Book 3
So Kleon. Nach ihm trat Diodotos auf, der Sohn des Eukrates, der sich schon in der ersten Versammlung am ent schiedensten gegen die Hinrichtung der Mytilener ausgesprochen hatte, und sagte:
„Ich finde nichts dabei zu erinnern, daß man uns heute noch einmal über Mytilene verhandeln läßt, und kann mich keineswegs damit einverstanden erklären, wenn man eine wieder holte Beratung über eine so wichtige Angelegenheit für un zulässig erklären will. Meiner Meinung nach ist dem Zustande- kommen eines vernünftigen Beschlusses nichts hinderlicher als Übereilung und Leidenschaft; jene ist in der Regel die Folge von Unverstand, diese von Beschränktheit und Mangel an Bildung. Wer es für überflüssig erklärt, sich, bevor man handelt, durch Reden belehren zu lassen, ist entweder ein Tor oder ein Schelm, der seinen Zweck dabei hat, ein Tor, wenn er glaubt, sich über die Dinge, die im Dunkel der Zukunft liegen, auf andere Weise Rats erholen zu können, ein Schelm, wenn er eine schlechte Sache durchsetzen will und in der Über zeugung, daß es ihm nicht gelingen wird, schwarz weiß zu machen, nun mit Verleumdungen um sich wirft, um Gegner und Zuhörer irrezumachen. Das Niederträchtigste aber ist, einen gar noch zu verdächtigen, er habe seine Rede für Geld zum besten gegeben. Wirft man einem Redner vor, daß er nichts von der Sache verstehe, so hält man ihn, wenn er durch- fällt, wohl für dumm, aber doch nicht für schlecht. Wird ihm aber Bestechung schuld gegeben, so sieht man ihn mit Arg wohn, wenn er obsiegt, und wenn ihm das nicht gelingt, nicht nur für einen Dummkopf, sondern auch für einen Schurken an. Damit aber ist der Stadt schlecht gedient; denn aus Furcht davor ziehen sich die besten Kräfte vom öffentlichen Leben zurück. Es wäre ein wahres Glück, wenn solchen Läster mäulern das Reden überhaupt verboten würde, denn dann kämen ihre Mitbürger weniger in Gefahr, sich zu Torheiten verleiten zu lassen. Der gute Bürger muß seine Überlegenheit als Redner nicht durch Einschüchterung seiner Gegner, sondern im ehrlichen Kampfe mit gleichen Waffen zu beweisen suchen, und in einem verständigen Gemeinwesen soll man einen be währten Redner zwar nicht mit neuen Ehren überhäufen, aber ihm auch die seine nicht schmälern und den, der mit seiner Ansicht nicht durchdringt, nicht nur nicht bestrafen, sondern nicht einmal über die Achsel ansehen. Dann wird so leicht kein siegreicher Redner den Leuten auch gegen seine bessere Überzeugung aus Ehrgeiz nach dem Munde reden und keiner, der unterlegen ist, sich versucht fühlen, mit solchen Mitteln um die Gunst der Menge zu buhlen.
„Wir machen es umgekehrt, ja noch schlimmer. Auch wenn wir überzeugt sind, daß einer recht hat, aber den Ver dacht hegen, daß er bestochen sei, so lassen wir ihn zum offen baren Schaden der Stadt im Stich, weil wir ihm den dann doch bloß vermuteten Gewinn nicht gönnen. Es ist nun einmal bei uns nicht anders; das Gute, gradeheraus gesagt, ist der Verdächtigung nicht minder ausgesetzt als das Schlechte, und wie der ärgste Bösewicht die Leute durch falsche Vorspiege lungen ködern muß, so ist auch der ehrliche Mann genötigt, ihnen Wind vorzumachen, wenn sie ihm glauben sollen. Nur hier in Athen bei unserer Überklugheit ist es unmöglich, dem Staate offen und ehrlich zu dienen. Denn wer offen etwas für ihn tut, wird gleich verdächtigt, im geheimen sein Schäfchen dabei geschoren zu haben. Bei alledem müßt ihr anerkennen, daß wir Redner, wo es sich um die wichtigsten Dinge handelt, doch weiter sehen als ihr in eurer Kurzsichtigkeit, zumal wir für unsere Anträge vor Gericht verantwortlich sind, ihr aber als Zuhörer unverantwortlich seid. Wäre die Sache für den, der den Antrag annimmt, ebenso gefährlich wie für den Redner, der ihn stellt, so würdet ihr nicht so in den Tag hinein be schließen. Jetzt aber laßt ihr in irgendeinem augenblicklichen Ärger allein den Antragsteller dafür büßen, wenn ihr euch verhauen habt, während alle anderen frei ausgehen, so viele ihrer auch mitgesündigt haben.
„Ich bin weder aufgetreten, um die Schuld der Mytilener zu bestreiken, noch um sie anzuklagen. Denn für uns kann es sich vernünftigerweise nicht darum handeln, über die Mytilener zu Gericht zu sitzen, sondern nur darum, einen Beschluß zu fassen, wie er unserem Interesse entspricht. Selbst wenn ich der Ansicht wäre, daß sie sich schwer gegen uns vergangen hätten, würde ich dennoch nicht dafür sein, sie hinzurichten, wenn es gegen unser Interesse ginge, und wenn ich ihre Hand lungsweise auch für verzeihlich hielte, würde ich sie ihnen nicht hingehen lassen, wenn es unserer Stadt zum Schaden gereichte. Ich meine, wir sollten bei unserem Beschlusse nicht sowohl die Gegenwart wie die Zukunft im Auge haben. Und wenn Kleon so bestimmt behauptet, es sei vorteilhaft für uns, sie hinrichten zu lassen, weil es dann in Zukunft weniger Abfälle geben würde, so bin ich grade in dieser Beziehung entschieden anderer Ansicht. Hoffentlich laßt ihr euch durch das Bestechende seiner Rede nicht verleiten, meinen praktischen Rat von der Hand zu weisen. Denn da er in seiner Rede mehr den Rechtspunkt betont, könnte er euch bei eurer augenblicklichen Verbitterung gegen die Mytilener leicht mit fortreißen. Aber wir führen ja keinen Prozeß mit den Mytilenern, so daß es nur auf daS Recht ankäme, sondern es handelt sich für uns darum, so mit ihnen zu verfahren, wie es unser Interesse erheischt.
