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Ἱστορίαι

Ἱστορίαι Thucydides

Book 6

 
„Man sagt wohl, die Demokratie sei weder vernünftig noch gerecht, und die Reichen seien vorzugsweise befähigt, den Staat zu regieren. Ich aber sage einmal, unter Demos ver­ steht man das Ganze, unter Oligarchie aber nur ein einzelnes Glied, und weiter, die Reichen sind die besten Schatzmeister, die Gescheitesten die besten Ratsherren, das ganze Volk aber ist am besten imstande, über die ihm gemachten Vorschläge daS entscheidende Wort zu sprechen; sie alle aber kommen, im einzelnen wie im ganzen, in der Demokratie zu ihrem Recht. In der Oligarchie dagegen muß das ganze Volk die Gefahren mittragen, während die Vorteile einigen wenigen nicht nur überwiegend, sondern ausschließlich zugute kommen. Darnach aber streben hier bei uns die Mächtigen und die jungen Herren, und das kann sich ein großes Gemeinwesen auf die Dauer nicht gefallen lassen.
 
„Seht ihr immer noch nicht ein, ihr Unverbesserlichen, was ihr damit für Unheil anrichtet, so seid ihr unter allen mir bekannten Griechen die ärgsten Strohköpfe; wenn ihr es aber einseht und doch darnach trachtet, die größten Verbrecher. Also laßt euch belehren und nehmt Vernunft an, fördert auch ihr das Gemeinwohl unserer Stadt und bedenkt, daß die Gut­ gesinnten unter euch gleichen, ja noch größeren Vorteil davon haben werden als die große Menge unserer Mitbürger, auch daß ihr Gefahr lauft, alles zu verlieren, wenn ihr nicht gut­ tun wollt. Gebt es auf, solche Nachrichten zu verbreiten; denn man merkt es ja doch, was ihr damit bezweckt, und wird es nicht zulassen. Wenn die Athener wirklich kommen, wird unsere Stadt sich schon wehren, wie es ihrer würdig ist, und wir haben Feldherren, die dafür sorgen werden. Ist eS aber nicht wahr, - wie denn auch ich nicht daran glaube, - so wird sie sich durch eure Nachrichten nicht irremachen lassen und euch nicht an die Spitze stellen, um sich freiwillig unter euer Joch zu begeben. Vielmehr wird sie selbst daS Heft in Händen behalten, eure Reden für Taten nehmen, euch vor Gericht stellen und eure Pläne zunichte machen. Durch solche Spiegelfehctereien wird sie sich nicht um ihre Freiheit bringen lassen, sondern auf ihrer Hut sein und sie mit dem Schwerte zu verteidigen suchen."
 
So Athenagoras. Hierauf erhob sich einer der Feldherren und redete, ohne jemand weiter daS Wort zu geben, die Ver­ sammlung nunmehr seinerseits also an: II „Es ist nicht wohlgetan, daß man sich hier einander ver­ dächtigt, und daß ihr dem bereitwillig euer Ohr leiht. Statt dessen sollten wir, nachdem wir die Nachricht erhalten, alle­ samt, jeder einzelne und die ganze Stadt, lieber bedacht sein, uns auf mutige Abwehr des feindlichen Angriffs einzurichten. Und wenn das auch wirklich nicht nötig wäre, so wird eS doch nicht schaden, die Stadt mit Rossen und Waffen und sonstigem kriegerischen Schmuck zu versehen. Die dazu erforderlichen Vorbereitungen werden wir treffen, auch Gesandte an die anderen Städte schicken, sowohl um Erkundigungen einzuziehen, als auch um die etwa weiter zweckmäßigen Schritte zu tun. Zum Teil ist das Nötige schon in die Wege geleitet, und wenn wir weitere Nachrichten erhalten, werden wir sie euch mitteilen."
 
Nach diesen Worten des Feldherrn wurde die Versammlung entlassen.
 
Inzwischen waren die Athener und ihre Bundesgenossen sämtlich in Kerkyra eingetroffen. Die Feldherren musterten zunächst ihre Streitkräfte von neuem und teilten sie ein, so wie sie später landen und sich lagern sollten. Sie bildeten drei Geschwader, deren jedes sie einem von ihnen durchs Los zuteilten, damit es nicht für alle zusammen unterwegs an Wasser und Häfen und an Lebensmitteln an den Landungsplätzen fehle, aber auch um überhaupt bessere Ordnung halten zu können und den Befehlshabern ihre Aufgabe zu erleichtern, wenn jede Ab­ teilung ihren eigenen Feldherrn hätte. Darauf schickten sie nach Italien und Sizilien drei Schiffe voraus, um sich zu er­ kundigen, welche Städte sie aufnehmen würden, mit dem Be­ fehl, ihnen wieder entgegenzukommen, damit sie wüßten, wo sie anlaufen könnten.
 
Hierauf brachen die Athener nun wirklich von Kerkyra auf und fuhren nach Sizilien hinüber, und zwar in folgender Stärke: Sie hatten im ganzen hundertvierunddreißig Trieren und zwei rhodische Funfzigruderer, darunter hundert attische, und zwar sechzig schnelle, die übrigen als Transportschiffe für die Truppen, die anderen aus Chios und den übrigen Bundes­ staaten, - schweres Fußvolk im ganzen fünftausendeinhundert Mann, darunter fünfzehnhundert Athener aus der Bürgerstamm­ rolle, siebenhundert aus der Klasse der Tagelöhner (Thetes) als Seesoldaten, die übrigen teils von den abhängigen Bundes­ genossen, fünfhundert Mann, von Argos und Mantinea gestellt, und zweihundertfunfzig Söldner, - Bogenschützen im ganzen vierhundertachtzig, davon die achtzig aus Kreta, - siebenhundert Schleuderer aus Rhodos, hundertzwanzig leichtbewaffnete Flücht­ linge aus Megara und ein für Pferde eingerichtetes Schiff mit. dreißig Reitern an Bord.
 
Das die Kriegsmacht, mit der sie zu Anfang hinüberzogen. Dazu kamen dreißig Lastschiffe, auf denen sich die Lebensmittel, so wie die Bäcker, Maurer und Zimmerleute mit dem nötigen Schanzzeug befanden, und in deren Gefolge noch hundert zwangs­ weise ausgehobene kleinere Fahrzeuge. Außerdem hatten sich zahlreiche Lastschiffe und sonstige Fahrzeuge zu Handelszwecken dem Zuge freiwillig angeschlossen. Das alles setzte sich nun von Kerkyra über das Ionische Meer in Bewegung. Als die Athener mit der ganzen Flotte am Japygischen Vorgebirge und bei Tarent oder wie es sich eben traf, Italien erreicht hatten, fuhren sie an der Küste entlang, wobei die Städte dort ihnen Markt und Tore verschlossen und lediglich Wasser und Anker- grund, Tarent und Lokroi selbst das nicht gewährten. Endlich kamen sie nach Rhegion an der Südspitze von Italien, wo sie sich sammelten. Da man sie dort nicht einließ, schlugen sie außerhalb der Stadt beim Tempel der Artemis ein Lager auf, wo man ihnen auch einen Markt eröffnete, zogen die Schiffe ans Land und lagen einstweilen still. Mit den Rhegiern nüpften sie Verhandlungen an und forderten sie auf, auf Seite der Leontiner zu treten, die ja auch wie sie Chalkidier wären. Die erklärten jedoch, sie würden sich zu keiner Partei halten, sondern sich darnach richten, was die übrigen italischen Griechen gemeinschaftlich beschließen würden. Die Athener aber überlegten, auf welche Weise sie unter diesen Umständen in Sizilien am besten zu ihrem Zweck kommen könnten, und warteten zugleich auf die Rückkehr der nach Egesta voraus­ geschickten Schiffe, um zu hören, ob es mit dem, was die Bot­ schafter in Athen von dem Gelde dort gesagt, seine Richtigkeit habe.
 
