Book 3
Als er nach der Umkehr an der Küste hinfuhr, landete er auch bei Nation, der Stadt der Kolophonier ^'), wo sich Kolophonier aus der weiter landeinwärts gelegenen Stadt angebaut hatten, nachdem diese von Jtamenes und den Barbaren genommen war, die eine aufständische Partei in der Stadt selbst herbeigerufen hatte. Diese Wegnahme war ungefähr um dieselbe Zeit vorgefallen, als die Peloponnesier das zweite Mal in Attika einfielen. In Notion nun waren die dorthin geflüchteten Ansiedler auch hier wiederum unter sich zerfallen, und die Einen hatten sich vom Pissuthnes Arkadische und Barbarische Hülfsvölker geben lassen und hielten sich in einem besonders ummauerten Stadttheil. Die medisch Gesinnten aus der landeinwärts gelegenen Stadt der Kolophonier vereinigten sich hier mit ihnen und hatten da ihr Wesen; die andere Partei aber, die hatte weichen müssen und flüchtig geworden war, sührte nun den Paches herbei. Dieser lud den Hippias, den Befehlshaber der Arkader in der Befestigung, zu einem Zwiegespräch mit dem Versprechen, ihn wieder heil und gesund in die Festung zu bringen, wenn seine Vorschläge nicht annehmlich sein sollten. Der kam nun auch heraus, Paches aber gab ihn zur Ueberwachung, ließ selbst ganz unvermuthet gegen die Festung Sturm laufen und nahm sie auch, da jene ganz unvorbereitet waren. Die Arkader und Barbaren von der Besatzung 20) D. h. vor Paches als dem Neberlegenen hätten sich die Lakedämonier mit ihren Schiffen aus das Land flüchten und dieselben durch ein verschanztes Lager decken müssen (vergl. Thuk. l, 117 Anm.), wodurch er selbst zur Blockirung genöthigt worden wäre. 21)Nation war der Hasen des weiter landeinwärts gelegenen ionischen Kolophon. Diese Stadt hatte früher eine aristokratische Regierung; die Anzahl der reichen Familien soll die der ärmeren überwogen haben, weßhalb eben Aristoteles (Politik. IV, 3, 8) meint, daß die Herrschaft derselben, obwohl eine Herrschaft der Mehrzahl, nicht eine Volksherrschaft (Demokratie) genannt werden könne, weil sie eine Herrschaft der Reichen gewesen sei. Seit ihrer Eroberung durch die Barbaren d. i. die Lydier nach 716 v. v. Chr. waren ihre Zustände zerrüttet. Sie soll zuerst von den ionischen Städten lydische Weichlichkeit und Ver- derbthcit angenommen haben. Die Flotte war bedeutend, die Reiterei als sehr h ließ er niederhauen; den Hippias selbst ließ er seinem Versprechen 427 v. Chr. gemäß später in die Festung führen, als er aber innerhalb der Mauern war, ihn wieder ergreifen und mit Pfeilen niedershcießen. Notion gab er den Kolophoniern, mit Ausschluß der medisch Gesinnten, zurück. Später schickten die Athener neue Stadtvorstände hin und richteten Notion nach ihren Gesetzen ein, nachdem sie dort alle Kolophonier zusammengezogen hatten, wie sie irgendwo in den Städten zerstreut waren.
Da Paches nach Mytilene zurückgekommen war, eroberte er noch Pyrrha und Eresos, bekam auch Saläthos, den Lakedämonier, gefangen, der sich in der Stadt versteckt gehalten hatte, und sandte ihn nach Athen, wie auch diejenigen der Mytilenäer, die er auf Tenedos verwahrt hatte, und wenn ihm sonst Einer an dem Abfall Mitschuld zu haben schien. Auch den größeren Theil des Heeres entließ er; mit den Uebrigen blieb er und traf für Mytilene und das übrige Lesbos Verfügungen, wie es ihm gutdünkte.
Als diese Männer und Saläthos angekommen waren, ließen die Athener den Saläthos sogleich hinrichten, obwohl er manche Versprechungen machte, neben Anderem auch, daß er die Peloponnesier zum Abzug von Platäa bewegen wolle; denn diese Stadt wurde immer noch belagert. Wegen der Mytilenäer aber berathschlagten sie erst, und in ihrer Erbitterung faßten sie Beschluß, nicht nur die nach Athen Gebrachten, sondern Alles in Mytilene, was die mann- baren Jahre erreicht habe, hinzurichten, Weiber und Kinder aber zu Sklaven zu machen. Dabei machten sie ihnen nicht nur zum besondern Vorwurf, daß sie überhaupt abgefallen, obfchon sie die Herrschaft der Athener nicht in der Art wie die Uebrigen zu ertragen hatten ^), sondern es war besonders das Erscheinen der peloponnesischen Schiffe in den Ionischen Gewässern, was ihre Aufregung vermehrte, die auf eigene Gefahr es gewagt hätten, jenen zu Hülfe zu kommen 23). Denn daraus schien hervorzugehen, daß der Abfall von 22) Weil sie eben nur Steuern zu zahlen hatten, ohne ihre Autonomie eingebüßt zu haben. Vgl. Anm. 8. 23) Das Erscheinen der peloponnesischen Flotte in den ionischen Gewässern war für die Athener ein höchst überraschender Wink, daß ihre Seeherrschast nicht gerade unerschütterlich fest begründet sei; ind dieß mußte einen ähnlichen Ein- 427 v. Chr. langer Hand vorbereitet sei. Zur Uebermachung des Beschlusses schickten sie dann einen Dreiruderer an den Paches und befahlen ihm, mit den Mytilenäern so rasch wie möglich ein Ende zu machen. Am folgenden Tage schon faßte sie indeß eine gewisse Reue, und sie besannen sich, es sei doch ein unmenschlicher Beschluß und es wolle viel heißen, eine ganze Stadt zu verderben und nicht die Schuldigen allein. Als dieß die anwesenden Gesandten der Mytilenäer und ihre Freunde unter den Athenern merkten, so bearbeiteten sie die Staats- beamten, die Sache nochmals zur Abstimmung bringen zu lassen, und sie überredeten sie dazu um so leichter, da es auch ihnen selbst deutlich geworden war, daß es die Mehrzahl der Bürger gern sehe, wenn ihnen jemand die Möglichkeit biete, die Sache nochmals zu berathen. Als nun die Volksversammlung allsogleich zusammenberufen worden und Verschiedene, ein Jeder seine Meinung darlegten, so trat auch Kleon, des Kleänetos Sohn, wieder auf, der schon das erste Mal das Todesurtheil durchgesetzt hatte, übrigens auch sonst der Gewaltthätigste unter den Bürgern war und das Vertrauen des Volks wie kein Anderer damals besaß, und redete also:
„Schon oft habe ich auch bei andern Gelegenheiten einen demokratishcen Staat als unfähig erkannt, über Andere zu herrschen, nie aber deutlicher als heute, wo euch der Mytilenäer wegen Reue ergriffen hat. Weil ihr euch nämlich im täglichen Verkehr unter einander selbst furcht- und arglos benehmt ^), so zeigt ihr euch euren Bundesgenossen gegenüber ebenso, und wenn ihr hierin irgend eine Thorheit begeht, sei es nun, daß ihr euch von ihnen beschwatzen laßt, oder daß ihr eurem eigenen Mitleiden den Gesallen thut, so bedenkt ihr nicht, daß eure Weichmüthigleit weder für euch selbst gefahrlos sei, noch euch den Dank der Bundesgenossen erwerben könne. Ihr druck auf sie machen, wie heutzutage die Hebung der französischen Flotte aus die Engländer. Diese können ebensowenig einen Nebenbuhler zur See dulden, wie die Athener eS konnten. Weil es sich hierbei um Sein oder Nichtsein handelt, so heutzutage die Anstrengungen der Engländer, und damals die furchtbare Erbitterung der Athener gegen die Mytilenäer, die als die nächste Veranlassung erschienen. 2') Hierauf thaten sich die Athener viel zu Gute. Vergl. II. 37, wo ihnen PerikleS dieselbe Schmeichelei sagt. bedenkt nicht, daß eure Herrschaft eine Gewaltherrschaft ist, daß eure 427 v. Chr. Unterthanen Ränke gegen euch schmieden und euer Joch widerwillig tragen. Sie werden euch nicht etwa in dem Maße lieber gehorchen, als ihr euch zu eurem eigenen Schaden ihnen gefällig erzeiget, sondern in dem Maße, als ihr eure Herrschaft über sie mehr ans eure Uebermacht, als auf ihr Wohlwollen gründet. Das Unglückseligste aber ist es, wenn Nichts von dem, was wir einmal beschlossen haben, in Kraft verbleibt, und wenn wir nicht lernen wollen, daß ein Staat, der zwar schlechtere, aber unwandelbare Gesetze beobachtet, mächtiger ist, als wenn er bei vortrefflichen Gesetzen sie nicht zur Ausführung bringt; daß geringer Verstand bei Selbstbeschcidung nützlicher wirkt als große Geschicklichkeit bei zügellosem Wankelmuth, und daß ungebildetere Leute mit ihrem Gemeinwesen meist besser zurechtkommen als gebildetere 22). Denn diese wollen weiser ershceinen als die Gesetze und immer noch Klügeres missen als das, was zum Besten des Gemeinwesens bereits gesagt worden ist, als ob es keine trefflichere Gelegenheit gäbe, ihr Licht leuchten zu lassen, und grade durch solches Benehmen bringen sie die Staaten in's Unglück. Die Andern aber in ihrem Mißtrauen in die eigene Einsicht bescheiden sich, nicht so weise zu sein wie die Gesetze und unfähig, an der Rede eines Mannes Ausstellungen zu machen, der Treffliches vorgebracht hat, und grade weil sie mehr unparteiische Richter als Parteikämpfer sind, so treffen sie meist das Richtige. So müssen auch wir es machen und nicht im Eifer, gegen Andere unsere Redetüchtigkeit und unsern Scharfsinn geltend zu machen, uns hinreißen lassen, gegen die eigene Ueberlegung euch zu irgend etwas zu bereden." '
,Ich meines Theils bleibe bei meiner Meinung, und kann 25) Dieser Grundsatz war gewiß ein Paradepferd des selbst ungebildeten Kleon. Daher AristophaneS in den Rittern, ihn verspottend: Regieren ist kein Ding für Leute Von Charakter und Erziehung! Niederträchtig, Unwissend muß man sein! Drum folge du Dem Ruf. den dir der Götterspruch verkündet! Worte, an den Wursthändler gerichtet, dem ein Orakel verheißt, daß er Kleon stürzen werde, und der sich als unfähig zum Regieren erklärt, weil er nichts gelernt habe. 427 v. Chr. mich nur wundern über die, welche die Angelegenheit der Mytilenäer noch einmal zur Sprache bringen und damit einen Zeitverlust herbeiführen, der nur den Schuldigen zu Gute kommt. Denn dadurch wird nur der Zorneifer abgeschwächt, mit welchem der Beschädigte gegen den Schädiger vorgehen sollte, während doch nur die Rache, die der Beleidigung aus dem Fuße folgt, mit gleicher Wage die gerechte Wiedervergeltung übt. Es soll mich aber auch wundern, wer mir hierin zu widersprechen sich herausnehmen wird, und zu beweisen, daß die Verbrechen der Mytilenäer für-uns nutzbringend seien, unser Vortheil aber für die Bundesgenossen Nachtheil einschließe. Ein solcher müßte doch im Vertrauen auf seine Rednergabe den Gegenbeweis zu führen streben, nicht das Allgemein Anerkannte sei zum Beschlusse erhoben worden, oder er müßte durch Geld bestochen sein, euch durch Redekunst, die den Schein der Wahrheit borgt, hinter's Licht zu führen. Der Staat aber läßt die Siegespreise solcher Wettkämpfe Andern zukommen ; er selbst behält nur die Gefahren für sich. Und die Schuld hiervon tragt ihr, als schlechte Kampfrichter, denn euer Augenmerk richtet ihr nur auf die Reden, die Thatsachen aber hört ihr nur so nebenher mit an, und künftige Unternehmungen beurtheilt ihr nach denen, die schöne Worte darüber machen, wie leicht sie auszuführen seien, — was aber bereits geschehen ist, nach denen, die mit schönen Worten Ausstellungen zu machen wissen: nnd ihr solltet doch bedenken, daß man sich bei geschehenen Dingen besser auf seine eigenen Augen verläßt , als auf fremdes Gerede. Durch unerwartete Neuheit der Rede euch hinter's Licht führen zu lassen, versteht ihr vortrefflich, und ebenso auch, der überzeugenden Bewährtheit eines Vorschlags eure Ohren zu verschließen; denn ihr seid Sklaven des Außerordentlichen und Verächter des Gewöhnlichen. Jeder will nur selbst zum Reden kommen, und wenn nicht das, so doch mit denen, die solcherlei vortragen, wie im Wettkampf ringen, um den Schein zu vermeiden, als käme seine eigene Einsicht nur so hinterdrein, oder auch um schnell noch die eigene Ansicht auszusprechen, bevor jener noch geredet. Ihr seid ebenso flink, voraus zu errathen, was gesagt werden wird, als schwerfällig, die Folgen desselben vorauszusehen. Ihr sucht, so zu sagen, ganz andere Dinge herbeizuführen als die Zustände, in denen wir leben, und seid doch nicht einmal im Stande, die gegenwärtige Lage vernünftig zn beurtheilen, und kurz, ihr seid immer Sklaven 427 v. Chr. des Ohrenkitzels, und ihr gleicht eher den müsftgen Gaffern auf den Bänken der Sophisten 26), als Männern, die über das Staatswohl berathen."
