Book 6
In diesem Augenblicke, wo sie im Angesicht der nahen Gefahr von einander Abschied nehmen sollten, leuchtete ihnen die Größe des Wagnisses mehr ein, als damals, als sieden Zug beschlossen. Gleichwohl aber faßten sie wieder Muth beim Anblick der Macht, die sich vor ihnen entfaltete, wenn sie die Fülle Alles Einzelnen betrachteten. Die Fremden aber und der andere Hause waren gekommen, um das, was so großartig und kaum glaublich erschienen war, mit eigenen Augen verwirklicht zu sehen.
Denn zum ersten Male bis auf diese Zeit ging aus einer einzigen Stadt und von Einer hellenischen Macht eine so kostspielige und prachtvoll ausgerüstete Unternehmung aus. Zwar war an Zahl der Schiffe und der Schwerbewaffneten auch diejenige nicht geringer, welche unter PerikleS gegen EpidauroS und danach unter Hagnon gegen Potidäa ging 2'); denn damals waren viertausend Schwerbewaffnete von den Athenern und dreihundert Reiter und hundert Dreiruderer, und von den LeSbiern und Ehiern fünfzig Fahrzeuge und dazu noch viele andere Bundesgenossen mitgezogen; aber sie waren 51) Vergl. II, 56 und 58. nur zu einem Unternehmen von kurzer Dauer und auch sonst nur mit 415 v. Chr. schwacher Rüstung ausgefahren. Dieser Zug aber war auf längere Dauer berechnet und in beiderlei Hinsicht, mit Schiffen nämlich und Landtruppen zugleich ausgerüstet, damit man sich nöthigen Falls der Einen wie der Andern bedienen könne, und die Flotte war mit großem Geldaufwand von Seiten der Schiffsherrn und des Staates hergestellt worden. Aus dem Staatssäckel nämlich erhielt Jeder von der Bemannung eine Drachme des TageS und der Staat hatte die leeren Schiffe^) gestellt, sechzig Schnellsegler und vierzig Lastschiffe für die Schwerbewaffneten^), und dazu die besten Ruderer; die Schisssherrn aber gaben der Mannschaft aus der obersten Ruderbank und den übrigen Ruderern zu der Staatslöhnung noch eine Zulage aus Eigenem und brachten auch sonst kostbare Schiffsbildei und andere Ausstattungsstücke an, und jeder Einzelne machte die allergrößten Anstrengungen, damit sein Schiff sich durch Schönheit und Schnelligkeit am meisten auszeichne. Bei derAushebung des 52) Vergl. Anm. II. Buch III. 53) Sonst gewöhnlich nur drei Obolen. (Die Drachme hat K Obolen. l OboloS l Sgr. Is/4 Pf.) Der Komiker Theopomp (kollin IX, K4) sagt: mit zwei Obolen Sold ernährte der Soldat eine Frau, mit 4 Obolen befände er sich vollends glücklich. 54) Der Staat lieferte den Rumpf des Schiffes, Sold und Verpflegung. Der SchiffSherr (Trierarch) hatte das Takelwerk u. dgl. zu beschaffen. 55) Die Dreirudrer (Trieren) sind von zweierlei Art, entweder schnelle, eigentliche Kriegsschiffe, oder Soldatenfchifse. hier Lastschiffe für Schwerbewaffnete genannt. Die letzteren sind mit Landtruppen überfüllt, welche zum Uebersetzen eingenommen werden, und deßhalb undehülslich, daher sie nur im Nothfall und dann schlechter fochten. Auf vierzig solchen Fahrzeugen werden Slvv Schwerbewaffnete übergesetzt, welche mit ihren Dienern über 25V Mann aus ein Schiff, ohne die Rudermannschast, ausmachen. Selten sind die Schwerbewaffneten in einem solchen Fall zugleich die Ruderer. Böckh, Staatshaushalt der Athener I, S. 386 f. 56) Die Bemannung der schnellen Trieren besteht t) aus den Soldaten, welche zur Vertheidigung derselben bestimmt sind (Epibaten) und 2) aus den Matrosen. Diese sind entweder beim Steuer. Segeln, Tauwerk. Pumpen n. dgl. beschäftigt, oder sie sind eigentliche Ruderer. Die aus der obersten der drei Ruderbänke sitzenden, welche also die längsten Ruder und die schwerste Arbeit hatten, hießen Thraniten, die aus der mittleren Zygiten, auf der unteren Thalamiten. 57) Abbildungen von Göttern, Herden, Thieren u. dgl., gleichsam Wappen der Schiffe, nach denen sie benannt wurden. (Kr.) 415 v. Chr. LandheereS aber war man auf das Gewissenhafteste zu Werk gegangen 68), und in Bezug auf Waffen und Bekleidung des Körpers wetteiferte man unter sich mit der größten Anstrengung. Dazu kam noch unter den Einzelnen der Wettstreit in Ausführung der Dinge, über die ein Jeder gesetzt war, und gegenüber den andern Hellenen schien das Ganze mehr eine Schaustellung des Reichthums und der Macht, als eine Kriegsrüstung gegen Feinde. Denn hätte Einer den öffentlichen Staatsaufwand und die besonderen Ausgaben der Mitschiffenden berechnet, wie viel nämlich der Staat bereits aufgewendet hatte und was er jetzt den Feldherren mitgab, und was jeder Einzelne für seine Person und jeder Schiffsherr für sein Schiff bereits ausgegeben hatte und noch auszugeben gewillt war, ganz abgesehen von dem, was natürlicher Weise außer dem öffentlichen Solde Jeder 58) Dies war nicht immer der Fall. Bei AristophaneS, Ritter 1369 ff., wo in dieser Beziehung Besserung versprochen wird, heißt es: Wie Einer auf der Kriegerlist' einmal Notirt ist, also bleibt'S, trotz aller Gönner; Kein Iota soll daran geändert werden. und Frieden N79 ff.: .... die gottverwünschten Rottenherrn — — Kaum zu HauS dann eingetroffen, thun sie Nicht? als Scheußliche», Schreiben uns in ihre Rotten, löschen uns hinwiederum, Schreiben wieder, löschen wieder. »Morgen wird in's Feld gerückt.- Keine Zehrung kauft der Nachbar, nicht geworden hält er sich; Plötzlich vor PandionS Säule tretend, ließt der arme Schelm Seinen Namen, und läuft entsetzt, mit Essigblicken, hin und her. Also thun sie uns dem Landvolk; minder schlimm dem Städtervolk — Doch sie sollen Rechenschaft noch. will'S ein Gott, ablegen mir! D. h. die Aushebung der Dienstplfichtigen geschah nach Gunst; der bestochene Rotten- Herr (Tariarch) gab diesen frei. schrieb jenen auf. löschte den AuSgehobenm wieder u.f. w. Viele wußten daher nicht genau, ob sie zum Kriegsdienst ausgehoden waren oder nicht. Die Namen derjenigen, die wirklich eintreten sollten, waren auf Säulen geschrieben, deren zwölf in Athen waren. Mancher, der frei zu sein glaubte, oder glücklich durch- -gekommen, fand nun zufällig, als schon die Zeit da war, wo ausgerückt werben sollte, seinen Namen auf einer solchen Säule. Zu diesem Schreck kam nun die Nothwendigseit, sofort sich marschfertig zu machen. Minckwitz zu Ar. Auch die Schiffsherrn betrogen gelegentlich den Staat; sie verstopften einige Ruderlöcher in dem vom Staat gelieferten SchiffSrumpf, sparten also die Auslagen für die Ruder und steckten den StaatSsold für die ausgefallenen Ruderer selbst ein. Aristoph. Frieden V. 1228 ff. an Reisegeld für einen so langdauernden Feldzug, oder was einzelne 415 v. Chr. Soldaten und Kaufleute zum Umsatz mitnahmen, so würde man finden, daß zusammen gar viele Talente aus der Stadt gewandert sind 29). Und dieser Kriegszug wurde nicht weniger berühmt durch die staunenswerthe Kühnheit des Wagnisses und durch Glanz und Pracht deS Schauspiels, als durch Ueberlegenheit an Truppenzahl über die, gegen welche er gerichtet war, und dadurch, daß nie ein Seezug auf so große Weite von der Heimat weg unternommen worden war, und nie mit so großer Hoffnung auf bevorstehende Vergrößerung der vorhandenen Macht.
Als nun die Schiffe bemannt waren und Alles an Bord gebracht, was man mitnehmen wollte, so wurde mit der Trompete das Zeichen zur Stille gegeben, und nicht aus jedem Schiffe einzeln, sondern Alle zugleich verrichteten dann die herkömmlichen Gebete vor der Abfahrt, wozu ein Herold die Worte vorsprach, indem man zugleich längs der ganzen Heeresaufstellung den Wein in den Krügen mischte und Offiziere und Soldaten aus goldenen und silbernen Bechern spendeten. Das übrige Volk betete vom Land aus mit, sowohl die Bürger, als wer sonst anwesend und freundlich gesinnt war. Dann stimmten sie den Kriegsgesang an, und nachdem das Spendopser vollendet war, fuhren sie ab, Anfangs in langem Zuge segelnd und bis Aegina hin in Schnelligkeit wetteifernd. — Diese also beeilten sich nach Kerkyra zu gelangen, wo auch die übrige Macht der Bundesgenossen sich sammelte.
