Book 5
Unmittelbar vor Beginn deS Gefechts richteten die ein zelnen Feldherren einige Worte an ihre Leute, um sie zum Kampfe anzufeuern. Den Mantineern sagte man, es gelte heute den Kampf fürs Vaterland, zugleich aber auch um Herrschaft und Knechtschaft, jene dürften sie sich nicht nehmen, diese nicht wieder gefallen lassen; den Argeiern, sie sollten nicht leiden, daß man ihrer alten Hegemonie und früheren Gleichberechtigung im Peloponnes für immer ein Ende mache, und dem bösen Nachbarvolke alle seine Unbilden einmal heim zahlen; den Athenern aber, daß eS Ehrensache für sie sei, eS unter so vielen tapferen Bundesgenossen allen übrigen zuvor II zutun, wie sie denn auch durch einen Sieg über die Lake dämonier hier im Peloponnes ihre Herrschaft befestigen und erweitern, auch ihr Land für immer vor feindlichen Einfällen sichern würden. In dieser Weise suchte man die Argeier und ihre Verbündeten zum Kampf anzufeuern. Die Lakedämonier spornten sich untereinander und durch Anstimmung kriegerischer Weisen an, der alten Tapferkeit eingedenk zu sein und zu zeigen, waS sie könnten, wohl wissend, daß lange Schulung im Kriegshandwerk mehr wert sei als schwungvolle Ansprachen vor der Schlacht.
Darauf begann das Gefecht. Die Argeier und ihre Ver bündeten rückten rasch und ungestüm vor, die Lakedämonier langsam und unter klingendem Spiel zahlreicher Pfeifer, wie das bei ihnen eingeführt ist, nicht etwa aus religiösen Rück sichten, sondern um nach dem Takt Schritt zu halten, damit ihre Glieder nicht aus dem Zusammenhang geraten, was sonst beim Angriff großer Heere leicht vorkommt.
Während die Schlacht noch im Gange war, beschloß König Agis, folgendermaßen zu Werke zu gehen. Es ist eine allgemeine Erscheinung, daß der rechte Flügel eines Heeres, wenn es an den Feind kommt, sich verlängert, weil jeder aus Furcht seine ungedeckte Seite möglichst unter den Schild seines rechten Nebenmanns zu bringen sucht und um so sicherer zu sein glaubt, je enger alle aneinander schließen. Den ersten An laß dazu gibt der rechte Flügelmann im ersten Gliede, der immer weiter nach rechts drängt, um seine ungedeckte Seite vom Feinde abzukehren, und aus gleicher Furcht machen eS die übrigen so wie er. Auch diesmal reichten die Mantineer auf ihrem Flügel über die Skiriten weit hinaus, und die Lakedämonier und Tegeer, um so zahlreicher ihr Heer war, noch weiter über die Athener. Nun-fürchtete Agis,-Nein linker Flügel könnte umfaßt werden, da die Mantineer nach seiner Meinung allzu weit über ihn hinausreichten, und befahl des halb den Skiriten und Brasidas-Leuten, sich aus ihrer bis herigen Stellung weiter links bis auf gleiche Höhe mit den Mantineern zu ziehen. Den Obersten Hipponoidas und Aristo kles aber befahl er, zur Ausfüllung der dadurch entstan denen Lücke mit zwei Lochen vom rechten Flügel dort einzu- rücken, in der Meinung, sein rechter Flügel würde auch dann noch stark genug bleiben, der linke aber den Mantineern gegen über widerstandsfähiger werden.s
Unglücklihcerweise aber weigerten sich Aristokles und HipponoidaS, dem Befehl nachzukommen, weil sie ihn zu spät, als sie bereits ins Gefecht verwickelt gewesen, erhalten hätten, was ihnen freilich später als Feigheit ausgelegt wurde und ihre Verbannung aus Sparta zur Folge hatte. Inzwischen waren jedoch die Feinde schon vorgedrungen, und die Skiriten konnten seinem, ihnen beim Ausbleiben der beiden Lochen er teilten Befehle, in ihre alte Stellung zurückzukehren, nicht mehr zeitig genug ausführen, um die dort entstandene Lücke zu schließen. So schlecht aber die Lakedämonier mit ihren taktischen Bewegungen gefahren waren, so glänzend bewiesen sie nun, daß sie trotzdem durch Tapferkeit zu siegen verstanden. Nachdem sie mit dem Feinde handgemein geworden waren, schlug zwar dessen aus den Mantineern bestehender rechter Flügel ihre Skiriten und Vrasidas-Leute in die Flucht, und die Mantineer mit ihren Verbündeten und den tausend auserlesenen Argeiern drangen in die nicht wieder geschlossene Lücke-ein, umringten die Lakedämonier, machten sie nieder und trieben sie in wilder Flucht bis zu ihren Fuhrwerken, wo sie noch eine Anzahl der dort zur Bedeckung gebliebenen älteren Krieger erschlugen. Hier also wurden die Lakedämonier besiegt. Mit dem übrigen Heere aber, insbesondere der Mitte, wo König Agis mit seiner Leibwache, den sogenannten dreihundert Rittern, sich befand, warfen sie sich auf die alten Argeier, die fünf Lochen, wie sie hießen, und deren Bundesgenossen auS Kleonai und Orneai und die ihnen hier gegenüberstehenden Athener und schlugen sie in die Flucht, wobei die meisten es gar nicht zum Hand gemenge kommen ließen, sondern beim Angriff der Lakedämonier gleich die Flucht ergriffen und dabei zum Teil von den Gegnern noch überholt und unter die Füße getreten wurden.
