Book 7
In denselben Tagen kamen den Syrakusanern auch die Kamarinäer zu Hilfe, ihrer fünf hundert Schwerbewaffnete, drei hundert Speerträger und dreihundert Bogenschützen. Auch die Getaner schickten ein Geschwader von etwa fünf Schiffen und vierhundert Speerträger und zweihundert Reiter. Es war jetzt nämlich fast schon das ganze Sieilien, mit Ausnahme der Akragantiner — die es übrigens mit keiner von beiden Parteien hielten — sonst aber Alle mit den Syrakusanern zum Kampf gegen die Athener vereinigt, während sie früher unthätig den Gang der Dinge abgewartet hatten.
Die Syrakusaner nun, nachdem sie dieses Unglück im Gebiete der Sikuler betroffen hatte, enthielten sich für den Augenblick noch des Angriffs aus die Athener; Demosthenes aber und Eurymedon, als die Mannschaft von Kerkyra und dem Festlande ihnen bereit war, waren mit dem ganzen Heere über das Ionische Meer nach dem Japygischen Vorgebirg gefahren. Von dort, wo sie Anker geworfen, gingen sie weiter nach den zu Japygien gehörigen Choiradischen Inseln, und nahmen einige hundert und fünfzig Japygische Speerträger aus dem Stamm der Meffapier aus ihre Schiffe, und als sie dann mit dem Dynasten Artas, der ihnen als solcher auch die Speerträger geliefert, ein altes FreundschaftSbündniß erneuert hatten, kamen sie nach Metapontum in Italien. Und nachdem sie auch die Metapontier beredet hatten, ihnen dem Bundesvertrag gemäß dreihundert Speerträger mitzugeben und zwei Kriegsfahrzeuge, so übernahmen sie diese und schifften längs der Küste weiter nach Thuria. Hier kamen sie an, als eben kurz vorher die Thurier durch einen Aufstand die Feinde der Athener ausgetrieben hatten, und weil sie beabsichtigten, daselbst die ganze Mannschaft, welche sie jetzt noch unter sich hatten, zusammenzustellen und eine Heerschau zu halten, sowie auch die Thurier zu überreden, sie bei diesem Kriege mit allem Eifer zu unterstützen, und da sie nun einmal in dieser Lage seien, künftig die Feinde und Freunde 413 v. Chr. der Athener auch zu den ihrigen zn machen, so verweilten sie einige Zeit in der Thurischen Landschaft und setzten diese Absichten in'S Werk. "
Die Peloponnesier aber auf den fünf und zwanzig Schiffen, welche wegen der Ueberfahrt der Lastschiffe nach Sieilien der Athenischen Flotte bei Naupaktos gegenüber lagen, hatten sich um dieselbe Zeit zu einer Seeschlacht fertig gemacht und noch einige Fahrzeuge dazu bemannt, so daß sie an Schiffszahl nur um ein Geringes schwächer waren, als das athenische Geschwader, und gingen nun bei Erineon in Achaia, in der Rhypischen Landschaft, vor Anker. Und da die Küste, vor welcher sie ankerten, halbmondförmig war, so war auf beiden Seiten befreundetes Fußvolk von den Korinthern und den dortigen Bundesgenossen auf den vorspringenden Landspitzen aufgestellt, die Schiffe aber standen in geschlossener Schlachtlinie mitten inne. Befehlshaber über die Schiffe war der Korinther Polyanthes. Die Athener aber segelten von Naupaktos mit drei und dreißig Schiffen^) unter Kommando des Diphilos gegen sie heran. Die Korinther nun ihrerseits verhielten sich Anfangs ruhig; als es ihnen aber der richtige Zeitpunkt schien und das Zeichen gegeben wurde, fuhren sie auf die Athener los und das Seegefecht begann. Eine beträchtliche Zeit hielten sich beide Theile die Wage. Den Korinthern wurden drei Schiffe in den Grund gebohrt; von den Athenischen Fahrzeugen wurde zwar keines versenkt, aber doch sieben seeuntüchtig gemacht, da sie von den Korinthischen Schissen am Vordertheil getroffen und aufgerissen worden waren, da wo die Ruderreihen aufhören; denn jenen hatte man eben in dieser Absicht stärkere Sturmbalken gegeben. Demnach blieb der Seekampf zwar unentschieden, so daß beide Theile sich den Sieg zuschrieben, doch hatten sich die Athener der Schiffstrümmer bemächtigen können, weil der Wind dieselben seewärts trieb und die Korinther nicht weiter herausliefen. So gingen denn beide Theile aus einander, und es fand weder eine Verfolgung 16) V rgl. VII. II. Vielleicht hatte DiphiloS noch einige Schiffe zugeführt und den Avnon abgelöst (Kr). 17) Ohrbalken. Sie ragten wie Ohren aus beiden Seiten des DordertheilS hervor und dienten theils zum Angriff, theils um den Stoß der feindlichen Schiffsschnäbel abzuwehren. Vrgl. vll, 26. 62 (Kr.). Statt, noch auch wurden von irgend einer Seite Gefangene gemacht; 413 v. Chr. die Korinther und Peloponnesier, da sie ganz in der Nahe des Landes fochten, konnten sich leicht retten, und den Athenern war kein Schiff versenkt worden. Während nun die Athener nach Naupaktos zurückfuhren, stellten die Korinther sogleich ein Siegeszeichen aus, als ob sie gesiegt hätten, weil sie den Gegnern eine größere Zahl von Schiffen untüchtig gemacht, und weil sie sich aus eben dem Grund nicht für geschlagen hielten, aus welchem sich die Athener nicht den Sieg zuschrieben. Denn die Korinther hielten eS schon für Gewinn, wenn sie nur nicht gänzlich geschlagen wurden, und die Athener glaubten sich verkürzt, wenn sie nicht entscheidend gesiegt hatten. Als dann aber die Peloponnesier abgesegelt waren und das Landheer sich zerstreut hatte, stellten die Athener auch ihrerseits ein Siegeszeichen an der Achaischen Küste auf, als ob sie die Schlacht gewonnen hätten, ungefähr zwanzig Stadien von Erineon entfernt, wo die Korinther geankert hatten. So war dieser Seekampf ausgegangen.
Demotshenes aber und Eurymedon, als die Thurier dahin gebracht waren, sich ihnen mit siebenhundert Schwerbewaffneten und drei hundert Speerträgern anzuschließen, ließen die Schiffe an der Küste hin gegen das Krotoniatische Gebiet weiterfahren; sie selbst aber, nachdem sie zuerst am Sybarisflusse über dte ganze Armee Heershcau gehalten, führten dieselbe durch ThurischeS Gebiet weiter. Als sie aber an den HyliaSfluß kamen und die Krotoniaten ihnen die Botschaft entgegenshcickten, daß sie mit ihrem guten Willen das Heer nicht durch ihr Gebiet ziehen ließen/so zogen sie sich nach der Küste hinab und lagerten die Nacht durch an der See und an der Mündung des Hylias. Eben dahin kamen ihnen auch die Schiffe entgegengefahren. Am folgenden Tag ließen sie das Heer die Schiffe besteigen und segelten längs der Küste weiter, bei den einzelnen Städten, Lokri ausgenommen, anhaltend, bis sie nach Petra im Gebiet von Rhegium kamen.
Die Syrakusaner, die das Herannahen der feindlichen Flotte erfuhren, gedachten nun abermals sowohl mit ihren Schiffen einen Versuch zu machen, als auch mit der übrigen Macht an Landtruppen, welche sie eben zu dem Zweck gesammelt hatten, um noch vor der Ankunft jener eine Entscheidung herbeizuführen. Nicht nur hatten sie 413 v. Chr. auf ihrer Flotte sonst alle die Einrichtungen getroffen, von denen sie nach ihren Erfahrungen im ersten Seekampf größere Vortheile voraussahen, sondern auch die Vordertheile ihrer Schiffe verkürzt und sie dadurch stärker gemacht, sowie auch an den Vordertheilen dicke Stoßbalken angebracht und diese wieder außen wie innen durch sechs Ellen lange Strebebalken, die sich an die Schiffswandung stimmten, gestützt's), welche Einrichtung auch die Korinther vor Naupaktos mit ihren Schissen getroffen und dann in der Schlacht mit den Vordertheilen den Angriff gemacht hatten. Hiedurch glaubten sich nämlich die Syrakusaner vortheilhast gegen die Schiffe der Athener gestellt zu haben, welche keine entsprechende Gegenvorrichtung, sondern nur dünne Vordertheile hatten, weil sie nicht sowohl Vordertheil gegen Vordertheil, als vielmehr vermittelst Umsegelung den Schnabelangriff in die Flanken zu machen pflegten. Auch berechneten sie, daß eine Seeschlacht innerhalb des großen Hafens, wo auf nicht großem Raume zahlreiche Schifft kämpfen würden, ihnen günstig ausfallen werde, denn mit dem Stoße Schnabel gegen Schnabel würden sie den Athenern das Vordertheil aufreißen, da sie mit starken und dicken Schnäbeln auf hohle und schwache Stellen träfen. Die Athener aber hätten ausdem beengten Raume auch nicht die Möglichkeit zur Umsegelung oder zum Zwischendurchfahren, Geschicklichkeiten, auf welche sie sich am meisten verließen. Das Zwischendurchfahren wollten sie ihnen selbst nach Möglichkeit wehren, am Umsegeln aber werde sie schon die Beschränktheit des Raumes hindern. Was früher nur eine Ungeschicklichkeit der Steuerleute zu sein schien, das Zusammenstoßen mit den Vordertheilen nämlich, das wollten sie jetzt mit voller Absicht anwenden, denn grade davon würden sie den größten Vortheil haben. Den Athenern nämlich, wenn sie aus ihrer Stellung verdrängt würden, bliebe kein anderer Rückzug, als der gegen das Land hin, und auch dieser ginge nur über einen schmalen Zwischenraum und auf einen beschränkten Raum am Land, nämlich längs ihrer eigenen Verschanzung; — 18) Heilmann meint, die Widerhalte (Strebebalken) seien durch eine Oesfnung in die Stirnwand des Schiffes hineingegangen und hätten sich dort etwa an einem Pfeiler in einem Winkel eingeschlossen, dessen Schenkel außer dem Schiffe an die schrägen. an beiden Seiten des Schiffes befestigten und vorne zusammenlaufenden Sturmbalken befestigt gewesen und dieselben folglich unterstützt hätten (Kr.). den übrigen Theil des Hafens würden sie selbst beherrschen — und 413v Chr. wenn jene irgendwie in's Gedränge kämen und sich dann auf einen beschränkten Raum und Alle auf denselben Punkt zusammenziehen müßten, so würden sie mit den Schiffen an einander stoßen und sich selbst in Verwirrung bringen — und in der That waren die Athener in allen Seegefechten auf diese Art am meisten zu Schaden gekommen, da sie nicht, wie die Syrakusaner, sich nach allen Punkten des Hafens zurückziehen konnten — eine Umsegelung aber bis in die offene See hinaus, während sie selbst die Zufahrt vom Meer her beherrschten und beliebig rückwärts fahren könnten, würden die Athener nicht durchzusetzen vermögend sein, zumal auch Plemmyrion sich ihnen feindselig erzeigen werde, und die Mündung des Hafens nicht groß sei.