Nach Syrakus aber kam Botschaft von vielen Seiten, daß die Flotte heransegele, aber lange wurde sie nicht geglaubt, sondern sogar in einer abgehaltenen Volksversammlung hörte man noch beiderlei Redner, sowohl solche, welche an den HeereSzug der Athener glaubten, als 59 PerikleS pflegte regelmäßig sechzig Schiffe acht Monate in See zu halten und zu besolden; schon diese kosteten jährlich 480 Talente, wenn der Mann täglich eine Drachme erhielt. Wie konnte aber Athen die Löhnung und Verpflegung für mehr all 60.000 Mann im sicilischen Kriege ausbringen. da diese 3600 Talente in einem Jahre kosten mußten, d. i. Z.950,000 Thlr. — fast das Doppelte der jährlichen Einkünfte! Kein Wunder also, daß ungeachtet der hohen Tribute und Bedrückung der Bundesgenossen, wenn auch die selbstständigen unter diesen ihre Truppen etwa selbst besoldeten, sehr bald Geldmangel entstand. Böckh, StaatSH. d. A. I, ZS6 f. 415 v. Chr.' auch solche, die das Gegentheil behaupteten. Auch Hermokrates, des Hennon Sohn, trat auf wie Einer, der die Wahrheit gewiß weiß. und redete, um sie anzuspornen, also: s
„Zwar werde ich bei euch, ebenso wie auch Andere, vielleicht keinen Glauben finden, wenn ich behaupte, daß in der That eine Flotte gegen uns ausgefahren ist, und ich weiß auch, daß die, welche unglaublich Scheinendes sagen oder melden, nicht nur keine Ueberzeugung erwecken, sondern sogar für Thoren gehalten werden. Aber wenn die Stadt in Gefahr ist, werde ich nicht aus Scheu vor einem solchen Vorwurf schweigen, weil ich die Wahrheit weiß und deßhalb überzeugt bin, euch Zuverlässigeres sagen zu können, als ein Anderer. Was euch so wunderbar scheint, ist wahr: die Athener ziehen mit großer Land- und Seemacht gegen euch heran, indem sie ihre Bundesgenossenschaft mit den Egestanern und die Wiederherstellung von Leontini zum Vorwand nehmen, in der That aber aus Begierde nach dem Besitze Siciliens, und vorzüglich nach dem eurer Stadt, im Glauben, leicht alles Andere erobern zu können, wenn sie die erst haben. Da sie nun bald hier sein werden, so seht zu, auf welche Weise ihr mit den vorhandenen Mitteln euch am besten ihrer erwehren könnt, damit ihr nicht wegen Verachtung der Gefahr ungerüstet überrascht werdet und in eurer Ungläubigkeit Alles vernachlässigt. Wer aber jetzt glaubt, der darf darum wegen ihrer Kühnheit und Macht nicht Muth und Besinnung verlieren, denn sie werden nicht im Stande sein, uns mehr Schaden zu thun, als wir im Stande find, ihnen zuzufügen. Auch ist es sogar nicht ohne Nutzen für unS, daß sie mit so großer Macht heranziehen, vielmehr bringt uns dieß den übrigen Sikelioten gegenüber Vortheil, denn um so eher werden diese aus gleicher Furcht uns im Kampfe beistehen. Und wenn wir sie entweder überwältigen, oder doch wenigstens unverrichteter Dinge heimschicken — denn ich fürchte durchaus nicht, daß sie ihre Absichten erreichen werden — so wird uns der Rubm der herrlichsten That zu Theil werden, und daß dem so sein wird, dessen bin ich meinestheilS voller Hoffnung. Denn nur wenige von so großen Feldzügen auf weite Entfernung vom eigenen Lande weg sind gelungen, weder von Seiten der Hellenen, noch auch der Barbaren. Denn sie kommen ja auch nicht in größerer Zahl als die Einwohner dieser Stadt und ihre Gränznachbarn — denn die Alle werden aus Furcht zu uns stehen — 415 v. Chr. und wenn sie aus Mangel an Lebensmitteln im fremden Lande em Unheil trifft, so werden sie gleichwohl uns, den Angegriffenen, einen ruhmvollen Namen zurücklassen, wenn sie auch an ihrem Unglück zum größten Theil selber Schuld sind. Grade so find ja auch eben diese Athener, damals als die Medifche Macht wider alle Berechnung so vielfaches Unheil traf, an Ruhm-gewahcsen, weil es eben hieß, daß der Zug gegen Athen gerichtet war, und ich habe gute Hoffnung, daß uns jetzt das Gleiche zu Theil werde."
„So laßt uns also Muth fassen und sowohl hier am Platz das Nöthige vorbereiten,.als auch zu den Sikulern schicken, um uns der Einen noch .mehr zu versichern und mit den Andern Freundschaft und Bundesgenossenschast zu schließen versuchen. Und in das übrige Sieilien wollen wir Gesandte schicken, um Alle zu belehren, daß die Gefahr gemeinsam ist, und nach Italien, um entweder ihre Bundesgenossenschast zu gewinnen, oder doch zu bewirken, daß sie die Athener nicht aufnehmen. Es scheint mir auch vortheilhaft zu sein, wenn wir nach Karthago schicken; denn die Sache kommt ihnen dort nicht unerwartet, sondern sie sind ununterbrochen in Angst, die Athener möchten einmal gegen ihre eigene Stadt heranziehen, und sie müssen leicht die Ueberzeugung gewinnen, daß wenn sie unser Schicksal übersehen, auch sie selbst wohl in Gefahr wären. Es ist also zu glauben, daß sie uns entweder heimlich oder offen oder auf irgend eine Weise zu unterstützen geneigt sind. Und die Macht dazu haben sie jetzt von Allen am meisten, wenn sie nur wollten; denn Gold und Silber, woraus, wie alles Andere, so auch der Krieg Nahrung und Gedeihen zieht, besitzen sie in der größten Menge. Aber auch nach Lakedämon und Korinth wollen wir Gesandte schicken und sie bitten, in aller Eile uns hieher zu Hülse zu kommen und dort im Lande den Krieg noch kräftiger zu führen."
„Was ich aber für das Allervortheilhafteste und Angenehmste halte, woraus ihr jedoch, weil ihr an beständige Ruhe gewöhnt seid, gleichwohl nicht sehr eifrig eingehen werdet, soll trotzdem gesagt werden. Denn wenn wir sieilische Griechen insgesammt, oder wenn schon das nicht, doch die Mehrzahl derselben im Anschlüsse an uns, mit allen vorhandenen Schiffen und Lebensmitteln auf zwei Monate 415 v. Chr. ausliefen und den Athenern nach Tarent und dem Japygischen Vorgebirge entgegen segelten und ihnen so zeigten, daß sie zuerst um die Uebersahrt über den Ionischen Busen zu kämpfen haben, bevor es zum Kampf um Sieilien kommt, so würden wir sie wohl am meisten in Schrecken setzen, denn so würden wir es ihnen einleuchtend machen, daß wir in einem befreundeten Gebiete — Tarent nimmt uns ja auf — als Wächter unserer Heimat einen Anker - und Waffenplatz finden, während sie selbst mit ihrer ganzen Schiffsmenge über ein weitgedehntes Meer fahren müssen, so daß eS ihnen schwer ist, bei der Länge der Fahrt in Ordnung zu bleiben, während das langsame und allmälige Anfahren ihrer Schiffe uns den Angriff sehr leicht macht. Wenn sie aber den schnellsegelnden Theil ihrer Flotte mehr zusammenhalten und nach Erleichterung der Schiffe uns angreifen sollten und sich dabei der Ruder bedienten, so könnten wir über sie herfallen, nachdem sie sich abgemüdet hätten; und sollten wir das nicht für gut finden, so können wir uns auch nach Tarent zurückziehen. Sie aber würden in diesem Fall, da sie nur mit wenig Lebensmitteln versehen, wie zur Seeschlacht übergefahren wären, in den verlassenen Gegenden Mangel leiden und, wenigste daselbst blieben, ^von unsern Schiffen^ eingeschlossen werden; oder wenn sie es versuchen sollten, längs der Küste hin weiter zu fahren, so müssen sie wohl ihre übrige Belastung zurücklassen und den Muth verlieren, da sie hinsichtlich der Städte nicht sicher wären, ob sie von denselben ausgenommen würden. Durch diesen Plan, glaube ich, würden sie sich zurückhalten lassen und wohl nicht einmal von Kerkyra absegeln, sondern sich lang hin und her berathen und Kundschafter ausschicken, um unsere Zahl und Standort zu erfahren, und so über die gute Jahreszeit hinaus bis zum Winter aufgehalten werden; oder sie werden aus Bestürzung über die unerwartete Hemmung die Fahrt ganz aufgeben, zumal auch der erfahrenste ihrer Feldherren, wie ich höre, nur ungern die Anführung übernommen hat und den Vorwand sehr gern ergreifen würde, wenn unserseits sich eine ansehnliche Macht zeigte. Auch weiß ich gewiß, daß die Zahl unserer Schiffe ihnen vergrößert berichtet wurde; die Meinungen der Menschen aber richten sich nach dem, was sie hören, und diejenigen werden immer mehr gefürchtet, welche den Angreifenden zuvorkommen, oder ihnen doch wenigstens schon vorher zeigen, daß sie sich zuwehren entschlossen 415 v. Chr. sind, denn so erkennen jene doch, daß die Gefahr gleich getheilt ist. >
„Und das würde jetzt auch bei den Athenern der Fall sein. Denn sie ziehen so gegen uns daher, als ob wir uns gar nicht wehren wollten; und diese Geringschätzung haben wir von ihnen verdient, weil wir den Lakedämoniern nicht geholfen haben, ihre Macht zu stürzen. Wenn sie nun aber sähen, daß wir ganz wider ihr Erwarten uns kühn und wagend zeigen, so würden sie durch diese Ueberraschung in größere Bestürzung gerathen, als wie unsere wirkliche Macht sie verdiente. Folgt mir also und wagt vor Allem dieses! Wenn aber das nicht, so trefft so rasch als möglich alle sonstigen Vorkehrungen zum Krieg, und es glaube Jeder, daß die Verachtung gegen den Angreisenden sich in der Herzhaftigkeit der Vertheidigung zeigt; und in der Ueberzeugung, daß behutsame Gegenrüstung uns die meiste Sicherheit verbürgt, müssen wir es für das Nützlichste halten, sofort zu handeln, wie es bei drohender Gefahr geboten ist. Denn die Athener kommen wirklich, und ich weiß gewiß, daß sie schon auf der Fahrt begriffen sind, ja sie sind fast schon so gut wie da."