Inzwischen hatten die Syrakuser von allen Seiten und auch durch ihre Kundschafter bereits die Nachricht erhalten, daß die Flotte bei Rhegion wäre, und da sie nunmehr daran nicht länger zweifeln konnten, rüsteten sie sich mit allem Eifer zum Kriege. Sie schickten zu den Sikelern, um ihre Unter­ tanen zu überwachen und mit den anderen Verbindungen an­ zuknüpfen, legten Besatzungen in die Wachthäuser im Land­ gebiete, musterten in der Stadt das Fußvolk und die Reiterei, zu sehen, ob alles in gutem Stande sei, und richteten sich überhaupt auf einen baldigen und unmittelbar bevorstehenden Krieg ein.
 
Die drei vorausgeschickten athenischen Schiffe kamen von Egesta nach Rhegion mit der Nachricht zurück, daß dort von den verheißenen Schätzen, bis auf dreißig Talente, die sich vor­ gefunden, nichts vorhanden sei. Den Feldherren war es von vornherein verdrießlich, daß ihnen das gleich anfangs in die Quere kam, auch daß die Rhegier nicht mit ihnen gehen wollten, die sie zuerst auf ihre Seite zu ziehen gesucht, und auf die sie um so sicherer gerechnet, da sie Stammverwandte der Leontiner waren und mit den Athenern immer auf gutem Fuß gestanden hatten. Nikias freilich hatte von den Egestern nichts anderes erwartet, die beiden anderen aber wollten es kaum glauben. Die Egester hatten sich damals, als die ersten Ge­ sandten von Athen zu ihnen kamen, um sich nach ihren Schätzen umzusehen, einer List bedient. Sie hatten sie nämlich in den Tempel der Aphrodite auf dem Eryx geführt und ihnen die Weihgeschenke gezeigt, Schalen, Kellen, Rauchfässer und allerlei andere Geräte, die von Silber und geringem Wert waren, aber einen übertriebenen Eindruck von ihren Reichtümern auf sie machten. Sie hatten auch die Schiffsmannschaft in ihren Häusern zu Tisch geladen und dabei goldene und silberne Becher, die sie aus der ganzen Stadt und anderen griechischen und phönizischen Städten zusammengeliehen, aufgesetzt, wie wenn sie dem Hausherrn gehörten. Meist diente dazu dasselbe Geschirr, und da es überall in solcher Menge zum Vorschein kam, hatte das bei den athenischen Seeleuten große Ver­ wunderung erregt, und sie hatten bei ihrer Rückkehr in Athen nicht genug davon zu erzählen gewußt, wieviel Gold und Silber sie dort gesehen. Diese armen Schelme, die damals selbst hinters Licht geführt waren und auch andere in solchen Glauben versetzt hatten, wurden jetzt, wo es bekannt geworden, daß es mit den Schätzen in Egesta nichts war, von den Soldaten arg verhöhnt und mit Vorwürfen überhäuft. Die Feldherren aber berieten miteinander, was nunmehr zu tun sei.
 
Nikias war dafür, mit der ganzen Flotte nach Selinus zu fahren, gegen das sie ja zunächst ausgesandt seien. Wenn die Egester die Kosten für daS Ganze bestreiten wollten, so könnte man sich danach einrichten; anderenfalls müsse man verlangen, daß sie die Verpflegung für die von ihnen erbetenen sechzig Schiffe übernähmen, und so lange vor Selinus bleiben, bis es sich entweder aus freien Stücken zum Frieden mit Egesta verstehen oder dazu gezwungen sehen würde; ebenso solle man auch die anderen Städte anlaufen, um ihnen die Macht der Athener zu zeigen und deren Eifer für ihre Freunde und Bundesgenossen zu beweisen, dann aber wieder nach Hause fahren, es sei denn, daß sich alsbald unverhofft Gelegenheit böte, etwas für Leontinoi zu tun oder eine der anderen Städte auf seine Seite zu ziehen; die eigene Stadt aber dürfe man nicht in Gefahr und Kosten stürzen.
 
Alkibiades dagegen sagte, nachdem man mit einer so mächtigen Flotte ausgefahren sei, dürfe man nicht schimpflich wieder abziehen, ohne etwas ausgerichtet zu haben. Vielmehr solle man alle Städte bis auf Syrakus und Selinus durch Herolde beschicken, auch die Sikeler zum Abfall von Syrakus zu bewegen, die unabhängigen auf seine Seite zu bringen suchen, um Lebensmittel und Soldaten von ihnen zu erhalten. Zunächst aber müsse man das unmittelbar an der Meerenge für eine Landung in Sizilien so günstig gelegene, auch als Hafenplatz und Stützpunkt für weitere Unternehmungen äußerst wertvolle Messene zu gewinnen suchen. Erst wenn man die Städte gewonnen und wisse, inwieweit man sie auf seiner Seite haben werde, sei eS dann an der Zeit, Syrakus und Selinus anzugreifen, falls dieses sich nicht mit Egesta ver­ tragen, jenes den Leontinern ihre Stadt nicht wieder ein­ räumen wolle.
 
Lamachos aber meinte, man müsse sich ohne weiteres gegen Syrakus wenden und baldmöglichst in der Nähe der Stadt eine Schlacht liefern, solange man dort darauf nicht vorbereitet und noch nicht wieder zur Besinnung gekommen sei. Im ersten Augenblick sei ein Heer immer am furchtbarsten. Warte man zu lange, ehe man sich blicken lasse, so fasse der Gegner wieder Mut, und auch der Anblick sei ihm nicht mehr so furchtbar. Wenn man also die Syraknser jetzt, solange sie noch in banger Erwartung seien, unversehens angreife, so habe man die meiste Aussicht, sie zu besiegen und sie sowohl durch den Anblick, der Masse, mit der man auftrete, als auch durch die Furcht vor dem, was ihnen bevorstehe, besonders vor der ihnen unmittelbar drohenden Schlacht, völlig aus der Fassung zu bringen. Wahrscheinlich seien viele von ihnen noch draußen auf dem Felde geblieben, weil sie nicht an die An­ kunft der Athener geglaubt; aber auch wenn sie ihre Habe in die Stadt geschafft, werde das Heer keinen Mangel leiden, wenn es sich nach dem Siege vor die Stadt lege. Um so eher würden dann auch die übrigen Griechen in Sizilien sich nicht ihnen, sondern den Athenern anschließen und nicht erst ab­ warten, wer von beiden die Oberhand behielte. Für den Fall eines Rückzugs müsse man das zurzeit unbesetzte Megara zum Standort für die Flotte machen, wohin es von Syrakus zu Wasser und zu Lande nicht weit sei.
 