Solches dachten sich die Syrakusaner nach bester Einsicht und Vermögen aus; auch war ihnen von dem früheren Seetreffen her die Zuversicht schon gewachsen, und so griffen sie mit der Landmacht und den Schiffen zugleich an. Es hatte aber Gylippos die Landmacht aus der Stadt selbst etwas früher ausrücken lassen und führte sie gegen die Mauer der Athener, und zwar gegen den Theil derselben, welcher nach der Stadt hin schaute, während gleichzeitig vom Olympieion aus was die Syrakusaner dort an Schwerbewaffneten, Reitern und leichtem Fußvolk hatten, gegen die andere Seite der Mauer anrückte. Sogleich danach segelten auch die Schiffe der Syrakusaner und der Bundesgenossen heran. Die Athener nun waren Anfangs der Meinung, jene wollten nur mit dem Landheer allein einen Versuch machen, als sie jetzt aber auch Plötzlich die Schiffe heransegeln sahen, geriethen sie in Verwirrung. Ein Theil von ihnen stellte sich auf und vor der Mauer gegen die Anrückenden auf, ein anderer marschirte den vom Olympieion und den Punkten außerhalb der Stadt zahlreich heraneilenden Reitern und Schützen entgegen, Andere bestiegen die Schiffe und fuhren zur Hilfeleistung nach der Küste hin. Als alle Schiffe bemannt waren, fuhren sie, fünf und siebzig an der Zahl, den Feinden entgegen; die Syrakusaner hatten ihrer ungefähr achtzig'^).
Einen großen Theil des Tags nun steuerten sie gegen einander los und ruderten wieder rückwärts und suchten ihren Vortheil 19) Die elf versenkten, VI, 23, waren also durch andere ersetzt (?»??<>). 4l3 v. Chr. an einander, aber kein Theil konnte etwas ausrichten, was der Rede werth war, außer daß die Syrakusaner ein oder zwei athenische Schiffe versenkten, und so schieden sich beide Theile von einander und auch das Landheer zog sich von den Vershcanzungen zurück.
Am folgenden Tag verhielten sich die Syrakusaner ruhig und ließen durchaus nicht merken, was sie weiter zu thun Willens waren; Nikias aber, da er sah, daß der Feind sich zur See ihm gewachsen zeigte, und ihrerseits einen neuen Versuch vermuthete, so zwang er die Schiffshauptleute, ihre Fahrzeuge auszubessern, wenn eines gelitten hatte, und legte Lastschiffe vor dem Pfahlwerk vor Anker, welches er vor seinen eigenen Schiffen, als Schutzmittel anstatt eines geschlossenen Hafens, im Meer hatte einrammen lassen. Diese Lastschiffe stellte er in Zwishcenräumen von je zwei Plethren^) von einander auf, damit ein bedrängtes Schiff hier eine sichere Zuflucht finden und wieder unbelästigt zum Angriff hinausfahren könne. Mit diesen Vorbereitungen brachten die Athener den ganzen Tag bis zum Einbruch der Nacht zu.
Am folgenden Tage griffen die Syrakusaner zu noch früherer Stunde, sonst aber ganz in derselben Weise, mit der Landmacht und der Flotte die Athener an, und die Schiffe standen wieder auf dieselbe Art einen großen Theil des TageS hindurch einander gegenüber und suchten sich Schaden zu thun. Da überredete Ariston, des PyrrichoS Sohn, ein Korinther, der beste Steuermann auf Seiten der Syrakusaner, die Befehliger der feindlichen Flotte, sie sollten zu den städtischen Beamten schicken mit dem Befehl, allsogleich auf'S Schnellste den Markt an das Meer hin zu verlegen und die Leute zu zwingen, Alles, was sie an Eßwaaren hätten, zum Verkauf dorthin zu bringen, damit ihre Schiffsmannschaften an'S Land gehen und dicht bei ihren Schiffen die Mahlzeit halten könnten; dann solle man nach kurzer Zeit noch am selben Tag die Athener unvermuthet wieder angreisen.
Jene gingen darauf ein, schickten die Botschaft, und der Markt kam zu Stande. Da ruderten die Syrakusaner plötzlich rückwärts, fuhren gegen die Stadt hin, schifften sich rasch auS und be 20) Ein Plethron IlX)' griech., l04' röm., S3.2' rhein. stellten ihre Mahlzeit. Die Athener aber, in der Meinung, jene 413 v. Chr. segelten nach der Stadt zurück, weil sie sich für geschlagen hielten, schifften sich gleichfalls in aller Ruhe aus, besorgten die übrigen Geschäfte und rüsteten auch die Mahlzeit, im Glauben, daß es für diesen Tag nicht mehr zu einem Seegefecht kommen werde. Plötzlich aber erstiegen die Syrakusier wieder ihre Schiffe und segelten gegen sie heran. Da geriethen sie denn in große Verwirrung und bestiegen, die Meisten noch ungegessen, ohne alle Ordnung die Schiffe und kamen kaum noch mit dem Auslaufen zu Stande. Eine Zeitlang nun hielten sie sich beobachtend in einer gewissen Entfernung von einander, dann aber wollte es den Athenern nicht gut bedünken, bei längerem Zögern durch die eigene wachsende Ermattung den Sieg dem Feinde in die Hand zu geben, sondern vielmehr so rasch als möglich anzugreifen, und so ruderten sie vorwärts und unter gegenseitigem ermunterndem Zuruf begannen sie die Seeschlacht. Die Syrakusaner aber empfingen den Angriffs indem sie mit den Vordertheilen der Schiffe gegen sie hielten, wie sie sich's ja ausgedacht, und rissen mit ihren dazu angebrachten Sturmbalken meist den athenischen Schiffen da, wo deren Ruder aufhörten, die Seiten auf. Von den Verdecken herunter richteten ihre Schützen großen Schaden unter den Athenern an, und noch größeren diejenigen von den Syrakufiern, welche auf leichten Kähnen die feindlichen Schiffe umfuhren und sich theils unter das Ruderwerk eindrängten, theils auch an den Schiffsseiten vorbeifuhren und auf die Rudermannshcaft schossen
Endlich gewannen die Syrakusaner, aus diese Weise mit aller Anstrengung kämpfend, den Sieg, die Athener aber machten Kehrt und zogen sich durch die Lastschiffe zu ihrem Ankerplatz zurück. Die Syrakufischen Schiffe verfolgten sie bis an die Lastschiffe heran; weiter vorzudringen hinderten sie hier die Balken, welche, an den Lastschiffen angebracht, über den Durchfahrtslücken schwebten und Delphine herabhängen ließen 22). Doch kamen zwei Syrakufische Schiffe 21) Durch die hinlänglich weiten Ruderlöcher. Vergl. Herodot V, II. (Arnold.) 22) .Die Gestalt eines DelphinS.bejicht sich wohl aus den gespaltenen, breiten und scharfen Schwanz desselben, und dieser war vermuthlich von Eisen mit einer schneidenden Schärfe. Um aber dieser Gattung einer doppelten Art den nöthigen Schwung und Nachdruck durch die vermehrte Schwere zu geben, so war sie vielleicht in eine 413 v. Chr. im Siegesrausch ganz dicht heran und wurden zu Grunde gerichtet. Das eine fiel sammt Bemannung in die Hände der Athener.. Die Syrakusaner nun, nachdem sie sieben Schiffe der Athener in den Grund gebohrt und viele kampfuntüchtig gemacht, auch viele Mannschaft gefangen oder getödtet hatten, zogen sich zurück und stellten wegen beider Seetreffen Siegeszeichen auf. Was sie früher gehofft, das glaubten sie nun zuversichtlich, nämlich auch zur See völlig überlegen zu sein, und so dachten sie denn auch der Landmacht Meister zu werden. In der That rüsteten sie sich auch auf beiderlei Weise zu erneuertem Angriff.