Während infolge der hier erlittenen Niederlage die Stellung der Argeier und ihrer Verbündeten durchbrochen wurde, um faßten die Lakedämonier und Tegeer mit ihrem überragenden rechten Flügel nun auch die Athener, über die es jetzt von zwei Seiten herging, da sie hier umringt, dort bereits ge schlagen waren. Und wahrscheinlich würden sie im ganzen Heere am meisten gelitten haben, wenn ihre Reiterei sie nicht herausgehauen hätte. Es kam hinzu, daß Agis, als er sah, wie übel es seinem linken Flügel den Mantineern und den argeiischen Tausend gegenüber erging, dem ganzen Heere be fahl, sich nach dem geschlagenen Flügel zu ziehen. Als nun das feindliche Heer infolge dieses Befehls nach links zog und von ihnen abließ, hatten die Athener Zeit, sich unterdessen auS dem Staube zu machen und die hier geschlagenen Argeier mit ihnen. Die Mantineer aber und ihre Verbündeten und die tausend Argeier gaben es nun auch auf, den Kampf gegen den Feind wieder aufzunehmen, sondern wandten sich, als sie sahen, daß die Ihrigen geschlagen und die Lakedämonier im siegreichen Vordringen waren, jetzt ebenfalls zur Flucht. Die Mantineer hatten dabei auch schwere Verluste, die argeiischen Tausend dagegen kamen meist mit dem Leben davon. Zu einer nachdrücklichen oder langen Verfolgung kam es indessen nicht. Denn die Lakedämonier fechten zwar mit zäher Ausdauer und halten unerschütterlich stand, bis sie den Feind besiegt, lassen sich aber nach einer gewonnenen Schlacht auf längere Ver folgungen nicht ein.
So oder doch im wesentlichen so verlief die Schlacht, in der Tat die bedeutendste, welche seit langer Zeit denn doch unter den ansehnlichsten griechischen Staaten geschlagen war. Die Lakedämonier aber traten auf der mit den Leichen der Feinde bedeckten Walstatt ins Gewehr und errichteten sogleich ein Siegeszeichen. Den gefallenen Feinden nahmen sie die Rüstungen ab, sammelten ihre Toten und brachten sie nach Tegea, wo sie sie bestatteten. Den Gegnern gaben sie ihre Toten unter Waffenstillstand heraus. Gefallen waren aas Argos, Orneai und Kleonai siebenhundert, aus Mantinea zwei hundert, aus Athen und Ägina ebenfalls zweihundert, auch die beiden Feldherren. Auf Seite der Lakedämonier waren die Bundesgenossen nicht ernstlich inS Gefecht gekommen und hatten deshalb auch keine nennenswerten Verluste. Wieviel sie selbst verloren, war schwer zu ermitteln. Es hieß, sie hätten etwa dreihundert Tote gehabt.
Kurz vor der Schlacht war auch Pleistoanax, der andere König, mit der ältesten Mannschaft nach Mantinea aufgebrochen und bis Tegea gelangt. Auf die Nachricht von dem erfochtenen Siege war er jedoch wieder umgekehrt. Auch ihren von Korinth und von jenseits des Isthmus kommenden Verbündeten ließen die Lakedämonier sagen, sie könnten wieder umkehren. Sie , selbst gingen ebenfalls nach Hause zurück, entließen ihre Bundes genossen nnd feierten das grade in diese Zeit fallende Fest der Karneien. Hatte man ihnen bis dahin in Griechenland wegen der Niederlage auf der Insel Feigheit vorgeworfen und sie wegen ihrer Mißgriffe und Schwerfälligkeit verhöhnt, so war dem durch diese Schlacht mit einmal ein Ende gemacht; nur ein unglücklicher Zufall, meinte man jetzt, habe sie in den Ver dacht der Feigheit gebracht, und an Tapferkeit seien sie immer noch die Alten.
