Book 4
Mit Tagesanbruch, als die Mauer schon gewonnen war und die Megarer in der Stadt in Bewegung geriethen, sagten diejenigen, welche die Sache mit den Athenern eingefädelt hatten, und die Andern aus der Menge, die mit ihnen einverstanden waren, man solle die Thore öffnen und zum Kampf ausziehen. Sie hatten nämlich abgekartet, daß nach Eröffnung der Thore die Athener hereindringen sollten; sie selbst wollten sich aber, damit ihnen kein Leids geschehe, dadurch kenntlich machen, daß sie sich mit Oel salbten. Es wurde aber jetzt noch gefahrloser für sie, die Thore zu öffnen; denn der Verabredung gemäß waren von Eleusis her viertausend athenische Schwerbewaffnete und sechshundert Reiter die Nacht durch marschirt und bereits angekommen. Als sie nun schon gesalbt am Thore standen, theilte Einer der Mitwissenden den Andern die Verrätherei mit, und diese wandten sich nun insgesammt um und sagten, man dürfe weder gegen 424 v. Chr. den Feind ausziehen — denn nicht einmal früher, bei größerer Macht, habe man das gewagt — noch auch die Stadt in so offenbare Gefahr stürzen; wenn aber Einer sich dem nicht fügen wolle, der werde es mit ihnen zu thun haben. Sie ließen aber Nichts merken, daß sie um die Verabredungen wußten, sondern stellten nur, als ob sie das Beste wollten, ihre Ansicht mit Nachdruck auf und blieben zugleich als Wache bei den Thoren, so daß die Verräther nicht durchsetzen konnten, was sie Willens waren.
Da nun die Feldherrn der Athener sahen, daß irgend ein feindliches Hinderniß eingetreten sei und daß ihre Kraft nicht ausreichen werde, die Stadt im Sturme zu nehmen, so gingen sie sogleich daran, Nisäa mit Schanzen einzuschließen, weil sie dachten, wenn sie den Platz nehmen könnten, bevor ihm noch Zuzug käme, würde sich auch wohl Megara eher ergeben. Eiserne Werkzeuge und Steinmetzen und was sonst nöthig war, war aus Athen schnell zur Hand. Nun begannen sie bei den langen Mauern, die sie erobert hatten, zogen zwischen beiden gegen Megara hin eine Quermauer und dann von hier aus nach beiden Seiten hin eine Mauer bis zum Meer bei Nisäa. Graben und Mauerwerk vertheilte das Heer unter sich, indem sie Steine und Ziegel aus der Vorstadt nahmen und einzelne Bäume und Waldgehölz niedershclugen, um, wo es nöthig war, Verhaue herzustellen. Auch die Häuser der Vorstadt erhielten Brustwehren und konnten nun selbst als Verschanzungen dienen. Diesen ganzen Tag über blieben sie an der Arbeit, und als am folgenden Tage gegen Abend nur noch ein kleines Stück an der Mauer fehlte, geriethen die in Nisäa in Furcht wegen Mangels an Lebensmitteln — denn sie erhielten dieselben immer nur für einen Tag aus der oberen Stadt — und da sie auch glaubten, daß die Peloponnesier ihnen nicht so bald zu Hülfe kommen würden, und sie auch die Megarer sich feindlich gesinnt wähnten, so schloßen sie mit den Athenern einen Vergleich. Sie wollten jetzt ihre Waffen ausliefern, und dann solle sich jeder einzeln um ein bestimmtes Geldstück loskaufen; über die Lakedämonier aber, den Anführer nämlich und wer sonst noch mit darin war, sollten die Athener nach Gutdünken verfügen. Auf diese Bedingungen ergaben sie sich und zogen dann ab. Nun rissen die Athener die langen Mauern, da, wo sie an Megara anstießen, nieder, nahmen Nisäa in Besitz und 424 v. Chr. trafen weiter ihre Anstalten.
Damals nun stand grade der Lakedämonier Brasidas, Sohn des Tellis, in der Gegend von Sikyon und Korinth, einen Feldzug gegen Thrakien vorbereitend. Als dieser die Wegnahme der langen Mauern erfuhr, fürchtete er für die Peloponnesier in Nisäa, wie auch, daß Megara genommen werden könnte, und schickte zu den Böotiern mit der Aufforderung, ihm in aller Eile gegen Tripodiskos mit einem Heerhaufen entgegen zu ziehen — es ist dieß das Dorf dieses Namens aus dem Gebiet von Megaris, am Fuße des Geranischen Gebirges — und er selbst marschirte dahin mit zweitausend siebenhundert Sikyoniern, und wer sich sonst bereits um ihn geschaart hatte. Dabei glaubte er nämlich, Nisäa noch unerobert zu finden. Wie er aber den Stand der Dinge erfuhr — er war nämlich zur Nachtzeit gegen Tripodiskos ausmarshcirt — wählte er, bevor er noch ausgekundschaftet würde, dreihundert Mann aus seinem Heere und rückte unter die Mauern der Megarer, ohne daß die Athener es merkten, welche in der Küstengegend standen. Er wollte vorgeblich, und sofern es möglich wäre allerdings auch in der That, einen Versuch auf Nisäa machen, vorzüglich lag ihm aber daran, sich nach Megara zu werfen und sich diese Stadt zu sichern. Er verlangte nun, sie sollten ihn einlassen, vorgebend, er habe Hoffnung, Nisäa zurückzugewinnen.
Von den Parteien unter den Megarern fürchteten aber nun die Einen, er möchte ihnen die Flüchtlinge zurückführen und sie selbst austreiben, und die Andern, daß die Volkspartei eben in jener Besorgniß über sie selbst herfallen werde, und daß die Stadt, während sie unter sich selbst im Kampfe seien, von den in der Nähe auflauernden Athenern genommen würde. So ließen sie ihn also nicht ein. sondern beschlossen, ruhig zuzusehen, was kommen werde; denn beide dachten auch, es werde zwischen den Athenern und denen, die zu ihrer Hülse ershcienen seien, zur Schlacht kommen, und so würden sie sich denen, welchen sie wohlwollten, wenn diese erst gesiegt hätten, mit mehr Sicherheit anschließen können. Brasidas aber, da er sie nicht zu überreden vermochte, zog sich wieder zu dem übrigen Heere zurück.
Mit Tages Anbruch waren auch die Böoter da. Sie hatten nämlich, schon bevor Brasidas Botschaft schickte, im Sinne gehabt, ThukydideS. IV. 82 424 v. Chr. Megara zu Hülfe zu ziehen, da die Gefahr sie auch anging, und tsanden schon mit gesammter Macht bei Platää. Als aber der Bote kam, beruhigten sie sich mehr und schickten zweitausend zweihundert Schwerbewaffnete und sechshundert Reiter ab; die Uebrigen gingen wieder nach Hause. Als nun das ganze Heer mit nicht weniger als sechstausend Schwerbewaffneten bei einander stand, während das schwere Volk der Athener um Nisäa und am Meere aufgestellt, ihre Leichtbewaffneten aber über die Ebene zerstreut waren, so fielen die Böotischen Reiter unversehens über die leichten Truppen her und trieben sie gegen das Meer hin. In den früheren Gelegenheiten war nämlich nie von irgend welcher Seite her den Megarern Hülse gekommen. Nun ritten aber auch die Athener dagegen an, so daß es zum Handgemenge kam; und lange dauerte dieß Reitergefecht, in welcbem beide Theile gesiegt haben wollen, denn dicht bei Nisäa hatten die Athener im Anreiten den Reiterführer der Böoter und einige Andere — doch nicht viele — getödtet, der Waffen beraubt und die Leichname behalten, die sie dann unter dem Schutze eines Waffenstillstandes Heraus- gaben und ein Siegeszeichen aufstellten. Doch wurde bei dem ganzen Znsammenstoß nichts Entscheidendes ausgerichtet, und die Böoter zogen sich auf die Ihrigen, die Andern nach Nisäa zurück.