„Davon nun möchte ich euch abbringen, und deßhalb weise ich euch nach, wie sehr diese Eine Stadt der Mitylenäer sich an euch versündigt hat. Für solche, die nicht im Stande waren, die Forderungen eurer Herrschaft zu befriedigen, oder die von den Feinden gezwungen wurden, und so abgefallen sind, für die habe auch ich Verzeihung. Bewohner einer Insel aber, und zwar einer befestigten Insel, die nur von der Seeseite her einen Angriff unserer Feinde'zu fürchten gehabt hätten — und selbst für diesen Fall waren sie durch eine Zahl ausgerüsteter Dreiruderer nicht ohne Schutz — Leute, die nach ihren eigenen Gesetzen lebten und von uns auf's Höchste geehrt wurden, — wenn die solches thaten, haben sie damit etwas Anderes gethan, als aus uns einen Angriff gemacht? Und ist das nicht eher ein Anfall als ein Abfall zu nennen? Denn Abfall findet doch nur bei denen Statt, die vergewältigt worden. Und haben sie nicht im Bunde mit unseren ärgsten Feinden uns zu verderben gesucht? Und 26) Bezieht sich besonders auf Protagoras, ProdikoS und Gorgias, welcher' letztere damals grade mit der leontinischen Gesandtschaft nach Athen gekommen war (vergl. Thuk. Ill, SK). Trotz des außerordentlich hohen Honorars — Gorgias und ProtagoraS forderten 100 Minen (die Mine — 22 Flur. 22 Ggr.) für den Lchrkurs! — strömte ihnen die Jugend zahlreich zu. Auf ihre Leichtigkeit und Spitzfindigkeit, die allerdings dem ernsten, wahrhaften Sinn nicht minder schadeten, als Kleons rohe Oberflächlichkeit, spielt hier Kleon nicht an, denn ihm, dem Ungebildeten, erscheinen sie als Vertreter der Bildung, die er haßt. Sokrates ist hier vielleicht auch schon mitgemeint. Nur fünf Jahre später fällt die Abfassung der Wolken des Aristophanes, die ihn als Sophisten verspotten. Ganz ähnlich wie Kleon hier über die Sophisten, so später sein Gegner Aristophanes in den Fröschen (405 v. Chr.), freilich von ganz andern Gesichtspunkten aus, über SokrateS: Schande, wer bei Sokrates ' Sitzen mag und schwatzen mag — In gespreizten leeren Phrasen, Düsteleien, Quäckeleien, , Faulgeschäftig sich zu üben Ist für hohle Köpfe nur!. 427 v. Chr. das ist doch viel verbrecherischer, als wenn sie mit eigener Macht, dafern sie diese besessen hätten, kriegführend gegen uns ausgetreten wären. Weder haben sie sich das Unglück der Andern zum warnenden Beispiel dienen lassen, die bereits früher ihren Abfall von uns mit der Niederlage gebüßt haben, noch auch gab ihnen ihr gegenwärtiger Wohlstand Grund zur Besinnung, daß sie sich nicht in'S Verderben stürzten, vielmehr forderten sie die Zukunft mit großer Keckheit heraus, und geschwellt von Hoffnungen, die eben so weit über ihre Kräfte hinausgingen, wie sie noch hinter ihren Wünschen zurückblieben, haben sie den Krieg gewählt und sich nicht besonnen, Gewalt vor Recht gehen zu lassen; denn unter Umständen, wo sie glaubten, mit uns fertig werden zu können, haben sie uns angegriffen, ohne beleidigt worden zu sein. So pflegen sich ja meist die Staaten zum Uebermuth zu wenden, welchen in kurzer Zeit und unerwartet großer Wohlstand zu Theil geworden ist. Gewöhnlich ist aber das Glück, wenn es dem Menschen nach dem gemeinen Gang der Dinge zu Theil wird, beständiger, als wenn es unerwartet.gekommen ist; und man darf wohl auch sagen, daß es leichter ist, ein Unglück fern zu halten, als das Glück sich auf die Dauer zuzugesellen. Wir hätten aber den Mytilenäern schon längst nicht vor allen Andern solche Ehre erweisen sollen, so hätte ihr Uebermuth nicht so ausgeartet; denn der Mensch ist nun-einmal von solcher Art, daß er den verachtet, der ihm den Hof macht, und sich vor dem beugt, der feste Haltung zeigt. So sollen sie denn nun auch bestraft werden, wie sie es verdienen, und nicht etwa dürft ihr nur der Minderzahl die Schuld beimessen, und den großen Haufen laufen lassen. Denn Alle mit einander haben sie uns angegriffen. Hätten die Andern zu uns gehalten, so könnten sie jetzt weiter ihren Staat in Unabhängigkeit regieren; aber sie haben eben das Wagestück der Minderzahl für weniger bedenklich gehalten und sind mitabgefallen. Und wenn ihr von euren Bundesgenossen diejenigen, die freiwillig abgefallen sind, nur mit derselben Strafe belegt, wie diejenigen, die vom Feinde dazu gezwungen wurden, wer, glaubt ihr, werde dann nicht die Gelegenheit zum Abfall vom Zaun brechen, da ihm im Fall des Gelingens die Freiheit winkt, und wenn die Sache schief geht, ihn eben keine sonderliche Strafe trifft? Da wird sofort unser Vermögen und Leben von jeder einzelnen Stadt be droht sein. Und wenn ihr im günstigen Fall eine Stadt zu Grunde 427 v. Chr. gerichtet habt, wo bleiben da für die Zukunft die Steuern und Einkünfte, auf denen unsere Macht beruht? Bleiben wir aber im Nachtheil, so haben wir uns zu unsern dermaligen Feinden noch neue aus den Hals gezogen, und die Zeit über, da wir unsern jetzigen Feinden Widerstand leisten sollten, werden wir uns mit unseren eigenen Bundesgenossen herumzuschlagen haben."
„Wir dürfen ihnen also weder Hoffnung machen, daß sie durch Ueberredung, noch auch, daß sie durch Geld sich Verzeihung erwirken werden und Nachsicht, als hätten sie nur "menschlich gefehlt. Denn es war ihr eigener Wille, uns zu schaden, und mit Wissen haben sie zu unserem Verderben gearbeitet. Verzeihung verdient aber nur, was ohne böse Absicht geschah. Was ich also das erste Mal verfochten habe, dafür stehe ich auch jetzt ein und sage, daß ihr den bereits gefaßten Beschluß nicht abändern dürft, und daß euch die drei Dinge, die für jede Herrschaft das Gefährlichste sind, Erbarmung, Reiz der Rede und glimpfliche Nachsicht, uicht zu einem Mißgriff verleiten sollen. Mit mitleidigem Erbarmen soll man die Gesinnung Gleichfühlender belohnen und es nicht gegen die verschwenden, die kein Gegenerbarmen fühlen, sondern nothwendig immer uns feindselig sein werden. Und die Redner, die euch durchaus mit schönen Worten eine Freude machen wollen, mögen sich bei minder erheblichen Dingen eine Gelegenheit zum Wettkampf suchen, und nicht da, wo die Stadt einen kurzen Ohrenkitzel schwer wird büßen müssen, während ihnen selbst ihre schönen Worte schöne Summen einbringen^). Glimps- 27) Wenn hier Kleon von Bestechung der Gegner redet, so kehrt ArlstophaneZ in den Rittern dieselbe Anklage der Bestechung in derselben Sache der Mytilenäer- gegen Aleon. Dort sagt der Wursthändler: So abscheulich, wie du, hat am Volk von Athen Sich noch Keiner versündigt; Belege sind da, Und so wahr ich leb'; ich beweise dir gleich, Daß mit vierzig Minen und mehr du dich ließ'st Von den Mytilenäern bestechen! An andern Stellen Heißt'S: Von Potidäa, läugne mir's, bekamst du zehn Talente! und: WaS iss'st du gern? — Pasteten, galt-gefüllt. 427 v. Chr. liche Nachsicht aber ist mehr gegenüber Solchen am Platz, die sich uns auch in der Zukunft voraussichtlich ergeben bezeigen werden, als gegen solche, die nichts destoweniger unsere Freunde bleiben. Kurz, wenn ihr mir folgt, so handelt ihr gerecht gegen die Mytilenäer und zugleich zu eurem Vortheil; beschließt ihr aber anders, so werdet ihr euch nicht nur den Dank Jener nicht verdienen, sondern auch euch selbst das Verdammungsurtheil sprechen. Denn thaten jene Recht, abzufallen, so käme es euch ja nicht zu, die Herrschaft zu führen. Wollt ihr diese aber, auch wenn sie ungebührlich ist, trotzdem festhalten, so müßt ihr natürlich entweder euren Vortheil wahren und jene bestrafen, oder eure Herrschaft niederlegen und in Frieden und Ruhe die Biedermänner spielen. Entschließt euch also, das euch Zugedachte als Wiedervergeltung gegen sie zu wenden, und zeigt euch, an denen die Gefahr vorübergegangen ist, nicht weniger empfindlich als die, die euch so Schlimmes zugedacht. Bedenkt doch, wie sie ganz gewiß gegen euch verfahren hätten, wenn sie Sieger geblieben wären, zumal sie selbst mit dem Unrecht begonnen haben. Denn wer ohne gerechte Ursache einem Andern Böses anthut, der ruht erst mit dessen Vernichtung, weil er wohl sieht, welche Gefahr ihm droht, Die später bei PyloS gemachten spartanischen Gefangenen hebt er auf, heißt es, um bei der Auslösung einen Profit für sich zu machen; „Äafsendieb" und „krummfingerig" wird er auch genannt. Bestechlich und unehrlich war er also jedenfalls; doch wäre das Stück mit den Mytilenäern ein sehr starkes: er müßte das Geld bereits in der Tasche gehabt und sich gedacht haben, wenn Alle todt seien, könne kein Kläger auftreten. Dergleichen ist allerdings schon vorgekommen. — Dem Volke zu Gefallen reden und handeln konnte er auch, und wohl besser als diejenigen, denen er es hier zum Vorwurf machte. Aristophanes, Ritter: Er merkt sich gleich des DemoS (Volk) schwache Seiten, Der Hund von einem paphlagonischen Gerber! Duckt sich vor ihm; mit Lecken, Schwänzeln, Schmeicheln Und Lederstückchen fängt er ihn und spricht: „Geh baden, lieber Demos; wohl verdient „Als Richter hast du diese drei Obolen; lGcshcwornen-Sold, den Kleon von 2 auf 3 Obolen erhöht hatteZ „Komm, thu' dir gütlich, iß und trink! Soll ich „Den Imbiß bringen?" — Und dann rapst er weg, Was wir gekocht, u. s. w. so lange der Feind noch auf den Füßen steht, und mit Recht, denn 427 v. Chr. wer nur aus Uebermuth unnöthigerweise mißhandelt wurde, ist, wenn er der Gefahr entgangen ist, viel erbitterter als der Feind gegenüber dem offenen Feinde. Werdet also nicht Verräther an euch selbst! Bringt euch die Vorstellung möglichst nahe, was ihr hättet zu leiden gehabt, und wie ihr eure letzten Kräfte aufgeboten haben würdet, ihrer Meister zu werden. Uebt nun die Wiedervergeltung, laßt euch nicht von diesem Augenblicke weich machen, und vergeßt nichts wie nahe das Unheil über euren Häuptern schwebte. Züchtiget diese nach Verdienst und stellt sie den andern Bundesgenossen als deutliches Beispiel vor Augen, daß, wer immer abfällt, den Tod leiden muß. Wissen sie das einmal, so werdet ihr euch nicht mehr so oft mit den eigenen Bundesgenossen herumshclagen müssen, während eure Feinde gute Ruhe haben" A). 