten. Wenn sie also bei einem Zusammenstoß mit einem feindlichen Truppenteil die Oberhand hatten, kamen die Gegner davon, weil sie die Losung kannten; sie dagegen wurden niedergemacht, wenn sie keine Antwort gaben. Besonders gefährlich wurde ihnen der Paian. Denn da er auf beiden Seiten annähernd derselbe war, wußten sie nie, wie sie dran waren. Wenn die Argeier, die Kerkyräer oder andere Dorier im Heere der Athener ihn anstimmten, so setzten sie die Athener dadurch ebenso in Schrecken, wie wenn es die Feinde taten. Schließlich, nachdem die Verwirrung einmal eingerissen, stießen selbst Abteilungen ihres eigenen Heeres, Freund mit Freund, Bürger mit Bürger, zusammen und gerieten dadurch nicht nur in Schrecken, sondern auch ins Handgemenge, so daß sie nur mit Mühe wieder auseinander kamen. Da sie von Epipolai nur auf einem schmalen Pfade wieder Hinunterkommen konnten, stürzten sich viele, um den Verfolgern zu entgehen, selbst von den Abhängen und kamen dabei ums Leben. Die übrigen aber, welche glücklich in die Ebene hinuntergelangt waren, flüchteten sich ins Lager, so namentlich die mit der Artlichkeit schon besser bekannten alten Soldaten, während die erst neu angekommenen vielfach den rechten Weg verfehlten und sich in der Umgegend verliefen. Die aber wurden, als es Tag geworden, von der umherschwärmenden syrakusischen Reiterei niedergemacht.
Am folgenden Tage errichteten die Syrakuser zwei Sieges zeichen, eins auf Epipolai, wo der Weg hinaufkommt, das andere, wo die Böotier sich dem Feinde entgegengestellt hatten. Den Athenern wurden ihre Toten unter Waffenstillstand heraus gegeben. Von ihnen und ihren Verbündeten waren viele ge fallen, doch war die Zahl der erbeuteten Schilde noch größer als die der Toten; denn die, welche genötigt gewesen waren, von den Abhängen zu springen, hatten vorher ihre Schilde weggeworfen und waren nur zum Teil umgekommen, zum Teil aber am.Leben geblieben.
Hierauf schickten die Syrakuser, denen nach dem unver hofften Siege auch diesmal wieder der Mut geschwollen war, Sikanos mit fünfzehn Schiffen nach Akragas, wo damals zwei Parteien einander bekämpften, um die Stadt womöglich in ihre Gewalt zu bringen. Gylippos aber bereiste zu Lande die anderen sizilischen Städte zum zweitenmal, nur dort noch weitere Ver stärkungen aufzubieten, da er, nachdem die Sache auf Epipolai so gut abgelaufen, sich auch der Festungswerke der Athener zu bemächtigen hoffte.
Unterdessen überlegten die athenischen Feldherren, was nach der erlittenen Niederlage und bei der jetzt im Heere ein gerissenen Mutlosigkeit zu tun. Sie sahen, daß sie bei ihren Unternehmungen kein Glück hatten und ihre Leute einen längeren Aufenthalt in Sizilien verwünschten, einmal weil sie an Krank- II heiten litten, da es die Jahreszeit war, wo der Mensch be sonders zu Krankheiten neigt, und ihr Lager sich an einer sumpfigen, ungesunden Stelle befand, außerdem aber auch weil sie die Lage als hoffnungslos ansahen. Deshalb war Demotshenes dafür, nicht länger zu bleiben, und wie es schon vorher seine Absicht gewesen war, falls der Angriff auf Epipolai mißglückte, mit dem Heere abzuziehen, so riet er auch jetzt dazu und die Zeit wahrzunehmen, solange die Schiffahrt noch offen und man wenigstens in der Lage sei, mit den neu an gekommenen Schiffen die See zu behaupten. Seiner Meinung nach sei es auch für die Stadt selbst ersprießlicher, die Feinde, welche in ihrem eigenen Lande Festungen anlegten, zu be kämpfen als die Sprakuser, die man doch schwerlich noch unter kriegen werde, und eine Torheit, für eine längere Belagerung noch unnütz Geld wegzuwerfen.
So sah Demotshenes die Sache an. Auch Nikias ver kannte keineswegs, wie bedenklich die Lage der Athener war, wünschte aber nicht, daß von ihrer Schwäche die Rede wäre und ihre Absicht, aus Sizilien abzuziehen, durch einen öffent lich in größerem Kreise gefaßten Beschluß zur Kenntnis der Feinde gelangte; denn dann würden sie ihrerseits, wenn sie wirklich abziehen wollten, ihre Absicht schwerlich unbemerkt ausführen können. Außerdem hatte er, da ihm die Verhältnisse der Feinde besser bekannt waren als den anderen, immer noch einige Hoffnung, daß diese bei längerer Fortsetzung der Be lagerung in eine schlimmere Lage geraten könnten als die Athener selbst; denn sie würden, weil ihnen das Geld aus ginge, schließlich doch mürbe werden, zumal die Athener mit den Schiffen, die sie zur Stelle hatten, jetzt die See beherrshcten. Auch gab es in Syrakus selbst noch manche, welche die Stadt ihnen in die Hände spielen wollten, zu dem Ende mit ihm unterhandelten und ihn zum Bleiben aufforderten. Infolge dessen war er in der Tat noch zu keinem festen Entschlüsse gelangt und suchte die Sache hinzuhalten; öffentlich aber sprach er sich damals noch dahin aus, daß er mit dem Heere nicht abziehen werde; denn so viel wußte er, daß die Athener es nicht verzeihen würden, wenn man aus Sizilien abzöge, ohne daß sie es selbst beschlossen. Auch würden ja in Athen nicht Leute über sie zu Gericht sitzen, denen wie ihnen die Dinge aus eigener Anschauung und nicht erst durch abfällige Urteile dritter bekannt geworden; vielmehr werde man sich dort ein fach an die gehässige Darstellung irgendeines gewandten Redners hatten. Selbst von den Soldaten, die hier jetzt so laut über die schreckliche Lage klagten, würden viele, ja die meisten, wenn sie wieder nach Hause kämen, ganz anders sprechen und über Verrat der Feldherren schreien, die nur deshalb aus Sizilien abgezogen seien, weil sie bestochen gewesen. Er kenne die Athener zur Genüge, und ehe er sich von ihnen auf Grund einer nichtswürdigen Anklage zu Unrecht verurteilen lasse, wolle er lieber durch Feindes Hand fallen und es für seine Person nötigenfalls darauf ankommen lassen. Bei alledem ständen die Sachen bei den Syrakusern immer noch schlechter als bei ihnen. Sie hätten für ihr Söldnerheer und die festen Plätze außerhalb der Stadt viel Geld ausgegeben und schon ein Jahr lang eine große Flotte unterhalten, so daß sie jetzt bereits Mangel litten, der sich demnächst noch fühlbarer machen werde. Zweitausend Talente hätten sie schon ausgegeben und außerdem viel Schulden machen müssen, und wenn sie ihren Zuschnitt durch Kürzung des Soldes für die Truppen auch nur im geringsten einschränkten, so würden sie den Krieg nicht durchhalten können, da sie ihn vorzugsweise mit Geworbenen und nicht wie die Athener mit ausgehobener wehrpflichtiger Mannschaft führten. Also müßte man bleiben, um die Be lagerung fortzusetzen, und nicht vor Feinden, denen man an Mitteln überlegen sei, das Feld räumen.