„Die staatlichen Gesetze bedrohen viele Vergehen mit Todesstrafe, die nicht so schwer, sondern geringfügiger sind als unser Fall. Trotzdem lassen die Menschen sich dadurch nicht abschrecken, weil sie hoffen, glücklich durchzukommen; wer weiß, daß er dazu keine Aussicht hat, wird sich nicht in Gefahr be geben. Und wo hätte wohl je eine Stadt einen Abfall gewagt, die nicht geglaubt hätte, mit eigenen Kräften oder fremder Hilfe damit durchzukommen? So sind die Menschen; sie sün digen alle, im öffentlichen Leben so gut wie in Privatverhält nissen, und lassen sich davon durch kein Gesetz abhalten, so lange man schon darauf ausgegangen ist, durch Steigerung aller Strafen die Verbrechen zu bekämpfen und ihre Zahl zu vermindern. Sicher tsanden früher auch auf die schwersten Verbrechen weniger harte Strafen. Da die Gesetze jedoch be ständig übertreten wurden, verschärfte man sie mit der Zeit fast alle bis zur Todesstrafe, aber die Verbrechen haben darum nicht abgenommen. Entweder also muß man noch abschreckendere Strafmittel ersinnen, oder es ist überhaupt nichts dagegen zu machen. Bald ist es Armut, denn Not kennt kein Gebot; bald Reichtum, der in frechem Übermut nach fremdem Gut begehrt, oder es sind andere Umstände, welche die Leidenschaften der Menschen mit unwidertsehlicher Gewalt anfachen, was sie immer wieder dazu treibt, mit dem Feuer zu spielen. Überall aber sprechen Hoffnung und Begierde mit; diese geht voran, jene kommt nach; diese macht den Plan, jene verspricht sich goldene Berge davon, und diese unsichtbaren Mächte sind wirk samer als der abshcreckende Anblick blutiger Exekutionen. Auch das Glück trägt sein Teil dazu bei, die Menschen zu betören. Denn da es sich manchmal ganz unverhofft einstellt, so verführt es einen, selbst mit unzureichenden Mitteln etwas zu wagen, und grade vorzugsweise die Staaten, weil es sich bei ihnen um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um Freiheit handelt, der einzelne aber gedankenlos mitmacht und in der Masse ein Held zu sein glaubt. Mit einem Worte, es ist unmöglich und wäre töricht, sich einzubilden, man könne die Menschen durch strenge Gesetze oder sonstige Abschreckungs mittel von Handlungen abhalten, zu denen ihre Natur sie nun einmal treibt.
„Wir dürfen uns also nicht durch den Glauben, daß die Todesstrafe uns Bürgschaft gewähre, zu einem verkehrten Be schlusse verleiten lassen, auch unseren abgefallenen Bundes genossen nicht alle Hoffnung nehmen, ihr Unrecht je eher desto besser durch Reue wieder gutmachen zu können. Denn ihr müßt wohl berücksichtigen, daß alsdann eine abgefallene Stadt, wenn sie ihre Sache verloren gibt, sich wahrscheinlich schon zu einem Vergleich verstehen wird, solange sie noch imstande ist, die Kriegskosten zu erstatten und fernerweit Steuern zu zahlen. Meint ihr denn, eine Stadt würde sich nicht noch ganz anders zur Wehr setzen und eine Belagerung bis aufs äußerste aushalten, wenn es schließlich doch einerlei ist, ob sie sich früher oder später ergibt? Und wenn sie sich nicht er gäbe, würden wir nicht den Schaden davon haben und die Kosten einer langwierigen Belagerung in den Kauf nehmen müssen, um, wenn wir sie dann auch wirklich einnähmen, einen Trümmerhaufen zu gewinnen, der uns dann doch keine Steuern mehr einbrächte? Die Steuern aber sind das Rückgrat unserer Macht. Wir dürfen uns also nicht ins eigene Fleisch schneiden, indem wir mit den Schuldigen allzu scharf ins Gericht gehen, müssen vielmehr darauf sehen, sie nur so zu bestrafen, daß sie uns auch künftig noch Steuern bezahlen können, und uns nickt durch rigorose Anwendung der Gesetze, sondern durch behüt same Behandlung unserer Bundesgenossen zu schützen suchen. Das Gegenteil aber tun wir, wenn wir glauben, ein freies, nur gewaltsam unterdrücktes Volk, das aus dem natürlichen Wunsche, wieder unabhängig zu werden, von uns abgefallen ist, nachdem wir es wieder unterworfen haben, so grausam bestrafen zu müssen. Nicht scharf bestrafen nach dem Abfall muß man ein freies Volk, sondern es scharf im Auge haben, ehe es zum Abfall kommt, und dafür sorgen, daß es überhaupt nicht auf solche Gedanken verfällt, und wenn man es wieder unterworfen hat, ihm die Sache möglichst wenig zum Ver brechen machen.
„Bedenkt auch weiter, wie verkehrt es noch in anderer Hinsicht sein würde, wolltet ihr mit Kleon gehen. Jetzt hält es das Volk in den Städten überall mit euch. Kommt eS zu einem Abfall der herrschenden Minderheit, so beteiligt es sich daran entweder überhaupt nicht oder verharrt doch, wenn es dazu gezwungen wird, ihr gegenüber in einer ausgesprochen feindlichen Stellung. Kommt es dann zum Kriege gegen die aufständische Stadt, so habt ihr das Volk auf eurer Seite. Laßt ihr jetzt in Mytilene das ganze Volk hinrichten, das an dem Abfall nicht teilgenommen und, nachdem man ihm die Waffen gegeben, euch sogar freiwillig die Tore geöffnet hat, so begeht ihr einmal schweres Unrecht, indem ihr eure Wohl täter tötet, und tut außerdem grade den Aristokraten aller- orten den größten Gefallen. Denn wenn sie künftig eine Stadt zum Abfall bringen wollen, wird das Volk gleich gemein schaftliche Sache mit ihnen machen, da es im voraus weiß, daß ihr den Unschuldigen wie den Schuldigen bestrafen werdet. Aber selbst, wenn es sich wirklich mitschuldig gemacht hätte, müßten wir die Augen davor verschließen, um es mit der ein zigen Partei, die es mit uns hält, nicht auch noch zu verderben. Überhaupt ist es für die Behauptung unserer Herrschaft meiner Meinung nach weit ersprießlicher, unter Umständen einmal ein Unrecht hinzunehmen, als Städte zu vernichten, die wir, selbst wenn wir das Recht dazu hätten, nicht vernichten dürfen. Und wenn Kleon meint, nicht nur das Recht, sondern auch die Zweckmäßigkeit erfordere eine solche Strafe, so ist mir un erfindlich, wie es möglich wäre, hier beides miteinander zu vereinigen.
„Darum, wenn ihr überzeugt seid, daß ich recht habe, und nicht an Mitleid und Milde zu viel tun wollt - denn auch ich bin keineswegs dafür, darin zu weit zu gehen-, so macht es aus den angeführten Gründen, wie ich vorschlage, urteilt die Mytilener, welche Paches als die Schuldigen hierher geschickt hat, ruhig ab, die übrigen aber laßt in Frieden. Das ist für die Zukunft das beste und Warnung genug für unsere Feinde. Mit vernünftiger Überlegung kommt man seinen Feinden gegenüber weiter als mit unverständigen Gewalt streichen."
So Diodotos. Trotz der Reue über ihren ersten Beschluß entstand unter den Athenern nach diesen Reden, in denen die vershciedenen Standpunkte am schärfsten zum Ausdruck kamen, ein lebhafter Meinungsstreit, und bei der Abstimmung war die Zahl der Stimmen auf beiden Seiten nahezu gleich; doch war die Mehrheit für Diodotos. Auch schickte man gleich mit größter Eile eine zweite Triere ab, damit die erste, beinah vierundzwanzig Stunden früher abgefahrene, nicht eher ankäme und man die Stadt nicht schon vernichtet fände. Die myti lenischen Gesandten hatten Wein und Brot an Bord bringen lassen und der Mannschaft große Versprechungen gemacht, wenn ihr Schiff früher ankäme als das erste. Infolgedessen wurde die Fahrt dergestalt beschleunigt, daß die Leute gleich zeitig ruderten und Nahrung zu sich nahmen, Brot mit Wein und Hl angerührt, und während die eine Hälfte schlief, die andere ruderte. Glücklicherweise herrschte niemals widriger Wind, und da das erste Schiff mit dem Blutbefehl an Bord sich nicht sonderlich beeilt, das andere aber den Weg mit solcher Schnelligkeit zurückgelegt hatte, war das erste nur so viel früher angekommen, daß Paches den Beschluß eben hatte lesen können und im Begriff war, den Befehl auszuführen, als daS zweite ankam und die Stadt rettete. Um ein Haar nur, und Mytilene wäre verloren gewesen.