28) Diese Rede charakterisirt allerdings den Demagogen Kleon einigermaßen, doch hat die Feder des Thukydides zu viel Feinheit einfließen lassen, so daß die Fassung der Gedanken kaum für den Mann paßt, der auf der Rednerbllhne polterte, die Kleider aufriß, sich auf den Schenkel schlug und während des Redens hin und herlief (Plutarch. Nik.), oder für „den Brüllochsen mit der Donnerstimme", wie ihn Aristophanes nennt. Doch enthält die Rede Anhaltspunkte genug, den tückischen, unverschämten, seiner eigenen Schlechtigkeit sich bewußten Volks- betrüger erkennen zu lassen, dessen entschlossene Bosheit Alles fürchtet. Aristophanes wagte Vieles, als er ihn in den (verlorenen) Babyloniern und in den Rittern dem Gelächter preisgab. Kein MaSkenmacher wollte zur Aufführung der Ritter eine Kleons-MaSke für den Schauspieler, der ihn darstellen sollte, verfertigen: — Sein Kopf ist nicht der feine, Kein MaSkenmacher wollt' ihn porträtiren, oAus Angst vor ihm — Der Dichter selbst spielte ohne Maske die Rolle, und rechnete sich feine Kühnheit selbst hoch an. In den Wolken rühmt er sich, daß er dem „großmächtigsten Kleon", dem, „bei dessen Anblick Sonne und Mond sich verfinsterte," muthig einen „Bauchtritt" gegeben habe. Auch später noch, und sogar nach seinem Tode ließ er ihn nicht ruhen. Hier mögen noch Worte des ChorS aus den Rittern stehen: O du verworfener, Scheußlicher Schreier! Sind Voll deines UebermuthS Länder und Meere nicht? Thukydides. III. 15
427 v. Chr. So redete Kleon. Nach ihm aber trat Diodotos, des Eukrates Sohn auf, der auch bei der ersten Versammlung am stärksten dafür gesprochen hatte, die Mytilenäer lieber nicht hinzurichten und redete also:
„Gegen die, welche die Sache der Mytilenäer zu einer zweiten Abstimmung gebracht haben, kann ich ebensowenig einen Tadel finden, wie Lob für die, welche es rügen, daß über so außerordentlich wichtige Dinge mehrmals berathschlagt werde. Vielmehr muß ich glauben, daß Eile und leidenshcaftliche Stimmung die größten Feinde eines klugen Beschlusses seien; denn die eine pflegt aus Unverstand, die andere aus Ungezogenheit und Kurzsichtigkeit zu entstehen. Und wer gar dafür einsteht, daß die Rede nicht die Lehrerin des Handelns sei, der besitzt entweder keine Vernunft, oder er hat irgend einen eigennützigen Hintergedanken. Unvernünftig ist er, wenn er sich einbildet, auf irgend eine andere Weise über das belehren zu können, was noch in der Zukunft und im Dunkel liegt. Seinem Eigennutz aber dient er, wenn er im Bewußtsein der Absicht, zu Schmählichem überreden zu wollen, sich nicht zutraut, über Unschönes schön reden zu können, und dafür nun durch dick aufgetragene Verleumdung die Gegner auf der Rednerbühne und die Zuhörer zu verwirren sucht. Die Gefährlichsten aber nun sind die, welche auch noch die Beschuldigung hinzufügen, als ob die Andern durch Geld bestochen schöne Reden hielten. Denn wenn sie nur die Anklage des Unverstandes erheben möchten, so würde Einer, wenn er mit seiner Ansicht nicht durchdringt, zwar den Ruf der Unverständigkeit, aber doch nicht den der Ungerechtigkeit davontragen. Wird ihm aber Un- Nicht der Gemeindeplatz, Zollhaus, GerichtSkanzlei? Riihrer in jedem Dreck, Hast du die ganze Stadt Säuisch nicht abgewiihlt? 29) Vertritt in seinen Ansichten die gemäßigte Demokratie. Er ist vielleicht Sohn des FlachShändlerS EukrateS, der unmittelbar nach des großen PeriileS Tod neben LysikleS, dem Viehhändler, dem sich Aspasia vermählt hatte, eine vorübergehende Rolle spielte. — Im ersten Theil der Rede wird Kleon scharf getroffen. ehrlichkeit vorgeworfen, so wird er auch, wenn er seine Ansicht durch 427 v. Chr. setzt, verdächtig, nnd setzt er sie nicht durch, so scheint er unverständig' und unehrlich zugleich. Mit dergleichen wird aber dem Staat schlecht gedient, denn die Furcht beraubt ihn seiner Rathgeber. Aber sehr wohl würde er sich befinden, wenn er solche Bürger von der Rednerbühne ausschließen möchte, denn dann wäre die mindeste Gefahr vorhanden, sich zu Schlechtem verleiten zu lassen. Der gute Bürger muß sich nicht durch Abschrecken seiner Gegner als den besseren Redner zeigen wollen, sondern dadurch, daß er sie sich selbst gleichstellt. Auch soll ein Staat, in dem es vernünftig hergeht, demjenigen, der die meisten guten Rathschläge gibt, deßhalb zwar nichts an Ehre zulegen, ihm jedoch auch nicht die Ehre kürzen, und den, der mit seiner Meinung nicht durchdringt, soll er nicht nur nicht strafen, sondern nicht einmal seine Ehre antasten. Dann würde, wer Erfolg hat, gewiß nicht, um größerer Auszeichnung gewürdigt zu werden, manches auch gegen bessere Einsicht und nach Gunst reden, und wer durchgefallen ist, würde ebenso wenig, um derselben Ehre theilhaftig zu werden, die Menge zu gewinnen streben."
„Von dem aber thun wir das Gegentheil; ja sogar noch mehr: wenn Einer im Verdacht steht, durch Geld bestochen gleichwohl das Beste zu rathen, so lassen wir aus Neid wegen dieses Geldgewinns, von dem doch nur eine unsichere Vermuthung besteht, den offenbaren Vortheil des Staates dahinsahren. Es ist nun einmal so: das Gute ohne Umschweife gerade heraus gesagt wird nicht weniger verdächtigt, als das Schlechte; die Folge davon ist: wie der schlimmste Rathgeber die Menge durch Betrügereien gewinnen muß, ebenso muß der, welcher zum Besseren räth, sich erst durch Flunkern Vertrauen gewinnen. Und so ist es denn bei uns, in Folge der Ueberklugheit, unmöglich, dem Staate durch grades Vorgehen und ohne Schliche einen Nutzen zu erweisen. Denn wer offenkundig dem Staate Gutes thut, dem wird mit dem Verdachte gelohnt, daß er im Geheimen irgendwie einen noch größeren Gewinn dabei in Aussicht habe. Gleichwohl müssen wir, trotz diesen Zuständen, wo es sich um die höchsten Dinge handelt, in dem, was wir reden, weiter sehen, als ihr Kurzsichtigen, zumal wir für unsere Vorschläge verantwortlich sind, ihr aber als Zuhörer unverantwortlich. Wenn der Ueberredende und der Zustim- 15* 427 v. Chr. mende gleicher Gefahr ausgesetzt wären, so möchtet ihr in eurem Urtheil wohl bedächtiger sein. So aber straft ihr in eurer Hitze beim ersten besten Mißlingen einzig und allein die eine Abstimmung dessen, der euch überredet hat, und nicht eure eigenen, wenn sie auch in großer Zahl mitgesündigt haben."
„Ich bin aber jetzt weder aufgetreten, um der Mytilenäer wegen irgend Jemandem zu widersprechen, noch auch um sie anzuklagen. Denn uns, wenn wir anders klug sind, handelt es sich nicht darum, ob jene Unrecht gethan haben, sondern darum, daß wir einen klugen Entschluß sassen. Denn selbst wenn ich nachgewiesen hätte, daß sie uns tödtlich beleidigt haben, würde ich deßhalb noch nicht auch für die Hinrichtung stimmen, wenn diese uns nicht vortheilhast wäre, und ebenso wenig würde ich, wenn sie irgendwie Nachsicht verdienten, diese gewähren, wenn es mir nicht vortheilhaft für den Staat schiene. Ich meine, wir sollten unsern Beschluß mehr mit Berücksichtigung der Zukunft als der Gegenwart fassen; und hier bin ich grade in dem Punkte, worauf Kleon das meiste Gewicht legt, daß nämlich das Verhängen der Todesstrafe uns für die Zukunft von Vortheil sei, weil Abfall so leichter verhütet werde, grade der entgegengesetzten Meinung, obgleich ich eben so gut wie er dabei unser künftiges Wohl im Auge habe. Ich wünschte nicht, daß ihr zu Liebe der scheinbaren Richtigkeit seines Vorschlags den Nutzen von euch stießet, den der meinige bietet. Denn da eurer leidenschaftlichen Erregtheit gegen die Mytilenäer seine Meinung auf Gerechtigkeit gegründet scheint, so kann sie euch wohl leicht mitreißen. Aber wir haben ja keinen Rechtshandel gegen sie durchzufechten, wobei es sich um Recht oder Unrecht handelte, sondern wir berathen uns, auf welche Art wir ihre Sache am meisten zu unserm Vortheil austragen können."