In diesem Sinne sprach sich Nikias aus und blieb dabei, da ihm die Lage der Dinge in Syrakus genau bekannt war, daß es dort an Geld fehlte und eine athenische Partei gab, die mit ihm unterhandelte, um ihn zur Fortsetzung der Be lagerung zu bestimmen, und er außerdem, wenigstens in betreff der Flotte, immer noch von allzu großem Vertrauen beseelt war. Demotshenes dagegen war mit der Fortsetzung der Be lagerung durchaus nicht einverstanden. Wenn man aber auch wirklich ohne einen Beschluß der Athener mit dem Heere nicht abziehen dürfe und den Krieg in Sizilien noch weiter fort setzen wolle, meinte er, so müßten sie, die Athener, sich zu dem Ende auf Thapsos oder auf Katana zurückziehen. Von dort auS würden sie mit dem Heere Streifzüge unternehmen und den Feinden durch Verheerung ihres Landes Abbruch tun, mit der Flotte aber statt in engen für sie vorteilhaften Sunden ihnen in offener See die Spitze bieten können, wo sie ihrer seits in der Lage wären, von ihrer Geschicklichkeit Gebrauch zu machen und mit ihren Schiffen anzugreifen oder rückwärts zu rudern, ohne daran durch die Enge des Fahrwassers ver hindert zu werden. Mit einem Worte, er halte es keineswegs für ratsam, noch länger hierzubleiben, sondern unverzüglich und zwar je eher je lieber aufzubrechen. Auch Eurymedon war seiner Meinung. Da jedoch Nikias widersprach, wurde man bedenklich und kam zu keinem Entschluß, vermutete aber auch, Nikias müßte doch wohl noch mehr wissen und wolle deshalb nicht nachgeben. Darüber ließen die Athener die Zeit verstreichen und blieben an Ort und Stelle.
Inzwischen waren Gylippos und Sikanos in Syrakus wieder eingetroffen. Sikanos freilich war es mit Akragas nicht geglückt; denn während er noch in Gela war, hatte sich die syrakusische Partei mit den Gegnern wieder vertragen. Gylippos aber brachte aus Sizilien zahlreiche Verstärkungen mit, insbesondere auch die im Frühjahr aus dem Peloponnes auf Lastschiffen abgeschickten Hopliten, welche von Libyen in Selinus angekommen waren. Diese waren nämlich nach Libyen vershclagen, und man hatte ihnen in Kyrene zwei Trieren und Lotsen mitgegeben. Nachdem sie unterwegs noch den von den Libyern belagerten Enesperiten Hilfe geleistet und die Libyer besiegt hatten, waren sie an der Küste weitergefahren nach ' Neapolis, einem karhtagischen Handelsplatze, von wo man auf dem kürzesten Wege in zwei Tagen und einer Nacht Sizilien erreichen kann, und von da nach Selinus herübergekommen. Gleich nach ihrer Ankunft machten die Syrakuser Anstalt, die Athener von neuem zu Wasser und zu Lande anzugreifen. Als die athenischen Feldherren sahen, daß sie neue Verstärkungen erhalten hatten, während ihre eigene Lage nicht besser, sondern - von Tag zu Tage schlechter wurde, namentlich aber die Krank heiten im Heere bedenklich zunahmen, bereuten sie, daß sie nicht eher abgefahren waren. Da auch Nikias sich dem jetzt nicht mehr widersetzte, sondern nur verlangte, daß es wenigstens nicht öffentlich beschlossen würde, erteilten sie so heimlich wie möglich der ganzen Flotte den Befehl, sich darauf einzurichten, auf ein gegebenes Zeichen aus dem Lager auszukaufen. Aber als alles bereit war und sie eben abfahren wollten, trat eine Mondfinsternis ein; denn es war grade Vollmond. Und nun verlangten die Athener in der Mehrheit von den Feldherren aus Gewissensbedenken, sie sollten die Abfahrt vershcieben, und auch Nikias, der überhaupt auf Prophezeiungen und der gleichen zu viel gab, erklärte, von Aufbruch könne jetzt keine Rede mehr sein, bevor man nach Weisung der Wahrsager dreimal neun Tage gewartet. Infolgedessen wurde die Abfahrt verschoben, und die Athener kamen nicht von der Stelle.
Die Syrakuser, die das recht gut gemerkt hatten, paßten nun um so eifriger auf, daß die Athener ihnen nicht ent wischten, die ja jetzt selbst eingesehen, daß sie ihnen weder zur See noch zu Lande mehr überlegen wären, da sie sich sonst schwerlich zur Abfahrt entschlossen haben würden. Auch wollten sie sie sich nicht anderswo in Sizilien festsetzen lassen, wo sie schwerer zu bekämpfen wären, sondern sie zwingen, gleich hier, wo sie ihrerseits im Vorteil, die Schlacht mit ihrer Flotte aufzunehmen. Sie bemannten also ihre Schiffe und übten sie einige Tage ein, bis sie meinten, daß es damit genug sei. Als es so weit war, unternahmen sie am ersten Tage einen Angriff auf die Festungswerke der Athener, und als einige kleinere Abteilungen ihrer Hopliten und Reiter aus vershciedenen Toren gegen sie vorrückten, wurden diese von ihnen geschlagen und verfolgt, auch einige Hopliten abgeschnitten. Die Athener aber verloren, da der Eingang eng war, siebzig Pferde und eine Anzahl Hopliten.
An dem Tage zogen die Syrakuser ihr Heer zurück, am folgenden aber gingen sie mit der Flotte, sechsundsiebzig Segel stark, und gleichzeitig mit dem Landheere auch gegen die Werke der Athener vor. Die Athener stellten sich ihnen mit sechs undachtzig Schiffen entgegen, und es kam zur Schlacht. Eury medon, der den rechten Flügel der Athener befehligte und, um die feindlichen Schiffe zu umfassen, seine Schlachtlinie nach dem Lande zu verlängerte, wurde nun selbst von den Syrakusern und ihren Verbündeten, welche zuerst die Mitte der Athener besiegt, in einem Winkel des Hafens eingeschlossen, dabei kam er selbst ums Leben, und die Schiffe, die er bei sich hatte, wurden vernichtet. Dann aber trieben die Syrakuser auch die ganze Flotte der Athener vor sich her und jagten die Schiffe ans Land.