So redete Hermokrates; das Äolk der Syrakusier aber gerieth unter sich in großen Streit, denn die Einen meinten, daß die Athener unmöglich kommen könnten, und was Hermokrates gesagt habe, sei nicht wahr; die Andern aber sagten: und wenn sie wirklich kämen, was sie ihnen denn anthun könnten, ohne selber noch Größeres dafür leiden zu müssen. Noch Andere hielten die ganze Sache nicht für des Redens werth und zogen sie in's Lächerliche. Einige Wenige aber glaubten dem Hermokrates und waren besorgt wegen der Zukunft. Da trat aber Athenagoras auf, der bedeutendste Führer der Volkspartei, welcher unter den damaligen Verhältnissen bei den Meisten das größte Vertrauen genoß, und redete also:
„Wer nicht selber wünscht, daß die Athener auf solche Thorheit verfallen, hieher zu kommen, um sich uns in die Hände zu geben, der ist entweder feig, oder meint es nicht gut mit der Stadt. Ueber die Keckheit derjenigen aber, welche euch dergleichen ankündigen, um euch recht Angst zu machen, wundere ich mich keineswegs, wohl aber über ihre Dummheit, wofern sie nämlich glauben, nicht durch- schaut zu werden. Wer nämlich für seine Person etwas zu fürchten 4l5 v. Chr. hat, der will sogleich den ganzen Staat in Furcht und Verwirrung setzen, um unter der allgemeinen Furcht die seinige zu verstecken, und ein anderer Kern ist denn auch hinter diesen Botschaften nicht zu suchen: sie sind keineswegs von selbst entstanden, sondern von Leuten erdichtet, welche von jeher in unsere Angelegenheiten Verwirrung bringen wollen. Ihr aber, sofern ihr euch gut zu berathen denkt, werdet nicht nach dem Gerede dieser Männer auf die wahrscheinliche Wahrheit schließen wollen, sondern nach dem, was so tüchtige und vielerfahrene Menschen, wie es die Athener meiner Meinung nach sind, wohl thun würden. Denn es ist nicht wahrscheinlich, daß sie die Peloponnesier im Rücken lassen und, ohne noch den dortigen Krieg aus eine für sie sichere Weise beendigt zu haben, aus freiem Entschluß zu einem andern, nicht unbedeutenderen Krieg ausziehen sollten. Ich bin vielmehr im Gegentheil der Meinung, daß sie recht froh find, wenn wir, ein Bund von so vielen und großen Städten, nicht gegen sie ziehen."
„Und wenn sie dennoch, wie man behauptet, wirklich kämen, so ist meiner Meinung nach Sieilien besser im Stande, als der Peloponnes, sie mit den Waffen gänzlich zu besiegen, da es ja in allen Stücken mit besseren Mitteln dazu versehen ist; ja diese unsere eigene Stadt für sich allein halte ich für weit überlegen, selbst wenn die Heeresmacht, die gegen uns im Anzug sein soll, noch einmal so stark wäre, als man sie angibt. Denn so viel ich verstehe, werden sie weder selbst Pferde mitbringen, noch sich solche von hier verschaffen können, außer einige wenige von den Egestanern; und auch die Schwerbewaffneten, die auf Schiffen mitkommen, können den unsrigen an Zahl nicht gewachsen sein. Denn eS wäre schon ein großes Ding, mit den Schiffen allein ohne die schwere Mannschaft eine so weite Fahrt hieher zu unternehmen, da ja auch die sonstige Rüstung nicht gering ist, die man gegen eine so große Stadt doch mitnehmen muß. Und davon bin ich so fest überzeugt, daß ich sogar glaube, die Athener würden selbst dann kaum völliger Vernichtung entgehen, wenn sie noch eine zweite, ebenso große Stadt wie Syrakus, besäßen und hier im Land ansässig, als unsere Nachbarn, aus nächster Nahe den Krieg gegen unS führten, geschweige denn jetzt, wo sie ganz Sicilien sich feindlich gegenüber haben, — denn es wird zusammenhat ten gegen sie — und von ihrem Schiffslager mit Zeltchen und nur 415 v. Chr. notydurftlgem Gerathe sich unserer Reiter wegen nicht einmal weit entfernen könnten. Ja, ich glaube überhaupt nicht einmal, daß sie sich nur am Lande werden behaupten können..Für so überlegen halte ich unsere Macht."
„Aber ich weiß wohl, daß die Athener recht gut.selber einsehen, was ich da sage, und das Ihrige zu erhalten suchen werden, und diese Leute aus unserer Mitte erfinden da Dinge, die weder wirklich sind, noch auch sein können, und ich weiß, daß sie nicht heute zum ersten Mal, sondern von jeher, mit ähnlichen und noch gefährlicheren Lügen, ja auch mit Thaten, die große Menge unter euch in Verwirrung setzen wollen, um die Zügel der Herrschast über unsere Stadt selber zu ergreifen. Ich fürchte nur, daß es ihnen bei.so vielfachen Versuchen endlich auch einmal gelingen werde. Wir aber sind Feiglinge, wenn wir uns nicht sicher vor ihnen stellen, bevor wir^noch in's Unglück gerathen sind, und ihnen nicht sogleich zu Leibe gehen, wenn wir hinter ihre Schliche kommen. Denn das sind ja die Ursachen/ weßhalb unsere Stadt so selten zur Ruhe kommt und. so viel Aufruhr und Kampf durchzumachen hat, nicht gegen die Feinde, sondern mehr in sich selber, und selbst schon Tyrannis und ungerechte Gewaltherrschaft Weniger. Ich meines Theils, sofern ihr mir folgen wollt, werde schon dafür sorgen, daß in unseren Tagen Nichts dergleichen unversehens über euch komme, indem ich euch, die ihr das Volk seid, belehre, und jene, die dergleichen im Schilde führen, züchtige, nicht nur, wenn sie aus offener That ertappt werden, denn es. ist schwer, ihnen beizukommen, sondern auch für das, was sie gern möchten, aber nicht können. Denn seinen Feinden gegenüber muß man sich nicht nur vor ihren Thaten, sondern auch vor ihren Plänen im Voraus schützen. Wer sich nicht zuerst schützt; heißt es, der muß zuerst leiden. Die aber nach Adelsherrschast trachten, denen werde ich ihre Pläne offen aufdecken und ein wachsames Auge auf sie haben, oder sie zum Besseren bekehren; denn so glaube ich sie am besten von Uebelthaten abzuhaltend Und in der That — denn oft habe ich darüber meine Gedanken gehabt — was wollt ihr denn eigentlich, ihr jungen Leute (Adelige)? Etwa schon Aemter und Würden? Das ist ja vom Gesetz nicht erlaubt, und das Gesetz ist mehr deßhalb. ThukydideS. VI. 8 415 v. Chr. gegeben worden, weil es euch für unfähig dazu hält, als weites euch trotz wirklicher Befähigung zurücksetzen wollte. Und warum wollt ihr denn nicht dasselbe Recht für euch, wie für das Volk? Wo bliebe denn'die Gerechtigkeit, wenn Bürger desselben Staates nicht dieselben Rechte hätten?" nsz
'„Nun wird der Ein6 oder der Andere sagen, Volksherrschaft habe weder Verstand, noch gewähre sie Gleichheit, und die Reichen seien zum gut Regieren am geschicktesten. Ich aber sage'für's Erste, daß unter dem Volke Alle einbegriffen sind, der Adel aber nur einen Theil bildet,'^— dann,, daß zwar die Reichen die Finanzen am besten leiten können, zum Berathen jedoch die Verständigen die Besten sind, und zum Entscheiden das ganze Volk; nachdem es diese angehört hat. Und so haben alle Klassen im Ganzen wie im Einzelnen bei einer Volksherrschaft gleiche Rechte. Eine Adelsherrschast aber läßt zwar der Masse ihren Antheil an den Gefahren-vom Nutzen aber zieht sie nicht nur den größeren Theil, sondern sie. steckt ihn: gleich ganz und gar ein. Und das ist es auch, wonach ihr Reichen und ihr jüngeren Leute strebt, doch in einer großen Stadt ist das nicht durchzusetzen. Aber wenn ihr dümmsten aller Menschen auch jetzt noch nicht einseht, daß ihr Unheilvolles herbeizuführen strebt, so entbehrt ihr entweder unter allen Hellenen, von denen ich weiß, am meisten jeder Einsicht, oder ihr seid die größten Schurken, sosern ihr nämlich mit Wissen solches wagt." .. i i '