„In den Staatsverfassungen ist ans vielerlei Dinge die Todesstrafe gesetzt, auch auf solche, die dem vorliegenden Verbrechen nicht gleichkommen, sondern dahinter zurückbleiben. Gleichwohl lassen sich die Menschen durch die Hoffnung anreizen, es immerhin zu wagen ; und nie hat sich Einer in diese Gefahr begeben, der sich nicht getraut hätte, mit seinem schlimmen Wagniß durchzudringen. Und ist jemals eine abtrünnige Stadt an die Ausführung gegangen, welche die Zurüstung, sei es nun eigene oder durch Anderer Kampfgenossenis schaft dargebotene, nach eigener Schätzung für unzureichend hielt? Es 427 v. Chr. liegt in aller Menschen Natur, daß sie sowohl in Privatverhältnissen, als auch gegen den Staat sündigen, und es gibt kein Gesetz, das sie davon zurückhalten kann. Sind ja die Menschen bereits durch alle Abstufungen der Strafen, sie immer steigernd, hindurchgegangen, um so vielleicht die Zahl der Verbrechen und die Menge des Uebels zu mindern. Denn gewiß standen vormals auf den größten Verbrechen mildere Strafen; da aber immerfort Uebertretungen Statt fanden, so verschärften sich die meisten im Laufe der Zeit bis zur Todesstrafe, und trotzdem achtet man auch dieser nicht. Entweder also muß man etwas noch Abschreckenderes ausfindig machen als diese, oder es gibt überhaupt nichts, was da Einhalt thun kann. Und so ist es in der That; denn einmal ist's die Armuth, 5ie durch Noth Kühnheit gebiert und zum Wagniß treibt, das andere Mal der Reichthum, der in Uebermuth und Hochmuth Habsucht erzeugt, und so auch die andern durch Leidenschaft herbeigeführten menschlichen Zustände, die alle unter dem Einfluß irgend einer unwiderstehlichen höhern Macht stehen, überall aber die Hoffnung, die Begierde. Diese macht die Führerin, jene geht mit. Diese sinnt den Anschlag aus, jene spiegelt den Beistand eines freundlichen Glückes vor, und so richten beide den größten Schaden an, und obwohl unsichtbar, sind sie doch mächtiger als Martern, die mit Augen zu sehen sind. Dazu kommt noch das Glück, das auch nicht weniger aufmunternd mitwirkt. Denn wider Erwarten gesellt es sich manchmal zu der geringeren Kraft und verleitet Einen zum Wagniß, und mehr noch ganze Staaten, da es sich da ja um die größten Dinge handelt, um Freiheit und Herrschaft über Andere, und weil jeder Einzelne, wenn er im großen Haufen mitläuft, seine eigene Kraft blindlings überschätzt. Kurz, wer mit der Gewalt der Gesetze oder durch sonst ein anderes Schreckmittel die Menschen hindern zu können glaubt, wenn die eigene Natur sie zu irgend einer That fortreißt, der glaubt das Unmögliche und beweist große Einfalt."
„Wir dürfen also nicht im Vertrauen darauf, daß die Todesstrafe jede Bürgschaft gewähre, einen nachtheiligen Entschluß fassen, noch auch den Abtrünnigen jede Hoffnung benehmen, daß es eine Möglichkeit gibt, von ihrem Fehl wieder umzukehren und ihn in möglichst kurzer Frist wieder vergessen zu machen. Ueberlegt doch, daß bei 427 v. Chr. solchem Verfahren eine abtrünnige Stadt, wenn sie die Aussicht auf Erfolg geshcwunden sieht, gewiß zu einem Vergleiche bereit sein wird, so lange sie noch im Stande ist, die Kriegskosten zu erstatten und sonst ihre Steuern zu zahlen. Welche Stadt aber, glaubt ihr wohl, werde sich bei jenem andern Verfahren nicht noch viel stärker rüsten als sonst und eine Belagerung bis zum Aeußersten aushalten, wenn es für sie ganz dieselben Folgen hat, ob sie sich vorher oder nachher ergibt? Wie aber soll für uns kein Schaden daraus erwachsen, wenn wir die Kosten einer langen Belagerung tragen müssen, weil wir jede Aussöhnung zurückweisen, und wenn wir im Fall der Einnahme eine zerstörte Stadt in die Hände bekommen und für die Zukunft ihrer Steuerzahlungen verlustig sind? Und auf diesen beruht doch unsere Kraft gegenüber dem Feinde! Wir dürfen also nicht uns selbst den größern Schaden zufügen, indem wir als Richter über die Verbrecher die Sache zu genau nehmen, sondern vielmehr darans sehen, daß wir bei mäßiger Ahndung für die Zukunft in der Lage bleiben, Städte unter uns zu haben, die zahlen können, und müssen uns selbst nicht mit der Strenge der Gesetze, sondern durch Sorgfalt unserer Vorkehrungen Sicherheit zu schaffen suchen. Thun wir aber davon nicht das Gegentheil, wenn wir einen sonst freien und mit Gewalt bezwungenen Staat, der einem natürlichen Zuge folgend durch Abfall seine Unabhängigkeit herzustellen strebt, wieder unterworfen haben und dann meinen, wir müßten ihn streng bestrafen? Freie Männer muß man nicht, wenn sie abgefallen sind, scharf züchtigen, sondern bevor sie noch abfallen , muß man scharfes Augenmerk haben und seine Vorsichtsmaßregeln ergreisen, daß sie nicht einmal auf den Gedanken kommen; hat man sie aber wieder einmal durch Waffen zum Gehorsam bringen müssen, so soll man sie die Schuld so wenig als möglich empfinden lassen."
„Nun bedenkt aber auch, wie sehr ihr euch in folgender Rücksicht verfehlen möchtet, wenn ihr dem Kleon folgt. Jetzt noch ist euch in allen Städten die Volkspartei freundlich gesinnt und betheiligt sich entweder nicht an dem Abfall der vornehmen Minderzahl, oder, wenn sie dazu gezwungen wird, verharrt sie gegen die Abtrünnigen in offener Feindschaft, und kommt es dann eurerseits zum Kriege, so habt ihr in der feindlichen Stadt die große Menge zum Bundes genossen. Wenn ihr nun aber das Volk der Mytilenäer hinrichtet, 427 v. Chr. das nicht nur keinen Antheil am Abfall genommen hat, sondern, so- i bald es nur gerüstet und bewaffnet war, allsogleich die Uebergabe der Stadt bewirkte, so vergeht ihr euch einmal, weil ihr eure Wohlthäter tödtet, und dann gebt ihr ja den Vornehmen grade die Waffe in die Hände, die sie am heißesten wünschen; dein wenn sie eine Stadt zum Abfall bringen wollen, so werden sie sogleich das Volk aus ihrer Seite haben, da ihr bereits ein Beispiel gegeben habt, wie ihr Schuldig und Unschuldig mit gleicher Strafe belegt. Aber selbst wenn das Volk euch beleidigt hätte, dürftet ihr euch nichts merken lassen, damit die einzige Partei, die noch zu euch steht, nicht in einen Feind verwandelt werde. Und ich halte es überhaupt zur Behauptung der Herrschaft für viel nützlicher, wenn wir eine Beleidigung ertragen, als wenn wir nach dem Buchstaben des Gesetzes die vernichten, die wir nicht vernichten dürfen. Und was Kleon meint, daß bei dieser Strafart dem Recht und dem Vortheil gleiche Rechnung getragen sei, das sieht Jeder ein, kann man nicht bei einander haben."
„Ihr also seid überzeugt, daß meine Ansichten richtiger sind, und gebt weder dem Mitleiden noch auch der Nachsicht zu viel Raum; denn auch ich will nicht, daß ihr euch durch sie bestimmen lasset; sondern den Gründen zu Liebe, die ich vorgebracht, folget mir: diejenigen Mytilenäer, welche Paches als die Gefährlichen hieher geschickt hat, die richtet in aller Ruhe, und die übrigen lasset im Besitze ihrer Stadt. Das verbürgt Nutzen für die Zukunft und ist abschreckend genug für unsere Feinde. Denn wer vernünftig zu Rathe geht, ist stärker dem Feind gegenüber, als wer zwar mit kräftiger That, jedoch ohne alle Vernunft auf ihn losgeht."
So sprach Diodotos. Da diese Vorschläge so ziemlich mit gleicher Stärke unterstützt, sich einander die Wage hielten, so geriethen die Athener gleichwohl noch in einen Meinungskampf, und bei der Abstimmung waren beide Parteien nahezu gleich stark; doch siegte die des Diodotos. Sie sandten nun sogleich einen zweiten Dreiruderer ab mit dem Befehl zur Eile, damit der erste nicht früher ankomme und sie die Stadt bereits vernichtet fänden, denn jener hatte einen Vorsprung von nahezu einem Tag und einer Nacht. Da nuu die Mytilenäischen Gesandten das Schiff mit Wein und Mehl versahen und 427 v. Chr. große Versprechungen machten, wenn sie jene überhalten, so wurde diese Fahrt mit solchem Eifer beschleunigt, daß die Mannschaft aß, ohne das Ruder ruhen zu lassen, Brod nämlich mit Wein und Oel eingerührt, und während eine Abtheilung der Ruhe genoß ruderten die Andern. Da nun glücklicher Weise kein widriger Wind blies und das erste Schiff mit seinem empörenden Austrage sich nicht beeilte, das andere jedoch sich also sputete, so war jenes nur um so viel srüher angekommen, daß Paches eben erst den Volksbeschluß gelesen hatte und im Begriffe war, an die Ausführung zu schreiten, als das spätere Schiff danach einlief und die Vernichtung der Stadt verhinderte. So nahe ist die höchste Gefahr an Mytilene vorübergegangen.
Die übrigen Männer indessen, welche Paches, als am Abfalle zumeist schuldig, geschickt hatte, ließen die Athener auf Kleon's Vorschlag hinrichten; es waren ihrer aber einige über tausend. Auch rissen sie der Mytilenäer Mauern nieder und nahmen ihre Schiffe weg. Späterhin legten sie zwar den Lesbiern keine weiteren Steuern auf, theilten aber all ihr Land, nur das Gebiet der Methymnäer ausgenommen , in dreitausend Ackerloose. Davon schieden sie dreihundert aus und heiligten sie den Göttern, aus die übrigen aber schickten sie als Loosherren diejenigen aus ihrer Mitte, die das Loos getroffen hatte Diesen mußten die Lesbier, die das Land selbst zu bebauen 30) Vor den Perserkrieg«n wurde der Doppelzweck der Versorgung ärmerer Bürger und Gewinnung oder Sicherung der Herrschaft über irgend einen gelegenen Punkt durch Kolonien (Apoikien) erreicht. Deren Gelingen hing aber vom Glück ab? es war eine Art Auszug auf Abenteuer zur gefahrvollen Gründung neuer Städte und zur mühsamen Ueberwachung jungsräulichen Bodens. Jetzt aber, nachdem Athen bereits zu großer Macht gelangt war, bot sich ein viel bequemeres Mittel, beide Zwecke zu erreichen, die Kleruchien, d. i. AckerlooSvertheilungen. Erobertes Land wurde, besonders häufig seit Perikles, an athenische Bürger durchs Loos vertheilt, und so wurde bereits bebautes Land und ein schon geordneter Besitzstand ohne alle Mühe rechtskräftig erworben. Der neue Loosherr oder Kleruch blieb dabei athenischer Bürger und konnte auf dem neuerworbenen Gute leben oder auch in der Stadt. Doch ist anzunehmen, daß diejenigen Kleruchen, welche in Athen kein liegendes Vermögen zurückließen, und das muß wohl bei der größeren Zahl der Fall gewesen sein, den blei. benden Aufenthalt auf ihrem neuen Ackerloose nahmen, ohn- welchen Umstand wohl auch der Zweck der politischen Unterwerfung und Behauptung der treuen Eroberung hatten, für jedes Ackerloos einen jährlichen Zins von zwei Minen [zu 427 v. Chr. sammen 48 Thlr. 6 Ggr.^ entrichten. Auch die kleinen Städte nahmen die Athener weg, welche die Mytilenäer auf dem Festlande besessen hatten, und dieselben gehorchten seitdem den Athenern. Diesen Ausgang nahmen die Sachen mit Lesbos.