Als Gylippos sah, daß die Schiffe der Feinde besiegt und bis an das Pfahlwerk und ihren Lagerplatz zurückgeschlagen waren, rückte er mit einem Teile seines Heeres auf den Deich, um die Mannschaft bei der Landung niederzumachen und den Syrakusern, wenn der Strand in Freundes Hand wäre, die Wegnahme der Schiffe zu erleichtern. Die Thyrseuer aber, welche hier die Stellung der Athener deckten und die Feinde ohne Ordnung herankommen sahen, gingen gegen sie vor, warfen sich auf den Vortrab, schlugen sie in die Flucht und trieben sie in den Lysimeleiischen Sumpf. Als dann aber immer mehr Truppen der Syrakuser und ihrer Verbündeten eintrafen, nahmen auch die Athener, weil sie für ihre Schiffe bange wurden, den Kampf gegen sie auf, schlugen sie in die Flucht und töteten ihnen auf der Verfolgung einige Hopliten. Auch retteten sie ihre meisten Schiffe und bargen sie im Lager. Achtzehn aber hatten die Syrakuser und ihre Verbündeten ge nommen und die ganze Mannschaft getötet. Um auch die übrigen in Brand zu stecken, füllten sie ein altes Lastschiff mit Reisig und Kien, warfen Feuer hinein und ließen es mit dem Winde, der auf die Athener stand, auf sie zutreiben. In der Besorgnis um ihre Schiffe sannen die Athener auf Gegen- mittel, um das Feuer unschädlich zu machen, nnd es gelang ihnen, die Flamme zu ersticken und die Annäherung des Schiffes zu verhindern und dadurch die Gefahr abzuwenden.
Hierauf errichteten die Syrakuser ein Siegeszeichen, weil sie die Seeschlacht gewonnen, auch oben bei den Festungs werken die Hopliten abgeschnitten und dabei die Pferde erbeutet, die Athener aber, weil die Thyrsener das feindliche Fußvolk in den Sumpf getrieben und sie selbst dann auch das übrige Heer geschlagen hatten.
Nach diesem glänzenden Siege, den die Syrakuser, die sich anfangs vor der mit Demotshenes angekommenen neuen Flotte gefürchtet, nun auch zur See erfochten hatten, wurden die Athener völlig mutlos. So groß der Schmerz über den unerwarteten Verlauf des Krieges war, weit größer noch die Reue, daß man ihn unternommen. Hier zum erstenmal hatten sie Städte angegriffen, welche wie sie demokratisch verfaßt und mit Schiffen, Pferden und sonstigen Mitteln überreichlich ver sehen waren, Städte, die sie nicht durch die Aussicht auf Ver fassungsänderungen auf ihre Seite ziehen konnten, und denen sie auch im Kriege nicht wesentlich überlegen oder auch nur gewahcsen gewesen waren. Hatten sie schon vorher das Be denkliche ihrer Lage empfunden, so war das jetzt, nachdem sie, was sie nimmer geglaubt, auch mit der Flotte geschlagen waren, noch weit mehr der Fall.
Die Syrakuser kreuzten auch gleich ganz dreist mit ihren Schiffen im Hafen und beabsichtigten, dessen Einfahrt zu sperren, damit die Athener nicht etwa heimlich mit ihrer Flotte ent kämen. Denn es war ihnen schon nicht mehr bloß um ihre eigene Sicherheit, sondern um Vernichtung der Athener zu tun, da sie, und mit Recht, annahmen, daß sie ihnen nach den jetzigen Erfolgen weit überlegen seien. Würde es ihnen doch auch in den Augen der Griechen zu hohem Ruhm gereichen, wenn es ihnen gelänge, die Athener und ihre Verbündeten zu Lande und zur See zu demütigen; denn dann würden die übrigen Griechen entweder gleich frei werden oder doch von den Athenern nichts mehr zu fürchten haben, da diese mit dem Reste ihrer Macht den Krieg nicht länger durchführen könnten, sie aber den Ruhm, ihnen dazu verhelfen zu haben, und die höchste Bewunderung der Mit- und Nachwelt davontragen. Und in der Tat war dies für sie ein Kampf von höchster Be deutung, schon darum, aber auch deshalb, weil es sich darin nicht allein um einen Sieg über die Athener, sondern auch über deren zahlreiche Bundesgenossen handelte, und sie ihn nicht allein, sondern mit ihren Verbündeten ausfochten, dabei neben Lakedämoniern und Korinthern die Führung hatten, ihre Stadt zuerst in die Schanze schlugen und ihre Seemacht ge waltig ausdehnten. Denn bei dieser einen Stadt traf eine Menge Völker aufeinander, wenn auch nicht alle, welche in diesem Kriege überhaupt zu den Bundesgenossen der Athener und der Lakedämonier gehörten.
Folgende Völker nämlich tsanden sich bei Syrakus auf beiden Seiten im Kampfe für und wider Sizilien gegenüber und hatten sich dort zusammengefunden, entweder um dem einen das Land erobern zu helfen, oder um es mit dem anderen zu verteidigen. Dabei hielten sie nicht etwa mit Rücksicht auf Recht oder Ver wandtschaft zusammen, sondern wie es sich grade traf und^ jeder sich dazu durch seinen Vorteil oder durch äußeren Zwang genötigt sah. Da waren zunächst die Athener selbst, welche als Jonier aus freien Stücken den Krieg gegen die dorischen Syrakus er unter nommen hatten, und mit ihnen die Lemnier, Jmbrer und die da maligen Bewohner von Agina und der athenischen Kolonie Hestiaia auf Euboia, die alle noch mit ihnen dieselbe Sprache redeten und gleiches Recht hatten. Andere beteiligten sich als Untertanen oder als selbständige Bundesgenossen an dem Zuge, einige auch als Söldner. Zu den untertänigen und steuerpflich tigen Orten gehörten Eretria, Chalkis? Styra und Karystos auf Euboia, von den Inseln Keos, Andros und Tenos, in Ionien Milet, Samos und Chios. Chios zahlte jedoch keine Steuer, sondern stellte Schiffe unter eigener Flagge zur Bundesflotte. In der Hauptsache waren das alles bis auf die dryopische Bevölkerung von Karystos Jonier athenischer Abkunft, welche, wenn auch als Untertanen und gezwungen, doch wenigstens als Jonier den Zug gegen jene Dorier mitmachten. Dazu kamen aber auch Äolier aus Methymna, die zwar Untertanen, aber nicht steuerpflichtig waren, sondern Schiffe stellten, und aus Tenedos und Ainos, welche Steuern zahlten. Diese Aolier kämpften, nur weil sie mußten, gegen die zu den Syrakusern haltenden Böotier, von denen sie abstammten. Dagegen fochten die Platäer grade als Böotier mit rechtschaffenem Haß gegen ihre böotischen Landsleute. Rhodos und Kythera, beide dorisch, Kythera sogar von den Lakedämoniern besiedelt, stellten den Athenern Truppen gegen die Lakedämonier unter Gylippos, und Rhodos, eine Gründung von Argos, war gezwungen, gegen das dorische Syrakus und seine eigene Kolonie Gela, die es mit Syrakus hielt, Krieg zu führen. Von den Inseln im Westen des Peloponnes hatten sich Kephalenia und Zakyn thos den Athenern angeschlossen, da sie, wenn sie auch selb ständig waren, bei deren Übermacht zur See nicht wohl anders konnten. Kerkyra, das nicht nur dorisch, sondern sogar Tochter stadt von Korinth war, machte den Krieg gegen die Korinther und Syrakuser, obwohl es von jenen gegründet und mit diesen eines Stammesswar, nichtsdetsoweniger eifrig mit, vorgeblich weil es mußte, in der Tat aber aus Haß gegen die Korinther. Die Messenier, wie sie immer noch hießen, aus Naupaktos und Pylos, das damals im Besitz der Athener war, hatten auch mitgemußt, und auch einige Flüchtlinge aus Megara waren durch das Schicksal, das sie betroffen, dazu getrieben, gegen ihre eigenen alten Landsleute aus Selinus zu fechten. Dazu nun noch alle die übrigen, welche den Zug freiwillig mitmachten. Die Argeier, die sich nicht sowohl des Bündnisses wegen, als aus Haß gegen die Lakedämonier und aus Rücksichten auf augenblickliche Vorteile einzelner, Dorier gegen Dorier, den ionischen Athenern angeschlossen hatten; die Mantineer und andere Arkadier, welche gewohnt waren, als Söldner gegen jeden ihnen bezeichneten Feind zu fechten, und nicht bezweifel ten, daß auch die Arkadier auf seiten der Korinther diesen ebenfalls nur des Geldes wegen Kriegsdienste leisteten. Ebenso hatten Kreter und Ätolier sich für Sold anwerben lassen. Und so kam es, daß die Kreter, welche mit Rhodiern Gela gegründet hatten, nicht für ihre eigene Kolonie, sondern als Söldner unbedenklich gegen sie kämpften. Auch aus Akarna nien hatten sich manche zwar auch für gutes Geld, die meisten aber doch aus Freundschaft für Demosthenes und aus Anhänglich keit an die Athener, mit denen sie im Bunde waren, ihnen angeschlossen. Alle diese von diesseits des Ionischen Meeres. Von den griechischen Städten in Italien nahmen Thurioi und Metapontion am Kriege teil, weil sie sich in ihren damaligen Parteikämpfen dazu gezwungen sahen, in Sizilien Naxos und Katana, von Nichtgriechen Egesta, das die Athener zu Hilfe gerufen hatte, und die meisten Sikeler, von außerhalb Siziliens eine Anzahl Thyrfener wegen ihrer Streitigkeiten mit den Syrakusern und einige japygische Söldner. Dies die Völker, welche auf seiten der Athener fochten.
