Book 4
Auf diese Art waren sie vertheilt. Die Athener nun hie-ben die vorderste Wachmannschaft, gegen die sie Sturm liefen, sogleich nieder, denn diese war noch in ihren Schlafstätten und wollte sich erst waffnen. Die Landung hatten sie nicht gemerkt, da sie glaubten, daß die Schiffe, wie gewöhnlich, des Nachts nach ihren Ankerplätzen ruderten. Mit der Morgenröthe wurde niu auch der übrige Theil des Heeres gelandet, auf etwas mehr als siebzig Schiffen, Alle — mit Ausnahme der Ruderer auf dem Vordertheile — die Einen so, die Andern so gewaffnet, achthundert Bogenschützen und eine gleiche Zahl von Leichtbewaffneten, dazu die Hülsstruppen der Messenier und die übrigen Alle, die um Pylos standen, ausgenommen die Besatzung der Festung. Auf Anordnung des Demosthenes vertheilten sie sich je zu zweihundert Mann und darüber, hie und da auch darunter, und besetzten die hervorragendsten Punkte, damit die Feinde in die größte Verwirrung geriethen und von allen Seiten umringt nicht wüßten, wo sie Widerstand leisten sollten, 425 v. Chr. sondern von der großen Zahl von beiden Seiten in den Schuß genommen würden: von denen in ihrem Rücken getroffen, wenn sie die vor sich angriffen, und von denen längs ihrer Front und dem Rücken Aufgestellten, wenn sie nach der Flanke ausfallen wollten. Wohin sie sich aber auch wendeten, immer sollten die leichten Schwärmer sie im Rücken belästigen, denen am schwersten beizukommen ist, weil sie mit ihren Pfeilen, Wurfspießen, Steinen und Schleuderkugeln aus der Ferne wirken, und ihnen etwas anzuhaben war unmöglich, da sie, selbst im Fliehen Schaden zufügten und dem Feind auf dem Rückzug augenblicklich wieder zusetzten. Auf diese Art hatte Demotshenes früher schon den Landungsplan entworfen, und so setzte er ihn auch in's Werk.
Als aber die um den Epitadas, welche die Hauptmasse aus der Insel waren, den ersten Wachposten niedergehauen sahen, und wie das Heer gegen sie anmarschire, so schlössen sie ihre Glieder und gingen auf die Schwerbewaffneten der Athener loS, um mit ihnen handgemein zu werden; denn diese standen in ihrer Fronte, die leichten Truppen aber auf den Flanken und im Rücken. Sie konnten aber an die Schwerbewaffneten nicht ankommen und hier ihre Geschicklichkeit zeigen, denn das leichte Volk umringte und beschoß sie von beiden Seiten, und jene rührten sich gar nicht gegen sie, sondern blieben ruhig stehen. Die Leichtbewaffneten freilich, wo sie am kecksten anliefen und drängten, trieben sie in die Flucht, aber diese vertheidigten sich im Weichen, da sie leicht gerüstet waren und bei der Rauheit des nie angebauten und darum ungleichen Bodens auf der Flucht leicht einen Vorsprung gewannen, während die Lakedämonier in ihrer schweren Rüstung nicht nachkommen konnten.
So beschossen sie denn eine kurze Weile einander aus der Entfernung; als aber die Lakedämonier, wo sie angegriffen wurden, nicht mehr scharf ausfallen konnten, und die leichten Truppen sahen, daß sie schon schwerfälliger zur Abwehr würden, auch besonders aus dem Anblick ihrer vielfach überlegenen Zahl Muth schöpften und sich schon mehr an den Anblick jener gewöhnt hatten, so daß sie ihnen nicht mehr so furchtbar erschienen — zumal ihnen auch nicht von jenen begegnet worden war, wie sie erwartet hatten, als sie noch eben erst bei der Landung durch die bloße Vorstellung, daß sie gegen Lakedämonier kämpfen sollten, in Schrecken und Verwirrung gesetzt 425 v. Chr. waren, — so fingen sie an, jene zu verachten, erhoben ein Geichre, i und stürmten in Masse aus sie ein, Steine, Pfeile oder Wurfspieße schleudernd, wie sie gerade ein Jeder bei der Hand hatte. Da nun mit dem Angriff zugleich das Schlachtgeschrei ertönte, fiel Furcht die Leute an, die solcher Kampsart ungewohnt waren, und in dichten Wolken stieg die Asche des kürzlich niedergebrannten Waldes auf, und es war unmöglich, etwas vor Augen zu sehen vor der Menge der Geschosse und Steine, die von der großen Menshcenmasse geschleudert wurden, und dem Staube, der emporwirbelte. Jetzt wurde den Lakedämoniern heiß, denn ihre Panzer schützten nicht mehr vor den Pfeilen, und die Wurfspeere brachen darin ab, wenn Einer getroffen wurde, und sie wußten sich gar nicht mehr zu helfen, da ihnen die Aussicht benommen war und sie vor dem lauteren Geschrei der Feinde die eigenen Kommandoworte nicht vernehmen konnten. Von allen Seiten umringte sie die Gefahr, und sie sahen keine Hoffnung mehr, sich irgendwie durch Abwehr zu retten.
Endlich, nachdem ihrer schon viele verwundet waren, weil sie sich immer aus demselben Fleck herumbewegten, schlössen sie sich eng aneinander und marschirten gegen das Bollwerk an der äußersten Spitze der Insel, das nicht weit entfernt lag, und zu der dortigen Besatzung. Als sie aber das Feld räumten, da wurden die Leichtbewaffneten erst recht keck und verfolgten sie mit noch lauterem Geschrei. Und so viele der Lakedämonier auf dem Rückzüge gefangen wurden, die mußten aus dem Platze sterben; die Mehrzahl aber entkam noch in das Bollwerk und stellte sich mit der dortigen Besatzung am ganzen Umfang auf, um abzuwehren, wo angegriffen werden konnte. Die Athener folgten ihnen auf dem Fuße nach, hatten aber wegen der Stärke des Platzes keine Möglichkeit ihn zu umstellen und abzuschließen, griffen also von vorn an und versuchten sie herauszuwerfen. Und so hielten lange Zeit und den größten Theil des Tages hindurch beide Theile mit den Beshcwerden des Kampfes auch noch den Durst und die Hitze der Sonne aus, indem die Einen sich abmühten, jene von der Höhe herab zu werfen, diese aber nicht vom Platze weichen wollten, doch fiel den Lakedämoniern die Abwehr leichter, als vorher, da sie die Flanken frei hatten.
425 v. Chr. Da aber so nichts ausgerichtet wurde, so ging der Anführer der Messenier zu Kleon und Demosthenes hin und sagte, daß ihre Mühe auf diese Weise verloren sei; wenn sie ihm aber eine Abtheilung Bogenschützen und Leichtbewaffnete geben wollten, um jene im Rücken auf einem Pfade zu umgehen, den er suchen wollte, so gedenke er den Zugang zu erzwingen. Er erhielt, was er verlangte, und brach, um von den Feinden nicht gesehen zu werden, von einer ihren Blicken entzogenen Stelle aus, kletterte den Berg hinauf, wo nur immer der steile Abfall der Insel es erlaubte und die Lakedämonier im Vertrauen auf die Festigkeit des Platzes kein Augenmerk hatten, umging sie so ungesehen, obgleich mit großer Mühe und Schwierigkeit, und setzte durch sein plötzliches Erscheinen auf der Höhe in ihrem Rücken diese, die daraus nicht gefaßt waren, in Schrecken und Verwirrung, während er jenen, die nun erfüllt sahen, was sie gehofft hatten, die Zuversicht erhöhte. Die Lakedämonier wurden nun von beiden Seiten beschossen und waren, um Kleines mit Großem zu vergleichen, in derselben Nothlage, wie die bei den Thermopylen, — denn jene wurden niedergehauen, nachdem die Perser sie auf dem Bergpfade umgangen hatten, und so ging es auch hier — die Lakedämonier, von zwei Seiten beschossen, leisteten keinen kräftigen Widerstand mehr, sondern in der Minderzahl gegen die Uebermacht fechtend und aus Mangel an Nahrung am Körper geschwächt, zogen sie sich zurück, und die Athener besetzten nun die Zugänge.