Jene anderen Mytilener aber, welche Paches als die an dem Abfall vorzugsweise Schuldigen herübergeschickt hatte, ließen die Athener auf Kleons Antrag hinrichten; es waren etwas über tausend. Auch schleiften sie die Mauern von Mytilene und ließen sich die Schiffe ausliefern. Hinterdrein legten sie den Lesbiern zwar keine Steuern auf, teilten aber die ganze Insel mit Ausnahme des Gebiets von Methymna in dreitausend Landlose, von denen sie dreihundert als Tempelgut für die Götter ausschieden, die übrigen aber mit athenischen Kleruchen besetzten, denen die Lesbier, die das Land selbst be bauten, von jedem Lose jährlich zwei Minen Zins zahlen mußten. Auch die Besitzungen der Mytilener auf dem Fest lande fielen in die Hände der Athener und standen von nun an unter athenischer Herrschaft. So endete der Abfall von Lesbos.
In demselben Sommer nach der Unterwerfung von Lesbos unternahmen die Athener unter Nikias, Nikeratos' Sohn, einen Zug nach der Insel Minoa, Megara gegenüber, wo die Me garer einen Turm erbaut hatten und eine Besatzung unter- hielten. Nikias hielt es für besser, Megara statt von Budoron auf Salamis künftig von hier ans nächster Nähe überwachen zu lassen, damit die Peloponnesier nicht von da, wie das früher vorgekommen war, unbemerkt mit ihren Trieren und Freibeuter- schiffen auskaufen könnten, zugleich auch, um Megara die Zu fuhr abzuschneiden. Zunächst zerstörte er von der See aus mit seinem Geschütz auf der Seite nach Nisaia zu zwei vor springende Türme, und nachdem er sich dadurch den Zugang in den Sund zwischen der Stadt und der Insel geöffnet hatte, sperrte er diese durch eine Mauer gegen das Festland ab, wo man der nicht weit vom Lande liegenden Insel auf einer über das flache Wasser geschlagenen Brücke zu Hilfe kommen konnte. Nachdem man damit in wenig Tagen fertig geworden war, legte er auf der Insel eine Schanze an, in der er eine Besatzung zurückließ, und zog darauf mit seinem Heere wieder ab.
Um dieselbe Zeit in diesem Sommer mußten die Platäer, die nichts mehr zu leben hatten und die Belagerung nicht länger aushalten konnten, sich den Peloponnesiern ergeben, und das kam so: Die Peloponnesier unternahmen einen Sturm auf die Stadtmauer, und die Platäer konnten ihn nicht ab wehren. Der lakedämonische Befehlshaber, welcher merkte, daß ihre Kräfte zu Ende gingen, wollte jedoch die Stadt wo möglich nicht mit Sturm nehmen. So war es ihm nämlich aus Lakedämon unter den Fuß gegeben, damit, wenn beim etwaigen Friedensschlüsse mit den Athenern beide Teile sich zur Herausgabe der im Kriege eroberten Plätze verpflichten sollten, Platää als eine freiwillig übergetretene Stadt nicht mit herausgegeben zu werden brauche. Er schickte also einen Herold an sie ab und ließ ihnen sagen, ob sie ihre Stadt nicht lieber freiwillig den Lakedämoniern übergeben und sie als Richter annehmen wollten, wo dann die Schuldigen ihre Strafe erhalten, die Unschuldigen aber frei ausgehen würden. Der Herold richtete seinen Auftrag aus, und da sie mit ihren Kräften völlig zu Ende waren, übergaben sie die Stadt. Die Peloponnesier versahen sie nun einige Tage mit Lebensmitteln, bis die aus Lakedämon erwarteten fünf Richter ankamen. Indessen wurde, als diese eingetroffen waren, eine Anklage überhaupt nicht erhoben, sondern man ließ sie vortreten und legte ihnen einfach die Frage vor, was sie im Laufe deS Krieges für die Lakedämonier und deren Bundesgenossen getan hätten. Sie baten jedoch, sich über die Sache eingehender äußern zu dürfen, und wählten zu dem Ende zwei Männer auS ihrer Mitte, Astymachos, Asopolaos' Sohn, und Lakon, Aeimnesos' Sohn, den dortigen Staatsgastfreund der Lake dämonier, welche nun vortraten und also redeten:
„Im Vertrauen auf euch, Lakedämonier, haben wir unsere Stadt übergeben. Wir glaubten bei euch auf ein regelrechtes und kein so formloses Verfahren rechnen zu können, wollten auch niemand als euch, vor denen wir hier tsehen, zu Richten? haben, weil wir von euch am ersten ein gerechtes Urteil er warteten. Jetzt aber müssen wir fürchten, uns in beider Hin sicht geirrt zu haben. Denn wir haben allen Grund zu ver muten, daß kurzer Prozeß mit uns gemacht werden soll, und daß wir an euch keine unparteiischen Richter finden werden. Wir schließen das daraus, daß vorher keine Anklage erhoben und uns zur Erklärung mitgeteilt ist - haben wir doch selbst erst ums Wort bitten müssen -, und weil die Frage so kurz ist. Wenn wir diese der Wahrheit gemäß beantworten, so sind wir verloren; sagen wir aber die Unwahrheit, ist der Gegenbeweis leicht geführt. So bleibt uns nichts anderes übrig, als unser Heil wenigstens mit einer Rede zu versuchen. Denn wer in solcher Lage seine Rede für sich behält, wird sich nachher doch sagen lassen müssen: wenn du sie gehalten hättest, wärest du vielleicht glücklich davongekommen. Zu alle dem kommt für uns noch die Schwierigkeit, Gehör bei euch zu sinden. Wenn wir einander nicht kennten, so würden wir zu unserer Rechtfertigung vielleicht neue, euch noch unbekannte Beweise beibringen können, so aber vermögen wir nichts an zuführen, was euch nicht schon bekannt wäre. Auch fürchten wir nicht sowohl, daß ihr den Stab über uns brecht, weil ihr von vornherein überzeugt seid, unsere Verdienste seien geringer als die euren, als daß ihr uns anderen zu Gefallen vor ein Gericht gestellt habt, welches sein Urteil längst fertig hat.
„Gleichwohl werden wir alles anführen, was wir haben, um unser gutes Recht in den Händeln mit den Thebanern zu beweisen, euch auch an unsere Verdienste um ganz Griechen land erinnern und versuchen, euch dadurch günstig zu stimmen. Auf die kurze Frage, was wir im Laufe des Krieges für die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen getan, antworten wir: Fragt ihr uns als Feinde, so dürft ihr euch nicht über uns beklagen, wenn wir nichts für euch getan haben; seht ihr uns aber als Freunde an, so war es grade von euch das größte Unrecht, uns mit Krieg zu überziehet. Im Frieden wie im Perserkriege haben wir uns wacker gehalten. Jetzt haben nicht wir den Frieden zuerst gebrochen, und damals sind wir unter allen Böotiern die einzigen gewesen, welche mit für die Frei heit Griechenlands gefochten haben. Obgleich wir nicht an der See wohnen, haben wir doch zu Schiff bei Artemision mitgekämpft, und in der hier in unserem Lande geschlagenen Schlacht haben wir auf eurer und Pausanias' Seite gestanden. Wo immer zu jener Zeit den Griechen eine Gefahr drohte, sind wir stets über unsere Kräfte mit dabei gewesen. Und euch, Lakedämonier, insbesondere haben wir damals, als Sparta nach dem Erdbeben von den aufständischen Heloten in Ithome das Schlimmste zu befürchten hatte, ein Drittel unserer Bürger schaft zu Hilfe geschickt. Das solltet ihr nicht vergessen.
