Book 5
Danach'gingen beide Theile aus einander los, die Argiver rasch und in Aufregung, die Lakedämonier aber langsam und nach den Weisen zahlreicher Flötenbläser , die nicht des göttlichen Dienstes halber vom Gesetze aufgestellt sind, sondern damit Alle gleichmäßig im Takte vorrücken und die Schlachtlinie nicht zerrissen wird, wie es großen Heeren beim Anmarsch zum Kampf gern geschieht. 51) Die Verbündeten forderten sich gegenseitig auf. tapfer zu fechten; d.ie Lakedä-, monier erinnern sich daran, daß sie ja wirklich tapfer seien, folglich nicht anders als tapfer kämpfen könnten. 52) Nach Herodot IV, Kl) waren bei den Lakedämoniern die Flötendläser eine erdliche Kaste.
4l8 v. Chr. Erst während schon beide Heere auf einander losgingen, entschloß sich der König Agis zu folgender Maßregel. Bei allen Heeren nämlich kommt es vor, daß beim Zusammenstoße die rechten Flügel sich mehr in die Länge dehnen, und so Beide mit ihrem rechten Flügel über den linken der Gegner hinausreichen, weil Jeder aus Furcht seine ungedeckte (rechte) Seite dem Schilde seines Nebenmannes zur Rechten möglichst nahe zu bringen sucht, und weil Alle glauben, daß der gedrängte Anschluß den besten Schutz gewähre. Die erste Veranlassung hiezu gibt der Flügelmann des rechten Flügels, der immer seine Blöße dem Feinde zu entziehen sucht, und die Andern machen es ihm nach, weil Alle dasselbe fürchten. Damals nun überflügelten die Mantineer die Skiriten um Vieles, und noch mehr die Lakedämonier und Tegeaten die Athener, da ja auch ihr Heer zahlreicher war. Da besorgte nun Agis, sein linker Flügel möchte eingeschlossen werden, und in der Meinung, die Mantineer ragten zu weit über, befahl er den Skiriten und den Soldaten des Brasidas, weiter hinaus zu rücken und sich mit der Stellung der Mantineer auszugleichen; und in die so entstandene Lücke befahl er zwei Unterfeldherrn vom rechten Flügel, dem Hipponoldas und dem Aristokles, mit ihren Abtheilungen einzurücken und sie auszufüllen; denn seinen rechten Flügel hielt er auch so noch für überlegen, und die Aufstellung gegenüber den Mantineern werde auf diese Weise sicherer sein.
Nun geschah es aber, daß Aristokles und Hipponoi'das, weil der Befehl mitten im Anmärshce und so ganz plötzlich gegeben wurde, sich weigerten, nach der andern Seite zu ziehen, weßhalb sie auch später angeklagt und aus Sparta verbannt wurden, weil man es ihnen als Feigheit auslegte. Da also die beiden Abtheilungen dem Befehle, sich auf die Skiriten hinzuziehen, nicht gehorchten, so fand der Anprall der Feinde eher Statt, als die Skiriten wieder an die Andern anrücken und die ganze Schlachtlinie sich wieder zusammenschließen konnte. Aber wie sehr nun auch nach aller Kriegserfahrung die Lakedämonier im Nachtheil waren, so zeigten sie jetzt doch, daß sie auch durch bloße Tapferkeit zu siegen wußten. Als sie nämlich mit den Gegnern handgemein geworden waren, so schlug der rechte Flügel der Mantineer auf ihrer Seite die Skiriten und die Soldaten des Brasidas, und die Mantineer mit ihren Bundesgenossen und die Kerntruppen der Tausend Argiver drangen in die ungeschlos- 418 v. Chr. sene Lücke, hieben in die Lakedämonier ein, umringten sie und trieben, sie fliehend bis zu den Wagen, wo sie auch einige der dort aufgestellten älteren Soldaten tödteten. Auf dieser Seite also wurden die Lakedämonier geschlagen; bei den übrigen Heerestheilen aber und besonders in der Mitte der Stellung, wo der König Agis und um ihn die sogenannten drei Hundert Ritter tsanden, griffen sie die älteren Argivischen Truppen und die sogenannten fünf Schaaren und die Kleonäer und Orneaten an, und was von den Athenern bei jenen stand, und trieben sie in die Flucht, so daß die Meisten nicht einmal Stand hielten, bis es zum Handgemenge kam, sondern wie nur die Lakedämonier anrückten, sogleich Fersengeld gaben und Einige sogar niedergetreten wurden, weil sie sich dem Anprall der Feinde nicht rechtzeitig entziehen konnten.