Als nun Kleon und Demosthenes sahen, daß jene, wenn sie auch nur noch einen Fuß breit weiter zurückwichen, von ihren Leuten würden niedergehauen werden, machten sie dem Kampf ein Ende und hielten die Ihrigen zurück, in der Absicht, jene lebend nach Athen zu führen, sofern sie aus den Heroldsruf hören, ihren Sinn beugen und aus der Noth eine Tugend machen wollten, und ließen also durch den Herold fragen, ob sie die Waffen und sich selbst den Athenern auf Gnade oder Ungnade übergeben wollten.
Als nun jene dieß hörten, senkten die Meisten ihre Schilde und hoben die Hände in die Höhe, zum Zeichen, daß sie annähmen, was der Herold ausgerufen. Nun ruhten die Waffen, und es traten zu einer Unterredung zusammen Kleon und Demosthenes und von jener Seite Styphon, Sohn des Pharax; denn von den früheren An- 425 V. Chr. führern war der erste. Namens Epitadas, gefallen, und der Hippa-, gret ^), der zum Ersatzmann gewählt war, lag für todt gehalten unter den Gebliebenen, obgleich er noch lebte, und als dritter war nach dem Gesetze eben jener gewählt worden, um das Kommando zu übernehmen, wenn den Andern etwas Menschliches zustieße. Styphon nun und die Seinigen sagten, sie wollten durch den Herold bei den Lakedämoniern aus dem Festland fragen lassen, was sie thun sollten. Und jene nun sandten zwar selbst keinen Herold ab, sondern die Athener riefen solche vom Festland, und nachdem zwei oder drei Mal hinüber und herüber gefragt worden war, brachte der Mann, welcher zuletzt von den Lakedämoniern auf dem Festland herüber kam, den Entscheid, sie sollten für sich selbst einen Entschluß fassen, aber ihre Ehre dabei wahren. Diese beriethen sich also unter einander und übergaben dann ihre Waffen und sich selbst. Denselben Tag noch und die folgende Nacht hielten die Athener sie in Gewahrsam, Tags daraus aber errichteten sie ein Siegeszeichen aus der Insel, bereiteten Alles zur Rückfahrt vor und vertheilten die Gefangenen zur Verwahrung an die Schiffskapitäne; die Lakedämonier aber schickten einen Herold um ihre Todten und holten sie dann ab.
Es fielen aber aus der Insel und lebendig gefangen wurden so viele: vierhundertundzwauzig Schwerbewaffnete im Ganzen waren hinüber gebracht worden; von diesen wurden lebend weggebracht dreihundert weniger acht, die Uebrigen waren gefallen. Unter den Ueberlebenden waren aber gegen hundertundzwanzig Spartiaten^). Von den Athenern waren nur Wenige gefallen; denn zu einer eigentlichen Schlackt war es nicht gekommen.
Was nun die Länge der Zeit betrifft, während deren die Leute auf der Jusel abgesperrt waren, so verflossen von der Seeschlacht bis zu dem Gefecht auf der Insel zweiundsiebenzig Tage. Von diesen wurden sie die zwanzig Tage hindurch, während die Ge- 19) So hießen die Anführer der königlichen Leibwache in Sparta. Hippagretos könnte indeß hier auch Eigenname sein. 20) Die Uebrigen waren die oben als Diener erwähnten Heloten, deren hier Einer aus einen Spartiaten kam. In der Schlacht bei Platää hatte jeder spartanische Schwerbewaffnete sieben Heloten bei sich. 425 v. Chr. sandten wegen eines Vergleiches abwesend waren, verköstigt, die übrige Zeit hindurch erhielten sie sich von dem heimlich Eingeführten. Es war aber noch Getreide auf der Insel vorhanden, und auch anderer Speisevorrath fand sich noch vor; denn Epitadas, ihr Befehlshaber, hatte einem Jeden sparsamer verabreicht, als er gemußt hätte.
Die Athener und die Pelöponnesier zogen nun mit den Heeren von Pylos ab, ein Jeder nach Hause, und dem Kleon war sein Versprechen, so wahnsinnig es auch war, in Erfüllung gegangen; denn innerhalb zwanzig Tagen brachte er die Mannschaft ein, wie er sein Wort gegeben hatte 2"*). 20*) Für dieß dem Demosthenes entwendete Verdienst wurde Kleon vom Volke durch Ehrensitze im Theater und bei der Volksversammlung und durch Kränze belohnt, wogegen Andere es ihm als Diebstahl vorwarsen. In den Rittern des Aristophaneö stiehlt der Wursthändler dem Kleon einen Hasen, was dieser übel vermerkt: O weh, du hast mein Eigenthum gestohlen! Worauf der Wursthändler: Nun ja, gerad', wie du den Fang in PyloS. Je mehr Kleon aus seine Heldenthat pochte (in den Rittern droht er: Bei meinem Ehrenplatz als Held von PyloS! Ich bring dich um) um so mehr suchten seine Feinde seinem Verfahren mit den Gefangenen schlechte Absichten unterzuschieben, als wolle er durch ihre Auslösung bei guter Gelegenheit ein möglichst gutes Privatgeschäst machen: Ja. obwohl er all' sein Leben eine feige Memme war. Galt er doch als Held, indem er ärntet, wo er nicht gesät! Und so läßt er eben Garben, frisch von Pylos mitgebracht. Jämmerlich im Stockhaus modern, ja verschachern will er sie. und: EinS weiß ich doch: waS er in ArgoS treibt; Er thut, als wollt' er Argos uns besreunden. Und spielt mit den Spartanern unter'm Tisch; Was dort geschmiedet und gelöthet wird. Weiß ich: um die Gefangnen geht der BlaSdalg. Nur scherzhaft gemeint ist folgender Vorwurf, ebenfalls aus den Rittern: Kleon beruft sich ans die in PyloS erbeuteten Schilde, worauf der Wursthändler: Gut, dleib' bei diesen Schilden stehn: schon wieder eine Blöße! Wenn du den Demos (das Volk) liebst, warum hast du mit Fleiß die Schilde Sammt Ring und Riemen aufgehängt im Heiligthum der Göttin? Nun, Demos, merkst du nicht den Pfiff? - Um dir. wenn du den Schurken Willst züchtigen einmal, wie er's verdient, die Hand zu binden! Denn steh' dich um: da hat er dir 'nen Rudel Gerberbnrsche
Dieß Ereigniß war es, was von den Vorfällen dieses 425 v. Chr. Krieges den Hellenen am meisten unerwartet kam. Denn von La-, kedämoniern erwartete man, daß sie weder durch Hunger, noch durch irgend welche Noth bezwungen die Waffen auslieferten, sondern mit diesen fechtend sterben müßten, wie sie auch gekonnt hätten. Auch war man ungläubig, ob denn die, die sich ergeben hätten, von gleicher Art seien mit denen, die den Tod gefunden, und als später einmal von den athenischen Bundesgenossen Einer in kränkender Absicht einen der Kriegsgefangenen von der Insel fragte, ob ihre Gefallenen wackere Leute gewesen, so erhielt er zur Antwort, das müßte ein rares Rohr — damit meinte er den Pfeil — gewesen sein, das die Tapseren hätte unterscheiden können, — womit jener sagen wollte, daß gefallen sei, wen grade die Steine und Pfeile zufällig getroffen hätten.