„So haben wir es in den alten großen Zeiten immer mit euch gehalten. Später erst sind wir Feinde geworden, und zwar durch eure Schuld. Denn damals, als die Thebaner uns vergewaltigen wollten und wir euch um ein Bündnis baten, habt ihr uns abgewiesen und unS geraten, uns an die Athener zu wenden, die wir in der Nähe hätten, während ihr uns zu fern wärt. In diesem Kriege aber haben wir euch doch wahr lich nichts zuleide getan und würden das auch weiterhin nicht getan haben. Wenn wir von den Athenern nicht ab fallen wollten, wie ihr das verlangtet, so war das kein Unrecht. Denn sie haben uns gegen die Thebaner beigestanden, als ihr uns im Stich ließt, und es wäre nicht schön gewesen, wären wir ihnen untreu geworden. Nachdem sie uns so viel Gutes getan, uns auf unsere Bitten als Bundesgenossen angenommen und uns zum Bürgerrechte zugelassen hatten, war es nur unsere Pflicht und Schuldigkeit, ihren Befehlen bereitwillig nachzu kommen. Wenn ihr beide euren Bundesgenossen etwas be fehlt, was nicht recht ist, und sie gehorchen, so tun sie das nicht auf ihre, sondern auf eure Verantwortung, weil sie euren Willen tun müssen.
„Die Thebaner aber haben schon oft falschen Streit mit uns angefangen; ihr letzter Gewaltstreich ist euch zur Genüge bekannt; ist er doch die Ursache unseres jetzigen Unglücks. Als sie unsere Stadt in tiefem Frieden, noch dazu am heiligen Festtage, überfallen hatten, haben wir sie dafür bestraft mit dem guten Rechte, wonach es in der ganzen Welt erlaubt ist, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, und eS wäre unverantwort lich, uns dafür jetzt ein Haar krümmen zu wollen. Wenn ihr um eures und ihres augenblicklichen Vorteils willen dem Rechte eine Nase dreht, so beweist ihr damit, daß es euch hier in Wahrheit nicht um einen gerechten Richterspruch, sondern lediglich um euren Vorteil zu tun ist. Glaubt ihr wirklich, daß die Thebaner euch gegenwärtig nützlich sind, so sind wir und die anderen Griechen das damals erst recht gewesen, als ihr in weit größerer Gefahr wart. Jetzt seid ihr allen anderen mit euren Streitkräfteu überlegen. Damals aber war der Perserkönig drauf und dran, ganz Griechenland zu unterjochen, und damals hielten sie es mit ihm. Und hatten wir auch in der Tat jetzt ein Unrecht begangen, so wäre es nur billig, demgegenüber unsere damalige Opferwilligkeit in Rechnung zu bringen, wobei sich dann doch ein Guthaben zu unseren Gunsten herausstellen würde, zumal wenn ihr in Betracht zieht, wie es zu jener Zeit in Griechenland nicht allzu viele gab, welche den Mut hatten, sich der Macht des Xerxes zu wider- setzen, und wie alle die gepriesen wurden, welche ihr Heil nicht in der Unterwerfung unter den Feind gesucht, sondern furchtlos Leib und Leben gewagt hatten. Und zu denen ge hörten wir und sind dafür damals aufs höchste geehrt worden; jetzt aber müssen wir fürchten, daß man uns den Kopf vor die Füße legt, grade weit wir noch die alten sind und lieber den Athenern treu bleiben als um unseres Vorteils willen mit euch gehen wollten. Und doch solltet ihr uns die Gesinnung, die ihr früher so hoch geschätzt, jetzt nicht zum Verbrechen machen und einsehen, daß es auch für euch das beste wäre, wenn sich euer augenblicklicher Vorteil mit dauernder Dankbar keit gegen die tapferen alten Freunde vereinigen ließe.
„Jetzt, und auch das solltet ihr bedenken, geltet ihr in Griechenland allgemein als Muster rechtschaffener Gesinnung. Wenn ihr aber gegen uns ein schnödes Urteil sprecht - und bei eurem Ansehen und dem guten Ruf, den auch wir ge nießen, wird dieser Prozeß von sich reden machen so sollt ihr die Entrüstung erleben, daß gegen ein tapferes, wenn auch euch nicht gewachsenes Volk solch ein Justizmord verübt und die uns, den Wohltätern Griechenlands, abgenommene Beute in den vaterländischen Heiligtümern aufgestellt werden konnte. Ein entsetzlicher Gedanke, daß Platää von Lakedämoniern zer stört würde, daß eure Väter den Namen dieser Stadt zu Ehren ihrer Tapferkeit auf dem Dreifuß in Delphi angebracht haben, und daß ihr sie jetzt den Thebanern zuliebe in Griechenland von der Bildfläche vertilgtet. Denn so weit ist es bereits mit uns gekommen. Damals, als die Perser im Lande schalteten, haben sie unsere Stadt zerstört, und jetzt werden wir von euch, unsern alten Freunden, den Thebanern geopfert. Schon zum zweitenmal sehen wir dem Tode ins Angesicht; eben erst waren wir in Gefahr, Hungers zu sterben, wenn wir die Stadt nicht übergaben, und jetzt stehen wir vor diesem Blutgerichte. Wir Platäer, die wir für die Griechen über unsere Kräfte Gut und Blut eingesetzt haben, sind heute verstoßen von aller Welt, verlassen und vogelfrei. Unter unseren damaligen Bundes genossen ist nicht einer, der sich unser annimmt; und auch ihr Lakedämonier, unsere einzige Hoffnung, fürchten wir, werdet uns im Stich lassen.
„Und doch, bei den Göttern unseres alten Bundes und um unserer Verdienste um die Griechen willen fordern wir euch auf, lenkt ein und laßt euch erweichen, und wenn ihr wirklich den Thebanern schon etwas versprochen habt, so ver langt nun eurerseits von ihnen, daß sie euch freiwillig der Verpflichtung entbinden, eure Wohltäter zu töten, um Dank zu ernten, der euch Ehre und nicht Schande macht, und euren guten Namen nicht anderen zu Gefallen zu verscherzen. Wollt ihr uns das Leben nehmen, so ist das freilich bald getan, aber unser Blut wird euch lange an den Händen kleben. Denn wir sind keine Feinde, die ihr mit gutem Gewissen töten dürftet, sondern eure Freunde und haben nur notgedrungen zu den Waffen gegriffen. Darum wäre es eure heilige Richter- pflicht, uns das Leben zu lassen und nicht zu vergessen, daß wir uns freiwillig ergeben haben und als Schutzflehende zu euch kommen, die man nach griechischem Recht nicht töten darf, und euch zudem allezeit Freundesdienste erwiesen haben. Seht hier die Gräber eurer Väter, die im Perserkriege in unserem Lande gefallen und begraben sind. Iahrein, jahraus haben wir sie mit Kleidern und allem, was sonst Sitte ist, von Staats wegen geehrt und ihnen die Erstlinge von den Früchten unseres Landes dargebracht, weil wir ihnen als alten Waffen brüdern und Söhnen eines befreundeten Landes ein liebevolles Andenken bewahrten. Und ihr wolltet statt dessen solch ein ungerechtes Urteil gegen uns fällen! Pausanias hat sie ja doch bei uns in der Voraussetzuug bestattet, daß sie hier in Freundesland und unter Freunden ruhen würden. Wolltet ihr unS nun töten und unser Land thebanisch machen, würdet ihr dann nicht eure Väter und Angehörigen in Feindesland und unter ihren Mördern lassen und ihnen die Ehren entziehen, welche sie gegenwärtig genießen? Dazu knechtet ihr ein Land, in dem die Freiheit der Griechen begründet wurde, verödet die Tempel der Götter, mit deren Beistand sie die Perser be siegt haben, und beraubt deren Gründer und Erbauer der alt hergebrachten Opfer.