„So nehmt also entweder bessere Einsicht an, oder geht in euch und laßt ab von euren Plänen und sucht das. Gemeinwohl des Ganzen zu heben. Bedeutet, daß ihr Vornehmeren Ms diese Weise, nicht nur den gleichen, sondern doch den größeren Antheil haben werdet, daß ihr aber Gefahr lauft, Alles zu verlieren; wenn ihr andere Absichten verfolgt. Laßt ab von solchen Meldungen, denn ihr habt Männer vor euch, die eure Pläne merken und.nicht in die Falle gehen. Denn diese Stadt, wenn die Athener auch kommen sollten, wird sich ihrer erwehren, wie es ihrer würdig ist, und wir. haben Feldherren, welche diese Dinge in's Auge fassen werden. Und wenn, wie ich gar. nicht zweifle, Nichts von Alle dem wahr ist, so wird sich die Stadt durch eure Meldungen, nicht so.in Schreck setzen lassen, um euch zu Befehlshabern zu wählen, und sich das Joch der Knechtschaft selbst auf den Nacken zu legen; sie wird vielmehr selbst «15 v. Chr. für sich sorgen und wird über diese eure Lügenworte, die so viel wie Thaten wiegen, zu Gericht sitzen. Sie wird sich nicht auf solche Gerüchte hin der Freiheit berauben lassen, deren sie genießt, sondern sie zu behaupten suchen, indem sie sich durch die That schützt und euch nicht nach Belieben gewähren läßt."
So redete Athenagoras. Dann aber trat einer der Feldherren auf, indem er für dießmal jedem Andern das Wort entzog 6"), und sprach in Betreff des Vorliegenden Folgendes:
„Es ist weder klug gethan, wenn die Einen gegen die Andern Verläumdungen vorbringen, noch auch wenn die Zuhörer denselben Glauben beimessen, vielmehr muß man auf die eingelaufenen Meldüngen hin darauf sehen, wie wir Alle, jeder Einzelne wie der ganze Staat, uns rüsten sollen, um die nahenden Angreifer rühmlich abzu? wehren. Und wenn es schließlich doch nicht dazu kommt, so ist es ja kein Schade für das Gemeinwesen, wenn wir uns mit Pferden und Waffen und was sonst im Kriege Zuversicht gibt, auf's Beste versehen, — die Sorge dafür, sowie die Musterung, werden wir (Feldherren) selbst übernehmen, sowie auch für die Gesandtschaften nach den vershciedenen Orten, sowohl des Kundschaftens wegen, als auch wenn sonst etwas ersprießlich scheint. Zum Theil haben wir dafür schon Vorsorge getroffen, und was wir erfahren, das werden wir vor euch bringen."
Nachdem der Feldherr dieß gesprochen hatte, wurde die Volksversammlung der Svrakufaner aufgelöst.
Die Athener aber und ihre Bundesgenossen waren bereits Alle bei Kerkyra vereinigt. Und zuerst nun veranstalteten die Feldherren eine Nachmusterung und Einteilung des Heeres, in welcher Ordnung nämlich dasselbe vor Anker gehen und lagern sollte!, Sie machten drei Theile und verloosten diese unter sich, damit sie — je ein Geschwader einem Feldherrn zugetheilt — nicht bei, vereinter Fahrt wegen des Wassers und der Hafenplätze und der Lebensmittel bei den Landungen in Verlegenheit geriethen und auch sonst in besse 60) Die Feldherren (15 an der Zahl, vergl. Vll, 72) hatten also die Leitung der Volksversammlung. (Kr.).... 8* 415 v. Chr. rer Ordnung und leichter zu dirigiren wären. Dann schickten sie drei Schiffe nach Italien und Sieilien voraus, die in Erfahrung bringen sollten, welche Städte sie aufnehmen würden. Denselben war angesagt, der Flotte wieder entgegen zu steuern, damit diese ihren Berichten gemäß die weitere Fahrt einrichten könne.
Danach gingen die Athener sofort von Kerkyra aus unter Segel und traten die Ueberfahrt nach Sieilien an, und zwar im Ganzen mit einhundert und vierunddreißig Dreirude'rern und zwei Rhodifchen Fahrzeugen zu fünfzig Rudern. Davon gehörten den Athenern hundert, von denen wieder sechzig Schnellsegler, die andern Soldatenschiffe waren; die übrige Schiffszahl vertheilte sich unter die Chier und die andern Bundesgenossen. An Schwerbewaffneten führten sie im Ganzen mit fünftausend einhundert. Darunter waren von den Athenern eintausend fünfhundert aus der Dienstrolle und siebenhundert Schiffssoldaten aus der untersten Büraerklasse ^die übrigen, welche noch mitzogen, waren von den Bundesgenossen, und zwar zum Theil von den Unterthanen — 2150 —, die andern aber von den Argivern — fünfhundert — und von den Mantineern und Miethlingen — zweihundert und fünfzig. Die Zahl aller Bogenschützen war vierhundert und achtzig, darunter sechzig Kretenfer; dazu noch siebenhundert Rhodische Schleuderer und einhundert und zwanzig Verbannte aus Megara, die als Leichtbewaffnete dienten, und ein Pferdeschiff mit dreißig Reitern.
So zahlreich war die erste Heeresmacht, die zum Kriege überschiffte, und ihr folgten die Lastschiffe, welche die nöthigen Bedürfnisse mitführten, und zwar dreißig mit Getreide beladen und mit den. Bäckern und Steinmetzen und Zimmerleuten und den übrigen Handwerkern, die zum Bau der Schanzen von Nutzen sind; dazu kamen noch hundert Fahrzeuge, von Staatswegen zur Begleitung der Lastschiffe gepreßt, und noch viele andere Fahrzeuge und Lastschiffe, die des Handels wegen dem Heereszug freiwillig folgten. Alle diese 61) Zum Dienst der Schwerbewaffneten waren eigentlich nur die Zeugiten verpflichtet. die hier als die aus der Dienstrolle oder Stammliste bezeichnet werden. Aus der untersten Bürgerklasse (Theten) und aus den Schulzmannschasten wurden nur ausnahmsweise tüchtigere Leute zugezogen, die dann der Staat selbst bewaffne« mußte! Schiffe fuhren damals von Kerkyra aus über den Ionischen Meer- 4l5 v. Chr. busen. Die ganze Flotte hielt auf das Japygische Vorgebirg zu und dann auf Tarent, und wie grade die einzelnen Schiffe es bewerkstelligen konnten; und so fuhren sie an der Italischen Küste hin, in-« dem die dortigen Städte sie weder zum Markt, noch in ihre Mauern zuließen, wohl aber das Ankern und Wasserholen gestatteten,— Tarent und Lokri aber nicht einmal dieß —, bis sie nach Rhegion gelangten, an der Spitze von Italien. Hier vereinigten sich alle wieder, und da die Stadt sie nicht aufnahm, so schlugen sie außerhalb derselben ein Lager beim Heiligthum der Artemis, wo man ihnen auch einen Markt gewährte; die Schiffe zogen sie an's Land und ruhten aus. Mit den Rheginern knüpften sie Unterhandlungen an und ließen ihnen sagen, als Chalkidier sollten sie eigentlich den Chalkidischen Leontinern Hülfe leisten. Diese aber antworteten, sie wollten es mit keinem von beiden Theilen halten, sondern was die übrigen Jtalioten gemeinsam beschließen würden, das wollten auch sie thun. Die Athener aber überlegten jetzt, wie sie sich in Bezug auf die Verhältnisse in Sieilien am besten benehmen würden, und warteten, bis die vorausgeschickten Schiffe von Egesta zurückkämen, denn sie wollten auch wissen, wie sie in Betreff der Geldsummen daran seien, von denen die Gesandten zu Athen geredet hatten.