Zu den Syrakusern dagegen hielten ihre Nachbarstadt Kamarina, das daran grenzende Gela und das jenseits des neutralen Akragas gelegene Selinus, alle drei auf der Libyen gegenüber liegenden Küste Siziliens. An der auf das Thyrfe nische Meer gerichteten Seite der Insel war Himera die einzige griechische Stadt, und von dort hatte auch nur sie allein Hilfe gesandt. Das die griechischen Orte in Sizilien auf Seite der Syrakufer; sie alle dorisch und selbständige Städte. Von Nichtgriechen hielten es nur diejenigen Sikeler mit ihnen, welche sich nicht den Athenern angeschlossen. Von den Griechen außerhalb Siziliens hatten die Lakedämonier ihnen einen Spar tiaten als Feldherrn, außerdem auch Neodameden und Heloten geschickt. Neodameden bedeutet Leute, die schon freigelassen sind. Die Korinther, die einzigen, welche nicht nur mit Schiffen, sondern auch mit Landtruppen gekommen waren, sowie die Leukadier und Amprakier hielten als Stammesgenossen zu ihnen. Aus Arkadien hatten sie Söldner im Dienste der Korinther erhalten; auch die Sikyoner waren gezwungen, den Zug mit zumachen, von außerhalb des Peloponnes die Böotier ihnen zu Hilfe gekommen. Im Verhältnis zu diesen auswärtigen Streitkräften bildeten jedoch die sizilischen Griechen bei weitem die Mehrheit des ganzen Heeres; denn bei der Größe ihrer Städte hatten sie schweres Fußvolk, Schiffe, Pferde und Menschen in großer Menge. Im Verhältnis zu allen anderen stellten aber die Syrakuser selbst dann doch wieder das meiste, sowohl wegen der Größe ihrer Stadt, als auch weil sie in der größten Gefahr waren.i
Das die Streitkräfte, welche auf beiden Seiten zusammen gebracht und damals schon sämtlich zur Stelle waren; auch hat keiner von beiden später weitere Verstärkungen erhalten. Die Syrakuser und ihre Verbündeten glaubten also mit Recht, daß es ihnen zu hohem Ruhm gereichen würde, wenn es ihnen gelänge, nachdem sie die Seeschlacht gewonnen, nun auch diese ganze so gewaltige Kriegsmacht der Athener noch zu vernichten und sie weder zu Lande, noch mit der Flotte entkommen zu lassen. Sie suchten also gleich den großen Hafen, dessen Einfahrt ungefähr acht Stadien breit ist, zu sperren, indem sie dort Trieren, Lastschiffe und kleinere Fahrzeuge quer verankerten. Zugleich trafen sie für den Fall, daß die Athener nochmals eine Seeschlacht wagen würden, ihre Vorbereitungen, wie sie überhaupt hoch hinaus wollten.
Als die Athener sahen, daß der Hafen gesperrt werden sollte, und merkten, worauf es dann weiter abgesehen war, hielten sie es für nötig, darüber zu Rate zu gehen, und die Feldherren und Hauptleute traten zu einem Kriegsrat zu sammen. Angesichts ihrer bedenklichen Lage, namentlich da sie jetzt keine Lebensmittel mehr hatten - denn als sie abfahren wollten, hatten sie in Katana die Zufuhr abbestellt - und auch künftig nicht haben konnten, beschlossen sie, die Werke weiter oben aufzugeben, in unmittelbarer Nähe der Schiffe aber einen Fleck, wie er zur Aufnahme des Gepäcks und der Kranken allenfalls genügte, zu befestigen nnd zu besetzen, das ganze übrige Heer aber bis auf den letzten Mann einzuschiffen und sämtliche Schiffe, gleichviel ob mehr oder weniger tauglich, damit zu bemannen und es auf eine Seeschlacht ankommen zu lassen. Dann aber wollten sie, falls sie isegten, nach Katana fahren, sonst aber die Schiffe verbrennen und mit dem Land heere in Schlachtordnung abziehen und möglichst bald einen befreundeten, sei es griechischen sei es nichtgriechischen Ort zu erreichen suchen. Und wie sie eS beschlossen, so machten sie eS auch. Aus den Werken weiter oben zogen sie in aller Stille ab und bemannten alle ihre Schiffe, indem sie jeden, der körperlich noch irgend brauchbar schien, zwangen, an Bord zu gehen. So wurden dann auch die sämtlichen etwa hundert undzehn Schiffe voll besetzt. Auch viele Speer- und Dogen schützen aus der Zahl ihrer akarnanishcen und anderen Söldner wurden miteingeschifft und alle sonst erforderlichen Vorkehrungen getroffen, soweit das bei einem so im Dränge der Not gefaßten Plane möglich war. Als alles bereit, ließ Nikias, welcher sah, wie seinen Leuten nach den mehrfachen ungewohnten Nieder lagen zur See der Mut gesunken war, und bei dem Mangel an Lebensmitteln je eher je lieber eine Schlacht zu liefern wünschte, sie alle zusammenkommen und suchte sie erst durch folgende Ansprache zu ermutigen.
„Kameraden, Landsleute und Bundesgenossen! Wir gehen in einen Kampf, in dem es für alle dasselbe gilt. Wir kämpfen, so gut wie unsere Feinde, für Leben und Vaterland. Wenn wir jetzt mit der Motte einen Sieg erringen, so haben wir alle die Aussicht, Heimat und Vaterland noch einmal wiederzusehen. Darum dürft ihr den Mut nicht sinken lassen und euch nicht gebärden wie unerfahrene Neulinge, die nach den ersten unglück lichen Gefechten gleich meinen, es werde ihnen auch künftig nicht besser gehen. Vielmehr müßt ihr alle hier, Athener so wohl, die ihr schon manchen Krieg mitgemacht, als auch Bundes genossen, die ihr an unseren Feldzügen stets teilgenommen habt, eingedenk sein, daß im Kriege immer Dinge vorkommen, auf die man nicht gerechnet hat, und in der Hoffnung, das Glück werde sich auch einmal wieder für uns erklären, von neuem in den Kampf gehen, um, wie es diesem großen Heere, das ihr hier jetzt beisammen seht, geziemt, die Scharte auszuwetzen.