Da aber ershcienen Demotshenes und Eurymedon mit der Athenischen Verstärkung. Auf ungefähr dreiundsiebenzig^) Schiffen, eingerechnet die fremden, führten sie gegen fünftausend Schwerbewaffnete von den Athenern und den Bundesgenossen und eine nicht geringe Zahl von hellenischen und barbarischen Speerträgern und Schleuderern und Bogenschützen und auch sonst hinreichende Zurüstung. Die Syrakusaner nun und ihre Bundesgenossen erschracken im ersten Augenblick nicht wenig, daß die gänzliche Befreiung aus der Gefahr noch nicht gekommen sein sollte. Denn sie sahen, daß trotz der Befestigung von Dekeleia nichts destoweniger ein fast gleich starkes Heer, wie das erste, herangekommen sei, und wie stark die athenische Macht sich nach allen Seiten hin zeige. Dem alten athenischen Heer hatte sich der Muth wieder erhöht, soweit dies nach den Unfällen möglich war. Demotshenes aber, als er sah, wie die Dinge standen, dachte, er dürfe nicht lange zaudern, wie Nikias, und sich nicht gleichen Schlägen aussetzen — denn bei seiner Ankunft hatte Nikias zuerst Schrecken verbreitet, als er aber Syrakus nicht sogleich angriff, sondern in Katana überwinterte, so fing man an ihn zu verachten, und Gylippos mit dem Heer aus dem Peloponnes überraschte Masse von Blei gelöthet. welche den übrigen Körper deS Delphins vorstellte. Diese? Instrument nun ward von der Höhe heruntergestürzt und spaltete das, woraus es fiel." (Heilmann.) Aristophanes, Ritter, V. 759 ff.: So tritt ihm breit und mächtig denn, mit Sturmgcwalt entgegen; Doch sei aus deiner Hut, und eh' er sich dir naht, erhebe Den Bleiklotz, um in'S Schiff ihn gleich beim Entern ihm zu weisen. 23) 65 - 10 + 1+ 15 + 2 = 73, „ach VII. 20. 31.33. (Arnold.) ihn durch seine Ankunft, da doch.die Syrakusaner wohl nicht einmal 413 v. Chr. nach diesem geschickt hätten, wenn jener sie sogleich angriff; denn dal sie sich für hinreichend stark hielten, so hätten sie wohl lernen müssen, daß sie die Schwächeren seien, und wären eingeschlossen worden, so daß ihnen jener nicht einmal mehr so hätte nützen können, selbst wenn sie um ihn geschickt hätten; — diese Ueberlegungen nun machte Demosthenes, und da er einsah, daß in der gegenwärtigen Lage der Dinge auch er dem Gegner am ersten Tage am furchtbarsten sei, so wollte er die augenblickliche Furcht vor seinem Heere so rasch als möglich ausnützen. Nun sah er, daß die Gegenmauer der Syrakusaner, durch welche sie die Athener an ihrer völligen Einschließung gehindert hatten, nur einfach sei und leicht genommen wäre, wenn man sich erst des Abhangs bemächtigt hätte, der nach Epipolä hinauf führte^), und sodann des Lagers in diesem Orte selbst — denn dann werde man nicht einmal ihren Angriff abwarten — demnahc beeilte er sich, diesen Versuch zu unternehmen, der ihm den Krieg auf die kürzeste Weise zu beendigen schien; denn entweder, im Fall des Gelingens, werde er in den Besitz von Syrakus gelangen, oder werde er das Heer nach Haus zurückführen und die mit zu Felde gezogenen Athener und den ganzen Staat nicht vergeblich sich aufreiben lassen.
Zuerst nun machten die Athener Ausfälle und verheerten die Besitzungen der Syrakusaner am Anaposfluß und, wie früher, so hatten sie auch jetzt wieder mit ihrer Macht, sowohl mit den Landtruppen, als mit der Flotte, das Uebergewicht, und weder zu Land, noch zur See wagten es die Syrakusier sie anzugreifen, ausgenommen .mit der Reiterei und den Speerschützen von Olympieion. Danach beschloß Demotshenes, zuerst mit Maschinen einen Versuch gegen die Mauer zu machen. Als ihm aber die Sturmmashcinen, welche er herbeigeführt hatte, von den feindlichen Vertheidigern der Mauer in Brand gesteckt und auch die vielfachen Angriffe seiner Heerhaufen abgeschlagen waren, so glaubte er, nicht länger mehr zögern zu dürfen. Demnach gewann er den Nikias und die andern Mitfeldherren für seinen Plan und setzte den Angriff anf Epipolä in's Werk. -Am Tage nun schien es unmöglich, sich unbemerkt zu nähern und die 24) Bein: irr-speise. VI, 97. 413 v. Chr. Höhen zu ersteigen, daher befahl er, Lebensmittel auf fünf Tage zu vertheilen, und nahm alle Steinmetzen und Zimmerleute mit und was man an Werkzeug brauchte, um im Fall des Sieges Vershcanzungen zu errichten. Er selbst nebst Eurymedon und MenandroS, zur Zeit der ersten Nachtruhe, nahm das ganze Heer und rückte gegen Epipolä an; Nikias blieb in den Verschanzungen zurück. Als sie nun schon nahe bei Epipolä waren, in der Gegend des Euryelos, da, wo auch das frühere Heer zuerst den Ersteigungsversuch gemacht hatte, so erstiegen sie unbemerkt von den Syrakusischen Wachposten die dortige Verschanzung der Syrakusaner und hieben einen Theil der Besatzung nieder. Die Mehrzahl aber entkam und floh eiligst nach den drei Standlagern, welche bei Epipolä aufgeschlagen waren, das eine von Syrakufiern, das andere von Sikelioten und das dritte von Bundesgenossen. Diesen meldeten sie den Angriff und machten auch den sechshundert Syrakusanern Mittheilung, welchen auf dieser Seite von Epipolä gleich von vorn herein^) die Bewachung übertragen worden war. Die eilten nun rasch heran, und Demosthenes und seine Athener stießen auf sie und trieben sie trotz ihrer Gegenwehr in die Flucht. Rasch rückten sie dann weiter vor, um bei diesem Gewaltsversuch, den Zweck ihrer Herkunft mit einem Schlag zu erreichen, sich nicht langsam sinden zu lassen. Andere nahmen die von dem ersten Angriff her bekannte Vormauer der Syrakusier, wo die Besatzung keinen Widerstand leistete, und rissen die Brustwehren nieder. Die Syrakusaner aber mit den Bundesgenossen und Gylippos eilten jetzt auS den Verschanzungen herbei, und von Schreck verwirrt, wie sie waren, da das Wagestück in der Nacht diesen ganz unerwartet kam, stießen sie auf die Athener, wurden aber von ihnen geworfen und wichen für'S Erste zurück. Während aber jetzt die Athener, gleich als ob sie schon gesiegt hätten, bereits mehr in Unordnung vordrangen und die ganze noch nicht in'S Gefecht gekommene Macht der Gegner so rasch als möglich völlig durchbrechen wollten, damit diese sich nicht zum gemeinsamen Widerstand ordnen könnten, während sie im Angriff nachließen, so stellten sich ihnen die Böotier zuerst in den Weg, schlugen sie beim Zusammenstoß und trieben sie in die Flucht. 25) VI. 96.
Und von diesem Augenblick an geriethen die Athener 413 v. Chr. bereits in'große Verwirrung und Rathlostgkeit. Wie eS dabei zuging und auf welche-Art von beiden Seiten Jegliches geschah, war so leicht nicht zu erfahren.' Was am hellen Tage geschehen ist, wissen die Betheiligten zwar schon besser, aber auch hiebei nicht das Ganze der Ereignisse, sondern ein Jeder nur, was ihn selbst betrifft; mit einiger Genauigkeit; bei einem Nachtkampf aber, wie dieser, — dem einzigen in diesem Kriege zwischen großen Heeresmassen, — wie hätte man da irgend etwas genau erkennen mögen? Denn es war zwar Heller Mondschein, aber man sah sich einander doch nur, wie es im Mondschein eben nicht anders ist, wo man zwar die Körpergestalt vor Augen sieht, aber doch'nicht gewiß weiß, ob man einen Freund vor sich hat. - Von den Schwerbewaffneten wurden in dem Gedränge beiderseits nicht wenige niedergeworfen. Von den Athenern war ein Theil bereits geworfen, während Andere noch im ersten Anlauf vordrangen, ohne gelitten zu haben. Ein großer Theil ihres übrigen Heeres hatte eben erst die Höhen erstiegen, ein anderer war noch im Ansteigen begriffen, so daß sie nicht wußten, welchem Trupp sie sich anschließen sollten. Denn bei den Vordersten, nachdem sie zurückgeworfen waren, befand sich bereits Alles in der größten Verwirrung, und vor lauter Geschrei war es schwer, etwas zu unterscheiden. Die siegreichen Syrakusaner nämlich und ihre Bundesgenossen ermunterten sich einander mit lautem Geschrei, zumal eS bei der Nacht auch nicht möglich war, auf andere Art Kommando's zu geben, indem sie zugleich den Anrückenden die Spitze boten; die athenischen Abtheilungen aber mußten sich einander suchen, und Alles, was von der feindlichen Seite her kam, auch wenn es Freunde von den schon wieder fliehend Umkehrenden waren, hielten sie für feindlich. Auch machten sie unter sich selbst großen Lärm, indem sie einander häufig nach der Losung fragten, weil auf andere Weise eine Erkennung nicht möglich war, und zwar Alle zugleich, und machten so auch die Feinde mit dem Losungswort bekannt.- Sie selber aber erfuhren die der Feinde nicht, da diese, siegrcich'und nicht zerstreut, wie sie waren, sich gegenseitig gut erkennen konnten.. Wenn also die Athener selbst in überlegener Zahl auf Feindliche trafen, so entgingen ihnen diese, weil sie ihre Losung kannten; blieben aber die Athener, die Antwort ThukydideS. litt. 14 413 v. Chr. schuldig, so wurden sie niedergehauene Das größte Unheil aber verursachte der Schlachtgesang, denn da derselbe auf beiden Seiten fast gleich war, so entstand daraus große.Verwirrung. Du Argiver und Kerkyräer und was sonst Dorischen Stammes, aus Seiten der Athener war, wenn sie den Schlachtgesang anstimmten, erweckten bei den Athenern selber Furcht, und die Feinde ebenso. Endlich, da die Verwirrung überHand genommen, stießen an vielen Punkten ihre eigenen Abtheilungen gegen einander, Freund gegen Freund und Mitbürger gegen Mitbürger, und es kam nicht nur zum bloßen Schrecken, sondern sie wurden auch wirklich handgemein und konnten, nur mit^Mühe auseinander gebracht werden. Vom Feind verfolgt, stürzten sich Viele die.Abhänge hinunter und fanden ihren Tod, denn der Weg von Epipolä herab ist eng. Von denen, die sich, indeß glücklich in die Ebene hinab gerettet hatten, .entkam die Mehrzahl in das Lager, zumal die vom frühern Heere, welche die Gelegenheit deS Ortes besser kannten; von den später Herabgekommenen aber verfehlte ein Theil den Weg und. irrte in der Gegend umher; diese sind, nachdem es Tag geworden, von der streifenden Reiterei der Syrakusaner niedergehauen worden. i .