Nachdem Lamachos sich in diesem Sinne geäußert, schloß er sich dann doch der Meinung des Alkibiades an. Alkibiades aber fuhr nun gleich mit seinem Schiffe nach Messene hinüber und verhandelte dort über ein Bündnis; als man darauf jedoch nicht einging, sondern erklärte, draußen wolle man den Athenern wohl einen Markt eröffnen, in die Stadt einlassen aber könne man sie nicht, fuhr er wieder ab nach Rhegion. Nun bemannten die Feldherren sofort sechzig, aus allen drei Geschwadern entnommene Schiffe, versahen sie mit Lebens­ mitteln und fuhren damit nach Naxos, während die übrige Flotte und einer von ihnen bei Rhegion zurückblieb. Von Naxos, wo sie in die Stadt eingelassen wurden, fuhren sie nach Katana und von da, wo man sie nicht einließ, weil eS dort manche mit Syrakus hielten, weiter an den Fluß Terias, wo sie übernachteten. Von hier gingen sie am folgenden Tage in Kiellinie nach Syrakus unter Segel. Sie schickten jedoch zehn Schiffe voraus, um in den großen Hafen einzulaufen und sich darnach umzusehen, ob schon Schiffe zu Wasser gelassen wären, und um dort nahe am Lande von Bord aus öffentlich aus­ rufen zu lassen, sie wären Athener und kämen, um die Leon­ tiner, ihre Bundesgenossen und Stammverwandten, in ihre Stadt zurückzuführen; die in Syrakus befindlichen Leontiner hätten also nichts zu fürchten und würden von den Athenern mit offenen Armen aufgenommen werden. Nachdem sie daS bekanntgemacht und sich die Stadt, die Häfen und das Gelände,, von wo der Angriff erfolgen mußte, angesehen hatten, fuhren sie wieder nach Katana zurück.
 
Unterdessen wurde in Katana eine Volksversammlung ge­ halten und beschlossen, das Heer nicht einzulassen, jedoch den Feldherren zu gestatten, in die Stadt zu kommen und ihr An­ liegen vorzubringen. Während nun Alkibiades dort redete und die Einwohner durch die Volksversammlung in Anspruch genommen waren, erbrachen die Soldaten ein schlecht einge­ bautes Mauerpförtchen, drangen in die Stadt und erschienen auf dem Markte. Als die nicht sehr zahlreichen Anhänger der Syrakuser in Katana das eingedrungene fremde Kriegs­ volk erblickten, gerieten sie so in Schrecken, daß sie sich gleich aus dem Staube machten, die anderen aber beschlossen, sich mit den Athenern zu verbünden, und forderten sie auf, auch ihre übrige Kriegsmacht von Rhegion kommen zu lassen. Hierauf brachen die Athener, nachdem ein Schiff die Meldung nach Rhegion gebracht, mit der ganzen Flotte von dort nach Katana auf und richteten hier, als sie angelangt, ihr Lager ein.
 
Da erhielten sie die Nachricht auS Kamarina, daß dieses, wenn sie dort hinkämen, wahrscheinlich zu ihnen übergehen würde, und daß die Syrakuser jetzt ihre Schiffe bemannten. Sie segelten also mit ihrer ganzen Flotte an der Küste entlang, zunächst nach Syrakus, und als sie hier nichts von bemannten Schiffen sahen, fuhren sie weiter nach Kamarina, hielten auf den Strand zu und knüpften durch einen Herold Verhand­ lungen an. Die Kamariner aber nahmen sie nicht auf, sondern erklärten, nach den bestehenden Verträgen hätten sie die Athener aufzunehmen, wenn sie mit einem Schiffe kämen, aber nicht, wenn sie eine große Flotte hinterherschickten. So fuhren sie unverrichteter Sache wieder ab und landeten an der syra­ kusischen Küste, wo sie sich ans Plündern machten. Als jedoch die syrakusische Reiterei gegen sie vorging und einige ver­ sprengte Leichtbewaffnete niederhieb, zogen sie wieder ab nach Katana.
 
Hier trafen sie die Salaminia, die von Athen gekommen war mit dem Auftrage, Alkibiades abzuberufen, um sich wegen der dort gegen ihn erhobenen Beschuldigungen zu verant­ worten, und mit ihm eine Anzahl seiner Leute, welche auch wegen Verspottung der Mysterien oder wegen Beteiligung an dem Hermenfrevel angegeben worden waren. Die Athener hatten nämlich, auch nachdem die Flotte abgefahren war, doch noch eine Untersuchung eingeleitet und ohne Rücksicht auf die Glaubwürdigkeit der Angeber jeder Verdächtigung Raum ge­ geben. Auch völlig unbeshcoltene Bürger hatten sie auf das Zeugnis schlechter Menschen hin ohne weiteres festgenommen und inS Gefängnis geworfen in der Meinung, es sei besser, die Sache zu untersuchen und aufzuklären, als wegen der Schlechtigkeit des Angebers einen auch anscheinend noch so rechtschaffenen Mann, den man bezichtigt, ohne Untersuchung laufen zu lassen. Denn das Volk, das immer gehört hatte und wußte, wie drückend die Herrschaft des Peisistratos und seiner Söhne schließlich geworden, und wie diese obendrein nicht mal durch Harmodios und die Bürger selbst, sondern durch die Lakedämonier gestürzt waren, lebte in beständiger Furcht und witterte überall Gefahren.
 
Der Tyrannenmord Harmodios' und AristogeitonS war nämlich durch eine Liebesgeschichte veranlaßt, auf die ich hier ausführlicher eingehen will, um zu zeigen, wie ungenau alles ist, was man auswärts und in Athen selbst über die Tyrannen und jenes Ereignis erzählt.
 
Nachdem Peisistratos als Tyrann in hohem Alter gestorben war, gelangte nicht Hipparchos, wie man gewöhnlich glaubt, sondern Hippias als ältester Sohn zur Regierung. i Harmodios war damals ein bildschöner, junger Mann und Aristogeiton, ein Bürger aus dem Mittelstande, sein begünstigter Liebhaber. Hipparchos, Peisistratos' Sohn, aber machte ihm auch Anträge, hatte damit jedoch kein Glück, und Harmodios verriet es dem Aristogeiton. Der aber, der das, leidenschaftlich verliebt, wie er war, sehr schmerzlich empfand und fürchtete, der mächtige Hipparchos möchte Gewalt gegen ihn gebrauchen, nahm sich gleich vor, alles dranzusetzen, um die Tyrannen zu stürzen. - Hipparchos, der auch mit erneuten Anträgen bei Harmodios keinen besseren Erfolg gehabt hatte und doch keine Gewalt gegen ihn gebrauchen wollte, legte es nun darauf an, ihm bei Gelegenheit in unauffälliger Weise, als ob es damit nichts zu tun hätte, einen Schimpf zuzufügen. Auch sonst nämlich machte er dem Volke gegenüber von seiner Macht keinen ge­ hässigen Gebrauch, sondern suchte jeden Anstoß zu vermeiden. Überhaupt gaben sich ja die Peisistratiden als Tyrannen alle Mühe, gut und verständig zu regieren; sie erhoben von den Athenern nur den Zwanzigsten vom Einkommen, führten ihre Kriege, verschönerten die Stadt und ordneten ihre Festfeiern. Auch im übrigen ließen sie es in Athen bei den bestehenden Gesetzen und sorgten nur dafür, daß immer einer von ihnen unter den Archonten war. Einer von diesen, welche das ein­ jährige Archontenamt in Athen bekleideten, war auch Peisi­ stratos, der den Namen seines Großvaters führende Sohn des Tyrannen Hippias, welcher als Archon den Altar der zwölf Götter auf dem Markte und den Altar deS Apollon beim Pythion weihte. Als später das athenische Volt den Altar auf dem Markte durch einen Anbau vergrößern ließ, ist die Inschrift daran verschwunden, an dem beim Pythion aber ist sie noch jetzt mit unleserlichen Buchstaben zu sehen und lautet: „Hippias' Sohn, der Archon Peisistratos, weihte dies Denkmal Phoibos dem pythischen Gott hier in des Tempels Bereich."
 