Danach rückte Brasidas mit seinem Heere naher an das Meer und die Stadt der Megarer, besetzte einen paffenden Platz und verhielt sich da ruhig, nachdem er sein Heer in Schlachtordnung aufgestellt, im Glauben, die Athener würden ihn angreifen, und wohl wissend, daß die Megarer nur abwarten wollten, für wen von Neiden sich der Sieg entscheiden werde. So glaubte er, daß er in beiderlei Hinsicht am besten fahren würde, einmal, insofern er nicht zuerst den Kampf beginnen und seinerseits die Gefahr heraufrufeu wurde, während er doch deutlich gezeigt hätte, daß er zur Abwehr bereit sei, und so der Sieg, ohne daß er eine Hand rührte, doch mit Recht ihm zugeschrieben würde, und dann treffe es sich auch zugleich gut in Bezug auf die Megarer. Denn hätte er sich diesen gar nicht im Anmärsche gezeigt, so wäre der Ausgang für ihn gar nicht zweifelhaft gewesen, sondern er hätte, als wäre er besiegt worden, die Stadt natürlich verloren. Nun könne eS sich aber auch treffen, daß die Athener aus freien Stücken gar nicht kämpfen wollten, und dann würde ihm ohne Kampf das zufallen, weßhalb er gekommen sei. Und so kam es auch 424 v. Chr. wirklich. Denn da die Athener zwar auszogen und sich an den langen Mauern hin in Schlachtordnung aufstellten, aber, da jene nicht angriffen, sich ebenfalls ruhig verhielten, weil ihre Anführer der Meinung waren, daß für sie, denen bis jetzt das Meiste nach Wunsch ausgegangen, die Gefahr nicht gleich abgewogen sei, wenn sie selbst den Kampf gegen die Ueberzahl anfingen und entweder als Sieger Megara nähmen, oder als Besiegte um den besten Theil ihres schweren Volkes geschwächt würden, während bei jenen natürlich jeder Theil der Gesammtmacht und der Anwesenden bereit sei, etwas zu wagen ^), so blieben sie eine Zeitlang ruhig stehen, und da von keiner Seite etwas unternommen wurde, so zogen zuerst die Athener wieder nach Nisäa ab und dann auch die Peloponnesier nach ihrem früheren Standort.
So öffneten denn die Megarer, welche zur Partei der Flüchtlinge gehörten, bereits zuversichtlicher geworden, dem Brasidas selbst und den von den Städten anwesenden Feldherrn ihre Thore, gleich als hätten diese gesiegt und als ob die Athener nicht weiter mehr fechten wollten, und traten, nachdem jene eingelassen waren, mit ihnen in Unterhandlung, während die, welche mit den Athenern verhandelt hatten, bereits den Kopf ganz verloren. Danach, als die Bundesgenossen nach ihren Städten entlassen waren, ging Brasidas selbst wieder nach Korinth und rüstete zum Zuge gegen Thrakien, wohin er von vorn herein gewollt hatte. Als nun auch die Athener wieder nach Hause abzogen, verließen auch diejenigen Megarer, welche sich an den Verhandlungen mit den Athenern am meisten betheiligt hatten, wohl wissend, daß dieß nicht unbemerkt geblieben sei, sofort heimlich die Stadt; die Uebrigen trafen gemeinsame Verabredung mit der Partei der Flüchtlinge und führten diese aus Pegä zurück, nachdem sie sich die heiligsten Eide geschworen hatten, keiner Beleidigung mehr zu gedenken, sondern fürder nur das gemeinsame Beste der Stadt im Auge haben zn wollen. Nachdem aber jene erst die Staatsämter in Händen hatten, veranstalteten sie eine Waffenmusterung, 35) D. h. die Athener setzten viel auf'S Spiel, weil sie den Kern ihrer Gesammtmacht wagten, die Gegner aber wenig, weil sie aus vielen kleineren Contingenten zusammengesetzt waren, deren Verlust für die einzelnen Städte leicht zu verschmerzen war. 22* 424 v. Chr. ließen dabei die Abtheilungen aus einander treten, lasen ihre Feinde und diejenigen heraus, welche sich am meisten mit den Athenern eingelassen zu haben schienen, ungefähr hundert Personen, und nöthigten das Volk, über dieselben öffentlich abzustimmen, und richteten sie nach der Schuldigerklärung hin. Der Stadt gaben sie eine fast ganz oligarchische Verfassung, und diese Staatsumwälzung, welche in Folge der Parteistreitigkeiten nur durch sehr wenige Männer in's Werk gesetzt wurde, blieb eine sehr lange Zeit bestehen.
In demselben Sommer, als Antandros von den Müylenäern, wie sie im Plan hatten als Festung hergestellt werden sollte, befanden sich Demodokos und Aristides, die Oberbeamten der Athener, welche die Steuern zu sammeln hatten, in der Gegend des Hellespont — Lamachos, der dritte von ihnen, war mit zehn Schiffen in den Pontos ^schwarzes Meer^ eingesegelt. Da diese nun die Anstalten zur Befestigung der Stadt wahrnahmen und ihnen Gefahr zu fein schien, daß daraus ein Platz werde wie Anäa gegen Samos ^), wo sich die Flüchtlinge der Samier festgesetzt hatten und den Peloponnesiern Vorschub leisteten, indem sie ihnen Steuerleute für ihre Flotte schickten und die Samier in der Stadt beunruhigten und ihre Flüchtlinge aufnahmen, so sammelten sie also ein Heer von den Bundesgenossen, gingen in See, besiegten die aus Antandros gegen sie Anrückenden in einer Schlacht und nahmen den Ort wieder. Nicht lange danach verlor Lamachos, der in den Pontos eingesegelt und im Gebiete von Heraklea in der Mündung des FlusseS Kalex vor Anker gegangen war, seine Schiffe, da sich ein Wolkenbruch ereignete und die Wassersluth ganz plötzlich hereinbrach. Er selbst und sein Heer kam aus dem Landwege durch das Gebiet der Bithynischen Thraker, welche jenseits in Asien wohnen, nach Chalkedon an der AuSmündung des PontoS, einer Pflanzstadt der Megarer.
In demselben Sommer kam auch Demotshenes, Feldherr der Athener, mit vierzig Schiffen nach Naupaktos, sogleich nach dem Abzug aus MegariS, denn mit ihm und Hippokrates wurden in Betreff der Böotischen Verhältnisse Seitens einiger Männer auS den 36) Vgl. IV, 52. 37) Vgl. III. 32 . Städten Verhandlungen gepflogen, welche die dortige Ordnung ab--' 424 v. Chr. ändern und in eine Demokratie, wie die Athener sie hatten, umwan- ( deln wollten, und besonders auf Eingeben des Ptöodoros, eines Flüchtlings aus Theben, wurden die folgenden Veranstaltungen eingeleitet 2?*). Das Städtchen Siphä sollte durch Einige übergeben werden. Siphä liegt aber am Meer auf Thespischem Gebiete im Busen von Krisa. Chäronea aber, welches, früher das Minyeifche, jetzt dasBöotische genannt, an Orchomenos Steuern zahlt, sollten Andere aus Orchomenos übergeben. Die Flüchtlinge der Orchomenier waren dabei am meisten thätig und mietheten Leute aus dem Peloponnes; Ehäronea ist die äußerste Stadt Böotiens und stößt an die Phanotidische Landschaft in Phokis, und es waren auch einige Phokier Theilnehmer des Planes. Die Athener aber sollten Delion wegnehmen, welches dem Apollo geweiht ist und auf dem Gebiet von Tanagra, Euböa zugewendet, liegt. Dieß Alles sollte an einem bestimmten Tage zu gleicher Zeit geschehen, damit nicht die Böotier vereinigt zur Abwehr heranziehen könnten, sondern jede Stadt mit sich selbst genug zu thun hätte. Und wenn der Versuch gelingen sollte und Delion befestigt wäre, so möchten, hofften sie, wenn auch nicht gleich für den Augenblick eine Umwälzung in den Böotischen Verfassungen stattfände, doch die Dinge im Lande leicht eine Veränderung erleiden, wenn jene Plätze besetzt gehalten und das Land verwüstet würde, während sich auch Keiner weit von seinem Herde entfernen dürfte, und so könnten sie mit der Zeit die Sachen dort sich nach Wunsche einrichten, indem die Athener den Abgefallenen zu Hülfe zögen, und jene ihre Macht nie an einem Ort bei einander hätten. 37*) Auf diese schon seit längerer Zeit gepflogenen Unterhandlungen bezieht sich wohl die Stelle in den Rittern des Aristophanes, wo Kleon. der um den eigentlichen Zweck derselben nicht wußte, oder auch nur neidisch war aus einen möglichen Ersolg. der aristokratischen Partei droht: Gleich auf der Stelle geh' ich in den Rath Und zeig' euch all' als StaatSverräther an, Wie ihr euch heimlich Nachts zusammenrottet, Wie ihr mit den Barbaren konspirirt, WaS mit Böotien ihr zusammenkäset. Böotien war das griechische KSseland; die Konspiration mit den Barbaren bezieht sich wohl auf die Anwesenheit des Artaphernes in Athen und die demselben mitgegebene Gesandtschaft. Vgl. IV, SV.