Am folgenden Tag stellten die Syrakusaner zwei Siegeszeichen.auf, das eine bei Epipolä, dort, wo der Zugang herausführte, und das andere an dem Fleck, wo die Böoter zuerst Widerstand leisteten. Die Athener brachten unter dem Schutze eines Vertrags ihre Todten ein. Von ihnen sowohl wie von den Bundesgenossen war eine große Zahl gefallen; die Zahl der Verlornen Schilde war aber größer, als die der Todten, denn von denen, welche gezwungen waren, die Abhänge hinabzuspringen, und dabei zu ihrer Erleichterung die Schilde weggeworfen hatten, war nur ein Theil umgekommen und die Andern hatten sich gerettet.
, Nach diesem Ereigniß, als nach einem ganz unerwarteten Gelingen, wuchs den Syrakusanern wieder der Muth, wje auch schon früher und sie sandten den Sikanos mit fünfzehn Schiffen gegen Akragas, wo Aufruhr, herrschte, damit er diese Stadt-wo möglich unterwerfe. Gylippos aber ging zum zweiten Mal zu Land in 26) Vergl. VI. 41. 27) vergl. VII. 7. die andern Gegenden SicilienS, um noch weitere Heeresmacht auf 413 v. Chr. zubringen, denn er hoffte jetzt, auch die Verschanzungen der Athener mit Gewalt zu nehmen, nachdem es ihm bei Epipolä so erwünscht gegangen. >
Die Feldherren der Athener beriethen nun, was nach dem geshcehenen Unglück und bei der gänzlichen Entmuthigung deS Heeres zu thun sei. Mit ihren Unternehmungen — das sahen sie ein — war daS Glück nicht, und die Soldaten murrten über längeres Dableiben. Denn sie waren auch von Krankheiten heimgesucht, und zwar aus zwei Gründen, einmal, weil es überhaupt die Jahreszeit war, in welcher die Menschen den meisten Krankheiten unterworfen sind, und dann weil die Gegend, in welcher sie lagerten, sumpfig und ungesund war. Aber auch in jeder andern Beziehung erschien ihre Lage hoffnungslos. Demosthenes war deßhalb der Meinung, man dürfe nicht länger bleiben, sondern wie er auch schon bei dem entscheidenden Versuche gegen Epipolä, falls derselbe fehlschlüge,'im Sinne gehabt, so, meinte er, müsse man abziehen und nicht länger zögern, so lange die Seefahrt noch offenstehe und sie wenigstens mit den Truppen der zuletztgekommenen Schiffe den Feind im Schach halten könnten. Auch sei eS ersprießlicher für den Staat, sagte er, gegen die Feinde Krieg zu führen, die sich in ihrem eigenen Lande daheim verschanzt hätten, als gegen die Syrakusaner, die man so leicht nicht mehr bemustern könne; und außerdem habe eS auch keine Vernunft, dahier sitzen zu bleiben und so viel Geld ganz vergeblich aufzuwenden. > ' '
Das war die Ansicht des Demosthenes, Nikias aber glaubte zwar auch, daß es schlecht um sie stünde, jedoch wollte er nicht in offener Rede ihre'Lage als gefährlich hinstellen und durch öffentlichen Beschluß des, Abzugs die Feinde selbst davon in Kenntniß setzen; denn in diesem Falle würde die Ausführung des Beschlusses, wenn sie ihn schon fassen wollten, viel schwerer geheim gehalten werden. Dann waren ihm auch gewisse Dinge über die Lage der Feinde bekannt, die er mehr als die Andern durchschaute, aus welchen er die Hoffnung ableitete, daß es mit den Syrakusanern noch schlimmer 28) Zn Dtltltia nämlich. 14*: 413 v.. Chr. aussehen werde, als mit ihnen selbst, wenn sie nur die Belagerung beharrlich fortsetzten; sie selbst würden jene durch Geldmangel ganz aufreiben, zumal sie mit den jetzt zu Gebote stehenden Schiffen das Meer aus größere Ausdehnung hin beherrschten, als früher. Auch war unter den Syrakufanern selbst eine Partei, welche den Athenern daS Ruder in die Hände geben wollte und geheime Botschaft an Nikias sandte, die vom Abzug abrieth. Bei dieser Kenntniß war er in der That schwankend und verhielt sich abwartend, öffentlich und laut aber erklärte er damals, er werde für den Abzug des Heeres nicht stimmen, denn er wisse gar wohl, daß die Athener eS von ihnen nicht so.hinnehmen würden, daß sie ohne Volksbeschluß ihrerseits abgezogen-seien. Denn zu Athen seien es nicht sie selbst, die über sich selbst abstimmen würden, und nicht solche, welche die Sachen ansähen wie sie selbst, würden dort, ohne auf die Vorwürfe Anderer zu hören, über sie entscheiden, sondern solche, die sich leiten lassen von,dem ersten Besten, der seine Anklagen in schöne Worte zu fassen wisse. Selbst von den hier anwesenden Soldaten würden viele, oder sogar die meisten, welche jetzt ein Geschrei erhüben über ihre gefährliche Lage, wenn sie erst in Athen angekommen wären, dort das entgegengesetzte Geschrei anstimmen, als ob die Feldherren, durch Geld bestochen, abgezogen wären. Er kenne die Art der Athener zu gut und wolle für seine Person lieber fechtend von der Hand der Feinde sterben, wenn es schon sein müsse, als wegen einer schimpflichen Anklage ungerechter Weise durch die Athener zu Grunde gehei. Die Lage der Syrakusier, sagte er, sei immer noch schlimmer als ihre eigene. Denn jene hätten aus ihrem Säcke! fremde Miethssoldaten zu ernähren und den Aufwand für die Festungen zu bestreiten und müßten jetzt schon ein ganzes Jahr lang die große Flotte erhalten, und so seien sie jetzt schon in Verlegenheit und würden sich bald nicht mehr zu rathen und zu helfen wissen. Denn zwei tausend Talente hätten sie schon ausgegeben und dazu .noh cviele Schulden gemacht. Wenn sie aber, um an den Atzungskosten zu sparen, ihre Macht auch nur um ein Geringes verminderten, so würden sie sich dadurch der Vernichtung preisgeben, da ihre Macht mehr auf HülfSvolk beruhe, als aus Zwangspflichtigen, wie bei den Athenern. Man müsse also die Belagerung noch fortsetzen und sich, bei ihrer thatsäch I lichen großen Ueberlegenheit, nicht durch die Furcht vor den Geld 413 v. Chr. ausgaben zum Abzug bestimmen lassen. , : E
Bei dieser Meinung blieb Nikias feststehen, da er von den Verhältnissen in Syrakus und dem dortigen Geldmangel genau unterrichtet war, auch eine Partei daselbst den Athenern daS Regiment in die Hände spielen wollte, die ihn durch Botschaften aufsordem, er möge nicht abziehen, und weil er außerdem, obgleich beisegt/mehr als früher auf seine Schiffe vertraute. Demosthenes aber war'-mit dem längeren Verbleiben vor der Stadt in keiner Weise einverstanden; wenn man schon ohne einen Volksbeschluß der Athener das Heer-nicht zurückführen dürfe, sondern bleiben müsse, so solle man wenigstens nach Thapsos oder Katana abziehen, von wo auS-sie mit der Landmacht auf weite Strecken hin daS Gebiet der Feinde plündern .und",sich selber Unterhalt verschaffen und dem Gegner Schaden thun könnten; und mit der Flotte könnten sie dann auf offenem Meer Gefechte liefern, also nicht auf beschränktem Raum, wo der Vortheil mehr auf Seiten des Feindes sei, sondern in offener See, wo ihre eigene größere Erfahrung ihnen erst von Nutzen wäre, und sie zurück- weichen und. angreisen könnten, ohne in Angriff oder Landung nur auf einen kleinen und von allen Seiten beengten'Raum angewiesen zu sein.Kurz, in gar keiner Hinsicht, sagte er, gefalle eS ihm, noch länger da zu bleiben, sondern so rasch als möglich und'ohne alles Zaudern solle man aufbrechen. Ganz ebenso redete auch Eurymedon; da aber Nikias im Widerspruch beharrte, so kam eine gewisse Unsicherheit und Zögerung in die Sache, zumal man auch vermuthete, Nikias müsse mehr-wissen, daß er so fest auf seiner Meinung beharre. Auf diese Weise also zögerten die Athener, und blieben in ihrer Stellung. ^ - ' - r g "