Daß aber Hippias der älteste war und zur Regierung gelangte, kann ich bestimmt behaupten, da ich darüber genauere Erkundigungen eingezogen habe als andere', wie denn dafür auch Folgendes sprechen dürfte. Offenbar nämlich war er der einzige unter seinen ebenbürtigen Brüdern, der Kinder hatte, wie dies der Altar und die zum Andenken an die Gewalt­ herrschaft der Tyrannen auf der Burg in Athen errichtete Säule beweist, an welcher weder Kinder des Thessalos noch des Hipparchos genannt werden, wohl aber fünf des Hippias, welche ihm von Myrrhine, der Tochter des Kallias, Hyperechides' Sohn, geboren waren. Wahrscheinlich hat dann doch der älteste zuerst geheiratet. Auch ist er an derselben Säule gleich nach seinem Vater ausgeführt, und auch das doch wahrshcein­ lich, weil er sein ältester Sohn war und nach ihm zur Regie­ rung kam. Vermutlich hätte auch Hippias sich in dem Augen­ blick nicht so leicht als Tyrann behaupten können, wenn Hipparchos, als er ermordet wurde, dies gewesen wäre und er sich erst an dem Tage dazu hätte auswerfen müssen. Eben weil die Bürger seine Macht und die Söldner seine strenge Zucht schon gewohnt waren, behauptete er seine Herrschaft mit voller Sicherheit und nicht wie ein jüngerer Bruder, der sich nicht zu helfen weiß, weil er dabei nicht hergekommen. Da aber Hipparchos durch sein trauriges Ende so berühmt wurde, glaubte man später, er sei damals auch Tyrann gewesen.
 
Also, um auf Harmodios zurückzukommen, Hippias fügte diesem, weil er ihm nicht zu Willen gewesen war, den ihm zugedachten Schimpf zu. Man wies nämlich seine Schwester, eine Jungfrau, nachdem man sie erst aufgefordert, bei einem Festzuge einen Korb zu tragen, nachträglich mit dem Bemerken zurück, man habe sie gar nicht aufgefordert, da ihr das nicht zukomme. Harmodios empfand das als eine schwere Kränkung, und seinetwegen wurde nun auch Aristogeiton vollends Gift und Galle. Die verabredeten alles mit ihren Mitverschworenen, warteten aber die großen Athenäen ab, den einzigen Tag, wo es kein Aufsehen erregte, wenn die Bürger beim Festzuge alle bewaffnet erschienen. Sie selbst sollten den Anfang machen, die übrigen aber gleich bei der Hand sein, mit ihnen über die Leibwache herzufallen. Die Zahl der Verschworenen war nicht groß, der Sicherheit wegen; sie rechneten nämlich darauf, wenn nur erst ein paar mutig vorangingen, so würden sich auch die Uneingeweihten, da sie ja Waffen hätten, von selbst am Kampfe für ihre Freiheit beteiligen.
 
Als das Fest herangekommen und Hippias auf dem so­ genannten Topfmarkte vor der Stadt inmitten seiner Leibwache eben damit beschäftigt war, den Festzug zu ordnen, schritten Harmodios und Aristogeiton, mit Dolchen bewaffnet, zur Aus­ führung ihres Planes. Da sie jedoch einen ihrer Mitver­ schworenen in vertraulichem Gespräch mit Hippias sahen, wie dieser eben für jedermann leicht zugänglich war, wurden sie bange und glaubten, sie seien verraten und würden jeden Augenblick verhaftet werden. An dem Manne aber, der sie beleidigt und um des willen sie das ganze Wagnis unternommen hatten, wollten sie sich womöglich vorher noch rächen, und so eilten sie, wie sie waren, durchs Tor in die Stadt hinein, trafen Hipparchos beim Leokorion, iselen, der eine aus Eifer- sucht, der andere wegen des ihm angetanen Schimpfes, voller Wut hinterrücks über ihn her und stachen ihn nieder. Aristo­ geiton gelang es zwar, zunächst im Volksgedränge vor der Leibwache zu entkommen, wurde aber später ergriffen und übel zugerichtet. Harmodios aber wurde gleich auf der Stelle niedergemacht.
 
AlS Hippias auf dem Topfmarkte die Nachricht erhielt, begab er sich nicht etwa an den Ort der Tat, sondern gradeS­ wegS zu den weiter hinten im Zuge befindlichen bewaffneten Bürgern, bevor die Nachricht dort hinten auch an sie gelangte. Ohne sich von dem Vorfall was merken zu lassen, befahl er ihnen, sich ohne ihre Waffen an einen von ihm bezeichneten Platz zu verfügen, was diese auch taten in der Meinung, er habe ihnen etwas zu sagen. Darauf befahl er seinen Tra­ banten, die Waffen wegzunehmen und ließ jeden, der ihm ver­ dächtig war oder den man im Besitz eines Dolches fand, ohne weiteres abführen. Bei den Festzügen erschien man nämlich regelmäßig nur mit Speer und Schild.
 
So war es gekränkte Liebe, was den ersten Anlaß zu der Verschwörung gab, und plötzliche Furcht, wodurch Harmodios und Aristogeiton zu dieser unbesonnenen Ausführung ihres Unternehmens bestimmt wurden. Seit der Zeit aber lastete die Herrschaft der Tyrannen schwerer auf den Athenern, und Hippias, der jetzt ängstlicher geworden war, ließ nicht nur viele Bürger umbringen, sondern sah sich zu seiner Sicherheit auch auswärts für alle Fälle nach Verbindungen um. Wenigstens gab er seine Tochter Archedike Aiantides, dem Sohne des Tyrannen Hippokles von Lampsakos, zur Frau, trotzdem er ein Athener und der nur aus Lampsakos war, weil er gehört, daß sie bei König Dareios großen Einfluß hätten. In Lamp­ sakos befindet sich ihr Grabdenkmal mit folgender Inschrift: „Diese Asche beschließt Archedike, Hippias' Tochter, Welchen Griechenland einst unter die besten gezählt. War sie auch Tochter und Gattin und Schwester und Mutter von Fürsten, Hat das ihr edeles Herz doch nicht zum Hochmut verführt." Noch drei Jahr behauptete sich Hippias in Athen als Tyrann, im vierten aber wurde er von den Lakedämoniern und den aus der Verbannung zurückgekehrten Alkmäoniden vertrieben. Nachdem man ihm freien Abzug gewährt, begab er sich erst nach Sigeion und dann zu Aiantides nach Lampsakos, von dort aber zum König Dareios, von wo er zwanzig Jahr später, schon hochbetagt, den Zug der Perser nach Marathon mit­ machte.
 