Desselbigen Sommers nach der Einnahme von Lesbos unternahmen die Athener unter Führung des Nikias, des Sohnes des Nikeratos', einen Zug wegen der Insel Minoa, welche vor Megara liegt. Auf derselben hatten die Megarenser einen Thurm gebaut und bedienten sich ihrer anstatt eines Vorwerks. Nikias dachte aber, die Athener könnten auf derselben einen Wachposten halten, der ihnen näher gelegen sei als Budoron und Salamis, damit die Peloponnesier nicht mehr, wie früher geschehen war, mit ihren Dreiruderern oder Kaperschiffen von dort unbemerkt auslaufen könnten , und ihnen auch die Zufahrt nach Megara abgeschnitten wäre. Er warf also zuerst mit seinem Sturmzeug vom Meere aus zwei vorspringende Thürme von Nisäa nieder, machte darauf die Einfahrt in den Raum zwischen der Insel und dem Festlande frei , und sperrte dann die dem Festlande gegenüberliegende Seite der Insel durch eine Mauer ab, da man hier der vom Lande nicht weit abliegenden Insel vermittelst einer über die Untiefen geschlagenen Brücke zu Hülse kommen konnte. Nachdem er dieß in wenigen Tagen ausgeführt und auf der Insel noch eine Verschanzung sammt Besatzung zurückgelassen hatte, zog er mit dem Heere wieder ab.
Um dieselbe Zeit in diesem Sommer gaben sich auch die Platäer, die keine Nahrungsmittel mehr hatten und der Belagerung kaum erreicht worden wäre. Die alten Bewohner wurden theils ganz auSgetrieben, wie auf Slegina, Thuk. II, 27, theils blieben sie als zinspflichtige Pachtbauern, wie in diesem Falle. Die Zahl der Kleruchen war oft sehr groß. So gingen 4000 Kleruchen nach Euböa, um die Ländereien der chalkidischen Hippoboten in Besitz zu nehmen (Herodot V, 77), 2000 sandte PerikleS nach Histiäa. Platon's Vater und Aristophanes waren Kleruchen aus Aegina, Epikur's Vater aus SamoS. — Diese besonders von PerikleS in demokratischem Sinne ausgebeutete Maßregel hob allerdings für den Augenblick die Macht Athens sehr, war aber auch einer der Hauptgründe zum Haß der Bundesgenossen, wie der Gegner. 427 v. Chr. nicht mehr widerstehen konnten, in die Hände der Peloponnesier. Dabei war es so zugegangen. Diese machten einen Sturm auf die Mauer und jene konnten sich nicht mehr vertheidigen. Da nun der Lakedämonische Feldherr ihre Entkräftung sah, so wollte er die Stadt nicht mit Gewalt nehmen, denn es war ihm von Lakedämon aus befohlen worden, so zu verfahren, daß, wenn einmal mit den Athenern Friede geschlossen würde nnd beide Theile dahin übereinkämen, die im Kriege eroberten Plätze beiderseits herauszugeben, Platäa als freiwillig übergetreten nicht zurückgegeben werden dürfe. Deßhalb schickt er einen Herold zu ihnen und läßt verkünden, wenn sie ihre Stadt freiwillig den Lakedämoniern übergeben wollten und diese als Richter anerkennen, so werde er die Schuldigen zwar strafen, Niemanden aber gegen Recht und Gesetz. Das richtete der Herold aus, und jene, die schon im Zustand der äußersten Schwäche waren, übergaben ihre Stadt. Die Peloponnesier nun reichten den Platäern einige Tage lang Speise, bis dann die fünf Richter aus Lakedämon ankamen. Als diese aber angelangt waren, wurde keine förmliche Anklage gegen sie aufgestellt, sondern man forderte sie vor und fragte nur, ob sie in diesem gegenwärtigen Kriege den Lakedämoniern oder deren Bundesgenossen sich irgendwie dienstlich erwiesen hätten. Diese aber verlangten, sich eines Weiteren anslassen zu dürfen, und stellten aus ihrer Mitte den Astyemachos, Sohn des Afopolaos, und den Lakon, des Aeimnestos Sohn, der ein Gastfreund der Lakedämonier war, als ihre Fürsprecher ans, und diese traten hin und redeten also:
„Unsere Stadt haben wir euch übergeben, ihr Lakedämonier, weil wir auf euer Wort hin vertrauten, nicht vor einem solchen Gerichte stehen zu müssen, sondern daß es gesetzlicher ausfallen werde, und wir nahmen eure Bedingungen an, um vor keinen anderen Richter gestellt zu werden, als vor euch selbst, wie dieß jetzt auch wirklich der Fall ist, weil wir glaubten, bei euch das billigste Urtheil zu finden. Nun aber fürchten wir, daß wir uns in Beidem betrogen haben, denn wir müssen mit Recht argwöhnen, daß es sich hier um das Schrecklichste handle, und daß ihr nicht den Ruhm billiger Richter davontragen werdet. Wir schließen das, weil von euch keine Voranklage gestellt worden ist, gegen die wir uns zu rechtfertigen hätten, sondern wir selbst haben um die Erlaubniß zum Reden bitten müssen, und eure Frage ist so kurz, daß unsere Antwort, wenn sie der Wahrheit 427 v. Chr. gemäß ist, uns verurtheilt, und wenn sie unwahr ist,- leicht widerlegt, werden kann. So sehen wir nach keiner Seite einen Ausweg und sind genöthigt, von einer Rede unsere Rettung zu hoffen, was auch das Geziemendste zu sein scheint; denn wer in einer solchen Lage zu reden unterläßt, zieht sich wohl den Vorwurf zu, daß eine Rede ihn hätte retten können. Zu dem Andern, was uns bedrückt, fühlen wir aber nun auch,- wie schwer es uns fallen wird, euch zu überreden. Denn wären wir einander unbekannt, so könnten wir Beweisgründe beibringen, die euch fremd wären, und so vielleicht Rettung finden; nun aber wird Alles, was wir vorbringen, euch bereits bekannt sein, und wir fürchten nicht sowohl, daß ihr schon im Voraus das Urtheil gefällt habet, unsere Verdienste seien geringer als die eurigen, und daß ihr uns eben daraus ein Verbrechen machet, sondern vielmehr, daß ihr uns andern zu Gefallen vor ein Gericht stellt, welches sein Urtheil schon gesprochen hat."
„Gleichwohl wollen wir vorbringen, was wir an Rechts- gründen in Betreff unserer MißHelligkeiten mit den Thebanern haben, und die Erinnerung an das wachrufen, was wir euch und den andern Hellenen Gutes gethan, und eben damit wollen wir euch zu überreden versuchen. Auf eure kurze Frage, ob wir in dem gegenwärtigen Kriege um die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen uns ein Verdienst erworben, geben wir zur Antwort: Fragt ihr uns als Feinde, so ist euch von uns kein Unrecht geschehen, wenn ihr nichts Gutes von uns empfangen habt; laßt ihr uns aber als Freunde gelten, so habt ihr das größere Unrecht begangen, da ihr uns mit Krieg überzöget. Sowohl im Frieden als auch im Kampfe gegen die Meder haben wir uns als wackere Männer erzeigt, denn den Frieden haben wir jetzt nicht zuerst gebrochen, und damals haben wir allein von allen Böotiern zur Befreiung von Hellas die Waffen mit euch vereinigt. Denn obwohl wir Festlandsbewohner sind, haben wir doch zur See bei Artemision mitgekämpft, und in der Schlacht, die hier auf unserem eigenen Boden geliefert wurde, haben wir bei euch und dem Pausanias gestanden, und wenn damals noch sonst etwas Anderes sich ereignete, woher den Hellenen Gefahr drohte, so haben wir über Vermögen an Allem uns betheiligt, und euch insbesondere, ihr Lakedämonier, als damals die 427 v. Chr. größte Gefahr Sparta umdrohte, da nach dem Erdbeben die Heloten aufstanden und sich nach Jthome warfen, haben wir den dritten Theil unserer eigenen Bürgermannschaft zur Hülfe gesandt ^'). Unrecht ist es, das zu vergessen."
„In den großen Ereignissen der alten Zeit haben wir uns also als solche Männer zu zeigen getrachtet; eure Feinde aber sind wir erst später geworden, und davon trüget ihr die Schuld; denn da wir um eure Bundesgenossenschast nachsuchten, weil uns die Thebaner zu vergewaltigen trachteten, habt ihr uns zurückgewiesen und gerathen, uns an die Athener zu wenden, da diese näher bei uns, ihr aber zu weit entfernt wohntet. In diesem Kriege aber habt ihr von uns nichts Sonderliches zu leiden gehabt, noch durftet ihr es überhaupt erwarten. Wenn wir trotz eures Befehles von den Athenern nicht abfallen wollten, so haben wir damit kein Unrecht gethan, denn auch jene haben uns gegen die Thebaner beigestanden, als ihr uns von der Hand wieset. Sie zu verrathen wäre nicht schön gewesen, zumal wir von ihnen nur Gutes empfangen und sie durch unsere eigenen Bitten zu Bundesgenossen gewonnen und an ihrem Bürgerrecht Theil erlangt haben. Vielmehr war es selbstverständlich, daß wir ihren Befehlen eifrig nachkamen. Was aber ihr beiden ^Lakedämonier und Atheners als Führer euren Bundesgenossen vorshcriebet, davon fällt keine Schuld 31) Zugleich mit den Athenern. Vergl. l, 102. 32) Dieß ist ein Beispiel der Einbürgervng in Masse zur Belohnung der Anhänglichkeit, das den Athenern viel Lob eintrug. Der Volksbeschluß lst aus demselben Jahre 427 (Ol. SS, 1.). Die Platäer sollten alle Rechte athenischer Vollbürger haben, mit Ausnahme der Zulassung zu Familienopfern und zur Arhcontenwürde; denn hiezu war Vollbürgerthum im dritten Gliede erforderlich. Der Name Platäer blieb jetzt in Athen Bezeichnung für Neu bürg er. Aristophanes, Frösche (als die Sklaven, die bei den Arginusen mitgefochten hatten, das Bürgerrecht erhielten: Schande wär's, wenn Jeder, der nur eine Seeschlacht mitgemacht, Gleich Platäer würd', und ehmalS Sklave, nun ein freier Herr. Später wurden die Platäer als Kleruchen nach dem entvölkerten Skione versetzt (im Jahr 421. That. V, 32). Nach dem antalkidischen Frieden wurde die Stadt- wieder aufgebaut (3S7?), 373 aber zum zweiten Mal zerstört, woraus die Vertriebenen abermals in Athen Wohnort und Bürger-recht fanden. auf die, welche euch folgten, wenn ihr irgend ein Unrecht beginget, 427 v. Chr. sondern auf euch selbst, die ihr zum Unrecht Anleitung gabt." <
„Die Thebaner haben uns aber gar viele Beleidigungen zugefügt, und die letzte kennt ihr selbst, in deren Folge wir eben dieß jetzige Unglück leiden. Denn sie haben unsere Stadt mitten im Frieden und dazu noch am Neumondsfeste überrumpelt, und wir haben sie nach gutem Rechte dafür gestraft und nach dem Gesetze, das für Alle gilt, daß es erlaubt und Pflicht ist, sich des angreifenden Feindes zu erwehren; und es wäre Ungebühr, sollten wir jetzt dafür büßen: denn wenn ihr zu eurem und jener augenblicklichem Vortheil das Recht nach eurer feindseligen Gesinnung schöpfen wollt, so werdet ihr nicht als wahrhafte Richter nach Recht und Billigkeit dastehen, sondern als Diener eures Vortheils. Und wenn ihr nun wirklich denkt, daß die Thebaner euch nützlich sind, so waren wir und die andern Hellenen es doch in höherem Grade damals, als ihr in größerer Gefahr schwebtet. Denn jetzt seid ihr Andern furchtbar, gegen die ihr zu Felde zieht, damals aber, als der Barbar Allen die Knechtschaft brachte, standen diese auf seiner Seite. Und wenn nun schon von uns gefehlt sein soll, so ist es billig, daß ihr diesen Fehl mit unserem damaligen Eifer aufwägt, und ihr werdet finden, daß dieser überwiegt, zumal in Anbetracht der Zeit, wo es unter den Hellenen ein großes Ding war, wenn Einer seine Tapferkeit der Macht des Xerxes entgegenstellte, und die noch höheres Lob gewannen, welche beim Anzug der Barbaren nicht für sich selbst Vortheil und Sicherheit erseilschten, sondern lieber unter Gefahren die edelsten Güter daran setzen wollten. Unter diesen waren auch wir, und damals auf's Höchste geehrt, müssen wir nun wegen derselben Denkart unsern Untergang fürchten, weil wir es vorzogen, lieber nach Recht und Billigkeit zu den Athenern, als um unseres Vortheils willen zu euch zu stehen. Und doch sollte man sich als solcher zeigen, der über dieselben Dinge auch immer dasselbe Urtheil fällt. Und man sollte doch nichts Anderes für wahrhaft nützlich erachten, als wenn man einen Vortheil, den die Gelegenheit bietet, mit treuer Dankbarkeit gegen rechtschaffen Bundesgenossen vereinigen kann."