Als nun hier das Heer der Argiver und Bundesgenossen gewichen war, war eS damit auch nach beiden Seiten von der Schlacht- ordnung losgerissen, und gleichzeitig umringte der rechte Flügel der Lakedämonier und Tegeaten mit ihrem überragenden Theile die Athener, so daß diese von'beiden Seiten Gefahr bedrohte, denn hier waren sie umringt, dort schon geschlagen; und sie hätten wohl von dem ganzen Heere am meisten gelitten, hätte sich nicht ihre anwesende Reiterei nützlich erwiesen. Und dazu kam noch, daß Agis, als er seinen linken Flügel gegenüber den Mantineern und den Tausend Argivern hart' bedrängt sah, dem ganzen Heere den Befehl gab, sich auf den geschlagenen Theil hinzuziehen. Als dieß nun geschah und das Heer sich entfernte und seitwärts von den Athenern abbog, so fanden diese und der bei ihnen stehende geschlagene Theil der Argiver Zeit sich zu retten. Die Mantineer aber mit ihren Bundesgenossen und die Kerntruppen der Argiver dachten weiter nicht mehr daran, dem Feind Stand zu halten, sondern als sie ihre eigenen Leute besiegt und die Lakedämonier anrücken sahen, wendeten sie sich zur Flucht. Von den Mantineern fiel die größere Zahl, von den Tausend Argivern aber retteten sich die Meisten. Flucht und Rückzug waren jedoch nicht bedrängt, 53) Die hier genannten Ritter waren unberitten. Von den fünf Schaaren ist nichts Weiteres bekannt. ^ ... 418 v. Chr. noch erstreckten sie sich weit. Denn die Lakedämonier pflegen die Schlacht selbst, bevor es (ihrerseits) zum Fliehen kommt, durch Standhalten langdauernd und hartnäckig zu machen; haben sie aber, erst den Feind geschlagen, so machen sie die Verfolgung nur kurz und nicht auf lange Strecken.
So, oder doch nahezu wie hier erzählt ist, verlief die Schlacht, und sie war die bedeutendste, welche seit langer Zeit zwischen Hellenen vorfiel, und zwar zwischen den mächtigsten Staaten. Die Lakedämonier aber häuften die Waffen der feindlichen Todten zusammen, errichteten sogleich ein Siegeszeichen und zogen die Leichname aus. Die ihrigen hoben sie auf und brachten sie nach Tegea, wo sie auch begraben wurden; die der Feinde lieferten sie unter einem Waffenstillstand aus.. Gefallen waren von den Argivern, Orneaten und Kleonäern sieben Hundert, von den Mantineern zwei Hundert und von den Athenern und Aegineten zwei Hundert, worunter auch die beiden Anführer. Die Bundesgenossen der Lakedämonier waren nicht so in's Gedränge gekommen, daß sie einen nennenSwerthen Abgang erlitten hätten, und in Betreff ihrer selbst war eS schwer die Wahrheit zu erfahren, doch wurde behauptet, daß ihrer gegen drei Hundert gefallen seien.,
Als die Schlacht noch bevorstand, zog auch Pleistoanax, der andere König, mit der älteren und jüngeren Mannschaft zu Hülfe, und er war bereits bis nach Tegea gekommen, als er den Sieg erfuhr und wieder zurückmarfchirte. Auch den Bundesgenossen von Korinth und von jenseits der Landenge ließen die Lakedämonier absagen, und auch sie selbst, nachdem sie die Verbündeten entlassen hatten, zogen nach Hause um das Fest der Karneen zu feiern, welches gerade eingetreten war...Den Vorwurf, den ihnen die Hellenen machten, daß sie seit dem Unglück auf der Insel feig, in allen Dingen rathlos und schwerfällig geworden seien, hatten sie so mit einem Male von sich gewälzt, und man hielt jetzt dafür, daß sie damals eben nur einen Unglückstag gehabt hätten, der wirklichen Gesinnung nach aber immer noch dieselben seien.