Weil das athenische Volk hieran dachte und sich alles, was es davon gehört, ins Gedächtnis rief, war es damals so hart und argwöhnisch gegen die, welche wegen Verspottung der Mysterien beschuldigt wurden, und glaubte nicht anders, als daß es sich dabei um eine oligarchische Verschwörung oder um Einführung der Tyrannei gehandelt habe. Infolge der dadurch hervorgerufenen Erbitterung waren schon viele an­ gesehene Männer ins Gefängnis geworfen, und augenscheinlich ließ diese auch nicht nach, sondern wurde von Tag zu Tag größer, so daß die Verhaftungen kein Ende nahmen. Da ließ sich einer der Gefangenen, der für besonders verdächtig galt, durch einen Mitgefangenen bereden, ein Geständnis abzulegen, mit dem es nun seine Richtigkeit gehabt haben mag oder nicht. Das eine ist so gut möglich wie das andere; denn wer die wirklich Schuldigen gewesen, hat damals und später kein Mensch mit Sicherheit sagen können. Der stellte ihm vor, um sein Leben zu retten und der weiteren Schnüffelei in der Stadt ein Ende zu machen, müsse er, auch wenn er unschuldig sei, gegen Zusicherung von Straflosigkeit die Tat eingestehen. Denn wenn er sich durch sein Geständnis Straflosigkeit sichere, habe er eher Aussicht, mit dem Leben davonzukommen, als wenn er leugne und vor Gericht gestellt werde. Er gab denn auch sich und andere als die Urheber des Hermenfrevels an. Das Volk war über dies Geständnis, dem es vollen Glauben schenkte, hocherfreut, während es bis dahin sehr ungehalten gewesen war, daß man den Treibereien seiner Feinde nicht hatte auf die Spur kommen können. Der Angeber selbst und die übrigen Gefangenen, die er nicht mit angegeben hatte, wurden auch sofort auf freien Fuß gesetzt. Den von ihm Angegebenen aber machte man den Prozeß und ließ die Gefangenen hinrichten, die Entflohenen aber zum Tode verurteilen und einen Preis auf ihren Kopf setzen. Indessen stand es sehr dahin, ob die davon Betroffenen nicht mit Unrecht verurteilt waren; immer­ hin war es für die übrige Bevölkerung unter den damaligen Umständen eine Wohltat.
 
Der Hauptschuldige in den Augen der Athener aber war Alkibiades, dessen Feinde, wie sie ihn schon vor seiner Abfahrt angegriffen hatten, beständig gegen ihn hetzten. Seitdem das jetzt bezüglich der Hermen ihrer Meinung nach außer Zweifel stand, glaubten sie erst recht, daß auch der Mysterienfrevel, dessen er beschuldigt war, von ihm veranstaltet und auch dabei eine Verschwörung gegen die Demokratie im Spiel gewesen sei. Zufällig war nämlich grade zu der Zeit, wo man sich in Athen hierüber aufregte, ein kleines lakedämonisches Heer auf einem Zuge gegen die Böotier bis an den Isthmus gekommen. Nun glaubten die Athener, es komme nicht der Böotier wegen, sondern aufsein Betreiben; die Sache sei mit ihm verabredet, und die Stadt wäre verraten gewesen, wenn man die Schelme nicht auf Grund jener Angaben noch rechtzeitig hinter Schloß und Riegel gebracht hätte. Einmal blieben sie sogar über Nacht im Theseustempel in der Stadt unter Waffen. Auch in Argos kamen die Freunde des Alkibiades zu der Zeit in den Verdacht volksfeindlicher Bestrebungen. Deshalb ließen die Athener damals auch die auf den Inseln untergebrachten Geiseln aus Argos dem argeiischen Volke ausliefern, um sie hinzurichten. So gab es gegen Alkibiades Verdacht an allen Ecken und Enden. In der Absicht, ihn vor Gericht zu stellen und hinrichten zu lassen, schickte man also jetzt die Salaminia nach Sizilien, um ihn und die mit ihm Angegebenen von dort abzuholen, mit dem Befehl, ihm zu sagen, er solle mitkommen, um sich zu verantworten, ihn jedoch nicht zu verhaften, weil man bei den Truppen in Sizilien, den eigenen sowohl wie bei den feindlichen, kein Aufsehen erregen wollte, namentlich aber die Mantineer und die Argeier dort zu behalten wünschte, die sich, wie man glaubte, eben seinetwegen zur Teilnahme an dem Feldzuge entschlossen hatten. Er und seine Mitangeklagten fuhren denn auch auf seinem eigenen Schiffe mit der Sala­ minia von Sizilien scheinbar nach Athen ab. Aber als sie nach Thurioi gekommen waren, fuhren sie nicht weiter mit, sondern verließen das Schiff und hielten sich versteckt aus Furcht vor dem gehässigen Prozeß, der ihrer zu Hause wartete. Die Leute von der Salaminia suchten eine Zeitlang nach Alkibiades und seinen Gefährten; da diese aber nirgends zu finden waren, fuhren sie weiter. Alkibiades, nunmehr ein Flüchtling, fuhr bald nachher auf einem Frachtschiffe von Thurioi nach dem Peloponnes hinüber. In Athen aber wurde er samt seinen Gefährten abwesend zum Tode verurteilt.
 
Die beiden anderen athenischen Feldherren in Sizilien teilten darauf ihre Streitmacht in zwei Teile, wovon jeder einen durchs Los erhielt, und machten sich dann mit der ganzen Flotte nach Egesta und Selinus auf, um sich zu vergewissern, ob die Egester das Geld hergeben würden, und zu sehen, wie es mit Selinus und dessen Streitigkeiten mit Egesta stände. Sie segelten, die dem Tyrrhenischen Meere zugekehrte Seite Siziliens zur Linken, an der Küste entlang nach Himera, der einzigen griechischen Stadt in diesem Teile Siziliens, und da man sie hier nicht aufnahm, fuhren sie weiter. Auf der Fahrt eroberten sie Hykkara, eine an der See gelegene sikanische Stadt, die mit Egesta verfeindet war. Die Einwohner machten sie zu Sklaven und gaben die Stadt den Egestern, die ihnen Reiterei zu Hilfe geschickt hatten. Darauf zogen sie mit dem Landheere durch das Gebiet der Sikeler wieder ab nach Katana, während die Schiffe mit den Sklaven an Bord um die Insel fuhren. Nikias aber begab sich gleich von Hykkara nach Egesta, wo er verschiedene Geschäfte erledigte, auch dreißig Talente erhielt, und fand sich darauf bei dem Heere wieder ein. Die Sklaven verkauften sie, was ihnen hundertzwanzig Talente einbrachte. Auch die zu ihnen haltenden Städte der Sikeler liefen sie an und forderten sie auf, ihnen Truppen zu schicken. Mit dem halben Heere zogen sie vor das geleatische Hybla, das zu den Feinden hielt, konnten es aber nicht nehmen. Damit endete der Sommer.
 