Als die Leute eingebracht waren, faßten die Athener Beschluß, sie in Banden verwahrt zu halten, bis ein Vergleich getroffen wäre; sollten aber die Peloponnesier früher noch einen Einfall auf ihr Gebiet machen, so wolle man sie hinausführen und hinrichten. Nach Pylos aber legten sie eine Besatzung, und die Messenier aus Naupaktos schickten in dieß ihr Vaterland, — denn Pylos gehört zu der ehemaligen Messenischen Landschaft, — die tüchtigsten Leute aus ihrer Mitte, welche Lakonika verwüsteten und sehr vielen Schaden anrichteten, zumal sie auch dieselbe Sprache redeten. Die Lakedämonier aber, die in früherer Zeit solche Verheerungs- und Raubzüge nicht erfahren hatten, zumal ihnen auch die Heloten zum Feind überliefen, und sie fürchten mußten, daß ihnen noch größere Verwirrung im Lande angerichtet werde, nahmen die Sache keineswegs leicht, und obgleich sie den Athenern ihre Gedanken nicht verrathen wollten, schickten sie doch Gesandte zu ihnen und versuchten Pylos und ihre Und rings die ganze Nachbarschaft, die Käs- und Hvnighiindler; Das bläst mm all' in'S gleiche Horn und hängt wie Pech zusammen; Brummst du nun auf und willst einmal ein Scherbenspielchen machen (d. h. ihn verbannen). Dann läuft des Nachts die Bande hin und reißt die Schilde 'runter, Besetzt uns Markt und Kornhaus, um die Bürger auszuhungern! (Ludwig Seeger's Nebersehung.) 425, v. Chr. Leute zurück zu erhalten. Die Athener aber wollten höher hinaus und schickten jene, so oft sie auch zukehrten, unverrichteter Sache zurück. Dieß waren die Ereignisse bei Pylos.
Bald danach, in demselben Sommer, unternahmen die Athener auf achtzig Schiffen und mit zweitausend Schwerbewaffneten aus der eigenen Bürgerschaft und zweihundert Reitern auf Fahrzeugen, die für Pferde eingerichtet waren, einen Feldzug gegen das Gebiet von Korinth. Von den Bundesgenossen zogen mit Milesier^), Andrier^) und Karystier^). Anführer war selbdritt 21) Milet, ionische Stadt in Kleinasien, noch auf Karischem Gebiete, hatte fünf Häfen und entfaltete mit großem Glücke eine ganz ungemeine Handelsthätigkeit, vorzugsweise im schwarzen Meere, an dessen Küsten es rings-um seine Pflanzstädte anlegte, die dann ebendaselbst wieder neue Kolonien gründeten. Früher hieß das Schwarze Meer bei den Griechen das ungastliche, unwirthsame (Pontos areinos), durch die mi> lesischen Kolonien wurde es zum gastlichen (eureinos) umgewandelt und in die hellenische Welt einbezogen. Hauptgegenstände des Handel? waren Getreide und Salzsischc verschiedener Art (unser Häringshandel). Milet war von nicht weniger als achtzig Städten die Mntterstadt, wovon Naukratis in Aegypten, die andern fast alle am Marmora- und Schwarzen Meer. Die bedeutendsten dieser letzteren waren: Heraklea, Sinope, wo besonders der PelamyS-Fisch in zahlloser Menge gefangen wurde, Amisos, Trapezus, zu der Römer Zeiten Sitz deS Großhandels, heute den Handel nach Armenien und Persien vemittelnd, Dioskurias, Hauptmarkt der kaukasischen Völker, wo man, wie die Alten erzählen, siebzig verschiedene Sprachen hören konnte. Auf der Halbinsel Krim, dem Taurischen Cherfonnes der Alten, lag Theodofia mit einem Hafen für hundert Schiffe, Hauptsitz des Handels mit Getreide, welches hier dreißigsältigen Ertrag gab. Am Eingang in das Azov'fche Meer: Pantikapäon und gegenüber Phancigoria, an der Mündung des Don (Tanais). An der Westseite des Meeres: Olbia, Tomi. Odefsos n. s. w. In älterer Zeit standen die Milesier im Rufe mannhafter Tüchtigkeit, später verweichlichten sie, wie alle kleinasiatischen Senior, und hatten die Nachrede, leicht reizbar und zu thörichtem Thun geneigt zu sein. Unter persischer Oberherrschaft trugen sie das Joch eigener Tyrannen. Die Geschichte des Histiäos und Aristagoras ist bekannt. Als der Abfall von den Persern erfolgte, wurde Jsonomie, d. i. gleiches Recht für Alle ausgerufen, demokratische Strategen eingesetzt u. s. m. Aber der nöthige Grad sittlicher Tüchtigkeit fehlte. Die Seeübungen, welche Dionysios von Pholäa einsührte, wurden von den Jonier» nur sieben Tage ertragen, und in der Schlacht liefen Alle davon oder gingen über. Nur die Chier fochten tapfer. Nun trat von Neuem Tyrannis ein, bis die Befreiung durch die europäischen Hellenen erfolgte. — Für die Neigung zu Athen wurde die Volkspartei zu Ende des Krieges von Lysander durch ein furchtbares Gemetzel bestraft. 22) Andros, eine der kylladiscken Inseln, mit ionischer Bevölkerung, hatte durch Nikias, des Nikeratos Sohn. Mit Tagesanbruch segelten sie an 425 v. Chr. nnd landeten an der Küste zwischen der Halbinsel und Nheiton, in< jener Gegend, welche durch den Solygei'schen Hügel beherrscht wird, aus dem sich in alter Zeit die Dorier während ihres Krieges mit den äolischen Korinthern festgesetzt hatten ^). Jetzt liegt auf der Höhe das Dorf Solygea. Von dem Punkt der Küste nun, wo die Schiffe landeten, bis zu diesem Dorfe beträgt die Entfernung zwölf Stadien, bis nach der Stadt Korinth sechzig und bis zum Jsthmos hin zwanzig. Die Korinther hatten aber schon längere Zeit vorher von Argos aus Nachricht, daß die Athener gegen sie auszögen, und rückten deßhalb zur Abwehr gegen den Jsthmos mit gesammter Mannschaft vor, ausgenommen die, welche sich jenseits der Landenge befanden; auch in Amprakia und Leukadia waren fünfhundert Mann von ihnen als Besatzung abwesend; sonst aber waren Alle vereint und lauerten den Athenern auf, wo sie landen würden. Da jene aber noch nächtlicher Weile unbemerkt herangesegelt waren und den Korinthern nun die Feuerzeichen gegeben wurden, so ließen sie die Hälfte ihrer Mannschaft in Kenchrea zurück für den Fall, daß die Athener gegen Krommyon marshciren sollten, und rückten in Eile zur Abwehr jenen entgegen.
Battos, der eine ihrer Anführer — denn eS waren deren zwei bei der Schlacht anwesend — nahm eine Abtheilung nnd marschirte nach dem Dorfe Solygea, um dies zu schützen, da es keine Mauern hatte; Lykophron aber mit den übrigen Truppen nahm das Gefecht an. Und zuerst nun griffen die Korinther den rechten athenischen Flügel vorwärts der Halbinsel an, gerade, als diese eben an's Land gestiegen waren, dann auch die andern Abtheilungen. Der Kampf war hitzig und durchaus Mann gegen Mann. Der rechte Flügel der Athener und Karystier, — denn diese standen bei ihnen aus der äußersten Spitze des Flügels — empfing die angreifenden Penkles 452 v. Chr. eine Niederlassung von zweihnndertundsünszig athenische» Bürgern erhalten Stagira und AkanthoS waren Kolonien der Insel. 23) KarystoS aus Euböa. Die Bevölkerung war aus Joniern nnd Dryvpern gemischt. Mit Chalkis und Eretria nahm die Stadt früher Theil an der Amarynthische n Genossenschaft. Von den Athenern unterworfen 476 v. Chr. vergl. l, 98. 24) Vgl. B. l, Anm. 22 nnd W. 425 v. Chr. Korinther und trieb sie, obgleich mit Anstrengung, zurück. Diese zogen sich weichend gegen eine Mauer, und da die ganze Gegend abschüssig ist, warfen sie von ihrer höheren Stellung herab mit Steinen; dann stimmten sie den Schlachtgesang an und gingen wieder zum Angriff, und da die Athener Stand hielten, kam es wieder zum Handgemenge. Da kam aber eine Korinthische Abtheilung ihrem linken Flügel zu Hülfe, brachte den rechten der Athener zum Weichen und drängte sie bis an das Meer hin. Nun machten aber die Athener und Karystier bei den Schiffen wieder Kehrt und gewannen wieder Raum. Auf den übrigen Punkten kämpfte das Heer beiderseits ununterbrochen, besonders suchte sich der rechte korinthische Flügel unter Lykophron des linken der Athener zu erwehren, denn sie befürchteten, derselbe möchte einen Versuch gegen das Dorf Solygea machen.