Gylippos. aber und Sikanos waren'indeß wieder.nach Syrakus zurückgekehrt. Zwar hatte SikanoS seine Absicht wegen Akragas verfehlt, denn während er noch in Gela war hatte sich dort die syrakusisch gesinnte Partei mit ihren Gegnern wieder ausgesöhnt; Gylippos aber hatte sowohl sonst viel Truppen aus SicilieNz mit. gebracht und außerdem auch die im Frühling auf Lastschiffen vom Peloponnes abgesegelten Schwerbewaffneten, die von der Afrikanischen Küste nach Selinus herüber gekommen waren.,. Sie.waren 413 v. Chr. nämlich nach Afrika verschlagen worden, und die Kyrenäer hatten ihnen zwei Dreiruderer und Lotsen für die Fahrt gegeben, und während sie an der Küste hinfuhren, hatten sie den von Libyern belagerten Euhesperiden Kampfhilfe geleistet und die Libyer besiegt. Von da waren sie weiter an der Küste hin bis Neapolis, einem Handels- platz der Karthager, gefahren, von wo aus man in kürzester Fahrt in zwei Tagen und einer Nacht nach Sieilien gelangt, und von dort aus hatten sie das Meer gekreuzt und waren nach Selinus gekommen. Die Syrakusaner nun, sobald ihnen diese Hilfe gekommen, rüsteten sich sogleich, um mit beiderlei Macht die Athener wieder anzugreifen, mit der Flotte sowohl, als mit den Landtruppen; die Feldherren der Athener aber, da sie sahen, daß jenen ein neues Heer als Unterstützung gekommen und daß es gleichwohl mit dem ihrigen sich nicht zum Bessern wenden wolle, vielmehr von Tag zu Tag die Schwierigkeiten wuhcsen, besonders aber Seuchen ihre Leute bedrängten, bereuten es jetzt, nicht schon früher abgezogen zu sein, und da auch Nikias nicht mehr so zuversichtlich widersprach, wie früher, sondern eS nur nicht über sich zu bringen schien, ihnen offen beizutreten, so ließen sie Allen so heimlich als möglich'die Abfahrt auS dem Lager ansagen, und auf das erste Zeichen solle man sich bereit halten. Während sie aber im Begriff find, die Abfahrt auszuführen, denn AlleS war schon bereit, so tritt eine Mondsfinsterniß ein eS war nämlich grade Vollmond. Da verlangten die Mehrzahl der Athener, die Feldherren sollten Aufschub eintreten lassen; denn sie nahmen sich das Zeichen zu Herzen, und Nikias, denn er gab auf göttliche Zeichen und dergleichen nur allzuviel, behauptete, man dürfe nicht, einmal darüber berathen, ob früher abzufahren sei, bevor nicht dreimal neun Tage verflossen wären, — so nämlich hatten die Wahrsager gedeutet. Deßhalb also waren die Athener nach langem Zaudern wieder geblieben. . '
"Die Syrakusaner, die ihrerseits auch von all dem Kunde erhalten, paßten nun noch viel mehr auf, um die Athener nicht entwischen zu lassen, da diese nun auch selbst eingesehen hätten, daß sie 29) Am 27. August nach 8 (dtjithungiwtist M/,) Uhr Abends, nach i „Hell, dies Linpernifft des pelvpvnnes. Krieg««' S. 1l. (Kr.) ' ferner weder mit den Schiffen, noch mit der Landmacht ihnen über 413 v. Chr. legen seien — denn sonst wurden sie sich nicht zur Abfahrt entschlossen haben.'- Dann wollten sie aber auch nicht, daß diese sich anderswo in Sieilien festsetzen sollten, wo sie nur um so schwerer zu bekämpfen wären, sondern hier am Platze, wo der Vortheil auf ihrer Seite sei, wollten sie sie zur'Seeschlacht zwingen. Daher bemannten sie ihre Schiffe und stellten' durch einige'Tage, bis es ihnen genug dünkte, mit denselben Uebungen an. Als es ihnen aber an der Zeit schien, griffen sie Tags vorher die Mauer der Athener an, und als eine nicht sehr große Zahl von Schwerbewaffneten und Reitern aus einigen Thoren gegen sie ausfiel, schnitten sie einige Schwerbewaffnete ab und die Andern schlugen und verfolgten sie/und da die Schanzenthore sehr eng waren, so verloren die Athener hiebei siebenzig Pferde und etliche Schwerbewaffnete. . ' ' H! /
An diesem Tage hatte sich das Heer der Syrakusaner wieder zurückgezogen; am folgenden Tag aber liefen sie mit ihren Schiffen, sechs und siebenzig an der Zahl; aus und rückten zugleich mit dem Landheer gegen die Vershcanzungen an.'Die Athener fuhren ihnen mit'sechs und achtzig Schiffen entgegen,'stießen'auf sie und begannen die Seeschlacht.'- Den Eurymedon,-welches den rechten Flügel der Athener befehligte und die Schiffe der Gegner umsegeln wollte und dabei dem Land zu nahe gekommen war, schnitten die Syrakusaner und ihre Bundesgenossen, nachdem sie bereits schon die Mitte der Athener besiegt hatten, in der inneren Hasenbucht ab und tödteten ihn selbst und versenkten seine Schiffe. Endlich war es so weit gekommen, daß sie die ganze athenische Flotte vor sich her jagten und gegen das Land hin trieben.
Gylippos aber, da er die Schiffe der Feinde besiegt und außerhalb ihres Pfahlwerks und Standlagers umhertreiben sah, wollte die an's Land Steigenden in die Pfanne hauen und den Shrakusanern das Wegziehen der Schiffe vom User, wenn sie dieß durch Freunde'besetzt sähen, erleichtern? und eilte mit einem Theile seines Heeres gegen den Uferrand. Die Tyrfener aber, die'athenischer Seits hier die Wache hielten, als sie jene ohne Ordnung herankommen sahen, eilten ihnen rasch entgegen, stießen mit den'Vordersten zusammen/ schlügen ise'und trieben sie in den See, der Lysimeleia heißt: 413 v. Chr. Als aber dann von Seiten der Syrakusaner und ihrer Bundesgenossen mehr Truppen erschienen, so rückten auch die Athener, um ihre Schiffe besorgt, eilends gegen jene heran, nahmen den Kampf mit ihnen aus, schlugen und verfolgten sie. Dabei tödteten sie ihnen auch etliche Schwerbewaffnete. Von ihren Schiffen hatten sie zwar den größeren,Theil gerettet und nach dem Standlager zurückgebracht, aber die Syrakusaner und ihre Bundesgenossen hatten.ihnen doch achtzehn abgenommen und, die ganze Bemannung derselben getödtet. Um die übrigen athenischen Schiffe in Brand zu steckens füllten sie ein altes Lastschiff mit Reifig und Kienholz, warfen Feuer hinein und ließen eS treiben, denn der Wind war dazu günstig und wehte gegen die Athener hin. Diese nun geriethen in große Furcht, trafen aber Löschanstalten und entgingen der Gefahr, indem sie das brennende Schiff löschten und seine Annäherung verhinderten. ?
Danah cstellten die Syrakusaner ein Siegeszeichen auf wegen der Seeschlacht und weil sie die Schwerbewaffneten bei der Mauer, abgeschnitten, wobei sie auch die Pferde genommen hatten; die Athener aber, weil die Tyrsener das Fußvolk in den See getrieben und sie selber das übrige Heer in die Flucht geschlagen hatten.
Da die Syrakusaner nun auch zur See einen glänzenden Sieg erfochten hatten — früher aber hatten sie sich vor den mit Demotshenes neu angekommenen Schiffen gefürchtet — so. versanken die Athener jetzt in die tiefste Entmuthigung. Groß war ihre Enttäuschung, viel größer noch die Reue über den ganzen Kriegszug. Jetzt nämlich waren sie zum ersten Mal an Staaten gerathen von derselben Beschaffenheit, nämlich vom Gemeinwesen regiert, wie sie selber, und die auch Schiffe und Reiterei und sonst großartige Mittel besaßen. Hier konnten sie nicht durch Umwandlung des Staatswesens den Zankapfel unter sie werfen, wodurch sie sie sonst; wohl gewonnen hätten, noch auch waren sie an Kriegsrüstung weit überlegen, sondern vielmehr meist im Nachtheil geblieben. Und drückte sie vorher schon Verlegenheit, so war dieß jetzt noch-vielmehr der Fall, nachdem sie auch zur See geschlagen worden, denn daS hätten sie nie geglaubt.. , s.