Am Tage vor der Schlacht waren die Epidaurier mit ihrem ganzen Heere in das damals ja von Truppen entblößte Ar geiische eingefallen und hatten die von den Argeiern während des Feldzugs dort zurückgelassene Besatzung gutenteils nieder gemacht. Als aber nach der Schlacht dreitausend Hopliten aus Elis und noch weitere tausend Athener zu den Mantineern gestoßen waren, rückten die Verbündeten, während die Lake dämonier ihre Karneien feierten, gleich mit dem ganzen Heere vor Epidauros und begannen die Stadt mit einer Mauer ein zuschließen, wobei sie die Arbeit an den einzelnen Abschnitten unter sich verteilten. Freilich stellten die übrigen die Arbeit bald ein, die Athener aber wurden auf ihrem Abschnitt oben beim Heratempel schnell damit fertig. In der hier erbauten Schanze ließen sie eine gemeinshcaftliche Besatzung zurück und zogen dann alle wieder ab, jeder in seine Stadt. Damit endete der Sommer.
Im Beginne des folgenden Winters ershcienen die Lake dämonier nach dem Karneienfeste gleich wieder im Felde, ließen aber, als sie bis Tegea gekommen, in Argos Friedensvorschläge machen. Schon immer gab es hier eine Anzahl Leute, die zu ihnen hielten und die Demokratie in Argos zu stürzen wünschten, und diesen war es jetzt nach der Schlacht weit eher möglich, die Menge für den Frieden zu stimmen. Erst wollten sie Frieden schließen und darnach ein Bündnis mit den Lake dämoniern zustande bringen, und wenn sie das erreicht, der Volks Herrschaft ein Ende machen. Nun kam Lichas, Arkesilaos' Sohn, der Staatsgastfreund der Argeier, von seiten der Lakedämonier mit zwei Vorschlägen nach Argos, einen für den Fall, daß man den Krieg fortsetzen wolle, den anderen für den Fall, daß man zum Frieden geneigt sei. Nach längeren Verhandlungen, bei denen auch Alkibiades zugegen war, gelang es den Anhängern der Lakedämonier, die bereits ganz offen als solche aufzutreten wagten, die Argeier zur Annahme des Friedenvorschlags zu bewegen. Der aber lautete also:
„Die Versammlung der Lakedämonier erklärt sich zum Frieden mit den Argeiern bereit, und zwar unter folgenden Bedingungen: Die Argeier haben den Orchomeniern die Kinder, den Mainaliern die Männer, den Lakedämoniern die in Man tinea befindlichen Männer herauszugeben, von Epidauros ab zuziehen nnd die Schanze dort abzutragen. Wenn die Athener sich weigern, von Epidauros abzuziehen, sind sie von den Argeiern und den Lakedämoniern sowie von den Bundes genossen der Lakedämonier und den Bundesgenossen der Argeier als Feinde zu behandeln. Auch die Lakedämonier haben allen Städten die etwa in ihren Händen befindlichen Kinder heraus zugeben. Wegen des dem Gotte gebührenden Opfers mögen die Argeier nach ihrem Belieben den Epidauriern den Eid zuschieben oder ihn selbst leisten. Die Städte im Peloponnes, große und kleine, sollen alle wie von alters her unabhängig sein. Sollte eine außerpeloponnesische Macht in feindlicher Absicht in den Peloponnes einfallen, so haben sich beide über die zu ergreifenden Abwehrmaßregeln miteinander zu ver ständigen und dabei auch die Wünsche der übrigen Peloponnesier tunlichst zu berücksichtigen. Die Bundesgenossen der Lake dämonier außerhalb des Peloponnes sollen wie die Bundes genossen der Argeier behandelt werden und ihre Besitzungen behalten. Der Vertrag ist den Bundesgesandten vorzulegen, um sich damit, wenn sie dazu bereit, gleich einverstanden zu erklären, sonst aber, wenn ihnen das lieber ist, ihn ihren Re gierungen zuzuschicken."e