Lange Zeit hielten hier beide Theile Stand und keiner wollte dem andern weichen, dann aber, weil den Athenern die Mitwirkung ihrer Reiterei zu Statten kam, während jene nicht Ein Pferd hatten, flohen die Korinther und zogen sich nach dem Hügel, wo sie sich unter den Waffen aufstellten nnd nicht mehr herunter kamen, sondern ruhig stehen blieben. Bei dieser Niederlage des rechten Flügels fielen seitens der Korinther die Meisten und darunter auch Lykophron der Feldherr. Als der übrige Theil ihres Heeres, wie oben erzählt, geworfen winde, ohne gerade scharf verfolgt zu werden und schnell zu fliehen, zog er sich auch auf die Anhöhe und nahm dort Stellung. Die Athener aber, da jene das Gefecht nicht mehr aufnahmen, zogen den gefallenen Feinden die Waffenrüstung aus, hoben ihre eigenen Todten aus und errichteten auch sogleich ein Siegeszeichen. — Jene Hälfte der Korinther nun, die zur Bewachung in Kenchrea zurückgeblieben war, damit die Athener nickt gegen Krommyon segelten, hatte wegen des Oneischen Gebirges von der Schlacht Nichts gemerkt; als sie aber den Staub aufsteigen sahen und Meldung erhielten, rückten sie sogleich zur Unterstützung heran. Da nun die Athener diese gesammte Macht anrücken sahen und glaubten, es komme Zuzug aus den benachbarten peloponnesischen Städten, zogen sie sich in Eile auf ihre Schiffe zurück, indem sie die Waffenbeute und ihre Todten mit sich führten, ausgenommen zwei, die sie dort ließen, weil sie dieselben nicht hatten aufsinden können. Nachdem sie sich eingeschifft, fuhren sie nach den naheliegenden Inseln und 425 v. Chr. holten unter dem Schutze eines Waffenstillstandes die Todten, die sie zurückgelassen, durch den Herold ab. Von den Korinthern waren in dieser Schlacht geblieben zweihundertundzwölf, von den Athenern etwas weniger als fünfzig Mann.
Von den Inseln aus gingen die Athener noch desselbigen Tages unter Segel gegen das Korinthische Krommyon, welches von der Stadt hundert und zwanzig Stadien entfernt liegt. Hier legten sie sich vor Anker, verwüsteten das Land und blieben die Nacht über da. Des folgenden Tags schifften sie längs der Küste zuerst gegen Epidauria, und nachdem sie dort eine Landung veranstaltet, nach Methone, das zwischen Epidauros und Trözen gelegen ist. Hier besetzten sie die Kehle der Halbinsel, auf welcher Methone liegt, und verschanzten sie. Dort ließen sie eine Besatzung und plünderten dann eine Zeit lang das Gebiet von Trözen und Halias und Epidauria. Als dann die Verschanzung ausgebaut war, ging die Flotte wieder nach Haus.
Um dieselbe Zeit, als dieß vorfiel, waren auch Eurymedon und Sophokles, nachdem sie mit den für Sicilien bestimmten Schiffen der Athener von Pylos abgefahren waren, in Kerkyra angekommen und mit den Kerkyräern aus der Stadt gegen die auf dem Berge Jstone Verschanzten ausgezogen, welche sich damals nach dem Aus-bruch der Zwistigkeiten hier festgesetzt hatten und von da ans das platte Land beherrschten und vielen Schaden thaten. Deren Verschanzung nun nahmen sie durch Berennung; die Leute darin aber flüchteten sich Alle insgesammt auf einen hochgelegenen Punkt und ergaben sich dann unter der Bedingung, daß sie ihre Hülsstruvpen und ihre eigenen Waffen ausliefern sollten, über ihre eigenen Personen aber sollte das Volk der Athener entscheiden. Unter dem Schutze dieses Vergleiches ließen die Feldherrn die Männer in ein Gewahrsam auf der Insel Ptychia bringen, bis sie dann nach Athen geschickt würden; wenn jedoch unterdessen auch nur Einer von ihnen aus einem Fluchtversuch ertappt würde, so solle der Vergleich Keinen mehr schützen. Nun fürchteten aber die Vorstände der Volkspartei in Ker 25) Vgl. B. in. ss. ThukydideS. IV. 21 425 v. Chr. kyra, die Athener möchten jene vielleicht am Leben lassen, wenn sie erst dorthin gebracht wären, und setzten daher folgende List in's Werk. Sie überredeten einige von den Männern auf der Insel, indem sie ihnen befreundete Leute hinschickten, mit dem Auftrag, so zu thun, als ob sie aus Theilnahme für sie handelten: es sei für sie das Beste, so schnell als möglich zu entlaufen, wozu sie schon selbst ein Fahrzeug bereit halten würden; denn die athenischen Feldherrn seien Willens, sie der Volkspartei in Kerkyra auszuliefern.
Als sie sie nun wirklich überredet und ein Fahrzeug zur Stelle geschafft hatten, wurden sie im Davonfahren ausgegriffen, damit der Vertrag für gebrochen erklärt und sie Alle den Kerkyräern ausgeliefert. Es waren aber dabei die Feldherrn der Athener nicht in geringem Grade mitbetheiligt, so daß der Betrug sehr glaublich scheinen und die Erfinder des Planes um so unbesorgter zu Werke gehen konnten, denn sie wollten offenbar nicht, daß die Mannschaft von Andern, als ihnen selbst, in Athen eingebracht würde, weil sie ja selbst nach Sicilien segeln mußten, und so Andere die Ehre davon gehabt haben würden.
Nun übernahmen die Kerkyrä'er die Mannschaft, schloffen sie in einem großen Gebäude ein und führten sie später, je immer zwanzig Mann, zur Hinrichtung heraus, mitten durch zwei Reihen von beiden Seiten aufgestellter Schwerbewaffneten, aneinander gebunden und gestoßen und verwundet von den zur Seite Stehenden, wenn Einer grade seines Feindes ansichtig wurde. Dabei gingen auch noch Leute mit Geißeln nebenher, welche die langsamer Gehenden zur Eile trieben.
Aus diese Weise hatten sie schon gegen sechzig Mann herausgeführt und hingerichtet, ohne daß die im Gebäude befindlichen eS wußten; denn sie glaubten, man führe sie nur weg, um sie irgendwo anders unterzubringen. Als sie es aber merkten und ihnen auch Einer Mittheilung machte, so riesen sie die Athener an und forderten diese auf, sie selbst sollten sie tödten, wenn sie schon ihren Tod beschlossen hätten. Sie wollten nun nicht mehr aus dem Gebäude gehen und sagten, sie würden auch Niemanden mehr gutwillig herein lassen. Die Kerkyräer machten nun auch gar keinen Versuch, die Thüren mit Gewalt zu erbrechen, sondern stiegen auf das Dach des Gebäudes, rissen die Wölbung aus und warfen mit Backsteinen und schoßen mit P seilen herunter. Jene nun schützten sich dagegen, so gut sie konnten, die 425 v. Chr. Mehrzahl aber tödteten sich zu gleicher Zeit selbst, indem sie sich die, Pfeile in den Hals stießen, welche jene herabgeschossen hatten, oder sich an den Bettstellen erhängten, welche dort vorhanden waren, wobei sie sich aus den Bettgurten oder ihren eigenen Kleidungsstücken Schlingen machten. Indem sie so die ganze Nacht hindurch — denn diese war über der unheilvollen That eingebrochen — theils sich selbst tödteten, theils von denen oben niedergestreckt wurden, kamen Alle um's Leben. Und als es Tag geworden war, warfen die Kerkyräer sie schichtenweise auf Wägen und führten sie vor die Stadt. Die Weiber, so viele ihrer in der Verschanzung gefangen worden waren, gaben sie in die Sklaverei. Auf diese Weise wurden die Kerkyräer von dem Berge durch die Volkspartei vernichtet, und der Bürgerkrieg, der so furchtbar ausgeartet, war damit — für die Zeit dieses Krieges wenigstens — zn Ende; denn was von der aristokratischen Partei noch übrig blieb, war nicht mehr der Rede werth. — Die Athener aber segelten nach Sicilien, wohin sie von vorn herein bestimmt waren, und führten dort den Krieg in Verbindung mit den Buntesqenossen.