Die Syrakusaner aber segelten von da an ganz furchtlos am Hasen vorbei und beabsichtigten, dessen Mündung zu.verschließen, damit die Athener, auch wenn sie wollten, nicht äunbemerkt herauS- 413 v. Chr. fahren konnten. Denn von jetzt an richteten sie ihre Gedanken schon > nicht mehr blos auf die eigene Rettung, sondern dachten auch jenen das Entkommen zu verhindern, und ganz richtig meinten sie, daß es nach der jetzigen Lage der Dinge, mit ihnen viel besser stehe; als mit den Athenern, und wenn sie diese sammt ihren Bundesgenossen zu Land und zu Wasser besiegen könnten, so, werde vor den Hellenen aus diesem Kampfe großer Ruhm auf-sie fallen. Denn die übrigen Hellenen würden dann zum Theil sogleich sich frei machen, theils-der Furcht ledig werden; denn waS dann-noch, übrig bliebe von der Macht der Athener, werde nicht mehr im Stande, sein, noch weiteren Krieg zu bestehen. Und sie selbst, dachten sie, als die Urheber von diesen Dingen, würden in großer Bewunderung stehen bei den andern Menschen und den Künftigen Und in der That war der Kamps aus diesen Gründen ein würdiger, und nicht bloß deßhalb, sondern auch, weil sie nicht allein die Athener besiegten, sondern auch die andern zahlreichen Bundesgenossen derselben, und auch hier wiederum nicht selbstsüchtig für sich handelten, sondern in Gemeinschaft mit ihren Bundesgenossen, so daß sie an der Korinther.und. Lakedämonier Seite Führer jd^r Hellenen wurden und im. Vorkampf für dieselben ihr eigenes Staatswesen daranwagten und dabei auch in ihrem Seewesen ein gutes Stück vorwärts kamen. Denn zum Kampfe gegen diese Eine Stadt wären zahlreiche Völkerschaften zusammengetreten, --ganz abgesehen dabei von der Gesammtmasse derjenigen, welche sich in diesem Kriege an den.Staat der Athener, oder den der Lakedämonier anschlössen. ,
Dies nämlich ist die Zahl der Völker, welche um und für Sieilien auf beiden Seiten den Syräkusischen Krieg mitmachten ,'--^ die Einen gekommen, um das Land erobern, die. Andern, um.es vertheidigen zu helfen. Und nicht des Rechtes wegen oder nach Stamm- verwandtshcaft hielten sie mit einander, sondern wie Jeden grade zufällig der Nutzen oder Zwang dazu vermocht hatte. Die Athener selbst zuerst, als Joner, gegen die Syrakusaner, als Dorer, waren aus eigener Bewegung gekommen, und mit ihnen waren, gleicher Sprache und gleicher Verfassung sich bedienend, ausgezogen ihre Pflanzvölker, die Lemnier und Jmbrier und Aegineten, — hie näm- 413 v. Chr. lich, welche damals 3") Aegina bewohnten, — und so auch die Hestiäer, welche Hestia auf Euböa inne hatten. Die Uebrigen waren theils Unterthanen, theils Bundesgenossen mit eigener Verfassung, theils auch machten sie durch Löhnung sgedungen den Krieg mit. Unterthanen und Zinspflichtige waren die Eretrier und' Chalkidier und Styreer und Karystier, sämmtlich von Euböa; von den Jnselli aber die Keer und Andrier und Taster, aus Jonien die Milefier und Samier und Chier.> Die Chier jedoch waren nicht als Zinspflichtige gefolgt, sondern hatten ihre eigene Verfassung und mußten nur Schiffe stellen 2'). Diese Alle waren der Hauptmasse^) nach Joner uud Pflanzvölker der Athener, mit Ausnahme der Karystier, und ihre Unterthanen und folgten aus Zwang, immerhin jedoch als Joner gegen Dorer. Dazu kamen Aeolischen Stammes die Methymnäer, weiche, obgleich Unterthanen,nicht steuerplfichtig ^'waren, sondern Schiffe zu stellen hatten, und die Tenedier und'Aenier als ZinSpflichtige. Diese Aeoler kämpften aus Zwang gegen die Aeolischen Böotier, ihr Muttervolk, die auf Seiten'der Syrakusaner fochten; gegenüber aber kämpften unter allen Boötiern nur die Platäer gegen Böotier, was bei ihrer Feindschaft natürlich ist. Ferner die Rhodier und Kytherier, beide Dorischer Abkunft; diese, die Kythetier, ein Pflanzvolk der Lakedämonier, fochten'also gegen die'Lakedämonier.unter Gylippos auf Seiten der Athener; lind die Rhodier^ von den Argivern abstammend, fochten gezwungen gegen die Dorischen Syrakusaner und gegen die Getaner, ihr eigenes Pflanzvolk, die auf Syrakufischer Seite kämpften. Von den Inseln um den Peloponnes folgten den Athenern die Kephallener und die Zakynther, die zwar ihre eigene Verfassung hatten, aber doch, ihrer Lage als Insulaner wegen, so gut wie gezwungen waren, weil die Athener'die See beherrshcten. Die Kerkyräer aber, die nicht nur Dorer, sondern auch allbekanntermaßer Korinther waren, fochten gegen die Korinther, deren Pflanzvolk, und gegen die Syrakusaner, deren Verwandteste 30) Vergl. ll. 27. 31) Berge. Nnm. 8, Buch III. , - 32) Da z. B. den Styreern. wie den Bewohnern der Kykladen, auch Menschen an« dem Etammel untermischt waren. (Poppe.) waren, — wie sie deS Anstands halber sagten, gezwungen, in der 413 v. Chr. That aber recht gern, wegen ihrer Feindschaft gegen die Konnther"). l Auch die jetzt nur sogenannten Messenier aus Naupaktos und Pylos, welches damals im Besitz der Athener war, waren zum Kriege zugezogen worden. Auch Verbannte aus Megara, obgleich nicht in großer Zahl, fochten ihrer unglücklichen Lage halber gegen die Megarenfischen Selinuntier. Bei den Uebrigen war die Betheiligung am Kampf mehr freiwillig. Denn die Argiver waren den Athenern nicht sowohl wegen des Bundesverhältnisses gefolgt, als vielmehr aus Feindschaft gegen die Lakedämonier und des augenblicklichen Nutzens wegen für die einzelnen Gemeinden, und fochten so auf Seiten der Joner als Dorer gegen Dorer. Die Mantiiieer aber und andere Arkadier waren überhaupt gewohnt, als Miethlinge gegen die zu ziehen, die ihnen als Feinde bezeichnet wurden, und sahen des Gewinnes wegen auch die damals mit den Korinthern ausgezogenen, Arkader nichts destoweniger als Feinde an: Ebenso folgten auch Kreter und Aetoler um des Soldes willen, und bei den Kretern fügte eS sich, daß sie Gela gegenüber, welches sie im Verein mit den Rhodiern selbst gegründet hatten, des Soldes halber aus eigenem Ent<« schluß nicht für, sondern gegen ihr Pflanzvolk kämpften. Auch von den Akarnanern hatten einige, wohl zugleich um Sold, die Mehrzahl aber aus Freundschaft für den Demotshenes und aus Wohlwollen gegen die Athener bundesgenössischen Zuzug geleistet. Dieß waren die Völkerschaften diesseits des Ionischen Meeres. Von den Jtalioten hielten, gezwungen durch die Noth jener Zeit voll innerer Unruhen und Parteikämpfe, die Thurier und Metapontier mit den Athenern, von den Sikelischen Griechen aber die Naxier und Katanäer, und von den Barbaren die Egestaner, welche auch die Mehrzahl der Sikuler dafür gewannen, und von außerhalb SieilienS Einige der Tyrsener wegen einer MißHelligkeit mit Syrakus, und gedungene Japyger.
Dies waren die Völkerschaften, welche mit den Athenern hielten. Den Syrakusanern hingegen, waren zu Hülfe gezogen die Kamarinäer, ihre Gränznachbarn, und die Getaner, welche an jene anstießen, und weiterhin — da die Akragantiner neutral blieben — 34) Vergl. Anm. As. Buch l. 413 v. Chr. die weiter jenseits wohnenden Selinuntier. Diese find es, welche den Theil SicilienS bewohnen , der. gegen Afrika hingewendet ist. Von dem Theil.aber, dernach dem Tyrsenischen Meere hin liegt, halfen allein die Himeräer, s welche auch die einzigen Hellenen find, die nach jener Seite wohnen. Dies find die Hellenischen Völker von Sieilien, welche auf ihrer Seite kämpften, alle Dorer und mit eigener Verfassung; von Barbaren aber nur diejenigen Sikuler, welche, nicht auf die Seite der Athener übergetreten waren. Von den Hellenen außerhalb SicilienS gaben die Lakedämonier Einen Spartiatcn.als Feldherrn, sonst aber nur Neubürger und Heloten -7-. Neubürger aber ist, wer. eben erst die Freiheit erlangt hat; die Korinther; die allein mit Schiffen und Landtruppen gekommen.waren, und die Leukadier und Amprakioten als Stammverwandte; Arkadische Söldlinge, von den Korinthern gesendet, und die Sikyonier, gezwungen mitziehend; von außerhalb'des. Peloponnes die Böotier., Im Verhältniß hatten zu dieser Hülfsmacht die ficilischen Griechen in allen Truppengattungen selbst die größere Zahl gestellt; da sie volkreiche Städte hatten; denn sowohl viele Schwerbewaffnete, als auch Schiffe und Pferde und der sonstige Haufe waren zahlreich zusammen gekommen; und unter diesen Allen wieder hatten die Syrakusaner, kann man wohl sagen, verhältnißmäßig das Meiste geleistet, wegen der Größe ihrer Stadt und weil für sie die Gefahr am größten war. i
DaS waren die Hülfsvölker, welche auf. beiden Seiten zusammen kamen, und damals waren sie bereits alle zu beiden Theilen gestoßen, und Keiner erhielt dann später mehr neuen Zuzug. —
Die Syrakusaner nun und .ihre Bundesgenossen hielten es mit Recht für eine ruhmvolle Kampfthat, wenn sie nach dem gewonnenen Seefieg die ganze Heeresmacht der Athener, so gewaltig sie sei,- vernichteten und dieselbe auf keinem Element, weder zu Land noch zu Wasser, ihnen entkommen könne. Sie verschlossen nun sogleich den großen Hasen, dessen Mündung ungefähr acht Stadien weit ist (4300'), mit quer gestellten Dreiruderern und Lastschiffen und Booten, die sie vor Anker legten, und trafen auch sonst Vorkehrungen, 35) Ntvdamodtn. Vergl. V, 34. falls die Athener noch ein Seegefecht wagen sollten, und etwas Ge- 4l3 v. Chr. ringes gedachten sie in keiner Weise zu thun.