Den Syrakusanern war unterdessen bereits von. vielen Seiten und auch durch ihre Kundschafter als unzweifelhaft gemeldet worden, daß die Schiffe in Rhegion seien, nnd demgemäß trafen sie denn mit allem Eifer ihre Vorkehrungen und zeigten sich nicht länger ungläubig. Zu den Sikulern schickten sie theils Späher zur Beobachtung, theils Gesandte, und in die Kastelle im Land legten sie Besatzungen und in der Stadt veranstalteten sie eine Musterung der Waffen und Pferde, ob Alles in gehörigem Zustande sei, und auch sonst trafen sie ihre Anstalten, wie zu einem nahe bevorstehenden und fast schon vorhandenen Krieg.
Die vorausgeschickten Schiffe aber kamen von Egesta zu den Athenern bei Rhegion und meldeten, daß nur dreißig Talente wirklich vorhanden seien, alle anderen Summen, welche jene,versprochen hätten, aber nicht. Da befiel nun die Feldherrn sogleich Muthlofigkeit, weil ihnen gleich von vorn herein das Erste wider Erwarten 415 v Chr. feindlich ausgefallen war, und auch die Rheginer, bei denen sie ihre UeberredungSkunst zuerst versucht, und von denen, als Verwandten der Leontiner und auch ihrer selbst, und sonst immer freundlich gesinnt, es doch am ersten zu erwarten gewesen wäre, nicht mit ihnen ziehen wollten. Dem Nikias zwar kam die Nachricht von den Egestanern ganz erwartet, die beiden Andern aber waren vor den Kopf gestoßen. Die Egestaner nämlich hatten sich damals, als die ersten Gesandten der Athener zur Beaugenshceinigung des vorhandenen Geldes zu ihnen gekommen waren, die folgende List ausgedacht. Sie führten jene in das Heiligthum der Aphrodite auf dem Eryx und zeigten ihnen die Weihgeschenke, Schalen und Weinkannen und Rauchfässer und sonstiges Geräthe in Menge, welches alles von Silber war und den Schein eines Reichthums gewährte, dem der wirkliche geringe Geldwerth keineswegs entsprach. Auch veranstalteten sie in den Bürgerhäusern Gastereien für die Schiffsmannschaft und hatten zu denselben die goldenen und silbernen Trinkgeschirre aus ganz Egesta gesammelt und aus den benachbarten Phönikischen und Hellenischen Städten sich ausgebeten und stellten sie nun bei diesen Schmausereien zur Schau, als ob es ihr Privateigenthum sei. Und da. sich fast Alle immer nur derselben Geschirre bedienten und dieselben demnach überall in großer Zahl zum Vorschein kamen, so erregten >sie bei den Athenern von den Schiffen großes Staunen, und als sie dann nach Athen zurückkamen, erzählten sie überall, daß sie viele Schätze gesehen hätten. Sie waren also selbst getäuscht worden und hatten Andere getäuscht; als aber jetzt die Nachricht kam, daß zu Egesta kein Geld vorhanden sei, mußten sie von den Soldaten viele Vorwürfe anhören.
Die Feldherren aber beriethen sich, was nun zu thun sei, und Nikias war der Meinung, man solle mit der ganzen Macht gegen Selinus steuern, zu welchem Zwecke sie ja auch hauptsächlich ausgeschickt worden seien, und wenn die Egestaner für das ganze Heer die nöthigen Geldmittel leisteten, so könne man sich dann weiter berathen; wenn aber nicht, so solle man von ihnen verlangen, daß sie die Erhaltungskosten für die sechzig Schiffe, um welche sie ja auch gebeten hätten, tragen sollten. So könne man bleiben und die Selinuntier entweder durch Gewalt, oder vermöge eines Vertrags, zum Frieden mit jenen bewegen, und danach bei den andern Städten vor- 415 v. Chr. überfahren,' um ihnen die Macht des Athenischen Staates und dessen l Eifer zur Unterstützung seiner Freunde und Bundesgenossen zu zeigen, und dann wieder nach Haufe fahren, falls sie nicht binnen Kurzem durch irgend ein unerwartetes Ereigniß in den Stand gesetzt-würden, für die Leontiüer etwas zu thun oder einige der andern Städte auf ihre Seite zu ziehen. Der Staat dürfe aber nicht seine Macht/aus's Spiel setzen und dabei auch noch aus cigeNem.Säckel zahlen.
Alkibiades aber erklärte: nachdem man mit so großer Macht ausgefahren fei, dürfe man nicht so schimpflich und ganz unverrickteter Dinge l zurückkehren; man solle vielmehr Herolde an sämmtliche Städte mit Ausnahme von Selinus und Syrakus schicken und auch versuchen, die Sikuler theils zum Abfall von den Syrakusanern zu bewegen, theils auch zu Freunden zu gewinnen, damit man Getreide und Zuzug an Mannschaft erhalte; vor Allem aber müsse man die Messenier zum Beitritt bewegen, denn diese seien-san der Meerenge und am günstigsten Landungspunkt auf Sieilien gelegen und' würden für das Heer einen Hasen und den günstigsten Ausgangspunkt zu Unternehmungen bieten. Habe man auf diese Weise die'Städtö gewonnen, und wisse nun / wen man im Krieg auf seiner Seite habe, dann solle man sofort Syrakus und Selinus angreifen, wemi diese Stadt sich nicht mit den Egestanern gütlich vertrage, und jene ihnen die Neugründung von Leontini nicht gestatte. P
Lamachos aber sagte, man müsse gradezu.auf Syrakus lossegeln und so rasch als'möglich dicht bei der Stadt die Schlacht herbeiführen,-so lange sie dort ungerüstet und noch in der ersten Bestürzung seien, öenn im Anfang sei jedes Heer am sfurchtbarsten; lasse man aber die Zeit vorübergehen und zeige sich nicht allfogleich, so fasse der Feind wieder Muth und verachte Einen, wenn man dann hinterdrein sich zeige. - Wenn sie aber jetzt rasch'und unversehens angriffen, so lange jene noch in furchtsamer Erwartung seien, so würden sie auf diese Weise gewiß jene besiegen und in jeder Beziehung in Schrecken setzen, sowohl durch den Anblick, — denn jetzt würden die Athener noch iN, der größten Zahl erscheinen — als auch durch die Erwartung dessen, was sie von einem solchen Heere zu befahren hätteii) vorzüglich l aber durH-die unmittelbare Gefahr der Schlacht. 415 v. Chr. Und gewiß würden auch auf dem, Lande noch Viele abgefangen werden, weil man an ihr Kommen nicht glaube, und.da diese Leute dann eben damit beschäftigt wären, ihre-Habe nach der Stadt zu schaffen, so werde das Heer keinen Mangel an Geld leiden, wenn es siegreich sich bei der Stadt festsetze. Aus diese Weise würden auch die übrigen Sikelioten abgehalten, mit jenen Bundesgenossenschaft zu schließen, und vielmehr zu ihnen übertreten und nicht erst lange zaudern und ausschauen, welcher Theil siegen werde. Und wenn sie sich (von Syrakus) zurückgezogen und ihre Schiffe an's Land gebracht hätten, so müßten sie Megara, einen verlassenen Ort, der weder zur.See, noch auf dem Landweg weit von Syrakus entfernt sei, zur Flottenstation machen.. ' . - s ^
Lamachos also hatte zwar diese Meinung ausgesprochen, stimmte aber dann doch dem Alkibiades bei; und dieser fuhr daraus mit seinem eigenen Schiffe nach Messana hinüber und knüpfte mit ihnen Unterhandlungen wegen der Bundesgenossenschaft an. Er konnte sie jedoch nicht überreden, sondern kehrte mit der Antwort nach Rhegion zurück, daß man sie in die Stadt nicht aufnehmen werde, ihnen aber einen Markt außerhalb derselben gewähren -wolle. Nun bemannten die Feldherren sofort sechzig Schiffe aus allen Flottenabtheilungen, nahmen Lebensmittel ein und fuhren gen Naxos, das übrige Heer unter Einem der Ihrigen zurücklassend. Da die Naxier sie in die Stadt aufgenommen hatten, so schifften sie weiter an der Küste hin nach Katana. Als aber die Katanäer sie nicht aufnahmen, — denn, es gab in ihrer Stadt Männer, welche für die Syrakusaner, gesinnt waren, — so steuerten sie weiter gegen den Fluß Terias zu, und nachdem sie daselbst eine Nacht zugebracht, segelten sie am folgenden Tage weiter gegen Syrakus, mit allen übrigen Schiffen in Einer Linie hinter einander; nur zehn Schiffe schickten sie voraus, welche in den großen Hasen einlaufen und sich überzeugen sollten, ob daselbst bereits eine Flotte auf dem Wasser sei. Es war ihnen auch befohlen, näher gegen die Stadt zu segeln-und durch einen Herold von Bord herab ausrufen zu lassen, sie seien Athener und gekommen, um die Leontiner in ihre Stadt zurückzuführen, gemäß ihrer Bundesgenossenschaft und Verwandtschaft, und wer von den Leontinern in Syrakus sei, der könne ohne Furcht zu den Athenern, als zu Freunden und Beschützern, übergehen. Nachdem der Herold 4l5 v. Chr. dieß ausgerufen und sie die Stadt und die Häfen und das Land ringsum, wo sie zum Angriff festen Fuß fassen könnten, in Augen- schein genommen hatten, fuhren sie wieder nach Katana zurück.