„Bedenket auch, daß ihr jetzt bei der Mehrzahl der Hellenen als Muster der Bravheit geltet, wenn ihr aber entscheidet über uns, was sich nicht gebührt, — und eure Entscheidung kann nicht unbe- 427 v. Chr. kannt bleiben, denn euer Lob ist in Aller Munde und auch uns nennt man nicht mit Tadel, — so seht zu, wie es nicht Mißbilligung finden soll, daß über brave Männer ihr, die Braveren, Ungebührliches beschlossen habet, und daß in die gemeinsamen Heiligthümer Raub von uns, den Wohlthätern Griechenlands geweiht werde. Erschrecklich wird es scheinen, das; Lakedämonier Platäa zerstört, daß die Vorfahren den Namen unserer Stadt ihrer Tapferkeit zum Preis aus den Dreifuß in Delphi-gesetzt haben, ihr aber sie aus dieser Gemeinschaft des ganzen Hellenenthums zu Lieb den Thebanern austilgen wolltet. So hoch ist unser Unglück gestiegen! Damals haben uns die Meder zu Grunde gerichtet, als sie unser Land in der Hand hatten, und nun unterliegen wir um der Thebaner willen durch euch, die ihr sonst uns so freundlich gesinnt wäret. Und zweimal sind wir vor dem Aeußersten gestanden: vor kurzem drohte uns Hungertod, wenn wir die Stadt nicht übergeben, und jetzt werden wir auf den Tod gerichtet. Aus Allen sind wir Platäer allein ausgestoßen, die doch über Vermögen für die Hellenen eingetreten sind, jetzt verlassen und ohne Freund. Denn von unsern damaligen Bundesgenossen steht keiner zu uns, und von euch Lakedämoniern, unserer einzigen Hoffnung, besorgen wir, das; ihr nicht standhaft bleibt."
„Doch bitten wir euch bei den Göttern, bei denen wir einst unseren Waffenbund beshcwuren, und bei unserem Verdienst um die Hellenen: lasset euch bewegen und ändert euren Entschluß, wenn ihr den Thebanern bereits schon ein Versprechen gegeben habt. Wir fordern als Belohnung unseres Verdienstes, daß ihr nicht solche tödtet, die zu tödten sich nicht geziemet, und daß ihr lieber um einen Dank werbt, der mit der Ehre besteht, als um einen, der Schimpf bringt. Wollet nicht Andern ein Vergnügen machen, indem ihr selbst Unehre auf euch nehmet! Unsere Leiber sind wohl schnell abgethan, schwer aber ist es, Schande vergessen zu machen. Denn ihr werdet an uns keine Feinde bestrafen, was ganz nach Recht geschähe, sondern freundlich Gesinnte, die nur die Noth zwang zu den Waffen zu greifen. Nach Recht also würdet ihr entscheiden, wenn ihr uns des Lebens sichertet und bedenken wollt, daß wir freiwillig und mit aufgehobenen Händen flehend zu euch gekommen sind — und die Hellenen haben unter sich das Gesetz, daß solche nicht getödtet werden dürfen — und bedenket, daß wir uns allerwege euch freundlich erwiesen haben. 427 v. Chr. Schauet her auf diese Gräber eurer Väter, die gegen die Meder gefallen sind und von uns begraben wurden. Wir haben sie Jahr um Jahr aus öffentlichem Wesen geehrt, mit schöner Gewandung und wie es sonst Sitte ist, und von Allem, was im Jahreslauf die Erde hervorbringt, haben wir ihnen die Erstlinge dargebracht, ihrer als Männer aus befreundetem Lande freundlich gedenkend, wie Bundesgenossen der Waffenbrüder. Davon würdet ihr nun das Gegentheil thun, wenn ihr jetzt nicht nach Gebühr entschiedet. Denkt doch, Pausanias hat diese hier begraben, weil er sie in freundlicher Erde und neben freundlich gesinnten Männern zu betten glaubte. Wenn ihr aber nun uns tödten und das Platäifche Land zu Thebanischem machen wollt, was thut ihr da anders, als daß ihr eure Väter und Blutsverwandte in feindlichem Boden und bei ihren eigenen Mördern und beraubt der Ehrengaben zurücklaßt, die sie jetzt noch genießen? Zudem gebt ihr die Erde, auf welcher die hellenische Freiheitsschlacht geschlagen wurde, in die Knechtschaft, und die Heiligthümer der Götter, zu denen betend jene über die Meder gesiegt haben, laßt ihr wüst und öde, und die Gründer und Stifter beraubt ihr der Opfer, die unsere Väter brachten."
„Es will sich zu eurem Ruhme nicht schicken, ihr Lakedämonier, weder daß ihr so am hellenischen Recht und an euren Vorfahren sündigt, noch daß ihr eure Wohlthäter fremdem Haß zu Liebe, und ohne daß ihr selbst beleidigt wäret, dem Verderben übergebt. Ihr solltet uns schonen und die Härte eure? Herzens brechen, indem ihr mitleidig, wie es geziemt, nicht nur die Furchtbarkeit des Schicksals bedenkt, das wir leiden sollen, sondern auch, Männer welcher Art es sind, die solches dulden müssen, und wie unberechenbar es ist, wie viele das Verderben unschuldig trifft. Und wir, wie es uns geziemt und die Noth uns zwingt, nahen euch als Bittende, indem wir aufrufen zu den Göttern, die auf gleichen Altären von allen Hellenen verehrt werden , daß sie euren Sinn uns gnädig stimmen ; wir halten euch die Eide vor, die eure Väter geschworen, und bitten euch flehentlich, nicht zu vergessen der Gräber eurer Väter, und bei diesen Todten rufen wir euch an: gebt uns nicht in die Hände der Thebaner und überliefert die euch so freundlich Gesinnten nicht ihren bittersten Feinden! An 427 v. Chr. jenen Tag, da wir mit diesen Todten die glänzendsten Thaten ausführten , erinnern wir euch an dem Tag, da wir in Gefahr sind, das Schrecklichste zu erleiden. Was nun fein muß und doch sehr schwer fällt für Leute in unserer Lage, der Rede nämlich ein Ende zu machen, weil mit ihm auch die Gefahr des Todes herantritt, das thun wir jetzt und erinnern euch nur noch, daß wir nicht den Thebanern die Stadt übergeben haben, denn dem hätten wir den schmählichsten Tod, Hungers zu sterben, vorgezogen, — sondern euch haben wir uns mit Vertrauen überliefert. Es ist also gerecht, wenn ihr euch schon nicht erbitten laßt, daß ihr uns in unsere vorige Lage zurückversetzt und es uns überlastet, welche Gefahr wir vorziehen. Und zugleich beshcwören wir euch, daß ihr uns Platäer, die aus's eifrigste für die hellenische Sache gekämpft und jetzt als Schutzflehende zu euch gekommen sind, ihr Lakedämonier, nicht aus euren Händen und eurem Schutze den Thebanern, unsern ärgsten Feinden, überliefert. Werdet unsere Retter, und während ihr die andern Hellenen frei macht, wollet uns nicht vernichten!"
So redeten die Platäer. Die Thebaner aber, aus Furcht, die Lakedämonier möchten auf die Rede jener weich werden, traten auch vor und sagten, sie selbst wollten auch eine Rede halten, da auch jenen wider ihr Erwarten länger das Wort gestattet worden sei, als zur Beantwortung der Frage nöthig war. Als jene nun sie reden hießen, so sprachen sie wie folgt:
„Wir hätten nicht verlangt, eine Rede halten zu dürfen, wenn auch jene aus die gestellte Frage in Kürze geantwortet und nicht, gegen uns sich wendend, Anklagen erhoben und von der Sache abschweifend sich selbst vertheidigt hätten, wo Niemand sie anklagte, und gelobt, wo Niemand sie getadelt hat. Wir haben nun dem Einen zu widersprechen und den Ungrund des Andern zu beweisen, damit weder unsere angebliche Bosheit ihnen zu Statten komme, noch auch ihre hohe Einbildung von sich selbst, sondern ihr über beides die Wahrheit höret und danach entscheidet. Wir geriethen mit ihnen zuerst damals in Zwist, als wir nach dem Anbau des ganzen übrigen Böotiens Platäa gründeten und zugleich damit auch einige andere Plätze, die wir in Besitz genommen, nachdem wir die Bewohner, Leute aus allerlei Volk zusammengelaufen 32), ausgetrieben hatten. Da wollten nun 427 v. Chr. diese nicht, wie es zuerst ausgemacht worden war, sich unserer Ober-i leitung unterwerfen, sondern mit Verachtung der väterlichen Weise sich von den andern Böotiern gesondert halten, und als dann Zwang angewendet wurde, traten sie zu den Athenern über und haben uns vielen Schaden zugefügt, der ihnen dann auch wieder heimgegeben wurde."