Die Athener in Naupaktos unternahmen, als der Sommer zu Ende ging, mit den Akarnanern einen Zug gegen die Korinthische Stadt Anaktorion, die an der Mündung des amprakischen Busens liegt, und nahmen sie durch Verrath. Die Akarnaner trieben die Korinther aus und besetzten die Stadt nnn selbst durch Ansiedler aus ihren sämmtlichen Städten. Damit ging der Sommer zu Ende.
In dem folgenden Winter glückte es dem Aristides, des Archippos Sohn, einem der athenischen Anführer, welche zur Steuererhebung bei den Bundesgenossen herumgesandt wurden, in der Stadt Eion am Strymonflusse den Perser Artaphernes in seine Gewalt zu bekommen, der in Sendung seines Königs nach Lakedämon reisen wollte. Er selbst wurde nach Athen gebracht und seine Papiere aus der Assyrischen Schrift^) verdolmetscht und von den Athenern gelesen. Unter vielem Andern, was darin geschrieben tsand, war das 26 ) Heeren versteht darunter K eilschrift. Doch ist wohl die Assyrische Sprache zu. verstehen (Krüger). 21* 424 v. Chr. Hauptsachlichste dieß: die Lakedämonier seien sich nicht klar, was sie eigentlich wollten; denn von den vielen Gesandten, die herübergekommen seien, habe keiner dasselbe gesagt, wie seine Vorgänger; wenn sie nun ihre Absichten deutlich aussprechen wollten, so sollten sie mit dem Perser Leute an ihn absenden. Den Artaphernes ließen die Athener später auf einem Dreiruderer nach Ephesos bringen und mit ihm Gesandte abgehen. Als diese aber dort erfuhren, der König Artaxerxes, des Xerxes Sohn, sei kürzlich gestorben, — und in der That war er um jene Zeit verschieden — so kehrten sie nach Haus zurück.
Im Laufe desselben Winters rissen die Chier^) auf Befehl der Athener ihre neu erbaute Mauer nieder, denn diese vermutheten, die Chier wollten ihr Verhältniß zu ihnen ändern. Doch schlössen die Chier mit den Athenern einen neuen Vertrag, durch den sie sich möglichst sicher zu stellen suchten, daß diese ihre Verfassung nicht umstürzen sollten. Nun ging der Winter zu Ende und damit das isebente Jahr des Kriegs, den Thukydides beschrieben hat.
Gleich zu Anfang des folgenden Sommers, zu einer Neumondszeit, trat eine theilweise Sonnenfinsterniß ein^), und im Anfang desselben Monats^) fand auch ein Erdbeben statt. Die Flüchtlinge der Mitylenäer und der übrigen Lesbier, welche in der Mehrzahl ihren Waffenplatz am Festland hatten und auch eine Hülfstruppe theils aus dem Peloponnes durch Sold gewonnen, theils aus der dortigen Gegend zusammengezogen hatten, nahmen Nhöteon weg. Danach aber gaben sie es gegen eine Summe von zweitausend Phokäischen Statern wieder heraus, ohne Jemanden ein Leids gethan zu haben. Darauf zogen sie gegen Antandros und nahmen die Stadt mit Beihülfe von Verräthern. Ihr Plan war nämlich, auch die übrigen sogenann- 27) Vgl. Anm. 3 im lll. Buch, 28) In der siebenten Stunde nach Mitternacht des 2l. März (Krüger). 29) Der Monat Elaphebolion (März) ist gemeint. Zu Anfang deS Monats heißt soviel als in der ersten Dekade (Kr.), d. i. Zeitraum von zehn Tagen (wie solche auch die französische Revolution an die Stelle der Wochen von 7 Tagen setzen wollte). — Der attische Monat von 2v/z^ Tagen zerfiel eigentlich nur in zwei Abtheilungen: den aufsteigenden Mond vom l. bis 20. und den absteigenden (PAt/'o^rot) vom 2l. bi» es. oder so. ten aktäischen Städte 3°), welche früher unter Mitylenäischer Verwal- 424 v. Chr. tung den Athenern gehorcht hatten, zu befreien, vor allen andern aber Antandros, und diese Stadt zu einem starken Platze zu machen; denn da es leicht war, hier Schiffe zu bauen, weil die Gegend Hölzer liefette, auch das Jdagebirge in der Nähe und sonstige Mittel bereit waren, so hielten sie es für leicht, von hier aus das naheliegende Lesbos zu gefährden und sich die Aeolifchen Städtchen auf dem Festland zu unterwerfen. Diese nun gingen daran, solche Dinge in's Werk zu setzen.
Im selben Sommer zogen die Athener aus sechzig Schiffen und mit zweitausend Schwerbewaffneten und einigen Reitern gegen Kythera aus. Von den Bundesgenossen führten sie Milesier mit und einige andere. Anführer waren dabei Nikias, des Nikeratos Sohn, Nikostratos, Sohn des Diotrephes, und Autokles, des Tolmäos Sohn. Kythera aber ist eine Insel und liegt vor Lakonika, Malea gegenüber. Es wohnen darauf Lakedämonier aus der Klasse der Beisitzer, und jährlich kam von Sparta ein Oberbeamter herüber, der „Kytherodikes"; auch hielten sie dort beständig eine Besatzung von Schwerbewaffneten und trafen überhaupt mancherlei Vorsorge; denn dort legten die Frachtschiffe bei, welche von Aegypten und Libyen kamen; auch wurde dadurch die Möglichkeit beschränkt, daß Lakonika von der Seeseite her, wo dem Lande einzig beizukommen war, durch Seeräuber Schaden litt; denn die Insel erstreckt sich vom Sikelischen bis zum Kretischen Meere.
Als die Athener mit dem Heere gelandet waren, besetzten sie die an der See gelegene Stadt Skandeia mit zehn Schiffen und zweitausend Milefischen Schwerbewaffneten; das übrige Heer ließen sie an dem Küstentheil der Insel an's Land steigen, der Malea gegenüber liegt, und marschirten gegen die Stadt der Kytherier ^ebenfalls an der See gelegen^, und fließen sehr bald aus diese, die mit ihrer gestimmten Macht da lagerten. Als es zum Gefecht kam, hielten die Kytherisr zwar eine Weile Stand, dann aber wandten sie um und 30 ) Aktäifche, d. i. Küstenstädte, hießen die von LeöboS und Kyme aus am JdaGebirge in der Landschaft Troas gegründeten Kolonien, Antandros, Gargara, AsfoS u. a. — Zur Strafe des Abfalls verboten die Mithlenäer diesen Städten, ihre Kinder künftig Schrift und Musik lehren zu lassen. 424 v. Chr. flohen nach der obern Stadt 3Später gingen sie einen Vergleich mit Nikias und den andern Feldherrn ein, wonach sie die Entscheidung über sich den Athenern anheimstellten, nur todten dürften sie sie nicht. Es waren aber auch schon früher zwischen Nikias und Einigen der Kytherier Verabredungen getroffen worden, weßhalb auch sowohl für den Augenblick, als für die Zukunft die Vergleichssache schneller und vortheilhafter für sie abgemacht wurde; denn sonst hätten die Athener wohl die Kytherier von dort wegversetzt, weil sie Lakedämonier waren und die Insel so dicht vor Lakonika lag. Nachdem der Vergleich abgeschlossen war, und die Athener Skandeia, das Städtchen am Hafen, besetzt, wie auch eine Besatzung nach Kythera gelegt hatten, segelten sie gegen Asine und Helos und die meisten andern Plätze am Meer, machten Landungen, verblieben auch über Nacht, wo die Gelegenheit dazu war, und verwüsteten das Land ungefähr sieben Tage lang.