Als nun in dieser Stadt eine Volksversammlung gehalten wurde, erklärten die Katanäer, sie würden zwar das Heer nicht aufnehmen, luden aber die Feldherren ein, in ihre Stadt zu kommen, wenn sie ihnen etwas zu sagen hätten. Während nun Alkibiades eine Rede hielt und die Bürger der Stadt der Volksversammlung ihre Aufmerksamkeit zuwandten, erbrachen die Soldaten unbemerkt ein schlecht eingesetztes kleines Thor in der Mauer, drangen in die Stadt ein und erfüllten den Markt. Da überkam diejenigen unter den Katanäern,- welche eS mit den.,Syrakusanern hielten, als sie das Heer in der Stadt sahen, sogleich große Furcht und sie schlichen sich weg, ihrer nicht viel an der Zahl, die Andern aber beschlossen Bundesgenosjenschaft mit den Athenern-und hießen sie das übrige Heer aus Rhegion herüberbringen; und die Andern fuhren dann nach Rhegion zurück, gingen jetzt mit ihrer Gesammtmacht unter Segel nach Katana, und nachdem sie hier angekommen, richteten sie.eln Lager ein...
Nun kam auch von Kamarina Meldung, wenn sie kommen wollten,, würden sie zu ihnen übergehen, und daß die Syrakusaner eine Flotte bemannen. Da segelten sie mit der ganzen Macht an der Küste hin gegen Syrakus, als sie aber daselbst keine Schiffe bemannt fanden, steuerten sie weiter gegen Kamarina, legten am Gestade an und schickten den Herold zu ihnen. Die Kamarinäer aber nahmen sie nicht auf, sondern sagten, der geschlossene Vertrag laute nur, daß sie die Athener aufnehmen wollten, wenn sie mit Einem Schiffe erschienen, außer wenn sie selbst deren mehrere herbeiriefen. Die Athener fuhren demnach unverrichteter Sache wieder zurück, landeten auf dem Gebiet von Syrakus und plünderten. Als aber Syrakusische Reiter erschienen und einige der zerstreuten Leichtbewaffneten zusammenbieben, fuhren sie wieder nach Katana zurück.
Hier trafen sie das Schiff „Salaminia" IV, welches des 62) Vergl. m, 33. 415 v. Chr. Alkibades wegen von Athen gekommen war, um ihn aufzufordern, zu seiner Vertheidigung'gegen die Staatsanklage zurückzukehren, und mit ihm einige andere Soldaten ans seiner- Umgebung/ gegen die wegen Verhöhnung der Mysterien', zum Theil auch wegen der Hermen' Anzeigen eingelaufen waren. Die Athener nämlich hatten nach Abgang der Flotte nichts destoweniger eine Untersuchung wegen^ der Mysterien und der Frevler an den Hermesbildern-angestellt,- und ohne die gemachten Anzeigen näher zu prüfen, gingen'sie in ihrem Argwohn ganz darauf ein und ergriffen und fesselten, auf das Wort schlechter Menschen hin, ganz untadelige Bürger. Sie hielten es für nützlicher, die Sache genau zu untersuchen und die Wahrheit herauszufinden, als wegen der Schlechtigkeit des Angebers-einen Angeschuldigten, auch wenn er ein braver Mann zu sein schien, ohne Untersuchung durchkommen zu lassen. Denn das Volk wußte vom Hörensagen, wie drückend zuletzt die Zwingherrschaft des PeifistratoS und feiner Söhne geworden, und daß dieselbe auch keineswegs von ihnen selbst und-dem Harmodios, sondern von den Lakedämoniern gestürzt worden sei, und deßhalb war es beständig in Furcht und nahm Alles argwöhnisch aus/ ' - s '''
Das Wagestück des Aristogeiton und Harmodios war nämlich nur wegen einer zufälligen Liebesgeschichte unternommen worden, welche ich des Breiteren erzählen will, um zu zeigen, daß weder die Andern, noch auch die Athener selbst in Betreff ihrer Tyrannen und des damals Geschehenen die Wahrheit erzählen. Als nämlich PeifistratoS hochbejahrt als Zwingherr gestorben war, erhielt nicht Hipparchos, wie die'Meisten'glauben, sondern'Hippias/weil et der Aeltere war, die Herrschaft. Nun'war damals Harmodios durch Blüthe der Jugendschönheit ausgezeihcnet/und Aristogeiton, ein Stadtbürger aus dem Mittelstand, war der bevorzugte Liebhaber. Harmodios wurde aber auch von Hipparchos, dem Sohn des Peisistratos, angegangen, ließ sich aber nicht bereden, sondern klagte es dem Aristogeiton. Dieser nun, nach Art der Liebenden, wurde 'von heftigem Schmerz ergriffen, und da er bei der Macht des Hipparchos fürchtete, daß dieser den Jüngling mit Gewalt zwingen werde, ihm zu Willen zu sein, so richtete er — so weit dieß nach seinem Stande möglich war — allsogleich sein Dichten und Trachten auf den Sturz der Zwingherrschaft. Indessen versuchte HipparchoS den Harmodios 415 v. Chr. neuerdings, richtete aber nicht mehr aus, als vorher, und er wollte nun zwar nicht mit Gewalt gegen ihn verfahren, dachte aber darauf, ihm' bei irgend einer nicht auffälligen Gelegenheit, als ob es eben nicht deßhalb wäre, einen Schimpf anzuthun, wie er denn auch sonst in der Regierung nicht gehässig gegen die große Masse verfuhr, sondern sich in derselben vorwurfsfrei zu benehmen wußte. Und überhaupt hat diese Familie in ihrer Zwingherrschast gerecht und einsichtsvoll gewaltet und von den Athenern nur den zwanzigsten Theil des Erträgnisses erhoben, wofür sie auf eine sie ehrende Weise die Stadt verschönerten, die Kriege durchführten und die Tempelopfer verrichteten.' Im Uebrigen regierte sich die Stadt selber nach ihren alten Gesetzen, abgesehen davon, daß jene immer dafür sorgten, Einen'aus ihrer Familie in den Oberämtern zu haben. So verwaltete unter Andern derselben auch PeisistratoS, des Zwingherrn Hippias Sohn, der den Namen seines Großvaters führte, das einjährige Archontenamt in Athen, und dieser ist es auch, der als Archont den Altar der zwölf Götter auf dem Markte und den des Apollo im Tempel dieses Gottes geweiht hat. Bei dem auf dem Marktplatze fügte das Volk später einen größeren Anbau hinzu, wodurh cdie Inschrift vershcwand. Die auf dem Apollo-Altar ist aber jetzt noch sichtbar und besagt in schwer leserlichen Buchstaben das Folgende: ' - " Hippias' Sohn, Peisistratos, hat dieß Denkmal als Archon Hier in des Pythischen Gotts heil'gem Bezirke geweiht,r
Daß aber Hippias, als der Aelteste, wirklich die Regierung hatte, das kann ich versichern, da ich es aus mündlicher Belehrung besser als Andere weiß, und es kann es auch Jeder leicht aus dem Folgenden schließen. Es zeigt sich nämlich, daß er allein von seinen ebenbürtigen Brüdern Kinder hatte, wie es der Altar beweist und so auch die Säule, welche zur Erinnerung an die ungerechte Herrschaft der Tyrannen anf der Akropolis von Athen errichtet wurde, und auf der weder dem Thessalos, noch dem HipparchoS Kinder zugeschrieben werden, dem Hippias aber fünf, die ihm von der Myrrhina, der Tochter des Kallias, des SohneS des Hyperechides, geboren worden waren; denn es war ja auch in der Ordnung, daß der älteste Bruder 415 v. Chr. zuerst heirathete. Auch ist er auf dieser Säule unmittelbar, als der Erste nach seinem Vater genannt, und auch das nicht ohne Grund, weil er eben der Aelteste nach seinem Vater war und von ihm die Zwingherrschaft übernahm. Es scheint mir auch gar nicht, daß Hippias ohne Weiteres so leicht die Tyrannis hätte fortführen können, wenn Hipparchos als Zwingherr den Tod gefunden und er selbst sie noch am nämlichen Tag angetreten hätte. Vielmehr waren die Bürger von jeher gewohnt ihn zu fürchten, und bei der vortrefflichen Zucht seiner Söldner und den überreichlich vorhandenen Sicherungsmitteln seiner Herrfchaft konnte er sich in derselben leicht behaupten, und er zeigte in seiner Regierung auch durchaus keine Unsicherheit, wie etwa ein jüngerer Bruder, oder wie in einem Geschäfte, mit dem er nicht schon früher vertraut gewesen wäre. Hipparchos aber ist zufällig durch sein Unglück eine namhafte Persönlichkeit geworden, und so hat es später auch den Schein gewonnen, als ob er der Zwingherr gewesen wäre.