Gleich im Beginn des folgenden Winters rüsteten sich die Athener zum Angriff auf Syrakus, und die Syrakuser schickten sich auch ihrerseits an, gegen die Athener zu ziehen. Denn da diese sich nicht, wie sie im ersten Schrecken gefürchtet und erwartet hatten, gleich gegen sie gewandt, war ihnen mit jedem Tage der Mut gestiegen. Und nachdem sie gesehen, wie sie sich hinten fern auf der anderen Seite Siziliens mit der Flotte zu schaffen gemacht und dann vergeblich versucht hatten, Hybla mit Sturm zu nehmen, wurden sie vollends übermütig und verlangten von ihren Feldherren - wie die große Menge es immer macht, wenn ihr der Kamm schwillt -, sie sollten sie nach Katana führen, da die Athener nicht nach Syrakus kämen. Syrakusische Reiter, welche das Heer der Athener beständig beobachteten und umschwärmten, verhöhnten sie und fragten sie unter anderem spöttisch, sie seien wohl hier ins Land ge­ kommen, um sich bei ihnen häuslich niederzulassen und nicht, um Leontinoi wieder aufzubauen.
 
Unter diesen Umständen dachten die Feldherren der Athener die ganze feindliche Streitmacht möglichst weit aus der Stadt herauszulocken und unterdessen selbst mit der Flotte bei Nacht nach Syrakus zu fahren, um dort ungestört an geeigneter Stelle ein Lager aufzuschlagen, was ihnen offenbar nicht so leicht möglich gewesen wäre, hätten sie ihre Truppen angesichts der feindlichen Streitmacht ausschiffen oder unter den Augen des Feindes zu Lande vorrücken müssen. Denn dann hätte die zahlreiche Reiterei der Syrakuser bei ihrem Mangel an Reiterei ihren Leichtbewaffneten und dem Troß sehr gefährlich werden können; so aber würden sie imstande sein, einen Platz zu wählen, wo sie von der feindlichen Reiterei nicht sonderlich zu leiden hätten. Syrakusische Flüchtlinge, die sich ihnen an­ geschlossen, aber machten sie auf den Platz beim Olympieion aufmerksam, den sie dann auch wirklich wählten. Zu dem Ende bedienten sie sich nun folgender Kriegslist. Sie schickten nach Syrakus einen Mann aus Katana, auf den sie sich ver­ lassen konnten, den aber auch die syrakusischen Feldherren für ihre Zwecke brauchen zu können glaubten. Denen erklärte er, er komme im Auftrage von Leuten aus Katana, die ihnen dem Namen nach bekannt waren und von denen sie wußten, daß sie zu ihren dort noch vorhandenen Anhängern gehörten. Und nun sagte er ihnen, die Athener blieben nachtS fern von ihrem Lager in der Stadt, und wenn die Syrakuser an einem be­ stimmten Tage mit ihrem ganzen Heere in aller Frühe vor dem Lager ershcienen, so würde man die Athener nicht aus der Stadt lassen und ihre Schiffe in Brand stecken, sie aber würden alsdann die Palisaden leicht erstürmen und sich des Lagers bemächtigen können. In Katana aber würden viele dabei gemeinshcaftliche Sache mit ihnen machen, und seine Auftraggeber hätten sich darauf schon eingerichtet.
 
Die syrakusischen Feldherren, tatendurstig wie sie waren, und ohnedies entschlossen, nach Katana zu ziehen, waren un­ vorsichtig genug, dem Menschen ohne weiteres Glauben zu schenken, setzten sogleich einen Tag fest, wo sie kommen würden, und schickten ihn damit wieder fort, gaben auch ihrerseits Befehl, die gesamte Mannschaft der Syrakuser, bei denen sich auch bereits Selinunter und einige andere Bundesgenossen eingefunden hatten, solle sich marschbereit machen. Als alles fertig war und die Zeit, wo sie dort sein sollten, herankam, traten sie den Marsch nach Katana an und lagerten die Nacht im Freien am Flusse Symaithos im Leontinischen. Sobald die Athener merkten, daß sie im Anzüge waren, brachen sie mit allen ihren Truppen und den zu ihnen gestoßenen Sikelern und sonstigen Verbündeten aus ihrem Lager auf, schifften sie auf den Kriegsschiffen und anderen Fahrzeugen ein und gingen damit nach Syrakus unter Segel, wo sie bei Tagesanbruch landeten, um dort in der Nähe des Olympieion ein Lager zu schlagen. Als die zuerst bei Katana angelangte syrakusische Reiterei gewahr wurde, daß das ganze Heer aufgebrochen war, kehrte sie um und meldete das dem Fußvolke, und nun machte das Ganze kehrt und zog wieder nach der Stadt.
 
Da das ein weiter Weg war, hatten die Athener Zeit, unterdessen in aller Ruhe an einer geeigneten Stelle ihr Lager aufzuschlagen, von wo sie nach Belieben zum Angriff vorgehen und wo die syrakusischen Reiter ihnen weder im Gefecht noch vorher viel anhaben konnten, indem es auf der einen Seite von Mauern, Häusern, Bäumen und einem Sumpfe, auf der anderen von steilen Abhängen umgeben war. Sie fällten die Bäume in der Nähe und schafften sie an die See, um damit ein Pfahlwerk zum Schutz ihrer Schiffe herzustellen, errichteten II bei Daskon, wo der Feind ihnen noch am ersten hätte bei­ kommen können, in der Eile eine Schanze aus Holz und zu­ sammengelesenen Steinen und zerstörten die Brücke über den Anapos. Während sie damit beschäftigt waren, kam niemand aus der Stadt heraus, um sie daran zu hindern. Die ersten, welche ihnen gegenüber erschienen, waren die Reiter der Syra­ kuser, bis sich dann später auch ihr ganzes Fußvolk dort an­ sammelte. Anfangs drangen sie bis dicht an das Lager der Athener vor; da diese aber nicht herauskamen, zogen sie sich hinter die Elorische Straße zurück und übernachteten dort unter freiem Himmel.
 
Am Tage daraus machten sich die Athener zur Schlacht bereit und ordneten dazu ihr Heer in folgender Weise. Den rechten Flügel bildeten die Argeier und die Mantineer, die Mitte die Athener, den anderen die übrigen Bundesgenossen. Die eine Hälfte ihres Heeres stand, acht Mann hoch, im ersten Treffen, die andere, ebenfalls acht Mann hoch, im Viereck bei den Zelten, mit dem Befehl, aufzupassen, wo etwa ein Heeresteil in Not käme, und dann zu dessen Unterstützung vorzugehen. Die Packknechte hatte man inmitten dieses Vier­ ecks untergebracht. Die Syrakuser stellten ihr aus dem ge­ samten syrakusischen Aufgebot und den anwesenden Bundes­ genossen bestehendes schweres Fußvolk sechzehn Mann hoch. Die Bundesgenossen, die zu ihnen gestoßen, waren in der Hauptsache Selinunter; dazu kamen Reiter aus Gela, im ganzen gegen zweihundert, und etwa zwanzig Reiter und gegen fünfzig Bogenschützen aus Kamarina. Ihre mindestens zwölfhundert Mann starke Reiterei stellten sie auf den rechten Flügel und neben diese die Speerschützen. Als die Athener sich anschickten, zuerst anzugreifen, schritt Nikias die Reihen ab, um den Mut seines Heeres und der einzelnen Völker­ schaften durch folgende Ansprache zu beleben.
 