Nachdem zunächst die Argeier den Vorschlag angenommen hatten, zogen die Lakedämonier mit ihrem Heere nach Hause, und seitdem verkehrten beide wieder friedlich miteinander. Bald nahcher aber brachten eben jene Herren es auch noch fertig, daß die Argeier sich von dem Bündnis mit Mantinea, Athen und Elis lossagten und ein Bündnis mit den Lakedämoniern eingingen. Der Vertrag lautete also:
„Die Lakedämonier und die Argeier haben beschlossen, unter folgenden Bedingungen auf fünfzig Jahr Frieden und Bündnis miteinander einzugehen und sich wie von alters her gegenseitig Rechtsgleichheit zuzugestehen. Die übrigen Staaten im Peloponnes sollen in den Frieden und das Bündnis ein geschlossen sein, ihre Selbständigkeit und ihre Verfassung be halten, auch sich untereinander wie von alters her gegenseitig Rechtsgleichheit zugestehen. Die Bundesgenossen der Lake dämonier außerhalb des Peloponnes sind wie die Lakedämonier zu behandeln. Auch die Bundesgenossen der Argeier sind wie die Argeier zu behandeln und sollen ihre Besitzungen behalten. Würde später mal ein gemeinschaftlicher Feldzug nötig werden, so haben die Lakedämonier und die Argeier sich darüber ins Einvernehmen zu setzen und dabei auch die Wünsche der Bundes genossen tunlichst zu berücksichtigen. Sollte einer der Staaten innerhalb oder außerhalb deS Peloponnes wegen seiner Grenzen oder aus anderen Gründen in Streitigkeiten geraten, so sind diese im Wege Rechtens auszutragen. Würde es zwischen zwei Bundesstaaten zu Händeln kommen, so haben sie einen dritten Staat anzugehn, den sie beide für unparteiisch halten. Rechtsstreitigkeiten unter Mitbürgern aber sind nach Landes- recht zu entscheiden."
In dieser Weise wurde der Friede und das Bündnis ge schlossen. Über die Herausgabe der gegenseitigen Eroberungen und etwaige sonstige Ansprüche verständigten sie sich. Da sie jetzt völlig einen Strang zogen, beschlossen sie, keinen Herold oder Gesandten der Athener mehr anzunehmen, wenn sie nicht die Schanze räumten und aus dem Peloponnes abzögen, auch künftig nur gemeinschaftlich Krieg zu führen oder Frieden zu schließen. Überhaupt trieben sie es sehr eifrig; so schickten sie beide Gesandte an die vorderthrakischen Städte und an Perdikkas, den sie beredeten, ihrem Bündnis beizutreten. Perdikkas fiel allerdings nicht gleich von den Athenern ab, hatte aber doch nicht übel Lust dazu, da ihm die Argeier das Beispiel gegeben; tsammte er doch auch selbst ursprünglich aus Argos. Mit den Chalkidiern erneuerten sie den alten Bund und bekräftigten ihn durch neue Eide. Die Argeier aber ließen auch die Athener durch eine Gesandtschaft auffordern, die Schanze vor Epidauros zu räumen. Da die Truppen der Athener ja nur einen verhältnismäßig kleinen Teil der Be satzung bildeten, schickten sie Demosthenes hin, um damit ab zuziehen. Der aber ließ nach seiner Ankunft dort zum Schein im Freien einen Ringkampf veranstalten und, als die übrige Besatzung draußen war, das Tor schließen. Später erneuerten dann die Athener selbst ihren Vertrag mit den Epidauriern und übergaben ihnen die Schanze.
Nach dem Austritt der Argeier aus dem Bunde mußten sich auch die Mantineer, die sich anfangs gesträubt, dazu aber ohne die Argeier auf die Dauer nicht imstande waren, zum Frieden mit den Lakedämoniern bequemen und die Herrschaft über die Städte aufgeben. Nun zogen die Lakedämonier und die Argeier, je tausend Mann stark, gemeinschaftlich ins Feld. Nachdem die Lakedämonier sich zunächst nach Sikyon gewandt und dort eine oligarchische Verfassung eingeführt hatten, machten beide zusammen dann auch in Argos selbst der Demokratie ein Ende, an deren Stelle auch hier ein den Lakedämoniern ge nehmes oligarchisches Regiment trat. Das geschah schon gegen Frühlingsanfang zu Ende deS Winters, und damit endete das vierzehnte Jahr des Krieges.