ES ereignete sich auch, daß am Tage vor dieser Schlacht die Evidaurier mit gesammter Macht in das von Vertheidigern entblößte Gebiet von Argos einfielen und viele Leute von den Besatzungen niedermachten, welche.die ausrückenden Argiver zurückgelassen hatten. 413 v. Chr. Als danach von,den Eleern drei Tausend Schwerbewaffnete nach, der Schlacht den Mantineern zu Hülfe kamen, und auch von den Athenern zu den früheren noch andere Tausend, so'zogen alle diese Bundesgenossen sogleich gegen Epidauros zu.Felde, so lange noch die Lakedämonier die Karneen ..feierten, und fingen an die Stadt mit Verschanzungen einzuschließen, indem sie die Arbeit unter sich vertheilten. Die Andern nun .wurden der Arbeit bald müde, die Athener aber vollendeten rasch, wie, ihre Aufgabe gewesen war, die Befestigung der Anhöhe, welche das, Heraheiligthum bildet. Und in dessen Verschanzung ließen Alle eine gemeinsame Besatzung zurück und zogen dann wieder ab, Jeder in seine Heimat. Damit ging der Sommer zu Ende.
Im folgenden Winter, gleich zu dessen Anfang, unternahmen die Lakedämonier einen Heereszug, und als sie nach Tegea gekommen waren, ließen sie Friedensvorschläge an die Argiver abgehen. Schon früher nämlich zählten sie befreundete Männer in Argos, welche damit umgingen, die demokratische Verfassung zu stürzen, und seit die Schlacht vorgefallen, konnten sie das Volk um so leichter zu einem Vergleiche-bereden. - Ihr Plan war, zuerst einen Waffenstillstand mit den Lakedämoniern abzuschließen und danach ein Waffenbündniß/und dann wäre es an der Zeit, der Volkspartei zu Leibe zu' gehen. Es kam nun nach Argos der Staatsgastfreund der Argiver, Lichas/ des Arkesilaos Sohn, mit zweierlei Vorschlägen von Seiten der Lakedämonier, einem für den Fall, daß sie weiter noch Krieg führen, und dem andern, wenn sie Frieden wollten. Und obgleich nun Viel dagegen geredet wurde, — es war nämlich auch Alkibiades anwesend—, so wagten die Männer, welche im Sinne der Lakedämonier wirkten, sich doch schon offen heraus und überredeten die Argiver, den Friedensvorschlag anzunehmen. ^ Es lautete derselbe aber also:
- „Unter diesen Bedingungen beschließt die Volksversamm-' lung der Lakedämonier Frieden'zu machen mit.denIrgivern."
„Sie sollen den Orchomeniern ihre Kinder und den Mäna-' 54«) Kinder, vielleicht auch Sklaven.' Die Männer in Mantinea sind die' von Orchomenvs nach Mantinea gebrachten Geißeln der Arkadier- Vergl. V, St. Der Mänalier geschieht sonst nicht Erwähnung. 418 v. Chr. liern die Männer zurückgeben, und auch den Lakedämoniern die Männer, die in Mantinea sind. Und von Epidauros sollen sie abziehen und die Verschanzung niederreißen."
„Wenn aber die Athener von Epidauros nicht weichen wollen, so sollen sie der Argiver.und der Lakedämonier und der Lakedämonischen Bundesgenossen-und der-Argivischen Bundesgenossen Feinde sein."
„Wenn die Lakedämonier einen Mann in Händen-haben, so sollen sie ihn herausgeben, einer Stadt wie der andern."
„In Betreff des Opfers für den Gott wollen'sie den Epidauriern die Eidesleistung zuschieben, aber es auch gestatten, wenn die Argiver den Eid schwören wollen." - ^ ^ '
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„Die Städte im Peloponnes, kleine wie große, sollen alle frei sein, nach Weise der Väter." ... , -
„Wenn Einer von außerhalb des Peloponnes gegen Peloponnefisches Gebiet zieht in feindlicher Absicht, so sollen sie zu gemeinsamer Abwehr sich berathen, wie es den Peloponnesiern am besten scheint."
„So Viele außerhalb des Peloponnes der Lakedämonier Bundesgenossen sind, sollen ebenso gehalten werden wie die, welche den Lakedämoniern und Argivern verbündet sind, und sollen an denselben Dingen Theil haben."