„Was brauche ich euch lange Mut einzusprechen, Leute; kämpfen wir doch alle für dieselbe Sache! Der treffliche Zustand unserer Truppen, mein' ich, ist an sich mehr geeignet Mut zu machen als wohlgesetzte Reden vor einem schwachen Heere. Wo wir hier, Argeier, Athener und die ersten Insel- völker, beisammen sind, wie sollte da nicht unter so viel tapferen Waffenbrüdern jeder einzelne mit voller Zuversicht aus den Sieg hoffen, zumal wir es mit bloßen Bürgerwehren zu tun haben und nicht mit alten Soldaten wie wir, und noch dazu mit diesen Sikelioten, die uns zwar verachten, aber uns nicht standhalten werden, weil wir uns besser auf den Krieg verstehen als sie. Bedenkt auch, daß wir fern von unserer Heimat sind und hier kein Freundesland finden werden, das wir nicht erst mit dem Schwerte gewinnen müßten. Und wenn die Feinde sich, wie ich wohl weiß, damit anfeuern, daß eS den Kampf fürs Vaterland gilt, so habe ich euch grade umgekehrt daran zu erinnern, daß ihr nicht im Vater­ lande kämpft, sondern in einem fremden Lande, wo ihr siegen müßt oder auf dem Rückzüge einen schweren Stand haben werdet; denn ihre zahlreiche Reiterei wird uns auf den Fersen sein. Macht also eurem alten Ruhm auch heute Ehre und greift eure Gegner nur herzhaft an, überzeugt, daß Not und Entbehrungen, womit ihr jetzt zu kämpfen habt, schlimmer sind als die Feinde."
 
Nach dieser seiner Ansprache führte Nikias das Heer sogleich zum Angriff vor. Die Syrakuser hatten in dem Augenblick noch nicht darauf gerechnet, daß es schon zur Schlacht kommen würde, und da ihnen die Stadt so nahe war, hatten sich manche dahin zurückbegeben. Die kamen zwar in aller Eile herbeigelaufen, aber doch zu spät, und schlossen sich nun aufs Geratewohl irgendeinem Truppenteile an. Denn an gutem Willen und Mut fehlte es ihnen wahr­ lich nicht, weder hier noch in den späteren Gefechten. Aber wenn sie auch an Tapferkeit, soweit ihre Kriegskunst reichte, ihren Gegnern nicht nachstanden, so wurde doch dadurch, daß eS ihnen hieran gebrach, ihre Schneidigkeit im Kampfe un­ willkürlich beeinträchtigt. Obwohl sie nicht geglaubt hatten, daß die Athener zuerst angreifen würden, und sie nun Hals über Kopf den Kampf mit ihnen aufnehmen müßten, so griffen sie doch zu den Waffen und rückten sogleich gegen sie vor. Beiderseits wurde das Gefecht zuerst von den Steinwerfern, Schleuderern und Bogenschützen eröffnet und, wie es bei leichten Truppen in der Regel geht, bald der eine, bald der andere Teil zurückgeschlagen. Darauf aber brachten Wahr­ sager die üblichen Opfer, und Trompeter gaben dem schweren Fußvolke das Zeichen zum Angriff. Und nun setzte sich dieses in Bewegung, die Syrakuser zum Kampf fürs Vaterland, jeder einzelne davon durchdrungen, in diesem Augenblick für sein Leben und weiterhin für seine Freiheit zu fechten. Auf Seite der Gegner war es den Athenern darum zu tun, das fremde Land zu unterwerfen und ihr eigenes nicht durch den Verlust der Schlacht zu gefährden, den Argeiern und den unabhängigen Bundesgenossen aber, die Eroberungen, die man hier machen wollte, mit den Athenern zu teilen und als Sieger in ihr Vaterland heimzukehren. Die untertänigen Bundesgenossen endlich ließen es schon deshalb nicht an sich fehlen, weil sie im Fall einer Niederlage keine Aussicht hatten, für diesmal mit dem Leben davonzukommen, nebenbei aber auch in der Hoffnung, die Herrschaft der Athener werde sich für sie künftig weniger drückend gestalten, wenn sie ihnen geholfen hätten, neue Eroberungen zu machen.
 
Als es zum Handgemenge gekommen war, hielten beide Teile längere Zeit einander stand. Nun traf es sich, daß es unterdessen wiederholt donnerte und blitzte und dabei stark regnete, was diejenigen, die hier zum erstenmal ins Gefecht kamen und den Krieg noch nicht gewohnt waren, noch furcht­ samer machte, während die erfahrenen Krieger darin nur ein Ereignis sahen, wie es die Jahreszeit mit sich brachte, und sich weit mehr darüber wunderten, daß ihre Gegner noch immer standhielten. Nachdem jedoch die Argeier den linken Flügel der Syrakuser und dann auch die Athener die ihnen gegenüberstehenden Gegner geworfen hatten, wurde auch daS übrige Heer der Syrakuser durchbrochen und in die Flucht geschlagen. Verfolgen konnten jedoch die Athener nicht weit; denn die zahlreichen, noch unbesiegten Reiter der Syrakuser hinderten sie daran, die, wenn sie bemerkten, daß die Hopliten irgendwo zu hastig vordrangen, auf sie einsprengten und sie zurücktrieben. Die Athener setzten deshalb die Verfolgung in Reih und Glied nur so weit fort, wie eS die Sicherheit gestattete, kehrten dann aber wieder um und errichteten ein Siegeszeichen. Die Syrakuser zogen sich nach der Elorischen Straße zusammen, stellten die Ordnung, so gut es ging, wieder her und schickten sogar einen Teil ihrer Mannschaft ab, um das Olympieion zu besetzen aus Furcht, die Athener möchten sich der dort vorhandenen Schätze bemächtigen. Die übrigen zogen wieder in die Stadt zurück.
 
Die Athener wandten sich indessen nicht nach dem Tempel, sondern sammelten ihre Toten, legten sie auf Scheiter­ haufen und blieben über Nacht auf dem Schlachtfelde. Am folgenden Tage gaben sie den Syrakusern, von denen und deren Bundesgenossen gegen zweihundertsechzig gefallen waren, ihre Toten unter Waffenstillstand heraus und sammelten die Gebeine ihrer eigenen Toten. Von ihnen und ihren Bundes­ genossen waren gegen fünfzig gefallen. Darauf führen sie mit der den Feinden abgenommenen Waffenbeute wieder ab nach Katana. Denn es war Winter, auch hielten sie es nicht für möglich, den Krieg hier weiter zu führen, bevor sie Reiterei aus Athen bekommen oder von den Bundesgenossen hier im Lande an sich gezogen hätten, damit ihnen der Feind an Reiterei nicht zu sehr überlegen wäre. Zugleich wollten sie sich erst hier im Lande Geld verschaffen und von Athen schicken lassen und einige Städte auf ihre Seite ziehen, die sich, wie sie hofften, dazu jetzt nach der Schlacht eher bereit finden lassen würden, auch sich noch weiter mit Lebensmitteln und sonstigem Bedarf versehen, um dann im Frühjahr Sy­ rakus anzugreifen.
 