Dem Harmodios also, der ihn als Versucher abgewiesen, that er wirklich einen Schimpf an, wie er sich vorgenommen hatte. Er ließ nämlich dessen Schwester, eine Jungfrau, auffordern zu erscheinen, um bei einem Festaufzug einen Korb zu tragen ^), und sie dann zurückweisen mit den Worten, man habe ja von vorn herein nicht um sie geschickt, da sie dessen nicht würdig sei. Harmodios nun fühlte sich dadurch sehr gekränkt, noch viel heißer aber entbrannte um seinetwillen der Zorn des Aristogeiton. Und bereits hatten sie alles Uebrige im Bund mit denen veranstaltet, welche mit Hand an's Werk legen sollten, und warteten nur noch auf das Fest der großen Panathenäen ^), als den einzigen Tag, an welchem sie keinen Verdacht erregen würden, da hier die Bürger, welche den Festzug geleiteten, bewaffnet und in Masse ershcienen. Es war abgeredet, daß sie selbst den Anfang machen, die Andern aber dann sogleich zu ihrer 63) An den Festen der Demeter und Athene, wie an den Dionysien zogen Jungfrauen. einen Korb mit heiligen Geräthen aus dem Kopf tragend, in Prozession auf. Hiezu gewählt zu werden galt als große Ehre. Die Künstler stellten oft solche weibliche Gestalten, die mit beiden Händen einen Korb aus dem Kopf halten, dar (Kaneohoren. d. i. Korbträgerinnen). 64) Vergl. v, 47. Unterstützung über die Lanzentrabanten herfallen sollten. Der 415 v. Chr. Sicherheit wegen war die Zahl der Mitverschworenen nicht sehr groß, denn sie hofften, daß auch die, welche Nichts um die Sache wußten, bewaffnet, wie sie wären, allsogleich voll Freudigkeit zur Befreiung der Stadt mithandeln würden, wenn auch eine noch so geringe Zahl das erste Wagniß unternähme.
Als nun das Fest herangekommen war, traf Hippias, von seinen Lanzenträgern umgeben, außerhalb der Stadt im sogenannten Kerameikos die Anordnungen, wie beim Festzug jegliches vor sich gehen solle. Harmodios aber und Aristogeiton, schon den Dolch in der Hand, näherten sich zur That. Da sahen sie aber Einen ihrer Mitverschworenen vertraulich mit Hippias reden, wie denn dieser überhaupt für Alle leicht zugänglich war, und nun geriethen sie in Furcht und glaubten, sie seien verrathen und würden jeden Augenblick festgenommen werden. So dachten sie denn nun, wenn es möglich wäre, vorher noch an ihrem Beleidiger und um dessentwillen sie sich auch in dieses Wagstück eingelassen hätten, Rache zu nehmen, und stehenden Fußes eilten sie zum Thore hinein, trafen den Hipparchos beim sogenannten Leokorion und sielen rasch und unversehens über ihn her, und, der Eine im Zorn der beleidigten Liebe, der Andere vom Stachel der Beschimpfung getrieben, trafen sie ihn mit ihren Dolchen und tödteten ihn. Und der Eine entkam für den Augenblick den Lanzenträgern, Aristogeiton nämlich, im Getümmel des Aufkaufs, wurde aber später gefangen und schlimm zugerichtet, Harmodios aber wurde auf der Stelle niedergehauen.
Als die Meldung davon zum Hippias in den Kerameikos kam, begab er sich nicht auf den Schauplatz der That, sondern zu den schwerbewaffneten Bürgern, welche den Festzug geleiten sollten, bevor diese noch etwas erfahren würden, denn sie waren in ziemlicher Entfernung aufgestellt) und ohne durch seine Mienen von dem Vorfall etwas zu verrathen, befahl er ihnen, sich ohne die Waffen nach einem gewissen Platze zu begeben, den er ihnen zeigte. Diese, in der Meinung, er habe ihnen dort was zu sagen, gingen auch wirklich von ihren Waffen weg dorthin, und sofort befahl nun Hippias seinen Trabanten, die Waffen wegzunehmen, und suchte dann unter den Bürgern diejenigen aus, welche er für schuldig hielt, oder wer etwa 415 v. Chr. einen Dolch bei sich trug, denn nur mit Schild und Speer war man gewohnt den Festzug zu geleiten.
Aus diese Art wurde Liebesschmerz die Veranlassung zu der Verschwörung, und die Ausführung jenes unbesonnenen Wagnisses ging aus der plötzlichen Furcht hervor, die den Harmodios und Aristogeiton erfaßte. Für die Athener aber wurde die Zwingherrschaft danach viel drückender, und Hippias, der jetzt schon in größerer Furcht schwebte, tödtete Viele aus den Bürgern und schaute sich zugleich im Ausland um, ob er irgendwo für den Fall einer Umwälzung einen sicheren Zufluchtsort für sich finden könnte. Und so gab er denn auch dem Aiantidas, dem Sohn des HippokleS, des Tyrannen von Lampsakos, seine Tochter Archedike zur Frau, obgleich er ein Athener, jener ein Lampsakener war, denn er hatte erfahren, daß jene beim Perserkönig sehr viel vermochten. Archedike hat auch zu Lampsakos ein Denkmal, das folgende Inschrift trägt: Allhier ruhet der Staub der Archedike, Hippias Tochter, Der in hellenischem Volk mächtig einst ragte empor. Vater, Gemahl zwar und Brüder, wie Söhn' auch, erglänzten als Herrscher, Aber zu frevelndem Sinn' hob sich ihr nie das Gemüth. Hippias behauptete die Zwingherrschaft über die Athener noch drei Jahre, und im vierten wurde er durch die Lakedämonier und die verbannten Alkmäoniden gestürzt und begab sich unter dem Schutze eines Vertrages nach Sigeion und Lampsakos zum Aiantidas und von da an den Hof des Königs Dareios, von wo er auch im zwanzigsten Jahr danach, als er schon ein alter Mann war, mit den Medern den Feldzug nach Marathon mitmachte.