„Dieß wird man den Bundesgenossen mittheilen, damit sie beitreten können, wenn es ihnen gut dünkt. Wenn aber die Bundesgenossen anderer Meinung sind, so soll man sie gehen lassen."
Diesen Vorschlag nahmen die Argiver zuerst an, und das Heer der Lakedämonier zog.von Tegea nach Hause zurück. Als nun so der freundliche Verkehr zwischen beiden Theilen wieder hergestellt war, so setzten nicht lange danach wieder eben dieselben Männer durch, daß die Argiver die Bundesgenossenschaft der Mantineer und Athener und Eleer fahren ließen und einen Vertrag und Waffenbund mit den Lakedämoniern abschlössen. Dieser lautete also:
„Unter diesen Bedingungen haben die Lakedämonier und Argiver beschlossen, daß Friede und Waffenbündniß sei zwischen ihnen aus fünfzig Jahre, mit völliger Gleichheit, indem sie Recht sprechen lassen zwischen sich nach Weise der Väter "
„Die andern Staaten im Peloponnes sollen Theil haben an 418 v. Chr. dem Frieden und der Bundesgenossenschaft und ihre eigenen Gesetze und freie Verfassung behalten und im Besitz des Ihrigen verbleiben, indem sie nach väterlicher Weise Recht sprechen lassen mit völliger Gleichheit für Alle.?
„So Viele außerhalb des Peloponnes der Lakedämonier Bundesgenossen sind, sollen gleich gehalten sein wie die Lakedämonier selbst; und so sollen auch der Argiver Bundesgenossen gleich gehalten sein den Argivern, behaltend, was ihnen gehört."
„Wird einmal ein gemeinsamer Feldzug nöthig, so sollen Lakedämonier und Argiver darüber Beschlüsse fassen, in der Weise, daß sie allen Bundesgenossen nach Möglichkeit gerecht werden."
..„Entsteht Streit zwischen den Städten, sei es innert oder außerhalb.des Peloponnes, sei es wegen der Gränzen oder aus einer andern Ursache, so soll im Wege Rechtens entschieden werden. Wenn aber von den Städten der Bundesgenossen eine mit der andern Streit hat, so sollen^ sie sich an eine Stadt wenden, welche ihnen beiden Theilen gegenüber unparteiisch zu sein scheint. Zwischen den Bürgern unter einander soll Recht gesprochen werden nach der Väter Weise.?!.
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So lautete der Vertrag und der geschlossene Waffenbund. Was nun beide Theile im Kriege, einander abgenommen oder sonst im Besitz hatten, darüber verglichen sie sich. Und da sie nun alle ihre Angelegenheiten im gemeinsamen Wege abmachten, so beschlossen, sie, von den Athenern weder einen Herold noch Gesandtschaften anzunehmen, wenn diese nicht aus dem Peloponnes abzögen und die Festungen räumten; und auch weder Frieden, schließen noch Krieg führen mit irgend Einem wollten He anders als gemeinsam..Und auch allem Uebrigen unterzogen sie sich mit Eifer, und schickten auch Beide Gesandtschaften nach den Thrakischen Gränzlanden und zum Perdikkas und beredeten diesen, zu ihrem Bunde zu schwören. Er fiel jedoch nicht sogleich von den Athenern ab, obwohl er den Entschluß schon damals faßte, als er die Argiver es thun sah; er stammte nämlich von Alters her auch' aus Argos ab. Auch mit den Chalkidiern bekräftigten sie die alten Eide'bs^und schwuren ihnen neue dazu. Zu . 55) Vergl. V, ZU. Die Lakedämonier werden schon nach dem Abfall l. SS einen Vertrag mit ihnen geschlossen haben (Poppo). 418 v. Chr. den Athenern aber schickten die Argiver Gesandte und verlangten, sie sollten aus der Festung von Epidauros abziehen. >Da diese nun sahen, daß sie gegenüber der zahlreicheren Mitbesatzung im Nachtheil seien, so schickten sie den Demosthenes dahin >. um ihre Leute abzuführen. Der nun veranstaltete zum Schein bei seiner Ankunft ein Ringwettspiel außerhalb der Mauern,'und als die übrigen Besatzungstruppen deßhalb in's Freie strömten, so ließ er hinter ihnen'die Thore schließen, und später übergaben sie selbst die Festung an die Epidauriet, nachdem sie mit ihnen den Vertrag erneuert hatten. ' '
Nach dem Abfall der Argiver von der Bundesgenossenschaft sperrten sich zwar die Mantineer anfangs: da sie sich aber ohne die Argiver nicht halten konnten / so vertrugen auch sie sich mit den Lakedämoniern und gaben die Oberherrschast über ihre Städte auf. Dann unternahmen Lakedämonier und Argiver, Tausend Mann von jedem Theil, zusammen einen Feldzug und änderten in Sikyon, wohin die Lakedämonier selbst kamen, die Verhältnisse mehr im Sinne einer oligarchischen Verfassung;-und danach hoben beide zusammen in Argos die Volksregierung auf, und es trat an deren Stelle eine Oligarchie, wie sie den Lakedämoniern entsprechend war. Dieß ereig- 417 v. Chr. nete sich am Ende des Winters und gegen Frühlings-Anfang, und damit ging das vierzehnte Jahr des Krieges zu Ende.