Zu dem Ende gingen sie mit der Flotte nach Katana und Naxos zurück, um dort zu überwintern. Nachdem die Syrakuser ihre Toten bestattet, hielten sie eine Volksversamm­ lung. Hier trat Hermokrates, Hermons Sohn, vor ihnen auf, ein Mann, der überhaupt an Einsicht keinem nachstand, insbesondere im Kriege reiche Erfahrung gesammelt und sich durch Tapferkeit hervorgetan hatte, und ermutigte sie, jener Niederlage wegen ihre Sache nicht verloren zu geben. Nicht, weil es ihnen an Mut gefehlt, seien sie geschlagen; nur ihre Unordnung sei ihnen verderblich geworden. Auch hätten sie ja ihre Sache über Erwarten gut gemacht, zumal sie gegen die ersten und bestgeschulten Truppen unter den Griechen, sozusagen als Laien gegen Fechtmeister, gekämpft. Aber auch die Menge der Feldherren - sie hatten nämlich fünfzehn - und der vielköpfige Oberbefehl sowie der Mangel an Ord­ nung und Mannszucht unter ihren Leuten sei ihnen sehr nachteilig gewesen. Wenn man aber nur wenige erfahrene Feldherren anstelle und in diesem Winter das schwere Fuß­ volk ordentlich ausbilde, auch, soweit es daran fehle, mit Waffen versähe, um es so stark wie möglich zu machen, und es überhaupt fleißig üben lasse, so hätten sie alle Aussicht, die Feinde zu besiegen, weil es ihnen schon jetzt an Tapfer­ keit nicht fehle, und sie dann auch in guter Ordnung ins Gefecht gehen würden. Denn damit würden sie beides ge­ winnen, sowohl die bessere Schulung für den Krieg, als auch den durch das Vertrauen darauf erhöhten Kampfesmut. Sie sollten also nur wenige und zwar mit unbeschränkter Gewalt zu Feldherren bestellen und ihnen zuschwören, daß niemand ihnen in ihren Oberbefehl hineinreden dürfe; dann würden Dinge, die geheim bleiben müßten, nicht so leicht auskommen und alle Anordnung gehörig und ohne Widerrede befolgt werden.
 
Hierauf beschlossen die Syrakuser ganz so, wie er ihnen geraten hatte, und wählten drei, ihn, Hermokrates selbst, Herakleides, Lysimachos' Sohn, und Sikanos, Exekestos' Sohn, zu Feldherren. Auch schickten sie Gesandte nach Korinth und Lakedämon, um beide für ein Bündnis mit Syrakus zu ge­ winnen und die Lakedämonier zu bewegen, den Krieg gegen die Athener ihretwegen offen und nachdrücklicher wieder auf­ zunehmen, um diese zum Abzüge aus Sizilien zu nötigen oder doch daran zu hindern, dem Heere in Sizilien weitere Ver­ stärkungen zu senden.
 
Die Athener aber gingen von Katana mit ihrem Heere sogleich nach Messene unter Segel, in der Hoffnung, eS würde ihnen durch Verrat in die Hände fallen. Die Sache war allerdings verabredet, allein es wurde nichts daraus. Alkibiades nämlich, der darum wußte, hatte es, als er nach seiner Abberufung bereits auf dem Rückwege war und einsah, daß in Athen seines Bleibens nicht sein würde, den Freunden der Syrakuser in Messene gesteckt. Diese ließen erst die Ver­ räter ermorden, rotteten sich dann mit ihren Gesinnungs­ genossen unter Waffen zusammen und setzten es durch, daß die Athener nicht eingelassen wurden. Die Athener blieben etwa vierzehn Tage vor Messene, da sie aber unter der Witterung litten und nichts zu leben hatten, auch keinerlei Fortschritte machten, zogen sie nach Naxos ab, wo sie sich in ihrem Lager verschanzten, um dort zu überwintern. Auch schickten sie eine Triere nach Athen, um sich zum Frühjahr Geld und Reiter auszubitten.
 
Die Syrakuser legten im Laufe des Winters bei der Stadt Befestigungen an. Der Temenites wurde auf der ganzen Seite nach Epipolai in die Ringmauer einbezogen, damit die Stadt im Fall einer Niederlage nicht so leicht in unmittelbarer Nähe durch eine Umwallung eingeschlossen werden könnte. Megara wurde als Außenwerk ausgebaut, ein anderes beim Olympieion. Auch an der See wurden überall, wo eine Landung möglich war, Palisaden errichtet. Als sie hörten, die Athener überwinterten in Naxos, zogen sie mit dem ganzen Heere nach Katana, verwüsteten einen Teil des dortigen Gebiets und steckten die Zelte und das Lager der Athener in Brand. Darauf kehrten sie wieder nach der Stadt zurück. Sowie sie die Nachricht erhielten, daß die Athener mit Rücksicht auf das unter Laches geschlossene Bünd­ nis eine Gesandtschaft nach Kamarina geschickt hätten, um es womöglich auf ihre Seite zu ziehen, schickten auch sie Gesandte dorthin, denn sie hatten die Kamariner in Verdacht, daß sie ihnen schon zu jener ersten Schlacht ihre Truppen nur ungern geschickt hätten und sich unter dem Eindruck des Sieges der Athener in Zukunft überhaupt von ihnen lossagen und durch die alte Freundschaft bewegen lassen würden, zu diesen über­ zugehen. Nachdem Hermokrates aus Syrakus und EuphemoS von seiten der Athener mit einigen andern in Kamarina an­ gekommen waren, hielt HermokratoS in einer Versammlung der Kamariner, um sie von vornherein gegen die Athener ein­ zunehmen, folgende Rede:
 
„Nicht aus Furcht, ihr würdet euch durch die Macht schrecken lassen, mit der die Athener hier jetzt auftreten, sind wir zu euch gesandt, Kamariner, sondern weil wir besorgen, sie könnten euch durch glatte Worte einfangen, bevor ihr auch uns angehört. Denn sie sind nach Sizilien zwar unter einem Vorwande gekommen, der auch euch bekannt ist, aber mit Hintergedanken, über die wir alle unsere Ver­ mutungen haben. Nach meiner Meinung wollen sie nicht die Leontiner in ihre Stadt zurückführen, sondern uns von Haus und Hof vertreiben. Es ist doch sehr unwahrshceinlich, daß sie anderswo Städte zerstören, hier aber wieder aufbauen wollten, daß sie sich der Leontiner als Chalkidier und Stammes­ genossen annehmen sollten, während sie die Chalkidier in Euboia, deren Pflanzvolk diese sind, in Knechtschaft halten. ES ist immer dieselbe Geschichte, wie sie dort ihre Herrschaft aufgerichtet haben, so versuchen sie eS jetzt auch hier zu machen. Nachdem ihnen die Jonier und alle die Bundes­ genossen, die von ihnen abstammten, den Oberbefehl freiwillig zu dem Zweck übertragen hatten, sie an den Persern zu rächen, haben sie sie alle unterjocht. Den einen gaben sie schuld, den Kriegsdienst verweigert, den anderen, sich untereinander bekriegt zu haben, oder was sie sonst für Scheingründe den einzelnen gegenüber ins Feld führen konnten. Und so haben weder sie für die Freiheit der Griechen noch die Griechen für ihre eigene Freiheit gegen die Perser gekämpft, vielmehr sie, um die Griechen aus Untertanen des Königs zu ihren Untertanen zu machen, die Griechen aber, um einen neuen, zwar nicht so einfältigen, aber desto verschlagener« Herrn ein­ zutaushcen.

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