„Alle Vorkehrungen, von denen wir uns überzeugt, daß sie uns in dem bei der Enge des Hafens unvermeidlichen Ge dränge der Schiffe und gegenüber den uns früher gefährlich ge wordenen Einrichtungen auf den Verdecken der Feinde von Nutzen sein würden, haben auch wir jetzt, soweit möglich, nach Beratung mit den Steuerleuten getroffen. Wir werden zahlreiche Speer- und Bogenschützen und sonstige Mannschaft in Menge an Bord nehmen. Wollten wir in offener See schlagen, so würden wir das allerdings nicht dürfen, weil die schwere Belastung der Schiffe ihrer Geschicklichkeit Abbruch tun könnte, hier aber, wo wir auf unseren Schiffen gewissermaßen eine Landschlacht zu liefern gezwungen sind, wird es uns zum Vorteil gereichen. Wir haben uns alles ausgedacht, was erforderlich war, um die Leistungsfähigkeit unserer Schiffe zu erhöhen, so gegen ihre uns besonders gefährlich gewordenen schweren Sturmbalken Griffe mit eisernen Händen, welche das feindliche Schiff hindern werden, nach dem Zusammenstoß rückwärts zu rudern, falls die Mannschaft auf dem Verdeck ihre Schuldigkeit tut. Denn so weit ist es ja jetzt mit uns gekommen, daß wir auf den Schiffen wie zu Lande fechten müssen, und deshalb ist es offenbar für uns vorteilhaft, weder selbst rückwärts zu rudern, noch es den Feinden zu gestatten, zumal der Strand bis auf einen kleinen, von unseren Truppen besetzten Fleck in Feindes Hand ist.
„Das müßt ihr euch merken und im Gefecht eure letzte Kraft einsetzen, euch nicht auf den Strand jagen lassen, sondern das Schiff nach dem Zusammenstoß festhalten, bis ihr die Mann schaft von dem feindlichen Verdeck über Bord geworfen habt. Und mehr noch als den Matrosen mache ich das den Soldaten zur Pflicht, da es sich dabei recht eigentlich um eine Aufgabe des Landheeres handelt, und deshalb können wir jetzt, wo bei ihm die Entscheidung liegt, auf den Sieg hoffen. Den Matrosen aber möchte ich raten und zugleich an sie die Bitte richten: Nehmt euch unsere Niederlagen nicht zu sehr zu Herzen. Die Einrichtungen auf den Verdecken sind jetzt besser, und die Zahl unserer Schiffe ist größer. Ihr galtet bisher, auch wenn ihr es nicht wart, für Athener. Weil euch unsere Sprache ge läufig war und ihr unsere Sitten angenommen, wart ihr in Griechenland überall hoch angesehen, habt auch die Vorteile unserer Herrschaft, den Respekt bei unseren Untertanen und die Sicherheit vor Beleidigungen mit uns in vollem Maße genossen; bedenkt also, daß es wohl der Mühe wert ist, euch solche Vorzüge zu erhalten. Es wäre deshalb sehr unrecht, wolltet ihr, die einzigen freiwilligen Gefährten unserer Herr schaft, uns jetzt im Kampfe um diese im Stich lassen. Ihr werdet doch die Korinther nicht fürchten, die ihr so oft besiegt, oder diese sizilischen Griechen, die, solange unsere Seemacht auf der Höhe stand, nie gewagt haben, euch die Spitze zu bieten. Geht ihnen also nur tapfer zu Leibe und zeigt ihnen, daß eure Geschicklichkeit auch nach Verlusten und Niederlagen immer noch jedem Gegner überlegen ist, auch wenn ihm das Glück einmal den Sieg in den Schoß geworfen.
„Euch Athener unter uns aber muß ich von neuem daran erinnern, daß ihr zu Hause weder Schiffe, wie diese hier, auf den Werften, noch junge Mannschaft hinter euch habt. Ihr müßt also unbedingt siegen, sonst werden sich unsere hiesigen Feinde sofort dahin aufmachen und unsere Landsleute dort außerstande sein, sich gegen ihre dortigen Gegner und die neuen Feinde zu behaupten. Ihr hier würdet den Syrakusern ohne weiteres zur Beute fallen - wißt ihr doch, was ihr selbst mit ihnen im Sinne gehabt habt -, und euere Mitbürger dort würden den Lakedämoniern unterliegen. Der Kampf, in den ihr geht, wird also zugleich über ihr und euer Schicksal entscheiden. Darum, wenn je, so steht heute euren Mann und beherzigt, einer für alle und alle für einen, daß ihr hier auf euren Schiffen die Land- und Seemacht der Athener seid, und daß die letzte Hoffnung und der große Name unserer Stadt auf euch beruht, auch daß sich jedem, der es anderen an Geschick lichkeit und Mut zuvortut, wohl niemals eine schönere Ge legenheit bieten wird, es zu seinem Besten und zum Heil des Ganzen zu bewähren."
Nachdem Nikias die Leute also ermutigt hatte, ließ er sie sogleich an Bord gehen. Gylippos und die Syrakuser, unter deren Augen das alles vorging, merkten natürlich, daß die Athener eine Seeschlacht liefern wollten. Auch hatten sie schon von der beabsichtigten Anwendung der eisernen Hände gehört und, wie überhaupt, so auch dagegen ihre Vorsichts maßregeln getroffen. Sie überzogen nämlich den Bug und einen großen Teil des Verdecks ihrer Schiffe mit frischen Tier häuten, damit die darauf geworfene Hand abglitte und keinen Halt hätte.
Als man mit allem fertig war, ermutigten Gylippos und die übrigen Feldherren die ihrigen mit folgenden Worten:
„Daß wir bisher schon Ehre eingelegt haben und uns auch in dem bevorstehenden Kampfe mit neuem Ruhm bedecken werden, Syrakuser und Bundesgenossen, davon seid ihr wohl längst meist selbst überzeugt, sonst wärt ihr schwerlich so wacker draufgegangen, und wenn dies wirklich diesem oder jenem unter euch noch nicht genügend klar geworden sein sollte, so wollen wir ihn darüber aufklären. Diesen Athenern, die uns hier ins Land gekommen sind, um erst Sizilien, und wenn es ihnen damit geglückt, auch noch den Peloponnes und ganz Griechenland zu unterwerfen, und es zu einer Macht gebracht haben wie weder sonst noch jetzt ein anderer griechischer Staat, denen habt ihr zum erstenmal zur See, die sie völlig beherrschten, die Spitze geboten und sie schon in mehreren Schlachten be siegt, und sicherlich werdet ihr sie auch diesmal wieder besiegen. Denn wenn man auf einem Felde geschlagen ist, wo man sich anderen überlegen glaubte, ist es mit dem Gefühl der Über legenheit schlechter bestellt, als wenn man es vorher überhaupt nicht gehabt, und nach einer dem Stolze so unerwarteten Nieder lage traut man sich selbst das nicht mehr zu, wofür die vor handenen Kräfte noch ausreichen würden. Und so wird es jetzt wahrscheinlich auch den Athenern gehen.