Im nächsten Sommer ging Dion am Athos von den Athenern zu den Chalkidiern über, und die Lakedämonier machten in Achaia den ihnen unbequemen dortigen Zuständen ein Ende. In Argos lehnte sich die Volkspartei, die sich bei kleinem wieder gesammelt und neuen Mut gefaßt hatte, gegen die Obligarchen auf, wozu sie die Gymnopaidien der Lakedämonier abgewartet hatte. Dabei kam es zu Straßenkämpfen, in denen das Volk Sieger blieb und die Gegner teils umbrachte, teils aus der Stadt vertrieb. Die von ihren Freunden zu Hilfe gerufenen Lakedämonier hatten zu lange auf sich warten lassen, dann aber endlich dock ihre Gymnopaidien verschoben und sich auf den Weg gemacht. Als sie jedoch bei Tegea hörten, die Oligarchen seien besiegt, weigerten sie sich trotz der Bitten ihrer zu ihnen geflüchteten Freunde, weiterzuziehen, sondern kehrten wieder um, um zu Hause ihre Gymnopaidien zu feiern. Später fanden sich Abgesandte der Argeier, sowohl aus der Stadt wie von außen, bei ihnen ein, und nach längerem Wort wechsel beider Teile in Gegenwart der Bundesgenossen ent schieden die Lakedämonier, daß die Städter im Unrecht wären, und beschlossen, Truppen nach Argos zu schicken. Damit aber hatte es vorläufig gute Wege. Unterdessen hatte das Volk in Argos, das aus Furcht vor den Lakedämoniern das Bündnis mit Athen hergestellt zu sehen wünschte und sich davon große Vorteile versprach, mit dem Bau langer Mauern bis an die See begonnen, um sich für den Fall einer Einschließung von der Landseite mit Hilfe der Athener die Einfuhr von Lebens mitteln zur See zu sichern. Auch verschiedene Städte im Peloponnes wußten um die Ausführung des BaueS, in Argos aber legte alle Welt, Männer, Weiber und Kinder, dabei Hand mit an. Auch von Athen waren Maurer und Stein metzen dazu herübergekommen. Damit endete der Sommer.
Im nächsten Winter rückten die Lakedämonier, als sie von dem Bau der Mauern hörten, mit ihren Bundesgenossen, jedoch ohne die Korinther, vor Argos, wo sie immer noch ge wisse Verbindungen hatten. Den Oberbefehl über das Heer führte der lakedämonische König Agis, Archidamos' Sohn. Ihre Hoffnung, daß man ihnen auch aus der Stadt selbst die Hand bieten werde, ging allerdings nicht in Erfüllung; sie bemächtigten sich jedoch der im Bau begriffenen Mauer und brachen sie ab. Auch eroberten sie Hysiai, einen Ort im Argeiischen, und töteten alle Freien, die ihnen in die Hände sielen. Darauf zogen sie wieder ab und gingen auseinander, jeder in seine Heimat. Bald nachher unternahmen auch die Argeier einen Zug ins Phliasische, weil ihre Flüchtlinge in Phlius Aufnahme gefunden und sich großenteils dort nieder gelassen hatten. Nachdem sie das Land verheert, zogen sie wieder ab. Die Athener aber schlossen in diesem Winter die makedonishcen Küsten mit ihren Schiffen ein, weil sie Perdikkas das inzwischen mit den Lakedämoniern und den Argeiern ein gegangene Bündnis verdachten. Auch hatte er sie damals, als sie unter Nikias, Nikeratos' Sohn, den Zug gegen die thrakischen Chalkidier und Amphipolis vorhatten, als Bundes genosse im Stich gelassen und die Unternehmung hauptsäch lich durch seinen Abfall vereitelt. Sie betrachteten ihn also jetzt als ihren Feind. Damit endete der Winter und das fünfzehnte Jahr des Krieges..