Im folgenden Sommer gingen die Dur am Athos von den Athenern zu den Chalkidiern über; und die Lakcdämonier änderten in Achai'a die Verhältnisse, welche ihnen früher nicht nach Wunsche gewesen waren. Die Volkspartei der Argiver, die allmälig sich wieder zu regen begonnen und Muth geschöpft hatte, machte einen Angriff auf die Oligarchen, wozu sie die Zeit abgewartet Hatte, wo die Lakedämonier die Gymnopädien feierten. Es kam darüber in der Stadt selbst'zu einem Gefecht, worin die Volkspartei siegte und ihre Gegner theils tödtete, theils auStrieb. Die Lakedämonier nun, während ihre Freunde um Hülfe sendeten, kamen zwar längere Zeit nicht, doch schoben sie endlich das Fest auf und rückten aus. Als sie aber in Tegea erfuhren, daß die Oligarchen unterlegen seien, wollten sie trotz der Bitten der Flüchtlinge nicht weiter vorrücken, sondern zogen wieder nach Hause ab und feierten die Gymnopädien. Danach, als sowohl aus der Stadt selbst wie auch von den ausgetriebenen Argivern Gesandte kamen, so gaben sie zwar, nachdem 417 v. Chr. in Gegenwart der Bundesgenossen von beiden Seiten Viel hin- und hergeredet worden war, die Entscheidung, daß die in der Stadt im Anrecht seien, und es wurde auch der Feldzug gegen Argos beschlos-' sen; allein es traten Hemmnisse und Verzögerungen ein. Das Volk der Argiver unterdessen, welches aus Furcht vor den Lakedämoniern .sich wieder die Bundesgenossenschaft der Athener sicherte, von der es die größten Vortheile erwartete, baute lange Mauern bis zum Meere hin, damit, im Fall ihnen das Land abgesperrt würde, die Zufuhr der Lebensmittel zur See mit Hülse der Athener Erleichterung gewähre. Dieser Mauerbau geschah mit Gutheißen einiger andern peloponnesischen Städte, und die Argiver selbst arbeiteten daran mit ihrer ganzen Bevölkerung, Männern, Weibern und Sklaven, und auch aus Athen waren.ihnen Zimmerleute und Steinmetzen zugeschickt worden. So ging dieser Sommer zu Ende.
Im folgenden Winter zogen die Lakedämonier, als sie von dem Mauerbau gehört hatten, selbst und mit ihren Bundesgenossen, ausgenommen die Korinther, gegen Argos zu Felde. Auch in Argos .selbst wirkte eine kleine Partei für sie. Agis, des Archidamos Sohn, König der Lakedämonier, führte das Heer. Was man nun von der Mitwirkung jener in der Stadt erwartete, führte noch zu keinem Erfolge; die neugebauten Mauern jedoch nahmen die Lakedämonier und rissen sie nieder, und dergleichen nahmen sie auch Hysiä/ einen Platz im Argivischen, wobei sie alle Freigebornen tödteten, die in ihre Gewalt sielen, und dann sich wieder in ihre Städte zerstreuten. Danach machten auch die Argiver ihrerseits einen Zug in das Gebiet von Phlius und zogen wieder ab, nachdem sie es verwüstet, weil dort ihre Flüchtlinge Aufnahme gefunden hätten; die Mehrzahl derselben wohnte nämlich daselbst.