Den Athenern nun, als sie die Sperrung deS Hafens sahen und auch die sonstigen Absichten der Syrakusaner merkten, schien eS hohe Zeit, einen Beschluß zu fassen. Demnach traten ihre Feldherren und die Hauptleute zusammen, und in Rücksicht-ihrer Verlegenheit in andern Dingen, und weil sie auch nicht einmal für den Augenblick genügende LebenSmittel mehr hatten — denn sie hatten Botschaft nach Katana geschickt, als wollten sie absegeln, und die Zufuhr abgesagt — und solche auch für die Zukunft sich nicht verschaffen konnten, wenn sie nicht zuvor eine Seeschlacht gewannen, so beschlossen sie, die landeinwärts IV) gelegene Verschanzung zu verlassen und dicht bei den Schiffen selbst einen Raum von möglichst geringem Umfang, wie er für das Gepäck und die Kranken eben genüge, mit einer Mauer einzufassen und durch eine Besatzung zu schützen, mit dem ganzen übrigen Heere aber sämmtliche Schiffe, sowohl die dienstfähigen, als auch die weniger seetüchtigen, zu bemannen und eine Seeschlacht zu wagen. Siegten sie, so wollten sie nach Katana fahren, wo nicht, die Schiffe in Brand stecken und in Schlachtordnung zu Lande abmarschiren. wo immer sie zunächst an einem befreundeten Platz einen Haltpunkt finden würden, sei er nun hellenisch oder barbarisch. Und wie beschlossen war, so thaten sie: von den Verschanzungen landeinwärts rückten sie in aller Stille ab und bemannten sämmtliche Schiffe, indem sie Jedermann nöthigten, an Bord zu gehen, wer nur immer dem Alter nach tauglich und wie immer brauchbar schien. So wurden alle Schiffe voll, ungefähr hundert und zehn an der Zahl. Auch Bogenschützen und Speerträger von den Akarnanern und andern Söldnern schifften sie, in großer Zahl ein, und auch die sonstigen Anstalten trafen sie, soweit es in so bedrängter Lage und bei ihrem verzweifelten Vorhaben möglich war. Nikias aber, als das Meiste schon in Bereitschaft war und er sah, wie die Soldaten durch die ganz' ungewohnten wiederholten Schlappen zur See muthlos waren und wegen des Mangels an LebenSmit- 36) Beim Tempel'des Herakles, nach Plutarch. Nikias, nep. er, in dem später sogenannten Neapoli». (Arnold.) . l,T 413 v. Chr. teln so rasch als möglich den Entscheidungskampf wünschten, rief Alle zusammen und dachte durch folgende Rede ihren Muth zu erwecken.
„Ihr Knegsleute von den Athenern und von den andern Bundesgenossen! Der Kampf, der bevorsteht, ist für uns Alle in gleicher Weise ein Kampf um Leben und Vaterland, und nicht weniger ist er es für die Feinde. Denn siegen wir mit diesen Schiffen, so mag Jeder von uns seine Vaterstadt wiedersehen. Wir dürfen aber nicht muthlos sein und uns benehmen, wie nur die allerunerfahrensten unter den Menschen es thun, die, wenn sie in den ersten Kämpfen im Nachtheil waren, immer nur voll Furcht gleiches Unheil erwarten. Vielmehr müßt ihr Athener alle, die ihr die Erfahrung so vieler Kriege habet, und so auch ihr alle von den Bundesgenossen, die ihr ja immer mit uns ausgezogen seid, euch an die unerwarteten Zufälle, des Krieges erinnern, und mit der Hoffnung, daß das Glück auch einmal auf unsere Seite treten werde, schickt euch an, die erlittenen Scharten wieder auszuwetzen, wie es die Ehre eines so zahlreichen Heeres verlangt, wie ihr euch dahier beisammen seht."
„Alle Vorkehrungen, von denen wir bei der Enge des Hasens und bei dem bevorstehenden Gedränge der Schiffe, sowie gegen die Anstalten der Feinde auf ihren Schiffsverdecken, durch die wir früher zu Schaden gekommen sind, Abhilfe erwarten konnten, haben wir im Einvernehmen mit den Steuerleuten unserer Lage gemäß in'S Auge gefaßt und in's Werk gesetzt. Denn sowohl zahlreiche Bogenschützen und Speerträger werden die Schiffe besteigen, als auch sonst viel Volk, welches wir bei einer Schiffsschlacht im offenen Meer wohl nicht zugezogen hätten, weil sie durch Belastung der Schiffe die Naschheit der geschickten Bewegung hemmen könnten; in diesem Schiffskampfe aber, der nothgedrungen zu einer Landschlacht werden muß, sind sie von Vortheil. Was Alles an unseren Schiffen vorgekehrt werden mußte, zumal auch gegen die dicken Sturmbalken der Feinde, durch die wir am meisten in Nachtheil kamen, das haben wir ausfindig gemacht, nämlich eiserne Greifarme, welche das.anprallende Schiff verhindern werden, sich wieder zurückzuziehen, sofern unsere Bemannung sich dabei nur geschickt erweist. Denn dazu find wir gezwungen, daß wir von den Schiffen , gleichsam eine Landschlacht liefern, und es scheint unser Vortheil, daß wir weder selbst zurück^ weichen, noch auch jene es thun lassen, zumal uns ja auch das Ufer 413 v. Chr. feindlich ist, außer was davon unser Landheer besetzt hält."
.Daran müßt ihr denken und nicht ablassen vom Kampf mit der äußersten Anstrengung eurer Kraft, und euch.nicht an's Land drängen lassen, sondern wenn Schiff mit Schiff zusammengestoßen ist, dürft ihr euch nicht eher dazu verstehen, es loszulassen, als bis ihr vom feindlichen Verdeck die Schwerbewaffneten hinabgestürzt habt. Und das sage ich unseren Schwerbewaffneten nicht weniger als der Schiffsmannschaft, zumal ja.das auch mehr die Arbeit der vom Verdeck herab Kämpfenden ist; es soll uns also auch hier zu Theil werden, daß wir im Kampf meist mit den Landtruppen siegen. Dem Schiffsvolk aber rufe ich zugleich zu und bitte es, unserer Schlappen wegen nicht gar zu sehr den Muth zu verlieren, zumal wir ja jetzt auch auf den Verdecken bessere Borkehrungen und die größere Schiffszahl haben. Ihr aber,.die ihr bis jetzt für Athener gehalten wurdet, ohne es zu sein, die ihr euch unserer Sprache bedientet und unsere Sitten nachahmtet und dafür bewundert wurdet in ganz Hellas, die ihr von unserer Herrschaft hinsichtlich eures Nutzens den gleichen Vortheil hattet, und deßgleichen auch hinsichtlich des gefürchteten Ansehens bei den Unterthanen und der Sicherstellung bei jeder Beleidigung, bedenket wohl, wie sehr es der Anstrengung würdig ist, euch den Genuß jener Vorzüge zu wahren. Als solche, die allein als Freie an unserer Herrschaft theilnehmen, dürfet ihr gerechter Weise sie nicht verrathen; verachtet vielmehr die Korinther, die ihr so ost besiegt habt, wie die Sikelioten, von denen, so lange unsere Seemacht blühte, auch nicht Einer es nur gewagt hätte, sich uns gegenüber zu stellen. Treibet sie ab und zeiget, daß trotz Schwächung und Mißgeschick eure Geschicklichkeit der vom Glück gehobenen Stärke Anderer überlegen ist."