Im folgenden Sommer fuhr AlkibiadeS mit zwanzig Schiffen nach Argos und ließ dort dreihundert Argeier ver haften, die noch im Verdacht lakedämonischer Gesinnung standen, und die Athener brachten sie in der Nähe auf den von ihnen beherrschten Inseln unter. Auch gegen die Insel Melos unter nahmen die Athener einen Zug mit dreißig eigenen, sechs chiischen und zwei lesbischen Schiffen, zwölfhundert Hopliten, dreihundert Bogenschützen und zwanzig reitenden Schützen aus Athen selbst uud etwa fünfzehnhundert Hopliten ihrer Bundes genossen auf den Inseln. Melos ist eine lakedämonische Kolonie, und die Bewohner wollten sich nicht wie die übrigen Inseln den Athenern unterwerfen. Anfangs versuchten sie, neutral zu bleiben; als dann aber die Athener sie zwingen wollten und ihr Land verheerten, kam es zum offenen Kriege. Mit jener Streitmacht legten sich nun die Feldherren Kleomedes, Lykomedes' Sohn, und Tisias, Tisimachos' Sohn, auf ihre Insel, schickten aber vor Beginn der Feindseligkeiten Gesandte an sie, um zunächst mit ihnen zu unterhandeln. Die Melier aber führten diese nicht vor das Volk, sondern forderten sie auf, sich im engeren Kreise der Regierung und einiger vor nehmer Herren darüber zu äußern, in welcher Absicht sie kämen. Da kam es dann zu folgender Aussprache zwischen den athe nischen Gesandten und den melischen Unterhändlern.
Athener: „Vor dem Volke laßt ihr uns ja nicht zu Worte kommen, aus Furcht, eure Leute könnten von uns verführt werden, wenn wir Gelegenheit hätten, ihnen unsere einleuchten den, unwiderleglichen Gründe in einer zusammenhängenden Rede zu entwickeln; merken wir doch recht gut, daß ihr uns nur deshalb in diesen engeren Kreis geführt habt. Davor seid ihr hier in der Sitzung allerdings sicher. Denn hier läuft eS nicht auf eine einmalige Rede hinaus, sondern ihr könnt uns gleich bei jedem einzelnen Punkte, bei dem ihr anderer Meinung seid, ins Wort fallen und uns widerlegen. Zunächst also, seid ihr damit einverstanden?"
Melier: „Gegen den zweckmäßigen Vorschlag, die Sache ruhig miteinander zu besprechen, haben wir nichts zu erinnern. Daß ihr uns aber so ohne weiteres gleich mit Krieg über zieht, scheint sich damit denn doch nicht zu vertragen; denn offenbar tretet ihr hier mit dem Anspruch auf, bei diesen Be sprechungen das letzte Wort zu haben, und wenn wir dabei, wie wahrscheinlich, recht behalten und deshalb nicht nachgeben, so wird es für uns auf Krieg, wenn wir uns aber fügen, auf Knechtschaft hinauskommen."
Athener: „Wenn ihr euch hier in Vermutungen über die Zukunft ergehen oder, statt die in diesem Augenblick zur Siche rung eures Landes gebotenen Schritte zu erörtern, von anderen Dingen reden wollt, so können wir nur aufhören. Wollt ihr aber bei der Sache bleiben, so wollen wir fortfahren."
Melier: „Es ist begreiflich, und ihr dürft es unS nicht verargen, wenn wir in unserer Lage auf mancherlei Reden und Meinungen verfallen. Jedenfalls sind in dieser Zusammen kunft auch die zur Sicherung unseres Landes gebotenen Schritte zu erörtern. Darum laßt unS, wenn es euch recht ist, in der von euch vorgeshclagenen Weise weiterverhandeln."
Athener: „Nun denn; wir werden euch keine lange wohl gesetzte, ja doch nur Mißtrauen erweckende Rede darüber halten, daß wir durch unseren Sieg über den Perserkönig das Recht zur Herrschaft erworben haben, oder daß wir euch ins Land gekommen sind, weil ihr uns was zuleide getan. Wir verlangen jedoch, daß ihr nicht glaubt, mit der Ausrede durch zukommen, als lakedämonische Kolonisten hättet ihr uns die Heerfolge versagt und uns nichts zuleide getan, aber auch, daß ihr nichts nach unserer beiderseitigen wahren Meinung Unmögliches begehrt. Bildet euch also nicht ein, wir wüßten nicht, daß es unter den Menschen nur bei gleichen Macht- mitteln nach Recht geht, der Mächtige aber tut, was ihm an steht, und der Schwache sich fügen muß."
Melier: „Nach unserer Ansicht - und wir müssen das aussprechen, da ihr von Recht nichts hören wollt und uns auf die Nützlichkeit verweist - hat eS aber doch auch seinen Nutzen, nicht gegen den für alle wertvollen Grundsatz zu ver, stoßen, daß man jedem in Gefahr Befindlichen Billigkeit für Recht ergehen lassen und eS mit seinen Gründen nicht allzu genau nehmen soll. Und das gilt für euch so gut wie für andere; denn solltet ihr auch einmal besiegt werden, so würde man sich eure Härte zum Beispiel nehmen und gegen euch ebenso verfahren."