Obgleich nun die Lakedämonier sahen, wie die Athener Kythera besetzt hielten, und erwarteten, daß sie auch an ihrer Küste solche Landungen veranstalten würden, so stellten sie sich doch an keinein Punkte mit ihrer Gesammtmacht gegen sie auf, sondern vertheilten eine Zahl Schwerbewaffneter durch das Land, überall je nach Bedarf; und auch sonst waren sie sehr aus ihrer Hut und fürchteten, es möchte eine Umwälzung ihrer ganzen inneren Verhältnisse eintreten, da das große und ganz unerwartete Unglück auf der Insel ^Sphakteria^ sie betroffen hatte, Pylos und Kythera im Besitz des Feindes waren und von allen Seiten die Gefahren plötzliches und unabwendbares Kampfes sie umdrohten. Daher errichteten sie auch gegen ihre Gewohnheit eine Truppe von vierhundert Reitern und Bogenschützen und waren, wenn irgend jemals, so jetzt im höchsten Grade widerwillig gegen Kriegsunternehmungen, da sie sich ganz gegen die hergebrachte Art 31) Kythera (Cerigo, jetzt zu den jonischen Inseln gezogen). Unter der oberen Stadt versteht Krüger die eigentliche Stadt Kythera, im Gegensatz zu Stand ein, dem Hasenorte; denn daß die Stadt der Kytherier neben einer oberen Stadt auch außer Skandeia einen Hasenvrt gehabt, sei nach dem Wortlaute zu Ende diese? Kap. nicht wohl anzunehmen. — Indessen hatte die Insel nach Skylar 38 allerdings zwei Häsen. — Wegen deS Kap. 53 erwähnten Verkehrs mit Aegypten, woher Getreide eingeführt wurde, vgl. VIII, 35 (Kr.). ihres Kriegswesens in einen Seekampf verwickelt sahen, und dazu 424 v. Chr. gegen Athener, welche in jedem nicht unternommenen Wagestück einen l Abgang an Erfolg sahen, den sie nach ihrer Meinung hätten erreichen können. Auch hatten die in kurzer Zeit zahlreich und gegen alle Berechnung eingetretenen Unfälle sie in die größte Bestürzung versetzt, und sie waren immer in Furcht, daß wieder ein solches Unglück, wie das auf der Insel, über sie hereinbreche. Deßhalb war ihnen der Muth zum Kämpfen gesunken, und was sie nur angriffen, damit glaubten sie einen Mißerfolg zu haben, weil sie wegen ihrer früheren Unbekanntheit mit schlimmen Erfahrungen jetzt in ihrer Meinung von sich selbst die Sicherheit verloren hatten, die das Gelingen verbürgt.
Gegenüber den Athenern, welche damals ihr Küstengebiet verwüsteten, verhielten sie sich meist unthätig, wo die Landung im Bereiche irgend eines Besetzungspostens geschah; denn diese hielten sich Alle für zu schwach an Zahl, zumal bei solcher Stimmung; nur eine Besatzung, die eben Kotyrta und Aphrodisia vertheidigte, jagte den zerstreuten Haufen der Leichtbewaffneten im Anlauf in die Flucht; als sich aber das schwere Volk ihnen entgegenstellte, wichen sie wieder zurück, und da ihnen einige Mann fielen und auch Waffen erbeutet wurden, so stellten die Athener ein Siegeszeichen auf und fuhren wieder nach Kythera. Von dort aus kreuzten sie dann gegen das Limerifche Epidauros, verheerten einen Strich des Gebietes und gingen dann nach Thyrea, welches zu der sogenannten Landschaft Kynuria gehört und aus der Gränze zwischen Argos und Lakonika liegt. Die Lakedämonier, Herren des Landes, hatten es den ausgetriebenen Aegineten zum Bewohnen gegeben, weil ihnen diese zur Zeit des Erdbebens, das sie heimsuchte, und des Helotenaufstandes Freundschaftsdienste geleistet und sich, obgleich Unterthanen der Athener, doch immer ihrer Partei zugeneigt hatten
Während nun die Athener noch im Ansegeln begriffen waren, ließen die Aegineten das Bollwerk, mit dessen Ban sie eben beschäftigt waren, im Stich und zogen sich landeinwärts nach der Stadt zurück, in der sie wohnten und die ungefähr zehn Stadien vom Meere abliegt. Einer der Lakedämonischen Posten in der Gegend, welcher 32) Vgl. II. 27. 424 v. Chr. auch an der Verschanzung bauen half, wollte, trotz der Bitte der Aegineten, nicht mit in die Stadt ziehen, sondern es schien ihnen gefährlich, sich hinter die Mauer sperren zu lassen. Sie zogen sich also auf die Anhöhen zurück und verhielten sich unthätig, da sie sich nicht stark genug glaubten, das Gefecht annehmen zu dürfen. Unterdessen waren die Athener schon gelandet, marshcirten sogleich mit ihrer ganzen Macht an, nahmen Thyrea, verbrannten die Stadt und plünderten, was darin war. Die Aegineten, soviel ihrer nicht im Handgemenge gefallen waren, führten sie nach Athen und mit ihnen auch den lakedämonischen Stadthauptmann, der bei ihnen war, Tantalos, den Sohn des Patrokles, der verwundet gefangen genommen wurde. Auch aus Kythera führten sie einige Männer mit sich, die ihnen der Sicherheit wegen gut dünkte anderswo unterzubringen. Diese letzteren beschlossen die Athener zur Ueberwachung auf die Inseln zu geben, die übrigen Kytherier sollten aus ihrem Grund und Boden wohnen bleiben und eine Steuer von vier Talenten zahlen; alle gefangenen Aegineten aber beschlossen sie, wegen der von jeher vererbten Feindschaft, hinzu- richten und den Tantalos bei den andern Lakedämoniern von der Insel (Sphakteria) in Ketten zu verwahren.
Desselbigen Sommers kam auf Sicilien zuerst zwischen denen von Kamarina und von Gela eine gegenseitige Waffenruhe zu Stande. Danach traten auch die andern Sikelioten, aus jeglicher Stadt Gesandte, in Gela zu Unterhandlungen zusammen, ob sie eine Aussöhnung zu Wege brächten. Es wurde nun gar manche Meinung dafür und dawider ausgesprochen, indem die gegenseitigen Beshcwerden und Ansprüche dargelegt wurden, je nachdem Einer glaubte, daß er zu Schaden gekommen sei; Hermokrates aber, Sohn des Hermon, der Syrakusier, der auch sonst am meisten bei ihnen vermochte, hielt zu der allgemeinen Versammlung die folgende Rede:
„Ich trete hier auf, o Sikelioten, als Bürger einer Stadt, die weder zu den kleinsten gehört, noch auch im Kriege sehr im Nachtheil war, und will euch meine Meinung darlegen, wie ich glaube, daß sie für ganz Sicilien den größten gemeinsamen Nutzen einschließt. Wozu sollte nun Einer, um alle Leiden des Krieges abzuschildern, vor Männern, die das selbst wissen, viele Worte machen? Denn eS gibt unter uns weder solche, die sich aus Unkenntniß des Krieges dazu hin reißen, noch auch solche, die sich durch Furcht davon zurückhalten las- 424 v. Chr. sen, wenn sie dabei zu gewinnen glauben. Es kommt aber vor, daß Manche dem erwarteten Vortheil gegenüber die Gefahr unterschätzen, und daß Andere die Gefahren des Kriegs heraufbeschwören, um nur nicht einen augenblicklichen kleinen Nachtheil zu erleiden. Beides jedoch kann sehr zur Unzeit geschehen, und in diesem Falle können Aufforderungen zur Aussöhnung von Nutzen sein. Und auch für uns, wenn wir uns hievon überzeugen, möchte das das Vortheilhafteste sein. Weil wir ein jeder Staat seine eigene Sache auf'S Beste zu fördern dachten, haben wir den Krieg begonnen, und aus demselben Grunde suchen wir jetzt durch Unterhandlungen eine Aussöhnung herbeizuführen, und wenn es nicht so ausgeht, daß sich Jeder seines billigen Rechtes theilhaftig geworden glaubt, so werden wir den Krieg fortsetzen."
„Aber, sofern wir klug sind, sollten wir gar nicht ein Jeder zu seinem eigenen Vortheil reden, sondern darüber, ob wir die ganze Insel Sicilien, die, wie ich glaube, von den Athenern gefährdet ist, noch vor ihnen retten können. Ihr müsset in den Athenern selbst einen viel zwingenderen Grund zur Versöhnung sehen, als in meinen Reden; sie sind eS, die unter allen Hellenen die größte Macht besitzen und mit einer Zahl von Schiffen bei uns den Brand schüren, indem sie ihre von Natur feindlichen Absichten beschönigend, sie mit dem Namen rechtskräftiger Bundesgenossenschaft bedecken und dabei ihren Vortheil erreichen. Denn wenn wir selbst den Bürgerkrieg begannen und sie herbeiriefen, Leute, die sich sonst nicht erst rufen lassen, sondern aus eigener Bewegung Andere bekriegen, und wenn wir uns nun mit eigenem Geld und Blut einander selbst weh thun und jene zugleich in ihrer Herrschaft fördern, so ist es ganz natürlich, daß, wenn sie uns erst einmal aufgerieben sehen, sie mit einer größeren Flotte kommen werden, um sich hier Alles zu unterwerfen."