424 v. Chr. Dieß war der entworfene Angriffsplan; Hippokrates selbst wollte zu gelegener Zeit mit dem Heere aus der Stadt gegen die Böotier ausziehen, den Demotshenes aber schickte er mit vierzig Schiffen nach Naupaktos, damit er aus jener Gegend unter den Akarnanern und übrigen Bundesgenossen ein Heer sammle und gegen Siphä segele, von dem man erwartete, daß es durch Verrath übergehe. Der Tag, an welchem Beides zugleich geschehen sollte, war unter ihnen verabredet. Demosthenes nun, als er ankam, fand Oeniadä durch sämmtliche Akarnaner genöthigt, dem Waffenbund der Athener beizutreten, und rief selbst die ganze Bundesmacht in jener Gegend unter die Waffen, und nachdem er zuerst gegen Salynthios und die Agräer ausgezogen war und sie unterworfen hatte, traf er die übrigen Anstalten, um zur bestimmten Zeit gegen Siphä zu ziehen.
Um dieselbige Zeit in diesem Sommer marschirte Brasidas mit taufend und siebenhundert Schwerbewaffneten gegen die diesseitige Gränzlandschaft von Thrakien, und als er in dem Trachinischen Hcraklea angekommen war und einen Boten an seine Freunde nach Pharsalos geschickt hatte, mit der Bitte, ihn und sein Heer durch das Land zu geleiten, kamen zu ihm nach dem Achaischen Melitia Panäros und Doros und Hippolochidas und Torylaos und Strophakos, der Staats-Gastfreund der Chalkidier, und dann setzte er seinen Marsch fort. Aber auch noch andere Thessaler und unter diesen Nikonidas aus Larissa, Freund des Perdikkas, gaben ihm das Geleite. Denn durch Thessalien ist auch sonst überhaupt nicht leicht durchzukommen ohne Geleitsmann, geschweige denn gar bewaffnet, wie denn auch bei sämmtlichen Hellenen sich Jeder wohl bedenken würde, fremdes Gebiet zu durchziehen, ohne die Erlaubniß dazu erwirkt zu haben; auch war die große Masse der Thessaler immer den Athenern zugeneigt. Wenn also bei den Thessalern im Lande nicht die Gewaltherrschaften in größerer Zahl bestünden, als Staaten mit Rechtsgleichheit für Alle, so wäre er gar nicht vorwärts gekommen, zumal sogar unter diesen Umständen Leute von der Gegenpartei seiner Freunde sich am EnipeuSflusse, seinen Marsch aufhaltend, in den Weg stellten und ihm sagten, daß er Unrecht thue, so ohne Erlaubniß ihrer Oberbehörde 38) Vgl. IN. 92 s. 39 ) Ja Thessalien wurde das Volk durch zahlreiche Dynasten niedergehalten, daher daherzumarfchiren. Seine Geleitsmänner gaben zur Antwort, sie 424 v. Chr. würden auch gegen den Willen jener gar nicht das Geleit übernom- y men haben, aber er sei ganz plötzlich erschienen, und so geleiteten sie ihn eben, weil sie seine Gastsreunde seien. AuchBrasidas selbst redete ihnen zu, er komme als ihr und Thessaliens Freund und trage die Waffen gegen seine Feinde, die Athener, und nicht gegen sie, und er wisse auch gar Nichts davon, daß zwischen Thessalern und Lakedämoniern Feindschaft herrshce, so daß Einer das Land des Andern nicht betreten dürfe; und auch jetzt wolle er seinen Marsch nicht gegen ihren Willen fortsetzen und er könne es auch nicht; doch erwarte er auch nicht, daß sie ihn hindern wollten. Jene nun zogen, nachdem sie dieß gehört hatten, wieder ab, er aber setzte aus den Rath seiner Geleitsmänner, bevor ein neues größeres Hinderniß einträte, seinen Weg ohne Aufenthalt im Eilmarsch fort. An demselben Tage, an welchem er von Melitia aufgebrochen war, kam er auch noch bis PharsaloS, wo er sich am Flusse Apidanos lagerte, und von hier nach Phakion und von da weiter nach Perrhäbia. Hier gingen die Thessalischen Geleitsmänncr wieder zurück, und nun brachten ihn die Petr heber, Unterthanen derThessaler, nach Dion im Gebiet des Perdikkas, einem Makedonischen Städtchen gegen die Thessalische Gränze hin am Fuß des Olumpos gelegen.
Auf diese Weise war Brasidas in aller Geschwindigkeit noch schnell genug durch Thessalien gekommen, bevor sich Jemand ihn zu hindern anschicken konnte, und kam zum Perdikkas und nach Ehalkidike. Die aus der Thrakischen Halbinsel von den Athenern Abgefallenen nämlich und Perdikkas hatten aus Furcht bei dem Glücke der Athener das Heer aus dem Peloponnes herangezogen, — die Chalkidier nämlich in der Meinung, daß die Athener sie zuerst sich zum dasselbe durchaus für Athen gesinnt war. ohne jedoch seine Gesinnung anders, als durch vereinzelte gelegentliche Unterstützung, zu bethätigen, vgl. II, 22. — Zwischen den einzelnen bedeutenden Städten Larissa, Kranon. PharsaloS, Pherä scheint nur ein losere? Band bestanden zu haben, obgleich die Landschaft immer als ein Ganzes aufgefaßt wird. Was hier unter der ge.ncins.unrn Oberbehörde zu verstehen ist. ist daher undeutlich. ES bestand wohl ans älterer Zeit her noch eine Art stillschweigender Waffengenosfenschast, an deren Spitze früher ein Kriegsoberster mit dem Titel Tages stand, der wohl auch einen Bundesrat!) zur Seite hatte. Diese Würden und Machtbesugnisse waren aber damals thatsächlich in den Händen einzelner Dynasten. 424 v. Chr. Ziele nehmen würden; und mit ihnen hatten auch die noch nicht abgefallenen Nachbarstädte sich heimlich bei der Herbeiziehung des Heeres betheiligt; — Perdikkas aber war zwar noch kein erklärter Feind, schwebte aber doch in Furcht wegen alter Streitpunkte mit den Athenern und wollte sich vor allen Dingen den Arrhibäos, König der Lynkester^), unterwerfen. Das damalige Mißgeschick der Lakedämonier traf sich nun für sie ganz glücklich, insofern sie jetzt leichter ein Hülfsbcer aus dem Peloponnes erhielten.
Da nämlich die Athener den Peloponnes und vorzugsweise ihr eigenes Gebiet bedrängten, so hofften die Lakedämonier, sich dieselben dadurch am Leichtesten vom Hals zu schaffen, wenn sie ihnen auch ihrerseits empfindlich weh thäten, indem sie ein Heer in das Gebiet ihrer Bundesgenossen schickten, zumal diese selbst erbötig waren, dasselbe auf eigene Kosten zu ernähren, und sie selbst zur Unterstützung ihres Abfalls herbeiriefen. Zugleich gewannen sie damit einen erwünschten Vorwand, einen Theil der Heloten auszusenden, damit diese nicht unter den gegenwärtigen Umständen, wo Pylos in fremdem Besitz war, eine Umwälzung herbeiführten. Auch hatten sie, aus Furcht vor deren junger Mannschaft und großer Zahl, bereits Folgendes gegen sie in's Werk gesetzt: — denn von jeher hatten die meisten Maßregeln der Lakedämonier den Zweck, sich gegen die Heloten sicher zu stellen — Sie machten bekannt, wer unter ihnen recht tüchtig zu sein glaube, ihnen im Kriege zu dienen, der solle sich mustern lassen, gleich als wollten sie ihnen die Freiheit schenken, in der That aber, um eine Probe zu machen ; denn sie dachten, wer von jenen am meisten nach der Freiheit strebe, der werde auch in mannhaftem Ehrgefühl zuerst bereit sein, über sie herzufallen. So wurden ihrer gegen zweitausend ausgelesen, die dann bekränztes Hauptes als Befreite in den Tempeln umherzogen; die Lakedämonier'aber ließen sie bald danach verschwinden, ohne daß irgend Jemand merkte, wie Jeder von ihnen nm's Leben kam. Auch jetzt ergriffen sie gern die Gelegenheit, ihrer siebenhundert, als Schwerbewaffnete ausgerüstet, dem Brasidas mitzugeben; die Uebrigen, die er mitführte, hatte er gegen Sold aus dem Peloponnes gedungen.