Athener: „Sollte es mit unserer Herrschaft auch zu Ende gehen, so machen wir uns darüber, was weiter aus uns werden wird, keine Sorge. Denn von einer Macht, die selbst über andere herrscht, wie die Lakedämonier, — mit denen wir es übrigens hier nicht zu tun haben, - hat der Besiegte nicht allzuviel zu fürchten; weit gefährlicher ist es, wenn die eigenen Untertanen sich gegen ihre Herren auflehnen und sie besiegen. In dieser Hinsicht laßt uns unsere Haut nur selbst zu Markte tragen. Vernehntt also, daß wir hier sind, um euch unserer Herrschaft zu unterwerfen, und mit euch darüber zu reden gedenken, wie sich das mit dem Wohl eures Landes am besten vereinigen läßt; denn wir wollen euch damit nicht bedrücken, wünschen vielmehr, daß ihr dabei zu unser beider Vorteil gut fahren werdet."
Melier: „Wie könnte wohl die Knechtschaft für uns so vorteilhaft sein wie für euch die Herrschaft?"
Athener: „Weil es für euch immer noch vorteilhafter sein würde, unsere Untertanen zu werden, als über die Klinge springen zu müssen, für uns aber ein Gewinn, wenn wir euch ' nicht zu vernichten brauchten."
Melier: „Darauf also, daß wir neutral blieben, uns nicht feindlich, vielmehr freundlich zu euch stellten, aber keinem der beiden Bündnisse beiträten, würdet ihr nicht eingehen?"
Athener: „Nein; denn eure Feindschaft schadet uns weniger als eure Freundschaft, da diese in den Augen unserer Unter tanen ein Zeichen unserer Schwäche sein würde, eure Feind schaft aber ein Beweis unserer Macht."
Melier: „Meinen eure Untertanen denn, rechtlich zwischen Leuten, die euch nichts angehen, und solchen, die größtenteils als Kolonisten, teilweise auch nach ihrem Abfall von euch unterworfen sind, keinen Unterschied machen zu müssen?"
Athener: „An Rechtsgründen würde es ihrer Meinung nach den einen so wenig wie den anderen fehlen; aber sie glauben, daß jene es nur ihrer Macht verdanken, wenn sie frei bleiben, und daß wir uns fürchten, sie anzugreifen. Eure Unterwerfung würde also nicht nur zur Erweiterung unserer Macht, sondern auch zur Sicherung unserer Herrschaft beitragen, zumal es ein schlechtes Zeichen wäre, wenn wir, die Beherrscher der See, ein verhältnismäßig schwaches Jnselvolk wie euch nicht zwingen könnten."
Melier: „Das also, meint ihr, würde euch solche Siche rung nicht gewähren? Wie ihr unS aber zu verstehen gebt, daß es sich unS gegenüber nicht um Recht, sondern nur um euren Vorteil handelt, so wollen auch wir euch nun über unseren Vorteil belehren und versuchen, euch von eurer Meinung zu bekehren. Am Ende könnte unser beider Vorteil denn doch zusammengehen. Treibt ihr denn nicht alle jetzt Neutralen ins feindliche Lager, wenn sie nach solchen Erfahrungen sich sagen müssen, daß es über kurz oder lang auch ihnen an den Kragen gehen wird? Was hättet ihr dann weiter davon, als daß ihr eure jetzigen Feinde nur noch mächtiger macht und solche, die es gar nicht werden wollen, wider Willen dazu drängt?"
Athener: ,Ach, von den paar Festlandsstaaten, die sich mit den Vorkehrungen zum Schutz ihrer Freiheit uns gegen über so viel Zeit lassen, haben wir nichts zu fürchten, wohl aber von den unabhängigen Jnselvölkern, wie ihr, und solchen, -die schon durch den Druck der Fremdherrschaft erbittert sind; denn die würden sich nicht lange besinnen, sich und uns kopf über in Gefahr zu tsürzen."
Melier: „Nun denn, wenn ihr vor nichts zurückschreckt, um eure Herrschaft zu behaupten, und die unabhängigen Völker sich unbedenklich in Gefahr stürzen, um sie abzuschütteln, wäre es da für uns, die wir noch frei sind, nicht die größte Schande, wollten wir nicht lieber alleS wagen, als uns unters Joch be geben?"