„Und wir sollten doch eigentlich, wenn wir klug sind, lieber solche Bundesgenossen herbeiführen, welche uns neuen Besitz erwerben, als solche, die uns am eigenen Besitz schädigen. Denn mit Solchen nehmen wir ja selbst die Gefahr in's eigene Haus. Wir müssen uns überzeugen, daß Bürgerkrieg die einzelnen Staaten sowohl, wie unsere ganze Insel am sichersten zu Grunde richte. Stellen wir Einwohner 424 v. Chr. Siciliens doch Alle einander nach und sind nach den einzelnen Städten feindlich geschieden! Das sollten wir doch einmal einsehen und uns Bürger mit Bürger und Stadt mit Stadt aussöhnen und so ganz Sicilien zu retten suchen! Und Keiner soll sich einbilden, daß, wenn die Dorischer Herkunft unter uns von den Athenern bekriegt werden, die chalkidischer Abstammung der Ionischen Blutsverwandtschaft wegen in Sicherheit seien. Denn nicht gegen die Völkerschaften, weil sie der Abstammung nach gespalten sind, führen die Athener aus Haß gegen den einen Theil Krieg, sondern weil sie nach den Gütern Siciliens begehren, deren wir uns gemeinsam erfreuen. Das haben sie deutlich gezeigt, als sie Seitens des chalkidischen Stammes angerufen wurden; denn Leuten, die ihnen niemals der Bundesgenossenschaft gemäß Zuzug geleistet hatten, haben sie ihrerseits die Bundespflicht über Erheischen des Vertrags hinaus bereitwilligst geleistet. Daß nun die Athener in solcher Art nach Vergrößerung streben und ihre Netze ausstellen, das verzeihe ich ihnen ohne Weiteres, und ich tadle überhaupt nicht die, welche Herrschaft wollen, sondern die, welche allzu bereitwillig sind, das Joch des Gehorchens auf sich zu nehmen. Denn die Menschen sind nun einmal durchweg so geartet, daß sie sich den unterwerfen, der nachgibt, aber auch, daß sie sich gegen den Angriff schützen. Wir Alle nun, die dieß wissen und uns doch nicht nach Pflicht vorsehen, und Jeder, der hieher gekommen ist, ohne die Hauptsache darin zu sehen, daß Alle insgesammt die gemeinsame Gefahr zum glücklichen Ausgang zu wenden haben, der fehlt groß. Dem wäre aber schnell abgeholfen, wenn wir uns nur unter einander aussöhnen wollten; denn die Athener können den Krieg nicht von ihrem eigenen Gebiet aus führen, sondern nur vom Gebiete Solcher, die sie in's Land rufen. Und so würde nicht Krieg durch Krieg, sondern Zwiespalt durch Frieden ohne Mühe zu Ende gebracht, und die herbeigerufenen Fremden, die zwar inter wohlklingendem Vorwand, aber mit ungerechter Absicht gekommen sind, können mit Fug und Recht unverrichteter Dinge heimgeschickt werden."
„So groß ist der Vortheil, der uns aus emem vernunftigen Entschlüsse den Athenern gegenüber erwächst; warum sollten wir nun nicht aber auch das, was von Allen für das Vvrt heil hafte st e gehalten wird, den Frieden nämlich, unter uns selbst herstellen? Oder glaubt ihr etwa, wenn jetzt noch Manches besteht, was dem Einen 424 v. Chr. zwar vortheilhast, dem Andern aber das Gegentheil davon ist, daß< nicht viel eher der Friede als der Krieg das Nachtheilige Beiden aus dem Wege räumen, das Vortheilhafte aber für Beide in gleicher Weise erhalten werde? Oder daß der Friede uns nicht Ruhm und Glanz und was sonst Alles, wovon ich jetzt nicht viele Worte machen will, mit geringerer Gefahr gewähren werde? Das bedenket wohl und überseht nicht, was ich vorbringe, erwartet vielmehr von seiner Befolgung eure Rettung! Wenn aber Einer, mag er sich nun auf sein Recht, oder auf die Gewalt steifen, des Erfolges ganz sicher zu fein glaubt, so sehe er doch zu, daß er nicht bitter enttäuscht werde, und bedenke, daß schon gar Viele, die aus Rachegefühl ihren Beleidigern zu Leibe gingen, und Andere, die in ihrer Uebermacht Bürgschaft des Gewinns sahen, — die Einen nicht nur keine Rache fanden, sondern sogar selbst zu Grunde gingen, die Andern aber, anstatt zu gewinnen, ihr Hab und Gut verloren. Denn wer Rache sucht, hat nicht dem Rechte gemäß Erfolg, deßhalb, weil ihm Unrecht geschehen ist; noch auch ist Macht deßhalb zuverläßig, weil sie die Hoffnung des Erfolgs hat, sondern der unberechenbare Wille der Zukunft entscheidet das Meiste, und obgleich dieser von allen Dingen das Betrüglichste ist, so bringt er doch auch sehr großen Nutzen mit sich; denn weil wir Alle in gleicher Furcht schweben müssen, so gehen wir mit um so größerer Vorsicht in den Kampf."
„Lassen wir uns also durch'die Furcht vor dieser dunkeln Macht, möge sie sich nun begründet erweisen, oder nicht, und durch die wirkiche Gegenwart der gefährlichen Athener gleicherweise abschrecken, und denken wir, daß dieß hinreichende Gründe sind, unsere unbefriedigten Wünsche zum Schweigen zu bringen, insofern wir vielleicht noch irgend Etwas zu unserem Vortheil durchzusetzen glaubten. Schicken wir die gefährlichen Feinde aus dem Lande und schließen wir lieber unter uns einen Frieden auf ewige Zeiten, oder wenn das nicht, doch einen Waffenstillstand auf möglichst lange Zeit, und lassen unsere Zwistigkeiten ruhen bis auf ein ander Mal! Und überhaupt laßt uns überzeugt sein, daß, wenn ihr mir folgt, Jeder von uns eine freie Vaterstadt haben wird, in deren Besitz wir unserem Wohlthäter wie unserem Beleidiger Gleiches mit Gleichem vergelten können, wie 424 v. Chr. eS Männern geziemt. Glaubt ihr mir aber nicht, und geben wir Andern Gehör, so wird hinterdrein nicht mehr die Rede davon sein können, wie wir an Einem Rache nehmen können, sondern wenn es noch recht gut geht, werden wir uns mit denen vertragen müssen, die unsere größten Feinde sind, und gezwungen sein, die als Feinde zu betrachten, gegen die wir es am wenigsten sollten."
„Ich nun, der doch — wie ich schon am Anfange gesagt habe — eine sehr große Stadt vertritt, die eher angreifend, als vertheidigend verfahren könnte, bin doch in Voraussicht jener Gefahren zu Zugeständnissen bereit und denke nicht, man solle seinen Feinden so weh thun, daß man selbst den größten Schaden dabei hat, noch auch bin ich so thöricht und rechthaberisch, zu glauben, daß ich über das Glück, dessen ich doch nicht Herr bin, ebenso frei und nach Willkür verfügen kann, wie über meine eigenen Absichten, sondern daß ich nachzugeben habe, so weit es billig ist; und auch von euch Andern verlange ich, daß ihr dasselbe thut und euch lieber unter einander nachgiebig zeigt, ehe ihr gezwungen werdet, es dem gemeinsamen Feinde gegenüber zu thun. Denn es ist durchaus nichts Schimpfliches, wenn Stammverwandte sich gegen einander friedwillig zeigen, Dorier gegen Dorier und Chalkidier gegen Chalkidier. Sind wir doch Alle Nachbarn, Bewohner Eines Landes, das überdieß noch ringsum durch das Meer abgeschlossen ist, und Alle tragen wir denselben Namen Sikelioten. Wir werden deßhalb auch in der Zukunft noch manchen Krieg führen, wenn Ursache vorhanden ist, und uns auch wieder versöhnen, nachdem wir unter uns gemeinsame Berathung gepflogen; gegen eindringende Fremde aber werden wir immer, wenn wir klug sind, zur Abwehr vereint zusammenstehen; denn der Schaden, welcher den Einzelnen treffen würde, bringt uns Allen Gefahr. Fremde Bundesgenossen oder Vermittler unserer Streitigkeiten aber wollen wir in Zukunft niemals mehr in's Land rufen. Denn wenn wir so handeln, so werden wir auch jetzt nicht die Schuld auf uns laden, Sicilien zweier großen Wohlthaten zu berauben, nämlich der Erlösung von den Athenern und vom inneren Krieg, und werden für die Zukunft uns das Vaterland frei erhalten und den feindlichen Absichten Anderer weniger bloßgestellt."