„Unser altes Selbstvertrauen aber, das uns schon damals, als wir noch unerfahren waren, den Mut eingab, den Kampf zu wagen, ist gewachsen, seitdem wir die Stärksten besiegt und uns jetzt noch davon überzeugt haben, daß wir auch ihnen über legen sind, nnd wir rechnen deshalb alle mit doppelter Zu versicht auf den Sieg. Je größer aber die Zuversicht, um so größer auch die Freudigkeit zur Schlacht. An die Einrichtungen, die sie uns nachgemacht, sind wir bei unserer Kampfesweise schon gewöhnt, und sie werden uns mit alledem keine Über raschungen bereiten. Da sie gegen ihre sonstige Gepflogenheit viele Hopliten auf dem Verdeck und viele Speerschützen, sozu sagen doch bloße Landratten, an Bord haben, Akarnanier und andere mehr, die es selbst im Sitzen nicht fertigbringen würden, mit dem Schuß richtig abzukommen, wie sollten die nicht ihren eigenen Schiffen hinderlich werden und bei der ungewohnten Bewegung alle untereinander in Verwirrung geraten? Auch die Menge ihrer Schiffe wird ihnen nichts helfen, wenn sich hier etwa jemand vor der Überzahl fürchten sollte. Denn in dem engen Raum werden ihre Schiffe die beabsichtigten Be wegungen vielfach nickt ausführen, wir aber durch die Einrich tungen auf unseren Schiffen ihnen um so leichter schaden können. Und nun noch eine Mitteilung, deren Richtigkeit nach den uns gewordenen Nachrichten nicht zu bezweifeln ist. Sie haben nämlich infolge ihrer schweren Niederlagen im Dränge der Not, nicht etwa im Vertrauen auf ihre Schlagfertigkeit, sondern um womöglich ihr Heil noch einmal zu versuchen, den ver zweifelten Entschluß gefaßt, sich entweder mit der Flotte durch zuschlagen, oder nahcher zu Lande abzuziehen, da sie dann wenigstens ihrer Meinung nach immer noch nicht schlimmer dran sein würden als jetzt.
„Diesen also erschütterten und an ihrem Glück verzweifeln den Erzfeinden wollen wir nun nach Herzenslust zu Leibe gehen und daran denken, daß wir nicht nur volles Recht haben, unsern Mut an ihnen zu kühlen und sie für ihren ruchlosen Angriff zu bestrafen, sondern jetzt auch in der Lage sind, uns an unseren Feinden zu rächen, und daß, wie es im Sprichwort heißt, die Rache süß ist. Daß sie unsere Feinde, unsere bösesten Feinde sind, wißt ihr alle. Sind sie uns doch ins Land gekommen, um uns zu unterjochen, und wenn ihnen das gelungen, so würden sie den Männern grausam zugesetzt, Weiber und Kinder schandbar mißhandelt und der ganzen Stadt Schimpf und Schande angetan haben. Deshalb darf man nicht aus Mit leid den Großmütigen gegen sie spielen oder etwa glauben, es wäre das beste, sie unbehelligt abziehen zu lassen. Das werden sie schon sowieso tun, auch wenn sie uns besiegt haben. Nur wenn wir unsere Absicht redlich ausführen, sie bestrafen und ganz Sizilien zu der Freiheit, deren es sich früher erfreute, verhelfen und sie fester begründen, werden wir mit Ehren aus diesem Kampfe hervorgehen. Auch ist man nur selten in der glücklichen Lage, unter Umständen zu schlagen, wo eine Nieder lage so wenig ausmachen würde, ein Sieg aber die größten Vorteile verspricht."
Nachdem die syrakusischeu Feldherren und Gylippos auch ihrerseits die Ihrigen also ermutigt hatten und sahen, daß die Athener sich einschifften, bemannten auch sie unverzüglich ihre Schiffe. In diesem Augenblick aber, wo die Flotte schon im Begriff war auszukaufen, hatte Nikias, der die Größe und die Nähe der Gefahr erkannte, den Kopf verloren und glaubte, wie es in solchen kritischen Lagen geht, mit allem, was bisher geschehen, sei es noch nicht genug, und man habe den Leuten das Nötige noch nicht gesagt. Er ließ sich also die Schiffs hauptleute noch einmal alle einzeln kommen, redete sie mit Vor- und Vaternamen an, wußte, wo sie her waren, und er ma hnte jeden, der sich schon irgendwie ausgezeichnet hatte, der alten Tapferkeit auch diesmal Ehre zu machen, und die, welche berühmte Vorfahren hatten, den Ehrenschild der Väter rein zu halten. Er erinnerte sie an das Vaterland, wo man sich der höchsten Freiheit erfreue und es jedem möglich sei, sein Leben nach Gefallen einzurichten, sagte ihnen auch sonst noch allerlei, was man den Leuten ohne Rücksicht darauf, daß sie es doch nur für abgenutzte Redensarten halten, in solchen Lagen zu sagen pflegt, von Weibern und Kindern und heimischen Göttern und womit man den Leuten bei solcher Gelegenheit immer in den Ohren liegt, wenn man es in der augenblick lichen Bestürzung eben für nützlich hält. Nachdem er ihnen seiner Meinung nach, wenn auch nicht genug, so doch daS Notwendigste gesagt, setzte er sich selbst mit dem Landheere in Bewegung, führte es an den Strand und ließ es dort eine möglichst ausgedehnte Stellung nehmen, um dadurch den Mut der Mannschaft auf den Schiffen zu beleben. Demotshenes, Menandros und Euthydemos aber, welche den Befehl auf der u Flotte übernommen hatten, brachen damit sogleich von ihrem Lagerptatze auf und wandten sich gegen den Verschluß des Hafens, welcher die Ausfahrt sperrte, in der Absicht, nach außen durchzubrechen.