„Es würde euch keine Ehre machen, Lakedämonier, wolltet ihr euch an Recht und Sitte der Griechen und an euern Vor sahren so versündigen, eure unschuldigen alten Freunde fremdem Hasse aufzuopfern. Darum erweicht euren harten Sinn, habt Mitleid mit uns und laßt uns leben. Bedenkt, wie schrecklich und unverdient unser Los sein würde, und wie unberechenbar das Unglück auch den Besten treffen kann. Wir bitten euch, wie es uns geziemt und die Not gebeut, der Eide eingedenk zu sein, welche' eure Väter uns geschworen haben, und flehen zu den von allen Griechen auf gemeinschaftlichen Altären ver ehrten Göttern, daß es uns gelingen möge, euer Herz zu rühren. Als Schutzflehende an den Gräbern eurer Väter rufen wir die Toten an, uns nicht unter die Thebaner kommen zu lassen und uns, ihre besten Freunde, nicht ihren ärgsten Feinden preiszugeben, erinnern sie auch heute in unserer Todesnot an den Tag, wo wir mit ihnen die herrlichsten Taten vollbracht haben.
„Nun aber müssen wir schließen, so schwer uns das insunserer Lage wird; denn damit tritt der Tod hart an uns heran. Zum Schluß aber erklären wir nochmals, daß wir die Stadt nicht den Thebanern übergeben - lieber wären wir Hungers gestorben sondern uns vertrauensvoll an euch gewandt haben. Wenn ihr uns also nicht erhört, so ist es eure Pflicht, uns wieder in den vorigen Stand zu setzen und uns wenigstens die Wahl zu lassen, welches Todes wir sterben wollen. Damit beschwören wir euch, uns Platäer, die wir so heldenmütig für Griechenland gekämpft haben und euch jetzt im Vertrauen aus euch, Lakedämonier, um euren Beistand anflehen, nicht unseren bittersten Feinden, den Thebanern, auszuliefern. Nehmt uns in euren Schutz und verschmäht es, die ihr euch rühmt, die Befreier Griechenlands zu sein, unsere Henker zu werden."
So die Platäer. Nun aber traten die The baner, welche besorgten, die Rede könnte auf die Lakedämonier denn doch einen Eindruck gemacht haben, ebenfalls vor und verlangten auch ihrerseits das Wort, da man wider Erwarten die Platäer weit länger habe reden lassen, als zur Beantwortung der Frage nötig gewesen wäre. Nachdem auch ihnen das Wort erteilt war, hielten sie folgende Rede:
„Wir würden nicht ums Wort gebeten haben, wenn auch sie die Frage kurz beantwortet hätten, statt sich in Anklagen gegen uns zu ergehen und über Dinge, die nicht hierher ge hören und ihnen gar nicht vorgeworfen sind, so viel Worte zur Entschuldigung zu machen und sich mit Verdiensten zu brüsten, die ihnen niemand abgesprochen hat. So aber sind wir genötigt, ihnen nicht nur darin zu widersprechen, sondern sie uns auch hierin mal näher anzusehen. Denn weder unsere Sünden noch ihre Heldentaten dürfen ihnen zugute kommen, sondern ihr sollt in beider Hinsicht die Wahrheit hören, bevor ihr entscheidet. Nachdem wir ganz Böotien in Besitz genommen und darauf auch Platää und noch einige andere Orte, aus denen wir allerlei Volk vertrieben, gegründet hatten, gerieten wir mit ihnen zuerst aneinander, als sie sich der uns ursprünglich zugestandenen Hegemonie entziehen und auS dem Böotischen Bunde ausscheiden wollten, dann aber, als Gewalt gegen sie angewandt werden sollte, zu den Athenern I übergingen. Mit denen haben sie uns oft genug Schaden ge- tan, dafür dann freilich auch gelegentlich selbst wieder büßen müssen.
„Nun sagen sie, nach dem Einfall der Perser in Griechen land seien sie die einzigen Böotier gewesen, die es nicht mit ihnen gehalten, tun sich, darauf gewaltig viel zugute und wollen uns damit schlecht machen. Gewiß, mit den Persern haben sie es nicht gehalten, aber doch nur eben deshalb nicht, weil es die Athener nicht taten, und so sind sie denn auch, als diese nachmals ebenso mit den Griechen umsprangen, die einzigen Böotier gewesen, die es mit den Athenern hielten. Nun müßt ihr aber doch die Zustände berücksichtigen, unter denen wir beide damals handelten. Bei uns bestand zu der Zeit weder eine Oligarchie mit Rechtsgleichheit sIsonomie) noch eine Demo kratie, überhaupt nichts weniger als eine ordentliche Ver fassung, sondern eine Art von Tyrannis, ein Willkürregiment weniger Männer, und diese haben damals, weil sie von einem Siege der Perser die Befestigung ihrer Machtstellung hofften, die Bevölkerung gewaltsam niedergehalten und die Perser ins Land gerufen. Es geschah das also zu einer Zeit, wo die Stadt nicht ihr eigener Herr war, und was hier in jener gesetzlosen Zeit gesündigt worden ist, kann ihr nicht zur Last gelegt werden. Man muß vielmehr die spätere Zeit, wo die Perser abgezogen und wieder gesetzliche Zustände eingetreten waren, in Betracht ziehen, als die Athener über Griechenland herfielen und auch unser Land zu unterwerfen versuchten und es infolge der bei uns herrschenden Parteikämpfe wirklich großen teils schon unterworfen hatten. Damals haben wir sie bei Koroneia besiegt und Böotien befreit, wie wir auch jetzt wieder unser Bestes tun, um die übrigen befreien zu helfen, und dazu Roß und Reisige stellen wie sonst keiner der Bundesgenossen. So viel zur Rechtfertigung gegen den Vorwurf, daß wir es mit den Persern gehalten.
„Nunmehr wollen wir zu beweisen suchen, daß ihr Platäer euch an den Griechen weit schlimmer vergangen und jede Strafe reichlicher verdient habt als wir. Um Schutz vor uns zu haben, sagt ihr, habt ihr das Bündnis mit den Athenern geschlossen und euch athenisches Bürgerrecht erteilen lassen. Da hättet ihr sie ja nur gegen uns zu Hilfe nehmen sollen und nicht mit ihnen über andere herzufallen brauchen, wie ihr das sehr wohl gekonnt hättet, auch wenn euch die Athener dazu hätten zwingen wollen, da ja schon vom Perserkriege her das Bündnis mit den Lakedämoniern hier bestand, das ihr beständig im Munde führt. Denn dieses gewährte euch nicht nur Schutz gegen uns, sondern auch grade darin volle Freiheit der Ent schließung. Nein, freiwillig, nicht weil ihr mußtet, seid ihr mit den Athenern gegangen. Nun sagt ihr, es wäre nicht schön gewesen, euren Wohltätern untreu zu werden. Noch weniger schön und weit unrechter war es, allen euren griechi schen Eidgenossen die Treue zu brechen, als bloß den Athenern, die Griechenland knechten, während jene es befreien wollen. Auch reimt sich eure Dankbarkeit mit der euch erwiesenen Wohltat nicht und macht euch keine Ehre. Denn ihr habt sie, wie ihr sagt, zu Hilfe gerufen, weil man euch unrecht tat, ihnen aber geholfen, anderen unrecht zu tun. Gewiß, es ge hört sich, Wohltaten, die uns redlich erwiesen werden, in gleicher Weise dankbar zu erwidern, aber doch nur, soweit man das kann, ohne fremdes Unrecht zu befördern.