Den Brasidas grade hatten die Lakedämonier deßhalb 40) Vgl. II, II. ausgesandt, weil er es selbst wünschte; auch hatten die Chalkidier ihn 424 v. Chr. vorgezogen, als einen Mann, der in Sparta den Ruf hatte, daß er« zu jeder Unternehmung Geschick und Kraft besitze, und in der That erwies er sich bei diesem Zuge den Lakedämoniern höchst nützlich. Denn indem er sich von vorn herein als einen gerechten und mäßigen Mann zeigte, brachte er die meisten dortigen Ortschaften auf die Seite der Städte, andere nahm er durch Verrath, so daß die Lakedämonier für den Fall, daß sie einmal Frieden schließen wollten, was sie ja auch thaten, Plätze zum Austausch und zum Loskauf in Händen hatten, und überdieß ein Theil der Kriegslast von den Schultern der Peloponnesier genommen wurde. Und auch für den Krieg, welcher einige Zeit nach den sieilifchcn Ereignissen eintrat, bewirkte die damals erprobte Rechtschaffenheit und Verständigkeit des Brasidas vorzugsweise, daß die Bundesgenossen der Athener sich den Lakedämoniern zuwendeten, indem die Einen sie selbst erfahren hatten und die Andern nach dem, was sie hörten, daran glauben mußten. War er doch der Erste, der dorthin kam, und da er sich in allen Stücken als einen braven Mann zeigte, so ließ er die feste Voraussetzung zurück, daß auch die andern Lakedämonier Männer seines Schlages seien.
Als er nun damals in den Thrakischen Granzlandschasten angekommen war, und die Athener davon Kenntniß erhielten, so erklärten sie den Perdikkas als Feind, weil sie ihn für die Ursache des Zuges hielten, und sorgten für bessere Ueberwachung der dortigen Bundesgenossen. Perdikkas aber verstärkte sogleich seine eigene Macht durch den Brasidas und dessen Heer und zog gegen seinen Gränznachbar Arrhibäos, deS Bromeros Sohn, König der Lynkestischen Makedonien zu Felde, mit dem er Streit hatte, um ihn zu unterwerfen.
Als aber Perdikkas mit dem Heere schon beim Passe Lynkos stand, erklärte Brasidas, er wolle zuerst wo möglich durch gütliche Ueberredung den Arrhibäos als Bundesgenossen für die Lakedämonier zu gewinnen suchen, bevor man zu den Feindseligkeiten schreite. Arrhibäos hatte nämlich schon durch den Herold etwas davon merken lassen, daß er bereit sei, sich dem Schiedsgericht des Brasidas zu unterwerfen, und auch die anwesenden Chalkidischen Gesandten gaben ihm an die Hand, er solle doch dem Perdikkas nicht alle Schwierigleiten aus dem Wege räumen, damit er sich leichter herbeilasse, auch 424 v. Chr, zu ihrem eigenen Nutzen thätig zu sein. Auch hatten die Gesandten des Perdikkas in Lakedämon ein Versprechen der Art gegeben, als mache er sich anheischig, ihnen aus seinen Nachbarländern zahlreiche Bundesgenossen zu gewinnen, so daß Brasidas, sich daraus berufend, das Verhältniß zum Arrhibäos lieber vom Standpunkt der Gemeinsamkeit ordnen wollte. Perdikkas aber erklärte, er habe den Brasidas nicht zum Schiedsrichter ihrer Streitigkeiten herbeigerufen, sondern damit er die Feinde unschädlich mache, die er ihm bezeichne, und es sei auch deßhalb ein Unrecht, mit dem Arrhibäos zu unterhandeln, weil er die Kosten der Ernährung des Heeres zur Hälfte trage. Aber auch gegen den Willen des Perdikkas und im Zerwürfniß mit ihm kam Brasidas mit jenem zusammen und wurde von ihm überredet, sein Heer zurückzuziehen, bevor er noch in sein Gebiet eingefallen war. Perdikkas aber, im Glauben, daß ihm Unrecht geschehe, bezahlte von jetzt an, anstatt der halben Unterhaltungskosten, nur den dritten Theil.
Bald danach, in demselben Sommer, kurz vor der Zeit der Weinlese, zog Brasidas mit Chalkidischen Hnlsstruppen gegen Manthos, eine Pflanzstadt der Andrier^'), zu Felde. Diese aber geriethen unter einander in Streit, ob sie ihn ausnehmen sollten, oder nicht; einerseits nämlich diejenigen, welche ihn im Einvernehmen mit den Chalkidiern herbeigerufen hatten, und die Volkspartei andererseits. Dennoch ließ sich das Volk, aus Furcht um seine Aernte, die noch auf den Halmen stand, bewegen, den Brasidas allein einzulassen, um nach Anhörung seiner Vorschläge Beschluß zu fassen. Er trat nun vor dem Volke auf — denn für einen Lakedämonier war er der Rede nicht unmächtig — und sprach so:
„Daß ich und dieß Heer von den Lakedämoniern ausgesandt worden sind, ihr Akanthier, ist zur Bethätigung dessen geschehen, was wir beim Beginne des Krieges erklärt haben, daß wir nämlich Krieg gegen die Athener führen, um Hellas frei zu machen. Wenn wir aber erst nach so geraumer Zeit hieher kommen, getäuscht in der aus den dortigen Kämpfen gewonnenen Ansicht, wonach wir der Athener allein, ohne euch mit in die Gefahr zu ziehen, in Bälde Meister zu werden hofften, so möge uns deßhalb Niemand tadeln. Denn jetzt, sobald es nur anging, sind wir wirklich da und werden mit euch ver 41) Vgl. Anm. 22. suchen, sie niederzuwerfen. Ich wundere mich aber, daß ihr die Thore 424 v. Chr. vor mir verschließet und daß ich euch nicht erwünscht komme. Denn< wir Lakedämonier glaubten, zu Solchen zu kommen, die auch schon vor unserer wirklichen Ankunft uns wenigstens der Gesinnung nach Verbündete seien, und daß wir euch erwünscht kommen werden, und nur deßhalb haben wir die so große Gefahr eines vieltägigen Marsches durch fremdes Gebiet nicht gescheut und auch sonst allen Eifer aufgeboten. Solltet ihr aber etwas Anderes im Sinne haben, oder auch gar eurer und der andern Hellenen Freiheit in den Weg stellen wollen, so wäre das sehr schlimm; und zwar nicht allein, weil ihr selbst mir entgegentretet, sondern auch weil von denen, zu welchen ich noch komme, schon Mancher sich mir nicht so leicht anschließt, indem er ein Haar darin findet, daß ihr mich nicht aufgenommen habt, zu denen ich zuerst gekommen bin, und die ihr eine ansehnliche Stadt vorstellet und für verständige Leute geltet. Und ich wüßte dafür keinen andern triftigen Grund anzugeben, als entweder, daß ich euch eine Freiheit biete, die anzunehmen unrecht ist, oder daß ich zu schwach und ohnmächtig dastehe, um euch gegen die Athener zu schützen, wenn sie angreifen sollten; obwohl die Athener nicht den Muth hatten, daSHeer, welches ich hier bei mir habe, als ich mit demselben Nisäa zu Hülfe zog, trotz ihrer Uebermacht anzugreisen; und es ist doch nicht wahrscheinlich, daß sie aus einer Flotte ein Heer gegen euch absenden werden, das zahlreicher ist, als das bei Nisäa!"
„Ich selbst bin nicht in schlimmer Absicht, sondern zur Befreiung der Hellenen hiehergekommen und habe zuvor die Obrigkeiten der Lakedämonier sich durch die schwersten Eide verpflichten lassen. daß die Bundesgenossen, welche ich etwa gewinne, ihre selbstständige Verfassung behalten sollen; auch bin ich nicht hier, um euch durch Gewalt oder List zum Waffenbunde mit uns zu bewegen, sondern im Gegentheil, um aus eurer Seite, die ihr von den Athenern geknechtet seid, zu kämpfen. Ich erwarte nun auch, daß ich für euch nicht ein Gegenstand des Argwohns sei, nachdem ich die sichersten Bürgschaften gegeben habe,und daß ihr mich nicht für zu ohnmächtig zn euerem Schutze haltet, sondern vertrauensvoll aus meine Seite tretet. Wenn aber Einer aus persönlichen Rücksichten fürchtet, ich werde die Regierung eurer Stadt einer gewissen Partei in die Hände spielen, und wer deß- 424 v. Chr. halb Unlust empfindet, der darf von Allen am meisten voller Zuversicht sein. Denn ich bin nicht gekommen, um für eine Partei zu fechten, und denke auch nicht, eine zweideutige Freiheit anzubieten, wie wenn ich mit Beseitigung der hergebrachten Verfassung die Mehrzahl einer Minderzahl, oder die Minderzahl der großen Masse in die Hände liefern wollte. Denn ein solcher Zustand wäre drückender, als fremde Herrschaft, und wir Lakedämonier würden damit auch für unsere Mühe keinen Dank einärnten, vielmehr, anstatt Ruhe und Ehre, eher Vorwürfe, und wir würden die Beschwerden, derentwegen wir gegen die Athener Krieg führen, offenbar noch in gehässigerer Art uns selbst zuziehen, als jene, die von vorn herein aus Rechtlichkeit keinen Anspruch machen. Denn dem, der für mächtig gilt, ist eS schimpflicher, unter ehrbarem Vorwand durch List, als durch offene Gewalt seinen Vortheil zu suchen. Im letzteren Falle greift man an, weil man sich im Besitze der Uebermacht fühlt, welche ein Geschenk des Schicksals ist, im ersteren aber mit der Arglist betrügerischer Gesinnung. So sehr erwägen wir mit genauester Umsicht, waS uns srommt."