Die Syrakuser und ihre Verbündeten führten ungefähr die gleiche Anzahl Schiffe ins Gefecht wie früher und stellten sie zum Teil am Ausgange des Hafens, zum Teil rings um den ganzen übrigen Hafen auf, um die Athener von allen Seiten zu fassen, und gleichzeitig wurde das Landheer auf die * Stellen, wo Schiffe anlanden konnten, zu deren Unterstützung verteilt. Die Flotte der Syrakuser befehligten Sikanos und Agatharchos, so daß jeder einen Flügel des Ganzen unter sich hatte, während Pythen und die Korinther die Mitte bildeten. Als die Athener an die Sperre kamen, suchten sie die dort verstellten Schiffe im ersten Anlauf zu überwältigen und den Verschluß zu sprengen. Nun aber drangen die Syrakuser und ihre Verbündeten von allen Seiten auf sie ein, und es ent spann sich nicht nur an der Sperre, sondern über den ganzen Hafen eine Schlacht gewaltiger als die vorigen. Auf beiden Seiten war der Ungestüm der Matrosen, den befohlenen Stoß auf ein feindliches Schiff auszuführen, nicht minder groß wie die Geschicklichkeit und der Wetteifer der Steuerleute, ihm auszuweichen. Die Soldaten auf dem Verdeck setzten alles dran, wenn zwei Schiffe aneinander gerieten, zu beweisen, daß sie an Geschicklichkeit niemand nachständen, und jeder einzelne tat sein Bestes, um es in seinem Fach allen anderen zuvor zutun. Noch nie hatten in einer Schlacht so viel Schiffe in einem so engen Raum gefochten wie hier; denn auf beiden Seiten waren es zusammen beinah zweihundert. Da es in dem Gedränge nicht möglich war, rückwärts zu rudern oder den feindlichen Schiffen durch die Ruder zu fahren, so kam es nur selten zu regelrechten Angriffen, desto häufiger aber, wenn ein Schiff auf der Flucht oder im Angriff auf ein anderes zufuhr, zu zufälligen Zusammenstößen. Solange ein Schiff sich einem anderen näherte, überschütteten es die Schützen auf dem Verdeck mit Wurfspießen, Pfeilen und Steinen, wenn aber beide Bord an Bord kamen, nahmen die Hopliten den Kampf auf und suchten das feindliche Schiff zu entern. Bei der Enge des Raumes kam es manchmal vor, daß ein Schiff, während es ein anderes angreifen wollte, selbst von einem dritten angegriffen wurde, oder daß sich zwei oder auch mehrere Schiffe unfreiwillig miteinander verhakten, so daß die Steuer leute gleichzeitig auf Angriff und Ausweichen bedacht sein mußten und ihr Augenmerk nach allen Seiten zu richten hatten, während man bei dem gewaltigen Gekrach so vieler zusammen stoßender Schiffe die Stimmen der Taktmeister nicht hören konnte; denn auf beiden Seiten suchten diese sich beständig - durch Zuruf und lautes Schreien vernehmlich zu machen, wie es ihr Handwerk und ihr Ehrgeiz in dem Augenblick mit sich brachte. Den Athenern riefen sie zu, sie müßten durchbrechen, um jetzt oder nie mit heiler Haut wieder nach Hause zu kommen, den Syrakusern und ihren Verbündeten dagegen, daß es ihnen zum höchsten Ruhm gereichen würde, wenn sie die Athener nicht entkommen ließen und jeder das Seinige dazu täte, durch einen Sieg die Größe seines Vaterlandes zu mehren. Zudem riefen auch die Feldherren auf beiden Seiten, wenn sie ein Schiff rückwärts rudern sahen, die Schiffshauptleute bei Namen an und fragten sie, die Athener, ob sie zurückgingen, weil sie sich hier in Feindesland schon mehr zu Hause fühlten wie auf der See, wo sie sich in schweren Kämpfen schon seit langer Zeit Hausrecht erworben; die Syrakuser, ob sie vor diesen Athenern, die, wie sie ja sehr wohl wüßten, um jeden Preis zu entfliehen suchten, nun gar selbst die Flucht ergreifen wollten.
Während die Schlacht unentschieden hin und her schwankte, verfolgte das Landheer beiderseits deren Verlauf in ängstlicher Spannung. Die Einheimischen wetteten, die Sache würde sich für sie immer noch günstiger gestalten, die Athener und ihre Verbündeten fürchteten, daß ihre Lage noch schlimmer werden möchte als bisher. Da für die Athener alle Hoffnung auf der Flotte beruhte, waren sie in unbeschreiblicher Angst, was werden würde, und bei dem ungleichmäßigen Verlauf der Schlacht waren ihre Blicke unwillkürlich vom Lande auS auf sie gerichtet. Das Gesichtsfeld der einzelnen aber war be schränkt, und da sie nicht alle zugleich dieselbe Stelle vor Augen hatten , faßten die, welche die Ihrigen irgendwo im Vorteil sahen, neuen Mut und flehten die Götter an, ihnen auch weiter durchzuhelfen; die aber, welche grade sahen, daß sie an anderer Stelle unterlagen, brachen in laute Wehklagen aus und wurden durch den bloßen Anblick des Kampfes mehr entmutigt als die Kämpfer selbst. Noch andere, deren Blicke dahin gerichtet waren, wo sich beide Teile die Wage hielten, waren, da man im Schlachtgetümmel nichts untershceiden konnte, erst recht schlimm dran und gaben in der Angst ihren Gefühlen durch entsprechende Gebärden Ausdruck. Denn Sieg und Niederlage hing beständig an einem Haar, und so konnte man im Heere der Athener, solange die Schlacht noch unentshcieden war, zu gleicher Zeit alles hören, Jubel und Wehklage, Sieger und Besiegte, und alle die mancherlei Laute, wie man sie in einem großen Heere, welches um sein Dasein kämpft, notwendig immer vernehmen wird. Nicht viel anders wie denen am Lande ging es denen auf der Flotte, bis dann die Syrakuser und ihre Verbündeten die Athener nach langem Kampfe endlich zum Weichen brachten, einen glänzenden Sieg erfochten und sie unter lautem Zuruf und Geschrei an den Strand verfolgten. Nun stürzten die Leute von den Schiffen, soweit sie nicht schon auf der See den Gegnern in die Hände gefallen waren, der eine hier, der andere dort, ans Land dem Lager zu. Die Truppen am Lande aber ergaben sich jetzt ohne Unterschied mit Ach und Weh einmütig darein, daß die Schlacht verloren war. Zum Teil eilten sie den Schiffen zu Hilfe, zum Teil warfen sie sich in die noch vorhandenen Festungswerke; andere, und zwar die meisten, dachten nur noch an sich selbst und wie sie sich in Sicherheit bringen könnten. Nie zuvor war die Lage der Athener so hoffnungslos gewesen wie in diesem Augenblick. Es ging ihnen hier, wie sie es mit ihren Gegnern in Pylos gemacht hatten. Denn dort verloren die Lakedämonier nach der Vernichtung ihrer Flotte auch die auf der Insel ausgesetzte Mannschaft, und jetzt durften sich die Athener auch keine Hoff nung mehr machen, zu Lande davonzukommen, eS hätte denn ein Wunder geschehen müssen.
Nach dieser heißen Schlacht, in der beide Teile viele Menschen und Schiffe verloren und die Syrakuser und ihre Verbündeten den Sieg davongetragen hatten, fuhren diese, nachdem sie ihre Schiffstrümmer und ihre Toten geborgen, an die Stadt zurück und errichteten ein Siegeszeichen. Die Athener dachten bei der Größe des Unglücks, das sie betroffen, nicht einmal daran, um die Herausgabe ihrer Toten und ihrer Schiffstrümmer zu bitten, sondern wollten noch in dieser Nacht gleich abziehen. Demosthenes aber ging zu Nikias und schlug ihm vor, ihre noch vorhandenen Schiffe zu bemannen und damit bei Tagesanbruch womöglich die Ausfahrt zu erzwingen, indem er verischerte, daß sie immer noch mehr brauchbare Schiffe hätten als die Feinde. Die Athener hatten nämlich -loch gegen sechzig Schiffe, die Gegner aber kaum fünfzig. Nikias trat auch seiner Meinung bei; als jedoch die Schiffe bemannt werden sollten, weigerten sich die Leute, an Bord zu gehen, da sie durch die Niederlage völlig entmutigt waren und an keinen Sieg mehr glaubten. So wurde denn allerseits be schlossen, zu Lande abzuziehen.