In demselben Winter hielten die Athener auch Makedonien blokirt. Grund war, daß Perdikkas zum Bündniß der Argiver und Lakedämonier geshcworen hatte. Auch hatte er, als die Athener einen Zug gegen die Ehalkidier in den Thrakischen Gränzlanden und gegen Amphipolis ausgerüstet, welchen Nikias, des Nikeratos Sohu, anführen sollte, nicht als Verbündeter gehandelt, wodurch er die Hauptursache wurde, daß dieß Heer ganz unverrichteter Dinge wieder auseinander ging. Er galt also als Feind. So ging dieser Winter zu Ende und damit das fünfzehnte Jahr dieses Krieges.
416 v. Chr. In dem folgenden Sommer segelte Alkibiades mit zwanzig Schissen nach Argos, hob unter den Argivern diejenigen auf, welche noch verdächtig waren und es mit den Lakedämoniern zu halten schienen, — drei Hundert Männer an der Zahl, — und die Athener gaben dieselben auf die Inseln in der Nähe in Verwahrung, die unter ihrer Hoheit tsanden.
Danach gingen die Athener unter Segel gegen die Insel MeloS. Ihre Flotte, bestehend aus dreißig eigenen Schissen, fechsen der Chier und zweien der Lesbier, führte aus ihnen selbst zwölf Hundert Schwerbewaffnete, drei Hundert Bogenschützen und zwanzig berittene Pfeilschützen, und von den Bundesgenossen und Inselstaaten ungefähr fünfzehn Hundert Schwerbewaffnete. Die Melier aber sind ein Pflanzvolk der Lakedämonier und wollten sich nicht wie die andern Inselbewohner den Athenern unterwerfen, sondern verhielten sich zuerst ganz ruhig, ohne eine der beiden Parteien zu ergreifen, dann aber, als die Athener sie zum Beitritt zwingen wollten, indem sie ihr Land verwüsteten, führten sie gegen diese offenen Krieg. Mit jener Macht also legten sich die Athener in ihr Gebiet; die Anführer Kleomedes, des Lykomedes Sohn, und Tisias, Sohn des Tifimachos, wollten jedoch, bevor sie das Gebiet schädigten, zuerst eS mit Unterhandlungen versuchen und schickten deßhalb Bevollmächtigte. Die Melier aber ließen dieselben nicht vor der Volksversammlung austreten, sondern befahlen ihnen,' vor den Oberbehörden und den oligarchischen Machthabern auszurichten, wozu sie gekommen seien. Die Athenischen Gesandten nun sprachen, wie folgt: "
„Obgleich wir schon nicht vor dem ganzen Volke reden dürfen, — natürlich damit die Menge nicht in einer zusammenhängenden Auseinandersetzung VerlockendeS und Unwiderlegliches auf einmal zu hören bekomme und dadurch von unS hinter's Licht geführt werde, — denn wir sehen recht gut, daß unsere Vorladung vor die Minderzahl der Reichen und Mächtigen eben daraus hinausläuft —, so habt ihr, die ihr dahier versammelt seid, euch noch weiter sicher gestellt. Denn auch ihr wollt nicht in zusammenhängender Rede, sondern aus jeden einzelnen Punkt, wenn er euch unrichtig gefaßt scheint, sogleich einfallend eure Entscheidung abgeben.So sagt 4l6 v. Chr. denn zuerst; ob ihr an dem, was wir da sagen, etwas auszusetzen > habt."