„Und damit habt ihr bewiesen, daß ihr es auch damals nicht den Griechen zuliebe allein nicht mit den Persern gehalten habt, sondern nur, weil die Athener es auch nicht taten. Ihr wolltet es eben nur so machen wie sie und nicht wie die übrigen. Und nun verlangt ihr, für das, was ihr anderen zuliebe getan habt, von uns hier belohnt zu werden. Aber das gilt nicht. Seid ihr zu den Athenern übergegangen, so seht jetzt zu, wie ihr mit ihnen durchkommt, und beruft euch nicht immer auf das alte Bündnis, als müsse euch das jetzt zugute kommen. Denn dem seid ihr längst untreu geworden und habt euch darüber hinweggesetzt, indem ihr die Hgineten und andere alte Bundesgenossen unterjochen halft, statt ihnen beizustehen, und das aus freien Stücken bei Verfassungszuständen, wie sie noch jetzt bei euch bestehen, und nicht etwa aus Zwang, wie es bei uns der Fall war. Auch den letzten Vorschlag vor Be ginn der Belagerung, wenigstens neutral zu bleiben, habt ihr nicht angenommen. Wen also könnten die Griechen wohl mit besserem Rechte hassen als euch, die ihr eure Tapferkeit immer nur zu ihrem Verderben zur Schau getragen habt? Und wenn ihr euch, wie ihr sagt, früher gut gemacht habt, so hat sich jetzt herausgestellt, daß das eitel Spiegelfechterei war, und es ist an den Tag gekommen, wohin euch der Sinn in Wahrheit immer gestanden hat; denn ihr seid mit den Athenern auf bösen Wegen gewandelt. So viel über unser erzwungenes Bündnis mit den Persern und euer freiwilliges Beknien der Athener.
„Was aber den letzten Vorwurf betrifft, wir hätten eure Stadt mitten im Frieden und noch dazu im Feste widerrecht lich überfallen, so glauben wir auch in dieser Hinsicht nicht schuldiger zu sein als ihr. Haben wir von selbst uns eurer Stadt mit Waffengewalt bemächtigt und euer Land als Feinde verheert, ja, dann sind wir im Unrecht. Haben uns aber eure reichsten und vornehmsten Bürger selbst gerufen, um euch von dem auswärtigen Bündnisse zu befreien und den Wieder- anschluß an den alten Böotischen Bund herbeizuführen, was ist da unser Unrecht? Der Anstifter ist schuldiger als der Täter. Nach unserer Ansicht aber trifft sie so wenig eine Schuld wie uns. Sie waren Bürger so gut wie ihr und hatten mehr zu verlieren als andere, als sie uns ihre Stadt öffneten. Als Freunde, nicht als Feinde haben sie uns eingelassen, damit die Schlechten unter euch nicht noch schlechter würden und die Guten zu ihrem Recht kämen. Sie wollten euch nur für die gute Sache gewinnen, die Stadt um keinen Bürger ärmer machen, sondern sie der alten Stammesgemeinschaft wieder einfügen, euch mit niemand verfeinden, sondern mit allen in Frieden leben lassen.
„Daß wir nicht als Feinde kamen, ergibt sich schon daraus, daß wir niemand was zuleide taten, sondern alle guten Böotier, die für den alten Bund wären, öffentlich auffordern ließen, sich uns anzuschließen. Auch kamt ihr uns ja anfangs ganz freundlich entgegen, gingt einen Vergleich mit uns ein utld hieltet euch ruhig. Erst nahcher, als ihr merktet, wie wenige wir waren, euch wohl auch daran stießet, daß wir nicht mit Wissen und Willen der Bürgerschaft gekommen waren, habt ihr dann nicht Wort gehalten und uns trotz der Zusage, keine Gewalt zu brauchen, statt uns in Güte zum Abzüge zu be wegen, dem Vergleich zuwider angegriffen. Daß ihr dabei eine Anzahl mit den Waffen in der Hand getötet habt, können wir allenfalls verschmerzen; denn das geschah gewissermaßen nach Kriegsrecht; daß ihr aber auch die Gefangenen, die sich in euren Schutz begeben hatten, trotz des Versprechens, niemand weiter zu töten, widerrechtlich ums Leben gebracht habt, das war heillos. Damit habt ihr euch im Umsehen dreimal schwer vergangen, den Vergleich gebrochen, die Gefangenen nachher getötet und uns mit dem Versprechen belogen, ihr würdet sie nicht töten, wenn wir euch draußen in Ruhe ließen. Trotzdem behauptet ihr, wir wären die Schuldigen, und verlangt selbst straflos auszugehen. Nichts da, wenn anders dies gerechte Richter sind. Für alles das werdet ihr eurer Strafe nicht entgehen.
„Auf diese Dinge, Lakedämonier, sind wir sowohl euret wegen als unseretwegen so weit eingegangen, um euch zu über zeugen, daß ihr sie mit Recht verurteilen könnt, und um uns vollends von der Pflichtmäßigkeit unserer Rache zu durch- dringen. Laßt euch nicht rühren durch alte Tugenden, die sie im Munde führen und immerhin gehabt haben mögen. Darauf mag der unschuldig Leidende sich berufen, den Nichtswürdigen machen sie nur doppelt strafbar; denn er frevelt dann gegen sein besseres Selbst. Auch ihr Ach und Weh darf ihnen nichts nützen, nicht ihr Jammer über die Gräber eurer Väter und ihre Verlassenheit. Können doch auch wir demgegenüber auf das noch traurigere Los unserer Jugend hinweisen, die unter ihren Streichen bluten mußte. Das waren die Söhne der Väter, die, um euch Böotien zu gewinnen, bei Koroneia fielen oder jetzt alt und verlassen im leeren Hause euch mit größerem Recht um Rache bei den Platäern anstehen. Unverschuldetes Mißgeschick ist bedauernswert, trifft es aber den Übeltäter, der es nicht besser verdient, wie sie hier, so kann man sich nur darüber freuen. Auch ihre jetzige Verlassenheit haben sie nur sich selbst zuzuschreiben, denn ihre besten Bundesgenossen haben sie verschmäht. Gegen uns, die wir ihnen nichts zuleide getan hatten, haben sie sich schändlich vergangen, sich über das Recht hinweggesetzt und nur von ihrem Haß leiten lassen, dem ihre Strafe jetzt nicht mal entsprechen wird; denn ihnen wird nur ihr Recht werden, da sie nicht, wie sie sagen, als Schutz flehende die Waffen gestreckt, sondern sich bei Übergabe der Stadt freiwillig eurem Richterspruch unterworfen haben. Nun also, Lakedämonier, bringt das Recht der Hellenen, das sie mit Füßen getreten haben, wieder zu Ehren und verschafft uns für das uns angetane Unrecht die Genugtuung, welche wir durch unseren Eifer um die gute Sache verdient haben. Laßt euch durch ihr Gerede nicht an uns irremachen und gebt den Griechen ein Beispiel, daß es bei euch nicht auf Worte, sondern auf Taten ankommt. Sind die danach, so bedarf eS nicht vieler Worte; hapert es aber da, so muß man sich hinter Phrasen verstecken und zu Redekünsten seine Zuflucht nehmen. Wenn ihr aber als Vormacht des Bundes immer so kurz und bündig verfahrt wie diesmal, so wird sich so leicht niemand wieder gemüßigt sehen, sein Unrecht durch lange Reden zu beschönigen."