„Außer jenen Eidschwüren könnte euch Niemand eine stärkere Bürgschaft dafür geben, daß das, was er gesagt hat, auch wirklich nützlich ist, als wer durch seine Thaten, wenn solche mit seinen Worten zusammengehalten werden, sich Glauben erzwingt. Wenn ihr aber auf diese meine Anerbietungen antworten solltet, ihr sähet euch außer Stande dazu, und daß ihr bei eurer wohlwollenden Gesinnung gegen uns glaubt, sie zurückweisen zu dürfen, ohne daß euch daraus Schaden erwachsen sollte, und die angebotene Freiheit erscheine euch nicht gefahrlos, und es sei passender, sie Solchen anzutragen, die in der Lage wären, sie annehmen zu können, auszwingen aber sollten wir sie Niemanden, so werde ich die Götter und Heroen dieses Landes zu Zeugen aufrufen, daß ich, mit guter Absicht hiehergekommen, euch nicht überreden konnte, und werde euch durch Verwüstung eures Landes zu zwingen suchen; und dabei werde ich die Ueberzeugung haben, kein Unrecht zu thun, vielmehr sehe ich meine Rechtfertigung in zwei zwingenden Gründen, einmal, so weit es die Lakedämonier angeht, damit sie, falls ihr bei all' eurer Wohlgesinntheit gegen uns euch doch nicht zum Beitritt bewegen lasset, durch eure Geldleistungen an die Athener nicht zu Schaden kommen, und — insofern es die Hellenen betrifft — damit sie durch euch nicht gehindert werden, sich ihrer 424 v. Chr. Knechtschaft zu entledigen. Andere Beweggründe freilich würden uns, mit Unrecht zu solcher Handlungsweise veranlassen, und wir Lakedämonier haben auch keinen Beruf, Andere gegen ihren Willen frei zu machen, außer wenn ein gemeinsamer Vortheil es verlangt. Und wir streben auch gar nicht nach Herrschaft, sondern weil wir es uns zur Aufgabe machen, Andern die Lust zum Herrshcen zu benehmen, würden wir doch an der Mehrzahl Unrecht thun, wenn wir bei unserm Willen, Allen freie Verfassung zu gewähren, euren Widerstand übersehen wollten. Darüber also fasset nun einen weisen Beschluß und setzt eine Ehre darein, die Erstlinge der Freiheit unter den Hellenen gepflückt zu haben und euch unvergänglichen Ruhm zu erwerben. So werdet ihr auch ein Jeder sein Eigenthum unbeschädigt bewahren und der ganzen Stadt den Kranz des ruhmvollsten Namens gewinnen."
So sprach Brasidas. Die Akanthier aber, nachdem zuerst viel dafür und dawider geredet worden war, stimmten heimlich ab, und weil die Worte des Brasidas sie gewonnen hatten und sie auch wegen der Feldfrucht fürchten mußten, so stimmte die Mehrzahl für den Abfall von den Athenern, und nachdem sie ihn auf die Eide verpflichtet hatten, welche die Obrigkeiten der Lakedämonier bei seiner Absendung geschworen hatten, daß alle Bundesgenossen, die er gewinne, gewiß ihre freie Verfassung behalten sollten, so nahmen sie sein Heer in die Stadt auf. Und nicht lange danach fiel auch Stageiros, eine Pflanzstadt der Andrier, ebenfalls ab. Das waren die Ereignisse dieses Sommers.
Im folgenden Winter, sogleich nach dessen Anfang, als dem Hippokrates und Demotshenes, den Feldherrn der Athener, die Plätze in Böotien übergeben werden sollten, wozu Demotshenes mit den Schissen vor Siphä, jener aber bei Delion eintreffen sollte, fand ein Irrthum wegen der Tage statt, an welchen beide ausziehen sollten, indem zuerst Demotshenes mit Akarnanern und vielen dortigen Bundesgenossen auf seinen Schissen gegen Siphä segelte, aber Nichts ausrichten konnte, weil der Plan von NikomachoS, einem Phokischen Manne aus Phanoteus, verrathen worden war, indem dieser den Lakedämoniern, diese aber den Böotern Mittheilung gemacht hatten. Da nun von sämmtlichen Böotern Hülfszuzug erfolgte, weil Hippokrates 424 v. Chr. noch nicht im Lande stand und ihnen gleichzeitig Schaden zufügte, so wurden Siphä und Chäronea noch vorher rechtzeitig besetzt. Als aber die Anstifter des Verrathes dieß merkten, so ließen sie es in den Städten gleichfalls beim Alten und verhielten sich ruhig.
Hippokrates seinerseits rief die Athener insgesammt und, wie die Bürger, so auch die Beisitzer und was an Miethstruppen da war, unter die Waffen und kam etwas später vor Delion an, als die Böoter von Siphä sich bereits wieder zurückgezogen hatten. Er ließ dann sein Heer Stellung nehmen und befestigte Delion, das ein Heiligthum des Apollo ist, auf folgende Weise. Rings um den geweihten Ort und den Tempel zogen sie einen Graben, warfen den Schutt aus den Gruben anstatt einer Mauer auf, und schlugen neben demselben hin Pfähle ein. Den Weinberg ringS um das Heiligthum schlugen sie ans, um die Reben in die Pallisaden einzuflechten, und nahmen auch Steine und Ziegel aus den Ruinen der nahestehenden Häuser und suchten auf jede Weise den Wall in die Höhe zu bringen. Auch hölzerne Thürme errichteten sie, wo die Gelegenheit es erlaubte und vom Mauerwerk des HeiligthumS Nichts mehr vorhanden war; denn die Halle, welche früher dagestanden hatte, war eingestürzt. Am dritten Tage, nachdem sie von Hause ausgezogen, gingen sie an die Arbeit, und blieben daran diesen und den vierten Tag und auch am fünften noch bis zur Zeit des Frühmahls; danach, als der größte Theil der Arbeit gethan war, zog zuerst das Heer von Delion ab und machte auf dem Weg nach Hause ungefähr zehn Stadien. Hier lagerten sich die Schwerbewaffneten, um auszuruhen, während die Mehrzahl der leichten Truppen sogleich weiter marschirte. Hippokrates aber blieb zurück und traf noch Anordnungen wegen der Besatzung und wie man das, was an der Befestigung noch fehlte, ausführen sollte.