.Die Athener unter euch erinnere ich aber auch daran, daß ihr auf euren Werften zu Haus keine solchen Schiffe zurückgelassen habt, wie diese, noch auch einen Stamm solche: Schwerbewaffneten Bedeutet: wenn uns etwas Anderes bevorstehen sollte, als der Sieg, so werden die Feinde dahier allsogleich dorthin segeln, und unsere in der Heimat Zurückgebliebenen werden nicht im Stande sein, sich der Feinde im Land und dieser hinzugekommenen zu erwehren. Ihr da- 4l3 v. Chr. hier werdet in die Hände der Syrakusaner fallen, und ihr wißt doch selbst, in welcher Absicht ihr sie angegriffen'habt; die dort aber find den Lakedämoniern auf Gnade und Ungnade hingegeben. Wenn jemals, .so habt also jetzt Muth, denn ihr werdet in diesem Kampf der Entscheidung für Beide einstehen; und bedenket Alle und Jegliche, daß die, welche jetzt dahier in die Schiffe steigen, der Athener ganze Land- und Seemacht sind, und daß auch der übrige Staat und der große Name Athens aus euch ruht. Und im Kampfe für diese Güter zeige Jeder, was er an Geschicklichkeit oder Muth vor dem Andern voraus hat, denn es kommt keine andere Gelegenheit, in der es Einer sich selbst mehr zum Vortheil thun könnte und der Gesammtheit mehr zur Rettung!" ' - '
Nikias nun, nachdem er die Seinigen so ermuthigt hatte, befahl-sogleich die Schiffe zu besteigen. Gylippos aber und die Syrakusaner konnten leicht merken, daß die Athener eine Seeschlacht wollten, zumal sie die Zurüstung selber sahen; auch waren sie vorher schon benachrichtigt worden vom Anbringen der eisernen Fangarme, und,wie im Uebrigen so trafen sie auch hiegegen ihre Vorkehrungen. Sie bekleideten nämlich die Vordertheile und weiterhin ein gutes Stück des Schiffes mit Leder/damit der Fangarm, wenn er aufgeworfen würde, abglitte und Nichts zu fassen fände. Und als Alles > bei ihnen in Bereitschaft war, da traten ihre Feldherren auf und auch Gylippos und ermunterten sie mit solchen Worten :
„Daß ruhmvoll ist, was wir schon gethan, und daß auch weiterhin der Kampf ein solcher für ruhmvolle Dinge ist, o ihr Syrakusaner und Bundesgenossen, das scheinen die Meisten von euch zu wissen, denn sonst hättet ihr euch nicht mit solchem Eifer an dieser Sache betheiligt; wenn aber Einer vielleicht die ganze Größe der Sache noch nicht erkennt, so wollen wir ihn ausklären. Die Athener nämlich, die in dies Land gekommen sind," um zuerst Sieilien zu knechten, und danach, wenn sie dies glücklich erreicht, auch den Peloponnes und das übrige Hellas, und die schon jetzt bereits von den früheren Hellenen und den jetzigen die größte Herrschaft erlangt haben, denen seid ihr von allen Menschen zuerst mit einer Seemacht entgegengetreten, durch welche jene Alles beherrschten, und habt sie in zwei.Seeschlahcten, bereits schon besiegt, undnhr werdet gewiß auch diese gewinnen. Denn wenn erst die Menschen in einer Sache, in 413 v. Chr. der sie den Vorrang beanspruchen, einen Stoß erlitten haben, so ist dann für die Folge ihre eigene Meinung von sich noch schlechter, als die Wirklichkeit es erlaubte, und sie halten sich für schwächer, als sie thun würden, wenn sie von vornherein jene hohe Meinung von sich nie gehabt hätten, und wie sie früher in ihrer kecken Zuversicht zu ihrem Schaden zu weit gingen, so zeigen sie sich dann unter dem wirklichen Grad ihrer Macht muthlos. Und das muß jetzt bei den Athenern der Fall sein."
„Unsere frühere Kriegsmacht, mit der wir trotz unserer Unerfahrenheit das Wagniß kühn bestanden, ist jetzt stärker geworden, und da jetzt auch die Ueberzeugung dazu gekommen ist, daß wir die Tapfersten sind, da wir ja die Tapfersten besiegt haben, so hat sich die Zuversicht eines Jeden verdoppelt. Meist erzeugt aber bei solchen Unternehmungen die größte Zuversicht auch den größten Eifer. An die Schiffsvorrichtungen, mit denen sie nun ihrerseits uns bedrohen, sind wir nach unserer Kampfweise schon gewohnt, und auf Alles, was damit verbunden ist, werden wir uns wohl gerüstet zeigen. Wenn aber bei ihnen gegen allen Gebrauch viele Schwerbewaffnete auf den Verdecken sind, und viele Akarnanifche Speerschützen, so zu sagen nur Landratten, und Andere, welche die Schiffe mit bestiegen haben, und die bei ihrer zusammengeduckten Stellung nicht einmal die Möglichkeit haben werden, ihre Geschosse zu schleudern, wie sollten sie da ihre eigenen Schiffe nicht in Gefahr bringen, und die ganze Bemannung, da Keiner sich seiner Gewohnheit gemäß frei bewegen kann, nicht in die größte Verwirrung gerathen? Denn auch die größere Zahl ihrer Schiffe wird ihnen keinen Vortheil bringen, wenn vielleicht Einer oder der Andere von Euch deßhalb in Furcht sein sollte, weil der Seekampf nicht zwischen gleich starken Flotten statt- finden wird. Denn'auf dem beschränkten Raume werden ihre zahlreichen Schiffe viel langsamer in der Ausführung ihrer Pläne sein, und um so leichter durch unsere Veranstaltungen zu beschädigen. Erfahret nun aber auch, was von allen Nachrichten, die wir als sicher erhalten haben, die allerwahrste ist. Da das Unheil ihnen ganz über den Kopf gewachsen ist, und auf's Höchste bedrängt, wie sie sind, von ihrer augenblicklichen Noth, sind sie in die Verzweiflung Thukydide«. VII. 15 413 v. Chr. umgeschnappt und denken, nicht sowohl im Vertrauen auf ihre Rüstung, als vielmehr, um das Glück, so gut es geht, zum letzten Male zu versuchen, entweder für ihre Schiffe die Ausfahrt zu erzwingen, oder danach zu Lande-den Abzug anzutreten, da es ja doch nicht schlechter kommen könne, als wie es jetzt mit ihnen steht."
„Auf diese Verwirrung nun und auf das an sich selbst verzweifelnde Glück unserer ärgsten Feinde laßt uns mit Zorn erfüllt den Angriff machen! Halten wir nur fest, daß vollkommen rechtmäßig handelt, wer zur Bestrafung des Angreifers den ganzen Grimm seines Muths an ihm ausläßt, und daß es uns so auch zu Theil werde, an den Feinden Rache zu nehmen, was ja dem Sprüche nach das süßeste ist. Daß sie aber unsere Feinde und erbittertsten Feinde sind, das wißt ihr Alle, sie, die ja in unser Land gekommen sind, um es zu knechten! Und wäre es ihnen gelungen, fürwahr, sie hätten den Männern das Schmerzlichste angethan, und den Namen der ganzen Stadt hätten sie unehrlich gemacht. Dafür aber darf auch Keiner sich erweichen lassen, oder eS schon für einen Gewinn halten, wenn wir sie, ohne weitere Gefahr zu wagen, entkommen lassen, denn das wird ihnen ohnehin zn Theil, wenn sie den Sieg davontragen. Ergeht es ihnen aber so, wie es zu erwarten ist und wir es wünshcen, daß sie nämlich gezüchtigt werden und SicilienS altgewohnte Freiheit durch uns noch fester begründet wird, so war der Kampf ein erhabener. Unter allen Wagnissen sind die die seltensten, aus welchen im Fall des Mißlingens nur geringer Schaden, im Fall des Gelingens aber so unendlicher Vortheil erwächst."
Nachdem also auch die Feldherren der Syrakusaner und Gylippos mit solchen Worten ihre Soldaten ermuthigt hatten, so bemannten sie auch ihrerseits rasch die Schiffe, als sie die Athener das Gleiche thun sahen. Nikias aber, wegen der Lage der Dinge verwirrt, und sehend, wie groß und nah die Gefahr bereits sei, da man eben fast schon im Begriff war auszukaufen, glaubte, wie es bei Kämpfen von so entscheidender Wichtigkeit meist der Fall zu sein pflegt, es fehle überall noch etwas und auch geredet sei noch nicht genug, und so berief er denn die einzelnen Schiffshauptleute, indem er Jeden mit seines Vaters und seinem eigenen Namen und nach seinem Stamme anredete, und forderte sie aus, daß Keiner, was er selbst an Ruhm erworben, heute in die Schanze schlagen, noch auch 413 v. . Chr. die Tugenden, durch welche ihre Vorfahren geglänzt, verdunkeln lassen sollte. Er erinnerte sie an das Vaterland, das selbst der herrlichsten Freiheit genieße und jedem Einzelnen schrankenlose Freiheit gewähre, seine Lebensweise zu gestalten. Dieß und Anderes sagte er, wie eS Menschen in solcher Lage eben vorzubringen pflegen, ohne sich daran zu stoßen, daß es Einem veraltet erscheinen könne,' da ja in allen Fällen immer dasselbe vorgebracht wird: Weib und Kind und: die vaterländischen Götter; aber man hält es in so verzweifelten Umständen eben für wirksam, und so ruft man sich's einander zu." Nikias nun, nachdem er nicht sowohl Genügendes, als vielmehr nur das Nothwendigste gesagt zu haben glaubte, ^brach auf und führte das Landheer an's Meer hinab und stellte es da in möglichst ausgedehnter Linie auf, um hieraus zur ErmuthigunK derer sauf den Schiff fen möglichsten Vortheil zu ziehen; Demosthenes aber und MenandroS und Euthydemos — denn diese hatten als Feldherren die Schiffe der Athener bestiegen — setzten.sich von ihrem Standlager aus in Bewegung und fuhren grade auf die Sperrung des Hafens und den noch offen gelassenen Raum los, um sich die Ausfahrt zu erzwingent