So die Thebaner. Die Lakedämonier aber glaubten als Richter die Frage, was sie im Laufe des Krieges für sie ge tan, sachgemäß gestellt zu haben. Denn da sie schon vorher ihre Aufforderung, sich im Sinne des alten, nach dem Perser kriege mit Pausanias geschlossenen Bündnisses stillzuhalten, und dann auch den ihnen vor Beginn der Belagerung ge machten Vorschlag, neutral zu bleiben, zurückgewiesen hatten, so waren sie ihrer Ansicht nach durch die Ablehnung dieses be rechtigten Verlangens bereits bundbrüchig und ihre Feinde ge worden. Sie ließen sie also nochmals einzeln vortreten und ihnen die Frage vorlegen, ob sie im Laufe des Krieges etwas für die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen getan hätten, und wenn sie die verneinten, abführen und hinrichten, und zwar alle bis auf den letzten Mann. Im ganzen töteten sie mehr als zweihundert Platäer und die fünfundzwanzig Athener, welche die Belagerung mitausgehalten hatten, die Weiber aber verkauften sie in die Sklaverei. Die Stadt überließen die Thebaner ein Jahr lang den bei einem Aufruhr aus ihrer Heimat vertriebenen Megarern und ihren noch übriggebliebenen alten Anhängern aus Platää. Später aber zerstörten sie die Stadt von Grund aus und bauten neben dem Heratempel eine i Herberge von zweihundert Fuß Länge, oben und unten ringsum ^ mit Zimmern darin, zu der sie Dachsparren und Türflügel aus Platää verwandten. Aus dem, was es sonst an Hausgerät, Erz und Eisen in der Stadt gab, machten sie Ruhebetten und weihten sie der Hera, der sie einen steinernen Tempel von hundert Fuß Länge erbauten. Das Land machten sie zu Staats- eigentum und verpachteten es auf zehn Jahre für Rechnung der Thebaner. Wie denn die Lakedämonier überhaupt, wohl, um den Thebanern zu gefallen, so hart gegen die Platäer ge wesen waren, weil sie auf deren Freundschaft damals, wo der Krieg im vollen Gange war, großen Wert legten. So endete Platää, im dreiundneunzigsten Jahre, nachdem es dem Athe nischen Bunde beigetreten war.
Die den Lesbiern zu Hilfe gesandten vierzig peloponne sischen Schiffe, welche auf der Flucht in offener See von den Athenern verfolgt und durch einen Sturm nach Kreta ver schlagen waren, gelangten von dort einzeln wieder nach dem Peloponnes, wo sie in Kyllene dreizehn leukadische und am prakische Trieren trafen, und wo auch Brasidas, Tellis' Sohn, als Beirat deS Alkidas sich eingefunden hatte. Die Lake dämonier beabsichtigten nämlich nach dem verfehlten Unter nehmen auf Lesbos, ihre Flotte zu vermehren und damit nach Kerkyra, wo damals zwei Parteien im Kampfe lagen, zu fahren, bevor die Athener, die augenblicklich bei Naupaktos nur zwölf Schiffe hatten, weitere Verstärkungen aus Athen dorthin schicken würden. Und damit waren Brasidas und Alkidas eben jetzt beschäftigt.
In Kerkyra waren nämlich nach der Rückkehr ihrer in den Seeschlachten wegen Epidamnos in Gefangenschaft ge ratenen Landsleute Parteikämpfe ausgebrochen. Die Ge fangenen waren von den Korinthern freigelassen, angeblich gegen eine von ihrem dortigen Staatsgatsfreunde übernommene Bürgschaft von achthundert Talenten, in der Tat aber, weil sie sich anheischig gemacht hatten, Kerkyra auf ihre Seite zu ziehen. Die gingen auch bei den Bürgern von Haus zu Haus und suchten die Stadt von den Athenern abwendig zu machen. Inzwischen war sowohl ein athenisches wie ein korinthisches Schiff mit Gesandten an Bord in Kerkyra eingetroffen, und nachdem diese zu Wort gekommen, hatten die Kerkyräer be schlossen, an dem Bündnis mit den Athenern zwar festzuhalten, sich aber doch auch wie früher wieder freundlich zu den Pelo ponnesiern zu stellen. An der Spitze der demokratischen Partei stand damals ein gewisser Peithias, der zugleich sozusagen freiwilliger Staatsgastfreund der Athener war. Den klagten jene Herren an, er wolle Kerkyra unter athenische Herrschaft bringen. Er wurde jedoch freigesprochen, verklagte nun aber seinerseits die fünf Reichsten unter ihnen, weil sie im heiligen Haine des Zeus und des Alkinoos Weinpfähle gehauen hätten. Darauf aber stand ein Stater Strafe für jeden Pfahl. Sie wurden auch verurteilt, flüchteten sich aber in die Tempel und baten, ihnen bei der Höhe der Strafe wenigstens zu gestatten, sie in selbstgewählten Fristen abzuzahlet. Peithias aber, der damals grade selbst dem Rate angehörte, setzte durch, daß es bei der gesetzlichen Strafe sein Bewenden behielt. Nachdem ihr Gesuch als unzulässig abgeschlagen war und sie überdies erfuhren, daß Peithias beabsichtige, noch vor Ablauf seiner Amtszeit ein Schutz- und Trutzbündnis mit Athen beim Volke durchzusetzen, drangen sie und ihre Anhänger mit Dolchen be waffnet plötzlich in den Rat und ermordeten Peithias und gegen sechzig andere Ratsherren und Bürger mit ihm. Nur wenigen seiner Anhänger gelang es, auf das noch im Hafen liegende athenische Kriegsschiff zu entkommen.
Nach vollbrachter Tat riefen sie die Kerkyräer zusammen und sagten ihnen, es sei nur zu ihrem Besten geschehen und notwendig gewesen, um nicht unter die Knechtschaft der Athener zu geraten. Von nun an solle man beiden Teilen die Häfen verschließen; kämen sie nur mit einem Schiffe, so könne man sich das gefallen lassen, wenn aber mit mehreren, so seien sie als Feinde zu behandeln. Auch nötigten sie sie gleich, ihren Vorschlag anzunehmen. Nach Athen aber schickten sie sofort Gesandte, um den Vorfall in ihrem Sinne darzustellen, auch ihre dahin geflüchteten Mitbürger zu stempeln, nichts aus der Sache zu machen, damit ihnen die Athener nicht anf die Kappe kämen.