In diesen Tagen sammelten sich aber die Böoter bei Tanagra, und als bereits von allen Städten Zuzug da war und sie merkten, daß die Athener bereits wieder aus dem Marsch nach Hause seien, und von den übrigen Böotarchen, deren Zahl eils ist, keiner sür eine Schlacht stimmte, weil die Feinde nicht mehr auf Böotifchem Gebiete stünden — denn die Athener, als sie sich lagerten, befanden sich ungefähr auf dem Gränzgebiet von Oropia — da trat Pagondas auf, des Aeoladas Sohn, der mit Arianthidas, dem Sohne des Lysi machidas, aus der Mitte der Thebaner, Bootarch war, — theils weil 424 v. Chr. er unter seinem Oberbefehl eine Schlacht liefern wollte, theils auch, weil er wirklich glaubte, es sei besser, die Waffen entscheiden zu lassen, — und rief dieAbtheilungen einzeln auf, damit sie nicht insgesammt die Aufstellung verließen, und redete den Böotern zu, die Athener anzugreifen und den Kampf zu wagen, indem er sprach :
„Es hätte, ihr Böotischen Männer, keinem unserer Feldherrn auch nur der Gedanke kommen dürfen, daß wir uns mit den Athenern, wenn wir sie nicht mehr auf Böotifchem Grund und Boden anträfen, nicht in eine Schlacht einlassen sollten. Denn sie sind aus dem Gränzland herübergekommen, haben auf unserem Gebiet eine Verschanzung erbaut und schicken sich an, Böotien zu verheeren. Sie sind doch wohl also unsere Feinde, an welchem Orte sie auch von uns getroffen werden, und woher sie auch gekommen sein mögen, um sich als Feinde zu betragen. Wenn aber jetzt Einer dafür halten sollte, daß jene Ansicht größere Sicherheit geweihre, so ändere er nur seine Meinung! Denn die Klugheit läßt bei denen, welchen ein Anderer zu Leibe geht, in Betreff des eigenen Landes nicht solche ängstliche Ueberlegung zu, wie bei demjenigen, der, im Besitze des eigenen Grundes und Bodens, von Habgier getrieben, einen Andern aus freien Stücken angreist. Es ist aber von euren Vätern ererbte Weise, das Heer eines fremden Angreifers, sei es nun aus dem eigenen, oder auf fremdem Boden, wieder anzugreifen, und das muß den Athenern gegenüber, die dazu noch unsere Gränznachbarn sind, am allermeisten geschehen. Denn darauf, daß man seinen Nachbarn gewachsen ist, beruht sür Alle die Freiheit; und wie sollte man es gegenüber solchen, die nicht nur ihre Nachbarn, sondern sogar weit Abgelegene zu knechten trachten, im Kampfe nicht auf's Aeußerste ankommen lassen! Als warnendes Beispiel haben wir das vor uns liegende Euböa, wie es da und auch im größten Theil des übrigen Hellas aussieht. Wir müssen einsehen, daß, während anderwärts Nachbarn um ihre Gränzgebiete sich Schlachten liefern, bei uns, wenn wir erst besiegt sind, für unser ganzes Land unwiderruflich Eine Gränze gesteckt ist; denn sind sie erst eingedrungen, so werden sie uns mit Gewalt Alles abnehmen. So viel größer ist die Gefahr, als anderwärts, die uns aus solcher Nachbarschaft droht! Wer, wie die Athener jetzt, im pochenden Ver- 424 v. Chr. trauen auf seine Macht Andere angreift, verpflegt denjenigen, der sich nicht viel rührt und sich nur aus eigenem Boden zur Wehr setzt, um so ungescheuter mit Krieg zu überziehen, dagegen dem, der ihm über seine eigenen Gränzen entgegenrückt und, wenn die Gelegenheit es gibt, selbst angriffsweise verfährt, weniger kräftig zu widerstehen. Einen Beweis hievon haben wir grade an den Athenern. Denn dadurch, daß wir sie bei Koronea angegriffen und besiegt haben, damals, als sie bei unserer inneren Entzweiung die Herrn in unserem Lande spielten, haben wir dem böotischen Gebiete bis auf diese Tage Ruhe vor ihnen verschafft. In der Erinnerung daran sollen wir Aelteren unsern eigenen früheren Thaten wieder gleichkommen, die Jüngeren aber, als Söhne der Väter, die damals sich als Tapfere gezeigt, sollen streben, den Tugenden ihres eigenen Blutes keine Schande zu machen. Vertrauen müssen wir auch, daß der Gott auf unserer Seite stehen werde, dessen Heiligthum jene gegen göttliches Recht befestigt haben und wie in ihrem Eigenthume darin schalten, — vertrauen auch auf die heiligen Opferzeichen, die uns Glück verheißen, und so diese angreifen und ihnen zeigen, daß, wonach sie streben, sie sich anderwärts holen sollen, bei Solchen, die nicht zu fechten wissen; daß sie aber bei Männern, denen es ererbte Pflicht ist, für die Freiheit ihres eigenen Landes immer im Kampfe einzustehen, fremdes aber nicht mit Unrecht zu knechten, nicht ohne Kampf davonkommen."
Durch diese Worte der Aneiferung überredete Pagondas die Böoter zum Angriff auf die Athener, ließ das Heer aufbrechen und setzte es eilig in Marsch; denn es war schon spät in der Tageszeit. Als er aber in die Nähe des feindlichen Heeres gekommen war, ließ er die Seinigen an einer Stelle Halt machen, wo beide Theile eines dazwischen liegenden Hügels wegen einander nicht sehen konnten. Hier stellte er sein Heer in Schlachtordnung und bereitete Alles zum Gefecht vor. Hippokrates, der sich noch bei Delion befand, als ihm das Anrücken der Böoter gemeldet wurde, sandte seinem Heere den Befehl zu, sich in Schlachtordnung zu stellen, und kam bald darauf auch selbst herbei, nachdem er bei Delion ungefähr dreihundert Reiter zurückgelassen hatte, sowohl um den Ort gegen einen Angriff zu schützen, als auch um auf Gelegenheit zu lauern, während der Schlacht den Böotern in die Flanke zu fallen. Die Böoter aber stellten eine Abthei lung zur Abwehr gegen diese Reiter auf, und als bei ihnen Alles in 424 v. Chr. Ordnung war, erschienen sie über dem Kamme des Hügels und stell-i ten sich in der Linie auf, wie sie ihnen bestimmt worden war, an Zahl ungefähr siebentausend Schwerbewaffnete und über zehntausend Mann leichterTruppen, nebst tausend Reitern und fünfhundert leichten Schildträgern. Auf dem rechten Flügel standen die Thebaner und ihre Unterthanen, in der Mitte die von Haliartos und Koronea und Kopä und die Andern, die um den See wohnen, auf dem linken Flügel die Thespier und Tanagräer und Orchomenier. Die Reiterei und die leichten Truppen waren auf beide Flügel vertheilt. Die Thebaner standen fünf und zwanzig Mann hoch ^-), die Uebrigen, wie es bei ihnen grade anging. Dieß war die Stärke und die Aufstellung der Böoter.
Auf Seiten der Athener stand die ganze schwerbewaffnete Truppe acht Mann hoch, ihren Gegnern an Zahl gewachsen, die Reiter aus beiden Flügeln. Ordentlich ausgerüstete Leichtbewaffnete aber waren nicht zugegen, noch auch besaß die Stadt solche überhaupt. Die aber den Auszug damals mitmachten, waren viel zahlreicher, als die der Feinde, gingen jedoch meist ohne alle Waffen mit, da Alles, was an Fremden und Bürgern da war, sich an dem Zuge betheiligte. Da sie aber bereits früher schon den Marsch nach Hause fortgesetzt hatten, so war ihrer nur noch eine geringe Zahl anwesend. Als nun beide Theile schon in Schlachtlinie aufgestellt und bereits im Begriff waren, auf einander loszugehen, da ermunterte noch Hippokrates, ihr Feldherr, längs der Abtheilungen hinschreitend, die Athener mit solchen Worten:
„Ihr Athener, meine Ermunterung ist nur kurz, vermag aber bei tapferen Männern gleich viel, und sie ist mehr Erinnerung, als Anspornung. Keinem von euch möge es bekommen, daß wir hier aus fremdem Boden uns ohne Noth leichtsinnig einer so großen Gefahr unterziehen; denn im Lande Dieser werden wir um unser eigenes kämpsen, und wenn der Sieg nns gehört, so werden die Peloponnesier nie mehr in unser Land fallen, da ihnen die böotifche Reiterei fehlt, sondern in Einer Schlacht werdet ihr dieß Land gewinnen und 42) Zn der Schlacht bei Leuktra standen sie sogar fünfzig Mann hoch. Vgl. VI, 67 und VII, 79 lKr.). ThukydideS. IV. 23 424 v. Chr. die Freiheit eures eigenen erhöhen. Geht also in den Kampf mit diesen, wie eS würdig ist der Stadt, welche, als die erste unter den Hellenen, Jeder von euch sich rühmt zur Vaterstadt zu haben, — und würdig eurer Väter, welche unter Myronidas diese Männer bei Oenophyta^) besiegt und Böotien gewonnen haben!"