Diese Geschichten nun fielen den Athenern jetzt wieder ein, und man erinnerte sich an Alles, was man vom Hörensagen darüber wußte, und deßhalb war das Volk damals so schwierig und nahm die Anklage wegen der Mysterien, mit solchem Argwohn auf und glaubte, daß Alles mit einer Verschwörung zum Zweck der Herstellung einer Adelsherrschaft oder einer Tyrannis zusammenhänge. Wegen dieser gereizten Stimmung des Volks waren schon viele und ansehnliche Bürger in's Gefängniß geworfen worden, und als die Sache gar kein Ende zu nehmen schien, sondern die Erbitterung und Leiden- 4l5 v. Chr, schaft von Tag zu Tag stieg.und immer mehr Menschen .eingezogen wurden, so ließ.sich, einer der Gefangenen, der von Allen der Schuldigste zu sein schien, durch einen Mitgefangenen bereden, ein Geständnis zu machen — ob wahr oder unwahr, , muß dahingestellt bleiben; Vermuthungen werden für..beide Meinungen aufgestellt, aber .die Wahrheit in Betreff der-wirklihcen Thäter konnte damals und kann auch.heute Niemand mit Gewißheit angeben.. Jener indeß überredete den Andern,, indem er ihm sagte,, er selber werde sich Straflosigkeit erwirken, ob er nun der Thäter sei oder nicht, und den Staat werde er von der Gefahr des allgemeinen Mißtrauens befreien. Denn sein Leben werde er. eher erhalten, wenn er ein Geständniß mache, welchem Straflosigkeit zugesichert sei, als'wenn er bei seinem Läugnen beharre und sich dem Richterspruch unterwerfen müsse. Jener also machte sowohl gegen sich selbst, als auch gegen Andere die Anzeige, den Frevel an den Hermen begangen zu haben. Das Volk aber nahm dieß Geständniß, welches es für wahrheitsgetreu hielt, um so lieber an, als es vorher sehr erzürnt , darüber gewesen war, daß man diejenigen nicht sollte herausbringen können, welche die Volksherrschaft zu stürzen trachteten. Sie gaben also den Anzeiger und mit ihm Alle die, welche er nicht mit angeklagt hatte, frei, über die Angeschuldigten aber hielten sie Gericht und tödteten diejenigen, die sie in Händen'hatten, die Entflohenen aber verurtheilten sie gleichfalls zum Tode und setzten für deren Mord, einen Preis aus. Indeß auch hiebei war es ungewiß, ob die Betroffenen nicht mit Unrecht bestraft würden, aber die übrige Stadt hatte.freilich unter jenen Umständen offenbaren Nutzen davon...< : , i
Gegen den Alkibiades nun war das Volk, auf Betreiben seiner.Feinde, die auch schon vor der Abfahrt gegen ihn gewirkt hatten, sehr übel gestimmt, und da sie in Betreff des Hermenfrevels die Wahrheit zu wissen glaubten, so waren.sie. wegen der Mysterien, deren,Verhöhnung jener angeschuldigt.war, um so mehr überzeugt, daß.diese aus denselben geheimen Absichten und ebenfalls unter einer Verschwörung gegen die Volksherrschast von jenen ausgeführt worden sei. Zufällig war nämlich auch um dieselbe Zeit ein kleines Heer der Lakedämonier während dieser Wirren in Athen bis zum Jsthmos 415 v. Chr. vorgerückt, um im Einvernehmen mit den Böotiern irgend etwas zu unternehmen. Man glaubte nun, dieselben seien auf Betreiben des Alkibiades und nach einer Verabredung mit ihm, keineswegs aber der Bootier wegen, gekommen, und wenn sie nicht in Folge jenes Geständnisses noch grade rechtzeitig sich der Schuldigen versichert hätten, so wäre die Stadt wohl verrathen worden. Eine Nacht hatten sie auch im TheseuStempel in der Stadt unter Waffen geschlafen. Um dieselbe Zeit kamen auch die Gatsfreunde des AlkibiadeS zu Argos in den Verdacht, etwas gegen die Volksherrschaft im Schilde zu führen, und die Athener lieferten die Geißeln von Argos 65), die auf den Inseln lagen, damals dem Argivischen Volk aus, um sie dafür hinzurichten. Von allen Seiten also mehrte sich der Verdacht gegen den Alkibiades, demnah cwollten sie ihn vor Gericht stellen und hinrichten, und schickten deßhalb das Schiff Salaminia nach Sieilien, um ihn und die mit ihm Angeklagten nach Athen zu bringen. Es war der Auftrag, ihm nur zu sagen, daß er zu seiner Vertheidigung mitgehen solle; gefangen setzen dürften sie ihn nicht. Man mußte nämlich aus die eigenen Truppen in Sieilien Rücksicht nehmen und durste auch bei den Feinden kein Aussehen erregen; vor allen Dingen aber wünschte man, die Mantineer und Argiver, welche man durch jenen zur Theilnahme am Feldzug bewogen glaubte, bei der Armee zu erhalten. So ging also Alkibiades und die mit ihm Angeschuldigten auf seinem eigenen Schiffe von Sieilien mit der Salaminia ab, als wolle er wirklich nach Athen. In Thurii angekommen, gingen sie aber nicht weiter mit, sondern verließen das Schiff und versteckten sich, weil sie sich fürchteten, so schwer verklagt und verläumdet sich vor Gericht zu stellen. Die von der Salaminia nun suchten zwar eine Zeitlang nach dem Alkibiades und seinen Genossen, da diese aber wie verschwunden waren, so gingen sie wieder unter Segel nach der Heimat. Alkibiades aber, der nun schon so gut wie ein Verbannter war, fuhr nicht lange danach auf einem Kauffahrer von Thurii nach dem Peloponnes hinüber, und die Athener verurtheilten ihn und seine Genossen-'als gesetzwidrig Abwesende zum Tode. 65) Vergl. V, 84.
Danach theilten die beiden zurückgebliebenen Feldherrn der 415 v. Chr. Athener in Sieilien das Heer in zwei Theile und verloosten diese unter sich. Dann schifften sie mit der gesammten Macht gegen Selinus und Egesta, um sicher in Erfahrung zu bringen, ob die Egestaner das Geld hergeben wollten, und um die Verhältnisse der Selinuntier durch eigene Anschaung kennen zu lernen und sich über die Natur ihrer Streitsachen mit den Egestanern zu belehren. , Sie steuerten also an der Küste hin, Sieilien zur linken Hand lassend, d. h. die Seite der Insel, welche dem Tyrrhenifchen Meerbusen zugekehrt ist, und landeten bei Himera, der einzigen hellenischen Stadt in diesem Theile SicilienS; und da man sie.hier nicht aufnahm, so fuhren sie weiter. Im Vorbeifahren nahmen sie Hykkara, ein Titanisches Städtlein, das mit den Egestanern Feindschaft hatte und dicht am Meere lag. Die Athener machten die Einwohner zu Sklaven und übergaben den Platz den Egestanern, welche eine Reiter- abtheilung geschickt hatten. Sie selbst marschirten dann mit der Landmacht durch Sikulisches Gebiet, bis sie nach Katana kamen, wahrend ihre Schiffe mit den Sklaven die Fahrt um die Insel fortsetzten. Nikias selbst aber fuhr sogleich von Hykkara weiter an der Küste hin nach Egesta, verhandelte Verschiedenes mit ihnen, erhielt dreißig Talente ausbezahlt und fand sich dann wieder beim Heere ein. Sie verkauften nun die Sklaven und lösten daraus hundert und zwanzig Talente, dann schifften sie weiter bei ihren Bundesgenossen unter den Sikulern herum und forderten sie auf, ihnen Zuzug an Mannschaft zu schicken. Mit der andern Hälfte ihrer Macht aber zogen sie gegen das Geleatifche Hybla, welches feindlich gesinnt war, konnten es aber nicht einnehmen. So ging der Sommer zu Ende. <
Im folgenden Winter rüsteten sich die Athener sofort, um den Syrakusanern zu Leibe zu gehen; aber auch die Syrakusaner schickten sich ihrerseits an, jene anzugreifen. Da nämlich die Athener sie nicht in ihrer ersten Furcht und angstvollen Erwartung allsogleich angegriffen hatten, so war ihnen mit jedem Tag Aufschub der. Muth mehr gewahcsen, und als jene dann nach den weit von ihnen abgelegenen Gegenden Siciliens gesegelt waren und jetzt auch Hybla mit Gewalt zu nehmen versucht und doch nicht erobert hatten, so verachteten sie dieselben noch mehr, und wie denn der große Hause, wenn ThukydtdtS. VI. 9 415 v Chr ihm der Muth gewahcsen ist, zu thun pflegt, so verlangten sie von ihren Feldherren, sie gegen-Katana zu führen, da ja jene doch nicht gegen sie marschirten. Und ihre Reiter umschwärmten zur Beobachtung des athenischen Heeres dasselbe ununterbrochen aus der Nähe und riefen ihnen Spottreden zu, unter andern auch, ob sie nicht vielmehr gekommen seien, sich selbst in ihrer Nähe anzusiedeln, als um den Leontinern ihre Stadt wieder auszubauen? " - i
Die Feldherrn der Athener wußten dieß! und sie dachten nun, die ganze Streitmacht der Syraküsancr möglichst weit von ihrer Stadt wegzulocken, um gleichzeitig unter dem Schutze'der Nacht mit ihren Schiffen dorthin zu fahren und in aller Ruhe an einem passen-- den Punkte ein Lager zu schlagen. Denn sie wußten, daß dieß nicht eben so leicht-ginge; wenn'sie von ihren Schiffen im Angesicht eines kampfbereiten Heeres ihre Truppen'ausschiffen wollten, oder auch, wenn sie'unter den Augen jener zu Lande vorrückten, — denn ihren leichtewTruppen und dem großen Haufen wurde die sehr zahlreiche Syrakusanische Reiterei, bei ihrem völligen Mangel an dieser Waffe,' großen Schaden zufügen; so aber würden sie einen Platz in Besitz nehmen, von wo sie leicht vorgehen könnten, 'ohne «durch die Reiterei erheblichen Schaden zu erleiden. Syrakusanische Verbannte nämlich, die dem Heere folgten, hatten sie über die Beschaffenheit der Oertlichkeit beim OlyMpieion des Näheren belehrt; welchen Platz sie dann auch wirklich einnahmen. Um diese Absicht nun zu erreichen, setzten die Feldherren Folgendes in's Werk. Sie schickten einen ihnen ganz ergebenen Mann ab, der aber auch von den'Syrakusanischen Feldherren als ihrer Sache nicht weniger ergeben betrachtet wurde. Er war aber ein Katanäer und sagte, er komme von gewissen Männern aus Katana geschickt, die den Syrakusanischen Feldherren namentlich bekannt waren, und von denen man wußte, daß sie zu der den Syrakusiern treu gebliebenen Partei gehörten. ' Er berichtete nun, daß die Athener in einiger Entfernung von ihrem Waffenplatz die Nacht in der Stadt zuzubringen pflegten, und wenn jene an einem vorher bestimmten Tage mit ihrer ganzen Macht bei Sonnenaufgang das Lager angreifen würden, so wollten sie selbst die Athener in ihren 56) Ein Iupitertempel. Mauern absperren und deren Schiffe in Brand stecken, und jene 415 v. Chr. konnten dann das Lager durch einen Angriff aus das Pfahlwerk lklcht i einnehmen. Unter den Katanäern seien sehr Viele gesonnen, dabei mitzuhelfen und hätten schon Alles in Bereitschaft gesetzt, und er selbst sei von diesen hergesandt.