- Darauf gab die Versammlung der melischen Bevollmächtigten zur Antwort:
„Daß ihr durch eure Nachgiebigkeit es möglich gemacht habt, uns gegenseitig in Ruhe zu belehren,' kann nicht getadelt werden. Im Widerspruch damit aber stehen die kriegerischen.Anstalten, die-ihr bereits, schon getroffen habt und nicht erst von der Zukunft abhängig machen wollt. Wir sehen, daß ihr.gekommen- seid, um über das, was wir vorbringen werden,-selbst als Richter zu entscheiden; und das, Ende davon wird sein, daß ihr uns den Krieg bringt, wenn uvir — wie natürlich in Vertretung unseres Rechtes hie obsiegen und eben, deßhalb auch nicht nachgeben' wollen,— lassen, wir, euch aber das Recht.-iso,bringt ihr.uns.Knehctschaft." v . '
Athener: -j,Wenn:ihr,denn also hier zusammengekommen seid, um argwöhnischen Vermuthungen'über das, was kommen kann, nachzuhängen, oder wenn euch irgend ein anderer Zweck hieher geführt hat als der: nach Maßgabe der wirklichen Verhältnisse, wie ihr sie vor-Augen seht, übet die Erhaltung eures Staates zu berathen, so können wir.gleich aufhören.^. Wollt ihr aber Nichts als dieses, .so können wir weiter reden.". i s
Melier: „Wenn man unter Umständen, wie die unsrigen jetzt sind, sich in Worten und Gedanken vielfach zu wenden und. zu drehen sucht, so ist das wohl natürlich und verzeihlich. Diese Zusammenkunst, ist aber.in der That auch unserer Rettung wegen geschehen, und die Unterredung möge, wenn es euch beliebt, auf die Art vor sich gehen? wie ihr vorschlagt." ' - - .s
Athener: „Gut! Und so wollen?denn auch wir nicht mit schönen,Worten eine lange.Rede halten,.die euch doch nicht überzeugen würde, wie z. B., daß wir die Herrschaft mit Recht besitzen, weil'wirken,Meder unschädlich gemacht haben, oder daß wir erlittenes,Unrechts wegen.euch zu Leibe gehen; dafür erwarten wir aber, daß auch ihr euch nicht der Täuschung ,hingebet,- uns mit solchen Dingen überreden zu können,- wie wennuhr vorbringt,.daß ihr ja Mit den Th'ukydili' V. 416 v. Chr. Lakedämoniern nicht zu Felde gezogen seiet, obgleich ihr von ihnen abstammt, oder daß ihr uns ja Nichts zu Leide, gethan hättet. Sucht vielmehr nur das durchzusetzen, was nach Maßgabe von unser beider wirklichen Gesinnungen möglich ist. Ihr so gut wie wir wisset, daß nach menschlicher Denkart die Gerechtigkeit nur da in Betracht gezogen wird, wo auf beiden Seiten die Zwangsmittel sich die Wage halten; der Mächtige aber setzt durch, was durchzusetzen möglich ist, und der Schwache fügt sich."
Melier: „Wir unserseits halten für nützlich — denn ihr zwingt uns ja den Nutzen hervorzuheben, da ihr ihn mit Beseitigung der Gerechtigkeit zu eurem Grundsatz macht — wenn ihr das nicht aushebt, was für Alle gemeinsamer Nutzen ist. " Es versteht sich ja doch von selbst, daß wer immer in Gefahr ist, den Ändern überreden darf, ihm auch wohl über das strenge Recht hinaus eine Begünstigung zu Theil werden zu lassen.. Und von euch erwarten wir .das um so mehr, als ihr ja, im Fall ihr überwunden werdet, für die Andern als ein Beispiel der furchtbarsten Bestrafung dienen würdet."
Athener: „Wenn auch unserer Oberherrschaft einmal ein Ende gemacht werden sollte, so fürchten wir die Folgen nicht. Denn solche,, die selbst über Andere herrshcen, — und zu denen gehören ja auch die Lakedämonier —, sind den Besiegten nicht furchtbar — und wir kämpfen ja hier nicht einmal gegen die Lakedämonier; — wohl aber sind Unterthanen zu fürchten, wenn sie ihre Herrshcer angreifen und besiegen. Aber was das betrifft, so laßt uns diese Gefahr nur selbst bestehen. Wir wollen euch jetzt nur zeigen, daß wir zur Festigung unserer Herrschaft hier sind und daß wir, um euren Staat zu retten, mit euch unterhandeln. Wir wollen über euch herrshcen, ohne daß ihr uns die Sache schwer macht, und wünschen, daß ihr zu unser beider Nutzen erhalten bleibt."
Melier: „Wie könnte aber unS die Knechtschaft eben so nützlich sein, als euch die Herrschaft?"
Athener: „Weil euch die Unterwerfung daS furchtbarste Schicksal ersparen würde, und auch wir Gewinn davon hätten, wenn wir euch nicht zu Grunde richten müssen."