Durch solche Worte des Hermokrates ließen sich die Sike lioten bestimmen, sich unter einander dahin zu einigen, daß dem Krieg 424 v. Chr. ein Ende gemacht werde. Ein Jeder solle behalten, was er in Hän-, den habe; nur solle den Kamarinäern auch Morgantina gegen Zahlung einer bestimmten Summe an die Syrakusaner zufallen. Die Verbündeten der Athener beriefen nun deren Oberbeamte und theilten ihnen mit, daß sie unter sich einen Vergleich schließen wollten, und daß dieser auch für sie gelten sollte. Da jene einstimmten, so wurde der Vertrag abgeschlossen, und danach segelten die Schiffe der Athener von Sicilien ab. Nach ihrer Rückkunft aber bestrasten die Athener die Feldherrn Pythodoros und Sophokles mit Verbannung, den Eurymedon aber um eine Summe Geldes, weil sie in der Lage gewesen wären, in Sicilien Eroberungen zu machen, durch Geld bestochen aber das Feld geräumt hätten. So überhoben sie sich in ihrem Glücke, daß sie beanspruchten, Nichts könne sich ihnen entgegenstellen, und das Schwierigere nicht weniger als das Mögliche müsse ihnen mit geringeren Mitteln so gut, wie mit großen gelingen. Ursache war der unerwartete Erfolg in den meisten Unternehmungen, der ihre Hoffnung mächtig schwellte.
In demselben Sommer geschah es, daß die Megarer in der Stadt, bedrängt von den Athenern, die alljährlich zwei Mal mit ihrer gesammten Macht in das Gebiet einfielen, und zugleich von Pegä aus durch ihre eigenen Flüchtlinge, welche bei einem Aufruhr durch die Volkspartei waren ausgetrieben worden und nun durch Plünderungszüge lästig fielen, sich unter einander beriethen, man solle die Vertriebenen wieder aufnehmen, damit nicht die Stadt, von zwei Seiten bedrängt, in's Verderben gerathe. Als nun die Freunde der Flüchtlinge merkten, welcher Wind wehe, so drangen sie noch offener darauf, als früher, daß der Vorschlag in Ausführung komme. Da erkannten nun die Vorsteher der Volkspartei, daß unter den gegenwärtigen Uebeln daS Volk sich mit ihnen nicht werde behaupten können, und unterhandelten deßhalb aus Furcht mit den Feldherrn der Athener, Hippokrates, dem Sohne des Ariphron, und Demosthenes, des Alkiphron Sohn, in der Absicht, ihnen die Stadt zu übergeben; denn sie meinten, dabei sei für sie eine geringere Gefahr, als wenn die von ihnen Ausgetriebenen zurückkehrten. Es wurde nun ausgemacht, daß die Athener zuerst die langen Mauern besetzen sollten, die sich in einer 424 v. Chr. Länge von ungefähr acht Stadien^) von der Stadt bis zu ihrem Hafen Nisäa erstreckten, damit nicht die Peloponnesier, welche in Nisäa allein die Besatzung bildeten, um der Megarer versichert zu sein, von dort zu Hülfe kommen könnten; dann wollten sie auch die Stadt selbst ihnen in die Hände zu spielen versuchen; denn wenn jenes vorangegangen, stand eher zu erwarten, daß die in der Stadt sich fügen würden.
Die Athener nun, nachdem beiderseits in Wort und Werk alle Vorbereitungen getroffen waren, segelten zur Nachtzeit gegen die Megarische Insel Minoa und setzten sich mit sechshundert Schwerbewaffneten, die Hippokrates anführte, in einem Graben fest, aus welchem der Letten zu den Mauerziegeln genommen wurde, und der nicht weit entfernt lag; die leichtbewaffneten Platäer aber und andere bewegliche Streitbare^) unter dem zweiten Feldherrn Demosthenes legten sich bei dem Arestempel in Hinterhalt, der noch weniger weit ablag; Niemand aber merkte etwas, ausgenommen die Männer, welche für diese Nacht davon in Kenntniß gesetzt werden mußten. Als eS nun eben Tag werden wollte, veranstalteten diejenigen unter den Megarern, welche die Stadt übergeben wollten, Folgendes: Sie hatten schon seit längerer Zeit für die Eröffnung des Thores vorgesorgt, indem sie gewöhnlich ein Boot mit Doppelrudern, um auf Seeraub auszugehen, auf einem Wagen zur Nachtzeit durch den Graben zum Meer brachten und dann ausliefen; dazu hatten sie den Befehlshaber sder peloponnesifchen Besatzung^ überredet; und ehe eS noch Tag wurde, führten sie es wieder auf dem Wagen bis zur Mauer und dann zum Thor hinein, damit die Athener auf Minoa nicht wüßten, wo sie aufzupassen hätten, da ein Fahrzeug im Hasen nicht sichtbar war. Damals stand nun der Wagen grade schon vor dem Thore, und als dieß, wie gewöhnlich, für das Boot geöffnet wurde, liefen die Athener, die dieß sahen, der Verabredung gemäß in vollem Laufe aus ihrem Hinter- 33) Räch Strabo 9. E. 301 nicht acht, sondern achtzehn. waS Leake für da? Nichtige hält (Kr.). 34) Von den BesatzungStruppen hießen die Einen Seßhafte (Hydrimenoi), die Andern Bewegliche (Periploi). Die Ersteren hatten feste Ausstellungen, die Andern einen Nayon im weiteren Umkreis, oder auch die ganze eigene LandeSgränze von Posten zu Posten abzugehen. Dieß war das Geschäft der Jünglinge vom 18. bis 20. Jahre. halt heran, um noch hineinzukommen, bevor das Thor wieder ge- 424 v. Chr, schlössen wäre, und so lange noch der Wagen, das Schließen hindernd, sich dazwischen befände. Mit ihnen gemeinsam hieben dann ihre Helfershelfer unter den Megarern die Wachen am Thore nieder. Zuerst drangen nun die Platäer und die leichten Streitbaren unter Demotshenes ein, dort, wo jetzt das Siegeszeichen steht; dann kam eS aber gleich innert der Thore zum Gefecht, da die zunächst stehenden Peloponnesier die Sache gemerkt hatten, und indem die Platäer die zu Hülfe eilenden zurückschlugen, hielten sie den anrückenden athenischen Schwerbewaffneten den Eingang frei.
Danach griffen die Athener, sowie immer Einer nach dem Andern hereingekommen war, die Mauer an. Die Peloponnesische Besatzung hielt Anfangs zum kleinen Theil Stand und wehrte sich, wie denn auch Etliche von ihnen fielen; die Mehrzahl aber wandte sich zur Flucht, im Schrecken über den nächtlichen Anfall der Feinde und weil auch die den Verrath betreibenden Megarer gegen sie fochten, weßhalb sie denn auch glaubten, die Megarer insgesammt hätten sie verrathen. Zufällig hatte nämlich auch der Herold der Athener aus eigener Bewegung ausgerufen, wer von den Megarern wolle, könne Gewehr bei Fuß zu den Athenern treten. Als jene dieß hörten, hielten sie nicht mehr Stand, sondern in dem festen Glauben, von Beiden bekämpft zu werden, flohen sie nach Nisäa hinab.