Während Hippokrates die Seinigen also aneiserte, war er bis zur Mitte des Heeres gekommen, fand aber jetzt nicht mehr Zeit, weiter zu gehen, denn die Böoter, welchen auch hier Pagondas mit kurzen Worten zugesprochen hatte, stürmten den Schlachtgesang anstimmend vom Hügel herab. Es gingen ihnen nun auch die Athener entgegen, und im Sturmlauf trafen beide aus einander. Auf beiden Seiten aber kamen die Flügel gar nicht zum Handgemenge, sondern auf beiden Flügeln traf es sich, daß Waldströme den Zusammenstoß hinderten; bei den übrigen HeereStheilen aber wurde heiß gekämpft und die Schilde prasselten auf einander. Den linken böotischen Flügel und die Ausstellung bis zur Mitte hin brachten die Athener zum Weichen und sie bedrängten hier besonders die Thespier. Denn da ihre Nachbarn in der Aufstellung bereits gewichen waren und sie selbst daher eng eingeschlossen wurden, so wurde hier eine große Zahl Thespier im Handgemenge fechtend zusammengehauen; aber auch einige Athener traf dieß Loos, da sie wegen ihrer durch die Umzingelung aufgelösten Ordnung einander mißkannten und sich gegenseitig tödteten. Aus dieser Seite also wichen die Böoter und zogen sich fliehend auf den noch kämpfenden Theil zurück. Ihr rechter Flügel aber, wo die Thebaner standen, war im Vortheil über die Athener und drängte sie Anfangs Schritt vor Schritt vor sich her. Nun schickte auch Pagondas zwei Abtheilungen Reiter ungesehen um den Hügel herum, wo der linke Flügel in Bedrängniß war, und als sie hier plötzlich zum Vorschein kamen, glaubten die auf dem siegreichen Flügel der Athener, es komme da ein zweites Heer, und geriethen in Schrecken, und so riß auf beiden Flügeln, hier wegen dieses Ereignisses und dort wegen der nachdrängenden und schon durchbrechenden Thebaner, allgemeine Flucht im Heer der Athener ein. Einige flüchteten gegen Delion und das Meer zu, Andere nach Oropos, ein Theil auch nach dem Berge Par 43) Vgl. l, 108. nes und wieder Andere nach vershciedenen Seiten, wo grade ein Je- 424 v. Chr. der Rettung hoffte. Die Böoter aber verfolgten und hieben meder,, besonders ihre Reiterei und die der Lokrer, welche grade, als die Flucht sich entschied, auf dem Schlachtfelde eingetroffen waren. Da die Nacht die Verfolgung abschnitt, so fand die große Masse der Fliehenden leichter Rettung. Am folgenden Tage wurden die aus Oropos und Delion, wo trotzdem zur ferneren Behauptung eine Besatzung blieb, auf Schiffen nach Hause geführt 44).
Die Böoter ihrerseits errichteten ein Siegeszeichen, hoben ihre Todten auf und plünderten die der Feinde. Dann zogen sie sich, zur Bewachung eine Abtheilung zurücklassend, auf Tanagra zurück und dachten, wie sie Delion bekennen möchten.
Aus Athen wurde ein Herold der Todten wegen abgeschickt. Der begegnete aber unterwegs einem böotischen Herold, der ihn umkehren hieß; denn er werde, sagte dieser, Nichts ausrichten, bevor er selbst nicht wieder zurück sei. Dieser trat dann vor die Athener und sagte ihnen im Namen der Böoter, sie handelten unrecht, daß sie die gemeinen Gesetze der Hellenen überträten; denn bei Allen gelte es, daß sie bei einem Einfall auf hellenisches Gebiet die dortigen Heiligthümer unberührt ließen. Die Athener aber hätten Delion verschanzt und sich darin festgesetzt, und es geschehe daselbst Alles, waS sonst Menschen auf ungeweihtem Boden thäten, und auch das Wasser, welches sie selbst unberührt ließen, außer zum Sprengen bei heiligen Handlungen, werde geschöpft und wie gemeines Wasser verbraucht. Der Gottheit und ihrer selbst wegen also forderten die Böoter bei den gemeinsamen Göttern und bei Apollo sie auf, aus dem Heiligsten abzuziehen und mitzunehmen, was ihnen gehöre.
Auf diese Forderung des Herolds schickten die Athener 44) Bei Delion hatten auch SokrateS und Alkibiades mitgesochten, der letztere zu Pferde. Wie muthiz sich SokrateS auf dem Rückzüge gewehrt, erzählt Alkibiades bei Plato , Gastmahl 22l. Ueber die Wirkung der Niederlage sagt Xenophon in den Denk» Würdigkeiten deS SokrateS III, 5. 4: .Du weißt ja, daß seit dem Unglück deS Tolmide» und seiner Tausend bei Lebadea (Aoronea) und der Niederlage des Hippokrates bei De» lion der Ruhm der Athener den Böotiern gegenüber dahingeshcwunden, dagegen den Thebanern der Muth dergestalt gewahcsen ist. daß die Böotier uns jetzt ganz aus eigene Hand mit einem Einfall in Attika bedrohen, die Athener aber in Furcht leben, die Bövtier möchten Attika verwüsten.' 23* 424 v. Chr. . einen ihrer Herolde an die Böoter und ließen sagen: „sie hätten sich an dem Heiligthume in Nichts vergangen und würden auch künftig mit Willen dasselbe nicht verletzen; denn sie seien ja auch von vorn herein nicht zu einem solchen Zwecke gekommen, sondern vielmehr, um von dort aus sich derer zu erwehren, die gegen sie Unrecht thäten. Gemeinsames Gesetz bei den Hellenen sei, daß, wer immer über eine Landstrecke, sei sie nun größer oder kleiner, die Macht habe, hiemit auch die Heiligthümer besitze, um ihrer dem Herkommen und den eigenen Kräften gemäß zu warten; denn auch die Böoter und viele andere Stämme, so viele ihrer mit Gewalt Andere ausgetrieben, deren Land sie nun als eigen besäßen ^), hätten jetzt fremde Heiligthümer im eigenen Besitz, obgleich sie zuerst auch als Feinde in's Land gekommen seien. Und auch sie würden, selbst wenn sie im Lande jener noch weitere Eroberungen machen könnten, diese als rechtmäßiges Eigenthum besitzen, und für jetzt würden sie von da, wo sie jetzt stünden, als von ihrem Eigenthum, nicht abziehen. Das Wasser zu berühren, habe die Noth sie gezwungen, und in diese Noth hätten sie sich nicht durch Uebermuth versetzt; sondern während ihrer Abwehr gegen jene, die zuerst ihr Gebiet angegriffen, seien sie genöthigt worden, sich desselben zu bedienen. Es sei aber ganz natürlich, daß eine That, zu der man durch Krieg oder Noth gezwungen worden, auch bei der Gottheit Entschuldigung finde. Gewährten ja doch die Altäre sogar für freiwillige Verbrechen Zuflucht. Frevel aber sei eine Bezeichnung für solche Vergehen, zu denen Einer nicht gezwungen gewesen sei, und nicht für solche, wozu Einer im Drang der Noth habe schreiten müssen. Wer aber, wie Jene, Todte gegen Heiligthümer auszuwehcseln begehre, der mache sich eines viel größeren Frevels schuldig, als die, welche um Tempel nicht erkaufen wollen, was nicht geziemt. Und ausdrücklich, befahlen sie, solle er ihnen sagen, sie würden nicht unter der Bedingung des Abzugs aus dem böotischen Gebiet — und es gehöre ja auch gar nicht mehr jenen, was sie selbst sich mit dem Schwerte erkämpft hätten — sondern nur nach hergebrachter Weise unter dem Schutze eines Waffenstillstandes ihre Todten abholen."
Die Böoter gaben hierauf zur Antwort: „wenn die Athe 45) Vgl. l, 12. ner auf Böotischem Gebiete stünden, so sollten sie abziehen und mit- 424 v Chr. nehmen, was ihnen gehöre; stünden sie aber auf eigenem Grund und« Boden, so müßten sie ja selbst wissen, was sie zu thun hätten." Damit gaben sie zu verstehen, daß die Oropische Landschaft, wo zufällig die Todten lagen, da die Schlacht auf den Gränzen stattgefunden hatte, dem Unterthanenverhältniß nach den Athenern gehöre, daß diese sich aber doch nicht wider ihren Willen der Todten bemächtigen würden, und sie könnten ja auch gar keinen Waffenstilltsandsvertrag über ein Gebiet abschließen, das ihnen nicht gehören solle. Jene Antwort aber, „daß sie gegen den Abzug aus Böotischem Gebiete das Verlangte erhalten könnten", hielten sie für ganz passend. Der Herold der Athener ging mit dieser Antwort unverrichteter Sache wieder zurück.