In Athen aber ließ man sowohl die Gesandten wie die Flüchtlinge, die sich mit ihnen eingelassen, als Aufrührer ver haften und nach Ägina bringen. Inzwischen schritt die zur Herrschaft gelangte Partei in Kerkyra, nachdem dort ein korinthisches Kriegsschiff mit einer lakedämonischen Gesandt schaft angekommen war, zu einem offenen Angriff auf das Volk und trieb es mit Waffengewalt auseinander. Mit Ein bruch der Nackt aber zog sich das Volk in die Burg und die oberen Stadtteile zurück, setzte sich hier in Masse fest und bemächtigte sich auch des hylläifchen Hafens. Die Gegner aber behaupteten den Markt, wo die meisten von ihnen ihre Häuser hatten, und den daran stoßenden Hafen dem Festlande gegenüber.
Am folgenden Tage kam es zu ein paar kleinen Schar mützeln, und beide Teile schickten ans dem Lande umher und suchten die Sklaven, denen sie die Freiheit versprachen, auf ihre Seite zu ziehen. Die Sklaven schlossen sich fast alle dem Volke an, die Gegenpartei erhielt jedoch vom Festlande einen Zuzug von achthundert Mann.
Erst am zweiten Tage begann der Kampf von neuem, und diesmal siegte das Volk, dem die Hrtlichkeit und seine Überzahl zustatten kam. Auch die Weiber beteiligten sich eifrig daran, warfen Ziegel von den Häusern und hielten im Toben des Kampfes heldenmütig aus. Besiegt, wie sie waren, fürchteten die Gegner bei Einbruch der Nacht, das Volk könne sich im ersten Ansturm der Schiffswerft bemächtigen und sie alle nieder machen. Um ihm den Weg zu versperren, steckten sie deshalb rings um den Markt herum die Bürgerhäuser und Miet wohnungen in Brand, wobei sie weder ihre eigenen noch fremde Häuser vershconten, so daß viel Kaufmannsgut mit draufging und wahrscheinlich die ganze Stadt ein Raub der Flammen geworden wäre, wenn der Wind das Feuer auf sie zugetrieben hätte. Nach Beendigung des Kampfes hielten sich beide Teile ruhig und blieben über Nacht auf ihrer Hut. Das korinthische Schiff machte sich nach dem Siege des Volkes in aller Stille auf und davon, und auch jene Freishcaren zogen größtenteils unbemerkt wieder nach dem Festlande ab.
Tags darauf kam Nikostratos, Diitrephos' Sohn, der athe- nische Feldherr, aus Naupaktos mit zwölf Schiffen und fünf hundert messenischen Hopliten in Kerkyra an. In dem Wunsche, die Sache friedlich beizulegen, empfahl er den Kerkyräern, sich zu vertragen, die zehn bereits flüchtigen Hauptschuldigen zu verurteilen, im übrigen aber den Streit zu begraben, um wieder miteinander im Frieden zu leben und ein Schutz- und Trutz bündnis mit den Athenern zu schließen. Als er das glücklich fertiggebracht hatte und wieder abfahren wollte, baten ihn die Häupter der Volkspartei, ihnen fünf seiner Schiffe zu lassen, um die Gegner besser in Schach halten zu können, wogegen sie ihm eine gleiche Zahl ihrer eigenen Schiffe bemannen und mitgeben wollten. Er erklärte sich damit auch einverstanden, sie aber nahmen die Mannschaft für die Schiffe nur auS der Gegenpartei. Die Leute fürchteten jedoch, sie sollten nach Athen gebracht werden, und flüchteten in den Tempel der Dioskuren. Nikostratos aber hieß sie von dort aufstehen und suchte sie zu beruhigen. Als ihm das nicht gelang, griff das Volk zu den Waffen, weil es hinter der mißtrauischen Weige rung, mitzufahren, böse Absichten witterte, drang in die Häuser der Gegner und würde wahrscheinlich auch einige von ihnen, die ihm in den Wurf kamen, umgebracht haben, wenn Niko stratos es nicht verhindert hätte. Als die übrigen das sahen, flüchteten sie sich in den Tempel der Hera, ihrer über vier hundert an der Zahl. Das Volk aber, das neues Blutvergießen fürchtete, bewog sie durch gute Worte, herauszukommen, und brachte sie auf der Insel vor dem Heratempel unter, wo ihnen Lebensmittel verabreicht wurden.
In diesem Stadium des Parteikampfes, am vierten oder fünften Tage, nachdem die Leute auf die Insel gebracht worden waren, traf die peloponnesische Flotte, dreiundfuufzig Segel stark, von Kyllene ein, wo sie seit ihrer Rückkehr aus Jouien vor Anker gelegen hatte. Den Oberbefehl führte nach wie vor Alkidas, als dessen Beirat Brasidas mitfuhr. Sie ging zunächst im Hafen Sybota am Festlande vor Anker und setzte bei Tagesanbruch die Fahrt nach Kerkyra fort.
Hier aber, wo man sich jetzt nicht nur von der Gegen partei, sondern auch von einer feindlichen Flotte bedroht sah, geriet man in die größte Bestürzung, brachte auch gleich sechzig Schiffe zu Wasser und schickte sie, sobald die Mannschaft an Bord war, eins nach dem anderen einzeln gegen den Feind, obgleich die Athener dazu rieten, zunächst sie allein vorgehen zu lassen und selbst erst hinterher mit allen Schiffen zusammen nachzukommen. Wie nun die Schiffe so einzeln an den Feind kamen, gingen gleich zwei von ihnen über, auf anderen geriet die Mannschaft unter sich in Streit, und von Ordnung war dabei keine Rede. Als die Peloponnesier die Unordnung ge wahr wurden, wandten sie sich mit zwanzig Schiffen gegen die Kerkyräer, mit den übrigen gegen die zwölf athenischen Schiffe, von denen zwei die „Salaminia" und die „Paralos" waren.
Den Kerkyräern selbst mit ihren verfehlten und zer- splitterten Angriffen ging es übel genug. Die Athener aber, welche sich aus Furcht vor einer Umfassung durch die Überzahl der Schiffe nicht getrauten, den Angriff auf die ganze Flotte oder die Mitte der feindlichen Stellung zu richten, warfen sich auf einen Flügel und bohrten den Feinden ein Schiff in den Grund. Als diese hierauf einen Kreis bildeten, ruderten sie um sie herum und suchten sie in Verwirrung zu bringen. Als die peloponnesischen Schiffe den Kerkyräern gegenüber das be merkten und fürchteten, eS könne ein zweites Naupaktos geben, kamen sie den anderen zu Hilfe, und nun ging die ganze ver einigte Flotte gegen die Athener vor. Darauf ruderten die Athener rückwärts, und zwar ganz langsam, um die Feinde festzuhalten und den Kerkyräern auf der Flucht einen möglichst großen Vorsprung zu vershcaffen. Damit endete die Schlacht gegen Sonnenuntergang.
Die Kerkyräer aber hatten aus Furcht, die Feinde könnten nach ihrem Siege mit der Flotte vor die Stadt kommen, die Leute auf der Insel aufnehmen oder sonstwie Partei für sie ergreifen, diese von der Insel wieder in den Heratempel bringen und die Stadt gut bewachen lassen. Indessen fanden die Feinde trotz der siegreichen Schlacht nicht den Mut, an die Stadt zu kommen, sondern zogen mit dreizehn erbeuteten kerkyräischen Schiffen Heder nach dem Festlande ab, von wo sie gekommen waren. Ebensowenig unternahmen sie am folgenden Tage etwas gegen die Stadt, obgleich dort Furcht und Schrecken herrschte und Brasidas, wie es heißt, dazu ge raten hatte; aber nicht er, sondern Alkidas hatte das ent scheidende Wort. Doch kam es zu einer Landung beim Vor gebirge Leukimme, wo sie das Land verheerten.