Hermokrates in Syrakus aber vermutete ihre Absicht und hielt es für gefährlich, wenn ein so zahlreiches Heer zu Lande abzöge und sich irgendwo in Sizilien festsetzte, um von dort den Krieg gegen Syrakus wieder aufzunehmen. Er wandte sich deshalb an die Regierung und stellte ihr vor, man dürfe die Athener nicht bei Nacht abziehen lassen, wie er das ja vermutete, sondern die Syrakuser und ihre Verbündeten müßten mit dem ganzen Heere ausrücken, ihnen die Wege durch Ver haue sperren und die Pässe verlegen. Dort war man zwar derselben Meinung und hielt es ebenfalls für zweckmäßig, so zu verfahren, fürchtete jedoch, daß die Leute, welche froh wären, sich nach der großen Schlacht erst mal auszuruhen, dafür schwerlich zu haben sein würden, zumal grade Feiertag wäre. (An dem Tage wurde nämlich das HerakleSfest in Syrakus gefeiert.) Denn die säßen im Feste meist alle nach ihrem Siege fröhlich beim Becher, und man würde ihnen wahrscheinlich alles eher ansinnen können, als in diesem Augenblick das Ge wehr aufzunehmen und auszurücken. Da die Herren von der Regierung die Sache unter diesen Umständen nicht für aus führbar hielten und auch Hermokrates nichts weiter bei ihnen ausrichtete, verfiel er nunmehr seinerseits auf folgende List. Weil er besorgte, die Athener möchten in der Nacht in aller Stille abziehen und über die gefährlichsten Stellen glücklich hinausgelangen, schickte er bei Eintritt der Dunkelheit einige seiner Freunde mit einer Anzahl Reiter an das athenische Lager, welche auf Sprechweite hinanritten. Hier riefen sie sich ein paar Leute heraus, und da Nikias damals Freunde in der Stadt hatte, die ihm von dort Nachrichten zutrugen, gaben sie sich ihnen als Freunde der Athener zu erkennen und trugen ihnen auf, Nikias zu sagen, er möge diese Nacht mit dem Heere nicht aufbrechen, weil die Syrakuser die Wege besetzt hätten, sondern damit lieber warten und bei Tage in guter Ordnung abziehen. Nachdem sie ihnen das gesagt, ritten sie wieder weg. Die Leute aber, denen sie es gesagt hatten, meldeten es den Feldherren der Athener.
Infolge dieser Meldung ließen diese die Nacht verstreichen, weil ihnen gar nicht einfiel, es könne sich dabei um eine Täuschung handeln. Und da sie bei alledem nicht gleich auf brachen, beschlossen sie, auch noch den folgenden Tag zu warten, damit die Soldaten Zeit hätten, womöglich wenigstens das Notwendigste zusammenzupacken, dann aber alles übrige im Stich zu lassen und sich nur mit dem für die Leibesnotdurft Unentbehrlichen auf den Weg zu machen. Inzwischen waren Gylippos und die Syrakuser mit dem Landheere ausgerückt, hatten die Wege, welche die Athener vermutlich einschlagen mußten, durch Verhaue gesperrt, die Übergänge der Flüsse und Bäche besetzt und die ihrer Meinung nach geeigneten Stellungen eingenommen, um das athenische Heer zu empfangen und ihm den Weg zu verlegen. Mit ihren Schiffen aber fuhren sie an die Schiffe der Athener heran und holten sie vom Strande; denn die Athener hatten nur wenige ihrem Plane gemäß selbst schon in Brand gesteckt; die übrigen nahmen sie, sowie sie flott geworden, in Schlepptau und brachten sie, ohne auf Widerstand zu stoßen, in aller Ruhe an die Stadt.
Darauf, als Nikias und Demosthenes glaubten, daß alles so weit sei, erfolgte dann endlich am dritten Tage nach der Schlacht der Aufbruch des Heeres. Es war entsetzlich, nicht nur der ganze Vorgang an sich, wie sie so nach Verlust ihrer sämtlichen Schiffe abzogen und die glänzenden Hoffnungen für sich und ihre Stadt zunichte geworden waren, sondern auch was jeder einzelne beim Abzüge aus dem Lager an herzzerreißenden Auftritten mit ansehen mußte. Denn die Toten waren noch nicht begraben, und jeden, der einen seiner Angehörigen so da liegen sah, überkam Schmerz und Grauen. Die Verwundeten aber und die Kranken, die man liegen ließ, waren in den Augen der Überlebenden noch beklagenswerter als die Toten und in der Tat schlimmer dran als die schon Umgekommenen. Vor ihrem Flehen und Wehklagen wußte man sich nicht zu lassen. Wenn einer von ihnen einen seiner Freunde oder An gehörigen erblickte, so rief er ihn an und bat, ihn doch mitzu nehmen, klammerte sich an die abziehenden Zeltgenossen und schleppte sich ihnen nach, so weit er konnte, bis ihm dann die Kräfte ausgingen und er nach allem Jammer und Beschwören schließlich liegen blieb. So kam das Heer vor lauter Tränen und Schwierigkeiten kaum von der Stelle, obwohl es auS Feindesland abzog, wo es bisher schon schwere Leiden bis zum Übermaß ausgestanden und auch in Zukunft gewiß noch weiter zu befürchten hatte. Niedergeschlagen und verdrossen, wie sie waren, überhäuften sich die Leute selbst mit Vorwürfen. Es sah aus wie die Flucht der Einwohner aus einer eroberten Stadt, und keiner kleinen Stadt, denn die ganze sich fort wälzende Masse betrug mindestens vierzigtausend. Dabei schleppte jeder möglichst alles mit sich, was er brauchen konnte, und auch die Hopliten und die Reiter mußten, was sie sonst nicht gewohnt waren, neben ihren Waffen ihre Lebensmittel selbst tragen, weil sie entweder keine Diener mehr hatten oder ihnen nicht trauten; denn die waren ihnen meist schon längst oder eben jetzt entlaufen. Aber auch was sie an Lebensmitteln bei sich hatten, reichte nicht aus, da die Vorräte im Lager alle ge worden waren. Und wenn es sonst ein gewisser Trost im Unglück ist, daß man es nicht allein trägt, sondern mit vielen Leidensgefährten teilt, so wurde es darum doch in diesem Augenblick nicht minder schwer empfunden, zumal wenn man bedachte, wie diese anfangs so stolze und glänzende Unter nehmung so kläglich endete. Denn in der Tat war dies der größte Glückswechsel, den ein griechisches Heer jemals erlebt hatte. War man gekommen, um andere zu unterjochen, so mußte man jetzt, um nicht selbst zugrunde zu gehen, das Weite suchen, statt freudiger Gebete und Schlachtgesänge, mit denen man in See gegangen, nur Unkenrufe hören, statt zu Schiff zu Lande abziehen, statt des Matrosen jetzt den Hopliten spielen. Gleichwohl erschien das alles noch erträglich gegenüber der Größe der noch weiter drohenden Gefahren.
Als Nikias das Heer so entmutigt und völlig verwandelt sah, schritt er die Reihen ab und suchte die Leute möglichst zu beruhigen und ihnen Mut einzusprechen, wobei er, wie er von einem zum andern kam, im Eifer und um möglichst weit verständlich zu werden, die Stimme immer lauter erhob.