„Zur Zeit aber, als der Barbar gegen Hellas heranzog, sagen sie, hätten von allen Böotiern sie allein es nicht mit den Medern gehalten, und damit brüsten sie sich selbst am meisten und machen uns eine Schande daraus. Freilich nun, geben wir zur Antwort, hielten sie nicht mit den Medern, weil eben die Athener es auch nicht thaten; dafür haben sie aber, als später auf dieselbe Weise die Athener gegen die Hellenen auszogen, von allen Böotiern allein es mit den Athenern gehalten. Und nun überlegt einmal, in welcher Versassung unsere beiden Staaten waren, als der eine und der andere jenes thaten! Unsere Stadt wurde damals weder oligarchisch mit sonst gleichen Rechten für die Bürger regiert, noch auch in demokratishcer Weise, sondern es lenkten, was von einem gesetzlichen nnd maßvollen Zustande am weitesten abliegt und der Tyrannis am nächsten steht, wenige Männer mit gewaltsamer Herrschaft die Regierung. Und diese hofften zu eigenem Vortheil die Zügel noch stärker fassen zu können, wenn erst der Meder gesiegt hätte, und darum führten sie ihn in's Land herein, indem sie das Volk mit Gewalt im Zaum hielten. Es war also nicht die Gesammtheit der Bürger, die dieß thaten, denn es fehlte die freie Selbst- bestimmung; und es ist nicht Recht, ihnen daraus einen Vorwurs zu machen, da doch nur während eines gesetzlosen Zustandes der Fehler begangen wurde. Vielmehr muß man untersuchen, wie wir uns später benahmen, als dann der Meder abzog und wir unsere gesetzmäßige Verfassung wieder erhielten. Als da die Athener heranzogen und wie das übrige Hellas so auch unser Land zu unterwerfen versuchten, und sie bei dem herrschenden Parteizwist auch schon einen großen Theil desselben genommen hatten, haben wir da nicht bei Koronea mit 33) Hyanter, Thraker, Pelasgcr. Strabo S, 2. S. 401. vgl- Thuk. I. 12. 34') Vgl. l. 113 und II. 2. Thukydides. III. 16 427 v. Chr ihnen gekämpft und sie geschlagen und so Böotien frei gemacht? Und helfen wir jetzt nicht eifrig zur Befreiung der Andern mit und stellen Reiter und Kriegsrüstung, wie sonst keiner der Bundesgenossen?"
„So viel sei zu unserer Rechtfertigung gesagt, warum wir auf Seiten der Perser standen. Jetzt aber wollen wir zu beweisen suchen, daß ihr Platäer den Hellenen viel größeres Unrecht zugefügt habt und jede noch so harte Züchtigung viel eher verdient als wir. Um euer Recht gegen uns zu wahren, so sagt ihr, wäret ihr Bundesgenossen und Bürger^) der Athener geworden. Nun, dann hättet ihr sie ja nur gegen uns zu eurer Hülfe herbeiziehen dürfen, und nicht mit ihnen gegen Andere zu Felde ziehen; denn dieß stand ja in eurem Belieben, auch sofern ihr von den Athenern gegen euren Willen wozu gezwungen werden solltet, da ja bereits der Lakedämonische Waffenbund gegen den Perser vorhanden war, auf den ihr euch in eurer Vertheidigung immer beruft. Denn derselbe genügte, euch vor unserem Angriffe zu schützen und, was da? Bedeutendste ist, euch Sicherheit der freien Berathung und Entschließung zu gewähren. Aber freiwillig und nicht mehr gezwungen habt ihr lieber die Partei der Athener gewählt. Nun sagt ihr weiter, es sei schimpflich, seine Wohlthäter zu verrathen; ja, aber viel schimpflicher und ungerechter war es, die Gesammthellenen zu verrathen, zu denen ihr doch geschworen hattet, als die Athener allein, denn diese wollen Hellas knechten, jene aber es frei machen. Sodann ist die Art, wie ihr eure Dankbarkeit zeigt, der Natur der Wohlthat nicht entsprechend, denn ihr habt sie zu Hülfe gernfen, wie ihr sagt, weil euch selbst Unrecht geschah, und doch habt ihr jenen selbst mitgeholfen, Andern Unrecht anzuthun. Oder ist es etwa schimpflicher, einen entsprechenden Dank gar nicht abzustatten, als einen solchen, den man zwar um der Sache der Gerechtigkeit willen schuldig geworden ist, aber nur unter Verletzung der Gerechtigkeit abstatten kann?" 35) Das hier erwähnte Bllrgerthum kann sich nur daraus beziehen, daß dem 427 eingetretenen Vollbürgerrecht vielleicht die Erlaubniß der Wechselheirathen zwischen Platäern und Athenern, oder auch Isopolitie, d. i. Bürgerrecht zweiten GradeS, ohne Stimmrecht und Anspruch auf Aemter, voranging.
„Dadurch habt ihr gezeigt, daß ihr auch damals nicht der 427 v. Chr. Hellenen wegen allein nicht zu den Medern gehalten habt, sondern nur < weil auch die Athener es nicht gethan haben; ihr wolltet eben dasselbe thun wie diese und das Gegentheil von jenen. Jetzt aber verlangt ihr, daß auch von diesen hier die Tapferkeit belohnt werde, die ihr Andern zu Liebe gezeigt habt. Das ist nicht in der Ordnung. Habt ihr die Partei der Athener vorgezogen, so theilt jetzt mit ihnen auch die Gefahr und beruft euch nicht immer auf jenen Bundesfchwur, als ob euch der jetzt Rettung bringen sollte. Ihr seid längst davon zurück- getreten und seid ihm untreu geworden, denn ihr habt die Aegineten und andere Eidgenossen lieber unterwerfen helfen, als daß ihr es gehindert hättet, und das aus ganz freier Wahl und indem ihr eure freie Verfassung hattet, wie sie noch jetzt ist, und Niemand euch zwang, wie es uns geschah. Habt ihr doch noch die letzte Aufforderung vor eurer Einschließung, daß ihr euch ruhig verhalten solltet und keiner von beiden Parteien zu helfen brauchtet, zurückgewiesen! Wen träfe nun der Haß aller Hellenen gerechter als euch, die ihr zum Verderben jener eure Tapferkeit gezeigt habt? Und wenn ihr einmal Bravheit an den Tag gelegt habt, wie ihr sagt, so habt ihr jetzt gezeigt, daß das nicht eure eigentliche Natur war; wonach aber diese immer begehrte, das ist nun in seiner wahren Gestalt an's Licht gebracht; denn ihr seid mit den Athenern den Weg der Ungerechtigkeit gewandelt. Was es mit unserer unfreiwilligen Perser- und eurer freiwilligen Athenerfreundfchaft für eine Bewandtniß hat, haben wir hiemit dargethan."
„Was nun unser letztes Unrecht gegen euch betrifft, daß ihr nämlich sagt, wir seien wider alles Recht mitten im Frieden und zur Zeit des Neumondfestes gegen eure Stadt gezogen, so glauben wir auch hierin nicht schuldiger zu sein als ihr selbst. Sind wir aus eigenem Antriebe fechtend gegen eure Stadt gerückt und haben, wie Feinde zu thun pflegen, euer Land verwüstet, so sind wir schuldig; wenn aber Männer, die durch Reichthum und Geschlecht unter euch die ersten waren, in der Absicht, euch von dem auswärtigen Waffenbündniß abzubringen und zum gemeinsamen Bunde der Gesammtböoten zurückzuführen, uns aus freiem Antrieb ihrerseits herbeigernsen haben, 36) Vgl. II. 2. 16* 427 v. Chr. worin besteht dann unser Unrecht? Da ist doch die Schuld eher auf Seiten der Führer als bei denen, die nur folgen. In der That aber haben nach unserem Urtheil weder jene gefehlt, noch auch wir. Sie waren Bürger so gut als ihr und haben mehr als ihr auf's Spiel gesetzt, als sie uns die Thore öffneten. Und indem sie uns in freundlicher , nicht in feindlicher Absicht in eure Stadt brachten, wollten sie nur die Schlechteren unter euch hindern, noch schlechter zu werden, und die Besseren in die verdienten Rechte einsetzen. Sie wollten eure Einsicht zur Vernunft lenken und die Stadt keineswegs ihrer Bürger berauben, sondern sie nur der eigenen Stammverwandtshcaft zurückgeben und euch mit Niemanden verfeinden, sondern mit allen Parteien gleich freundlich stellen."
„Daß wir aber nicht als Feinde aufgetreten sind, zeigt unser Benehmen: Nicht nur daß wir Niemanden ein Leids angethan, haben wir vielmehr von vorn herein verkündet, wer eine Staatsverfassung nach der väterlichen Weise aller Böotier wolle, der möge zu uns treten. Ihr fügtet euch dem auch ganz willig, gingt einen Vergleich mit uns ein und verhieltet euch anfangs ruhig; dann aber, als ihr merktet, daß unser nur Wenige seien, da, anstatt Gleiches mit Gleichem zu vergelten — obgleich unser Verfahren allerdings etwas aufdringlich war, da wir nicht mit Bewilligung der Menge in die Stadt gekommen waren — und anstatt uns gütlich zum Abzug zu bereden, seid ihr plötzlich zu Thätlichkeiten geschritten, habt uns dem Vergleiche zuwider angegriffen und im Handgemenge Viele von uns getödtet. Und das könnten wir noch leichter vershcmerzen, denn jene haben in gewissem Sinne Gerechtes erlitten. Daß ihr aber die Andern, welche die Hände flehend emporstreckten und die ihr auch gefangen nahmt, eurem Versprechen, Keinen mehr zu tödten, zum Trotz hinterdrein dennoch hingerichtet habt, ist das nicht eine gottlose That? Und damit habt ihr euch in einer kurzen Spanne Zeit dreifach verfehlt, durch den Bruch des Vergleichs, durch die nachherige Hinrichtung der Männer, und dann, weil ihr uns mit dem Versprechen hintergangen habt, sie nicht tödten zu wollen, wenn wir euch an eurem Besitz auf dem Lande nicht schädigten. Und trotzdem behauptet ihr noch, wir seien die Schuldigen, und verlangt, für euer Theil, von aller Sühne losgesprochen zu werden. Nein, das wird nicht geschehen, wenn anders diese Männer hier ein gerechtes Urtheil fällen. Ihr sollt für Alles zumal 427 v. Chr. büßen."
„Ueber diese Dinge, ihr Lakedämonier, haben wir uns deßhalb und sowohl euret- als unsertwegen ausgelassen, damit ihr wisset, daß ihr sie mit vollem Recht zum Tode verurtheilen werdet, und daß wir mit noch heiligerem Rechte Rache an ihnen gesucht haben. Laßt euer Ohr nicht rühren durch Tugenden einer vergangenen Zeit, wenn dergleichen je wirklich vorhanden waren. Solche sollen den Bedrückten zu Statten kommen, denen aber, die schändlich handeln, müssen sie Verdoppelung der Strafe wirken, weil sie sich in einer Weise vergangen haben, wie es ihrer Art nicht geziemte. Auch ihr Winseln und Wehklagen darf ihnen nichts nützen, noch daß sie ein Geschrei anheben von den Gräbern eurer Väter und der Verödung ihrer Stadt. Wir weisen dagegen auf die Blüthe unserer Bürger hin, die viel Schrecklicheres leiden und von der Hand dieser den Tod nehmen mußten. Das waren diejenigen, deren Väter theils bei Koronea fielen, indem sie Böotien euch zubrachten, theils nun, alt und verlassen im verödeten Haus, mit viel mehr Recht euch flehend nahen, ihnen an diesen hier Rache zu, schaffen. Des Mitleids sind würdiger die, welche Unverdientes leiden mußten; wen aber die Gerechtigkeit schlägt, wie diese hier, verdient im Gegentheil eher, daß man sich darüber freue. Ihre jetzige Verlassenheit haben sie nur sich selbst zuzuschreiben; denn sie haben freiwillig die besseren Bundesgenossen von sich gestoßen. Ohne vorher beleidigt zu sein, haben sie widerrechtlich gegen uns gehandelt und dabei mehr ihrem Hasse als der Billigkeit Gehör gegeben, so daß ihre Strafe jetzt kaum ihrem Verbrechen gleichkommen wird. Denn sie werden nach dem Gesetze leiden und nicht, wie sie sagen, als solche, die im Kampfe die Hände flehend emporgehoben, sondern die sich unter der Bedingung ergeben haben, nach dem Gesetze gerichtet zu werden. Schaffet nun auch, ihr Lakedämonier, Sühnung dem Gesetze der Hellenen, das von diesen übertreten wurde, und uns, die wir wider alles Recht gelitten, stattet den schuldigen Tank ab für den Eifer, den wir gezeigt haben. Laßt unsere Sache in eurem Urtheil nicht durch dieser Leute Redekünste aus dem Feld schlagen, sondern gebt den Hellenen ein Beispiel, daß ihr nicht Wettkämpfe der Worte wollt, sondern die Thaten. Sind diese brav, so genügt kurze Meldung, 427 v. Chr. faulen Thaten freilich müssen kunstvoll geschlungene Reden einen Schleier umhängen. Wenn ihr aber als Häupter des Bundes, wie jetzt, so in jedem Falle euer Urtheil nach den entscheidenden Thatsachen kurz fällt, so wird es Einer künftig eher bleiben lassen, zur Beschönigung ungerechter Thaten schöne Worte zu suchen."