Athener: „Bei vernünftiger Überlegung keineswegs. Denn es handelt sich für euch nicht darum, eure Tapferkeit zu be weisen und einen Kampf mit gleichen Waffen ehrenvoll zu bestehen, sondern um Sein und Nichtsein und um die Not wendigkeit, euch einem ungleich Mächtigeren nicht zu wider setzen."
Melier: „Bekanntlich aber ist das Glück im Kriege manchmal auch dem Schwachen günstig, und die Verschiedenheit der beiderseitigen Kräfte gibt nicht unbedingt den Ausschlag. Wenn wir uns gleich ergeben, haben wir überhaupt nichts mehr zu hoffen; greifen wir aber zu den Waffen, so bleibt uns wenigstens die Hoffnung, glücklich durchzukommen."
Athener: „Gewiß, Hoffnung ist ein Trost in der Gefahr, und sie wird dem Mächtigen, der sich auf sie verläßt, wenn auch vielleicht schädlich, aber doch nicht verderblich werden. Wer aber mit ihr, weil sie ihm goldene Berge verspricht, sein alles aufs Spiel setzt, wird erst durch Schaden klug und dann zu spät inne, wie trügerisch sie ist. Euch fehlt die Macht, und euer Schicksal hängt an einem Haar, seht euch also vor, daß es euch nicht auch so geht, und macht es nicht wie der ge meine Mann, der auch da, wo noch menschliche Hilfe möglich ist, wenn er bei einer Krankheit an die bewährten Mittel nicht mehr glaubt, sich auf Wunderkuren nnd dergleichen trügerische Hoffnungen verläßt."
Melier: „Auch wir, das könnt ihr glauben, sehen die Schwierigkeit ein, bei so ungleichen Mitteln den Kampf gegen eure Macht und euer Glück aufzunehmen; wir vertrauen jedoch auf unser Glück, daß die Gottheit uns nicht wird unterliegen lassen, da wir eine gerechte Sache gegen einen Gewaltakt ver treten. Sofern es uns aber selbst an Macht fehlt, rechnen wir auf die Hilfe der Lakedämonier, die uns als ihre Stammes genossen schon anstandshalber werden beistehen müssen. So ganz unbegründet ist unser Vertrauen demnach nicht."
Athener: „Was die Gunst der Gottheit anlangt, so glauben wir, daß es auch uns daran nicht fehlen wird, denn wir verlangen und tun nichts, was dem Glauben der Men schen an die Gottheit oder dem, was sie untereinander selbst für recht halten, widerspräche. Unseres Erachtens gilt nämlich in der ganzen Welt, bei der Gottheit, wie wir glauben, unter Menschen erfahrungsmäßig, eben ein für allemal das Recht des Stärkeren. Wir haben dieses Recht weder zuerst eingeführt, noch zuerst davon Gebrauch gemacht; aber wie wir es alS ein immer anerkanntes und für alle Zeit gültiges vorgefunden haben, so handeln wir auch jetzt darnach und zweifeln nicht daran, daß ihr wie jeder andere es bei gleicher Macht auch so machen würdet. Also, was die Gottheit anlangt, haben wir keinen Grund, eine Niederlage zu fürchten. Wenn ihr aber auf die Lakedämonier rechnet und hofft, daß sie euch schon anstandshalber beistehen würden, so wünschen wir euch Glück zu eurer Unschuld, beneiden euch aber nicht darum! DaS Verhalten der Lakedämonier untereinander und gegenüber ihrem heimischen Gesetze ist zwar im allgemeinen löblich, aber über ihre auswärtige Politik wäre manches zu sagen, mit einem Worte, daß unter allen uns bekannten Völkern keinS so un verhohlen wie sie, alles was ihnen genehm, für erlaubt hält, und was ihnen vorteilhaft ist, für Recht erklärt. Bei solcher Denkart könnt ihr jetzt in eurer mißlichen Lage denn doch schwerlich auf sie rechnen."
Melier: „Doch; grade dieser Denkart wegen rechnen nnr um so fester darauf, daß sie um ihres eigenen Vorteils willen sich hüten werden, ihren Feinden zu Gefallen das Ver trauen ihrer Freunde in Griechenland dadurch zu vershcerzen, daß sie uns Melier, ihr Pflanzvolk, im Stiche lassen.'
Athener: „Ihr glaubt also nicht, daß Vorteil auf Sicher heit sieht, eine ehrliche und anständige Politik aber Gefahren mit sich bringen kann. Die Lakedämonier sind im allgemeinen wenig geneigt, sich auf Gefahren einzulassen."