Die Böoter schickten nun sogleich um Speerschützen und Schleuderer vom Melischen Meerbuset, und da ihnen nach der Schlacht auch zweitausend schwerbewaffnete Korinther zu Hülse gekommen und auch die peloponnesische Besatzung aus Nisäa mit den Megarern zu ihnen gestoßen war, so zogen sie vor Delion und bekannten die Verschanzung. Unter Anderem, was sie versuchten, wendeten sie auch die folgende Erfindung an, durch die sie den Platz auch wirklich nahmen. Sie schnitten einen großen Stamm in der Mitte entzwei, höhlten ihn dann ganz durch und fügten ihn wieder sorgfältig an einander, wie eine Röhre; dann befestigten sie an das untere Ende des Stammes vermittels Ketten ein Becken, in welches man durch die Höhlung des Balkens ein Blasrohr herabgehen ließ, welches am sunteren^ Ende von Eisen war; auch sonst war der Balken zu einem großen Theil mit Eisen beschlagen. Nun führten sie das Ganze aus weiter Entfernung auf Wagen zu der Mauer heran, besonders da, wo Reben und Holzwerk in den Bau eingefügt waren, und so oft er nahe genug herangebracht war, setzten sie große Blasebälge in die ihnen zugekehrte Mündung des Balkens und setzten diese in Thätigkeit. Die Luft, die nun durch die enge Höhlung in das Becken blies, das mit glühenden Kohlen, Schwefel und Pech angefüllt war, entzündete eine mächtige Flamme und steckte die Verschanzung in Brand, so daß Niemand mehr dort aushalten konnte, sondern Alle sie im Stich ließen und davon- gingen, auf welche Art denn die Verschanzung genommen wurde. Von der Besatzung waren einige gefallen, zweihundert wurden gefangen 424 v. Chr. genommen, die Mehrzahl der Uebrigen schiffte sich ein und fuhr nach Hause.
Als Delion am siebzehnten Tage nach der Schlacht genommen war, und nicht lange danach wieder der Herold der Athener der Todten wegen kam, jedoch in Unkenntniß dessen, was sich ereignet hatte, antworteten die Böoter nicht mehr wie das erstemal, sondern gaben die Todten heraus. Es waren aber von den Böotern in der Schlacht etwas unter fünfhundert gefallen, von den Athenern hingegen etwas unter tausend und darunter Hippokrates, ihr Feldherr, dazu aber noch eine große Zahl Leichtbewaffneter und vom Troß.
Kurz nach dieser Schlacht unternahm Demotshenes, da ihm sein Seezug zum Zwecke der Uebernahme von Siphä nicht nach Wunsch ausgegangen war, mit einem Heere von Akarnanern und Agräern und vierhundert athenischen Schwerbewaffneten eine Landung der Flotte auf das Gebiet von Sikyon. Noch eh' aber sämmtliche Schiffe landen konnten, eilten die Sikyonier zur Abwehr herbei, schlugen die Gelandeten in die Flucht und verfolgten sie bis zu ihren Schiffen. Eine Anzahl von ihnen tödteten sie, Andere nahmen sie lebend gefangen. Dann errichteten sie ein Siegeszeichen und gaben unter einem Waffenstillstände jenen ihre Todten heraus.
Ungefähr in denselben Tagen, als bei Delion geschlagen wurde, verlor auch der Odryserkönig Sitalkes, auf einem Feldzuge gegen die Triballer in einer Schlacht besiegt, sein Leben. SeutheS, des Sparadokos Sohn, sein Neffe brüderlihcerseits, wurde nun König über die Odryser und das übrige Thrakien, das auch jener beherrscht hatte.
Im selben Winter zog Brasidas mit den Bundesgenossen auS den thrakischen Grenzlanden gegen die Stadt Amphipolis am Strymon-Flusse, einen Pflanzort der Athener. Eben denselben Platz, auf welchem die Stadt sieht, hatte schon früher der Milesier Aristagoras, als er vor dem König DareioS flüchtig war^), anzubauen versucht, war aber von den Edonern verdrängt worden. Danach, zwei und dreißig Jahre später^), hatten auch die Athener zehntausend Ansiedler aus ihrer Mitte und wer sonst wollte, dahingesendet, die aber bei DrabeskoS von den Thrakern aufgerieben wurden. Und 46)499 v. Chr. 47) 467 v. Chr. wiederum, im neun und zwanzigsten Jahre danach^), schickten die 424 v. Chr. Athener Ansiedler dahin unter Führung des Hagnon, Sohnes des Nikias. Diese vertrieben dann die Edoner aus der Gegend und gründeten diese Stadt an dem Orte, der früher Neunwege (EnneaHodoi) genannt worden war. Sie kamen aber damals flußaufwärts von Eion, das, an der Mündung des Flusses gelegen, ihnen als Seehandelshafen diente und fünf und zwanzig Stadien von der Stadt entfernt ist, der Hagnon den Namen Amvhipolis (Ningstadt) gab, weil der Strymon sie im Halbkreis umfloß und er selbst vom einen Arme des Flusses zum andern eine lange Mauer gezogen hatte. Er baute sie aber so, daß sie über das Festland und das Meer weithin sichtbar ist.
Gegen diese Stadt nun, aufbrechend von Arnä auf Chalkidike, marfchirte Brasidas mit seinem Heere. Gegen Abend hatte er Aulon und BromiSkos erreicht, wo der See Bolbe seine Mündung in's Meer hat; dort ließ er abessen und marfchirte dann die Nacht durch weiter. Es war nämlich stürmisches Wetter und schneite ein wenig, weßhalb er um so mehr vorwärts strebte, um von denen in Amphipolis unbemerkt zu bleiben, — die ausgenommen, welche daselbst mit Verrath umgingen. Es wohnten nämlich daselbst auch Argilier — Argilos ist ein Pflanzort von Andres — diese und einige andere arbeiteten im Einverständnisse mit Brasidas, wozu sie theils durch Perdikkas, theils durch die Chalkidier beredet worden waren — vorzüglich aber wirkten die Argilier, die ganz in der Nähe wohnten und sich von jeher den Athenern verdächtig gemacht hatten und sich Amphipolis aufsäßig gezeigt hatten, da jetzt die Gelegenheit günstig war und Brasidas heranrückte, bei ihren in Amphipolis wohnenden Leuten dahin, daß die Stadt übergeben werden sollte. Jetzt nun nahmen sie den Brasidas in ihre Stadt auf, erklärten ihren Abfall von Athen und brachten noch in derselben Nacht vor Sonnenaufgang das Heer bis an die Flußbrücke. Die Stadt selbst liegt aber noch etwas weiter oberhalb der Brücke, und die Mauern zogen sich damals noch nicht so weit herab, wie jetzt, sondern es stand dort nur ein schwacher Posten, den Brasidas leicht bewältigte, einmal, weil auch hier Verrath 48) 439 v. Chr. 424 v. Chr. thätig war, dann auch wegen der stürmischen Witterung, und weil der Uebersall ganz unerwartet geschah. Dann überschritt er die Brücke und nahm sogleich in der ganzen Gegend in Besitz, was den außerhalb der Stadt wohnenden Amphipoliten gehörte.
Da dieser Flußübergang denen in der Stadt ganz unerwartet kam, und von denen, welche außer der Stadt wohnten, viele gefangen wurden, Andere aber sich hinter die Ringmauern flüchteten, so geriethen die Amphipoliten in große Bestürzung, zumal sie sich auch unter einander nicht trauten. Und man behauptet, Brasidas habe die Stadt wohl nehmen können, wenn er, anstatt sein Heer mit Plünderung zu beschäftigen, den Ort sogleich hätte angreifen wollen. Nun aber ließ er das Heer ein Lager schlagen und in der Umgegend ans Plünderung streifen, und da Seitens derer in der Stadt Nichts von dem geschah, woraus er wartete, so hielt er sich ruhig. Die Gegenpartei der Verräther aber, der Zahl nach überlegen, verhüteten, daß die Thore nicht sogleich geöffnet wurden, und schickten im Einvernehmen mit Eukles, dem Feldherrn der Athener, der zur Ueberwachung des Platzes da war, Boten zu seinem Mitfeldherrn an der thrakischen Küste, Thukydides, dem Sohne des Oloros, der diese Geschichte verfaßt hat und damals bei Thasos stand — welche Insel, eine Siedelung der Parier, von Amphipolis ungefähr eine halbe Seetagreise entfernt ist — mit der Aufforderung, ihnen zu Hülfe zu kommen; und dieser ging aus die Meldung hin mit sieben Schiffen, die zur Hand waren, sogleich unter Segel, in der Absicht, sich wo möglich noch nach Amphipolis zu werfen, bevor die Stadt übergehe, und wenn das nicht, so doch Eion noch zu besetzen.