So redeten die Thebaner. Die Lakedämonier aber als Richter glaubten, sie hätten die Frage bereits richtig gestellt, ob sie nämlich während der Dauer dieses Krieges irgend einen Dienst von jenen erfahren hätten — weil sie nämlich schon in der Zeit vor diesem Kriege das Ersuchen an sie gestellt hätten, sich gemäß dem Bunde, den Pausanias nach der Besiegung der Meder mit ihnen geschlossen hatte, ruhig zu verhalten, und weil jene auch später die Anträge, die ihnen vor der Einschließung ihrer Stadt gemacht wurden, nämlich sich jenem Bunde gemäß neutral zu verhalten, nicht angenommen hätten. Demnahc glaubten die Lakedämonier, daß jene wegen Nichterfüllung dieser gere chten Forderung schon nicht mehr als Verbündete zu betrachten seien und überdies; ihnen bereits Schaden zugefügt hätten. Sie ließen also jeden einzeln vorführen und fragten ihn nochmals, ob er den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen während dieses Krieges irgend einen Dienst erwiesen habe, und wie er dieß verneinte, wurde er abseits geführt und hingerichtet. Verschont aber wurde nicht Einer. So starben von den Platäern selbst nicht weniger als zweihundert und dazu sünsuudzwanzig Athener, welche die Belagerung mit ausgehalten hatten; die Weiber verkauften sie als Sklavinnen. Die Stadt selbst gaben die Thebaner ungefähr ein Jahr lang Bürgern von Megara-^) zu bewohnen, die in Folge innerer Zwiste waren ausgetrieben worden, wie auch denjenigen Platäern, die zu ihrer Partei gehalten und noch am Leben waren. Später aber machten sie die ganze Stadt dem Boden gleich und bauten neben dem Tempel der Hera eine Her- 37) An die Stelle einer ganz entarteten Demokratie und zerrütteter Zustände folgte in Megara schon vor Beginn des Krieges eine oligarchische Regierung, womit der Abfall von der athenischen Bundesgenossenschaft (vgl. l. 103) gegeben war. Zu Anfang des Krieges findet sich eine oligarchische Partei wieder in der Verbannung. Zu diesen werden auch die hier erwähnten Flüchtlinge gehört haben. 38) Dieser Tempel spielte eine Rolle in der Schlacht bei Platäa As, berge von zweihundert Fuß Länge, rings herum und unten und oben 427 v. Chr. mit Gemächern, und verwendeten dazu die Dächer und Thürpfosten der Platäer. Von dem Uebrigen, was sich an Erz und Eisen in der Stadt fand, machten sie Ruhebetten und weihten sie der Hera und bauten dieser auch einen steinernen Tempel von hundert Fuß Länge. Grund und Boden erklärten sie für Gemeindeland und verpachteten es auf zehn Jahre, wovon der Nutzen den Thebanern zufiel. Wie denn wohl auch überhaupt der Thebaner wegen sich die Lakedämonier so hart gegen die Platäer gezeigt haben, weil sie glaubten, jene würden ihnen in dem gegenwärtigen Kriege von Nutzen sein. Dieß Ende nahm es mit Platäa im drei und neunzigsten Jahre, seitdem sie Bundesgenossen der Athener geworden waren (519 v. Chr. G.)>
Die vierzig Schiffe der Peloponnesier indessen, welche den Lesbiern zu Hülfe gekommen waren, wurden damals auf ihrer Flucht auf der hohen See von einzelnen athenischen Schiffen verfolgt. Dann trieb sie ein Sturm an die Küste von Kreta und von hier gelangten sie einzeln nach dem Peloponnes, wo sie bei Kyllene dreizehn Dreiruderer der Leukadier und Amprakioten antrafen und dabei des TelliZ Sohn Brasidas, der dem Alkidas als Mitberather an die Seite gegeben, worden war. Als die Lakedämonier nämlich ihre Unternehmung auf Lesbos gescheitert sahen, so wollten sie ihre Flotte vermehren und nach dem von innern Unruhen heimgesuchten Kerkyra segeln, da die Athener nur mit 12 Schiffen bei Naupaktos standen; und sie wollten sich damit beeilen, damit nicht früher noch eine athenische Flotte zu Hülfe kommen könnte. Und hiezu nun rüsteten Brasidas und Alkidas.
Die Kerkyräer nämlich waren unter sich uneins geworden, nachdem die in den Seeschlachten wegen Epidamnos gemachten Kriegsgefangenen wieder zurückgekommen waren, freigegeben von den Korinthern , wie es hieß, weil sich die Staatsgastfreunde mit einer Summe Herodot IX, 52. 53. Zu der Hera, die hier verehrt wurde, betete auch PausaniaS im Beginn der Schlacht, als den Spartanern die Opserzeichen nicht günstig ausfallen wollten. Gewiß wurde dieser Tempel, schon wegen der Gräber der Gefallenen in der Nähe, sehr häufig besucht (Herodot IX, 35), weßhalb für Besucher und Wallfahrer die Herberge gebaut wurde, von der hier die Rede ist. 427 v. Chr. von achthundert Talenten für sie verbürgt hätten, in der That aber, weil sie sich von den Korinthern hatten bereden lassen, ihnen Kerkyra wieder zuzuwenden. Und in diesem Sinne wirken sie auch, indem sie die einzelnen Bürger angingen, um sie zum Abfall von den Athenern zu bereden. Als nun sowohl ein attisches, als auch ein korinthisches Schiff Gesandte brachten und diese redend aufgetreten waren, so beschlossen die Kerkyräer, den Athenern zwar dem Vertrage gemäß Bundesgenossen zu bleiben, sich aber auch zu den Peloponnesiern so freundlich zu stellen, wie früher. Nun war dort Peithias, der aus eigenem Antrieb Gastfreund der Athener geworden war und damals zu den Volksvorstehern gehörte. Den führten jene Männer vor Gericht, indem sie behaupteten, er wolle Kerkyra den Athenern unterthänig machen. Er wurde aber freigesprochen und stellte nun seinerseits die fünf reichsten unter jenen Männern vor Gericht, mit der Beschuldigung, daß sie aus dem heiligen Haine des Zeus und des Alkinoos Wein- pfähle gehauen hätten. Jeder Pfahl aber sollte nach dem Gesetz mit einem Stater gebüßt werden. Als nun jene verurtheilt' wurden und wegen der hohen Strafsumme sich als Schutzflehcnde in die Heiligthümer begaben, um zu erlangen, daß sie in selbstgewählten Fristen abzahlen dürften, so setzte es Peithias durch, daß nach der Strenge des Gesetzes verfahren werden sollte, denn er saß auch mit im Rathe. Nach dem Buchstaben des Gesetzes aber durfte ihnen dieß nicht erlaubt werden, und als sie nun auch erfuhren, daß Peithias, so lange er noch im Rathe sitze, das Volk dahin stimmen wolle, der Athener Freunde und Feinde auch für ihre Freunde und Feinde zu erklären, so ermannten sie sich, drangen mit Dolchen bewaffnet plötzlich in die Rathsver« 39) In den alten Zeiten war das Staatsgastrecht (Proxenie) an die Person des Fürsten geknüpft, an dessen Stelle später die Staatsgemeinde trat. StaatSga st freund einer Stadt war derjenige Bürger eines andern Staates,'welcher aus irgend welchen Beweggründen freiwillig die Pflicht übernahm, die Bürger jener Stadt in seiner eigenen Heimat gastfreundlich aufzunehmen und politisch zu vertreten, wofür ihm der Staat, dessen Bürger er war, wiederum Gastsreund und zweites Vaterland wurde. Dieß Verhältnis; ist also mit unseren Consulaten zu vergleichen, nur daß der Staatsgastfreund von vorn herein nicht Bürger des vertretenen Staates war. Vergl. II. 29. 40) Der Silberstater ist nahezu gleich ! Thlr. pr., der Sold stater das fünffache. sammlung und stießen den Peithias nebst andern Rathsherrn, wie auch 427 v. . Chr. einige sechzig Bürger nieder. Einige wenige von der Partei des Pei» < thias flüchteten sich auf den attischen Dreiruderer, der noch im Hafen lag.
Nachdem jene diese That verübt hatten, riefen sie die Kerkyräer zusammen und hielten ihnen vor, daß das der beste Zustand für sie sei und daß sie so am wenigsten Gefahr liefen, in athenische Knechtschaft zu gerathen: für die Zukunft sollten sie keine der beiden kriegführenden Parteien bei sich aufnehmen, außer wenn sie mir mit einem Schiffe kämen und sich ruhig verhielten; wer mit größerer Macht käme, der solle als Feind behandelt werden. Nachdem sie in diesem Sinne gesprochen, nöthigten sie sie auch, ihren Vorschlag zum Beschlusse zu erheben. Sogleich schickten sie aber auch nach Athen Gesandte, welche theils über das Vorgefallene einen Bericht erstatten sollten, so wie ihn ihr Vortheil erheischte, theils auch die dorthin Geflüchteten überreden, nichts Feindliches zu unternehmen, damit nicht neues Unheil über die Stadt komme.
Als diese nun angekommen waren, so nahmen die Athener wie die Gesandten selbst, so auch diejenigen, welche sich von ihnen hatten umstimmen lassen, als Aufrührer fest und brachten sie nach Aegina. Unterdessen machten sich die, welche in Kerkyra die Oberhand behaupteten, die Ankunft eines korinthischen Dreiruderers und lakedämonischer Gesandten zu Nutz, fielen über die Volkspartei her und besiegten sie im Kampfe. Mit Einbruch der Nacht aber zog sich das Volk nach der Burg und den hoch gelegenen Theilen der Stadt, sammelte sich daselbst und setzte sich fest, bemächtigte sich auch des hylläischen Hafens. Jene aber hielten den Markt besetzt, wo auch die Mehrzahl von ihnen wohnte, und den anstoßenden Hafen, der gegen das Festland zu liegt.
Des folgenden Tags fanden einige Plänkeleien Statt, während beide Theile auf dem Lande umherschickten, um die Sklaven durch Verheißung der Freiheit auf ihre Seite zu bringen. Die Mehrzahl der Sklaven nun trat auf die Seite des Volks, hingegen stießen zu jenen achthundert Mann Hülfsvölker vom Festlande.