Book 1
„Ich habe selbst schon Kriege mitgemacht, Lakedämonier, und sehe auch unter euch hier manche, die schon alt und er fahren genug sind, um sich nicht, wie wohl die große Mehr heit hier, nach Krieg zu sehnen und ihn für ein Glück oder für ein Kinderspiel zu halten. Daß der Krieg, über den ihr jetzt verhandelt, ein gewaltiger werden wird, müßt ihr euch bei ruhiger Überlegung selbst sagen. Unseren Nachbarn hier im Peloponnes sind wir mit unserer Macht ja so ziemlich ge wachsen und können ihnen nötigenfalls auch leicht ins Land fallen. Aber mit Leuten in einem ferneren Lande, die zudem seetüchtig und mit allem aufs beste versehen sind, - großem Wohlstand, vollen Kassen, Schiffen, Pferden, Waffen, auch mit Menschen mehr als irgend sonstwer in Griechenland, - und überdies noch eine Menge steuerpflichtiger Bundesgenossen haben, - was sollen wir mit denen so ohne weiteres Krieg anfangen, und worauf können wir zählen, um darauf, unvorbereitet wie wir sind, solche Eile zu haben? Auf unsere Flotte? Damit sind sie uns überlegen, und eine brauchbare Flotte schafft man sich nicht im Handumdrehen. Auf unser Geld? Daran fehlt es uns erst recht. Unsere Kassen sind leer, und selbst den Beutel zu ziehen, ist man bei uns auch nicht sonderlich ge neigt.
„Vielleicht meint man, bei unserer Überlegenheit an schwerem Fußvolk könnten wir unbedenklich einen Einfall nach Attika wagen und ihr Land verwüsten. Aber sie haben auch anderswo noch Land genug und können alle ihre Bedürfnisse über See beziehen. Wollten wir dann etwa noch versuchen, ihre Bundes genossen zum Abfall zu bewegen, so würden wir diesen, die ja meist auf Inseln wohnen, auch mit der Flotte unter die Arme greifen müssen. Was wird also aus dem Kriege werden? So lange wir ihnen nicht zur See überlegen sind und Mittel und Wege zur Unterhaltung ihrer Flotte abschneiden können, werden wir ihnen gegenüber regelmäßig den kürzeren ziehen. Solchen- falls aber würden wir schon Schimpfs halber die Hand zum Frieden nicht bieten dürfen, zumal wenn es hieße, daß wir es im Grunde doch gewesen, die den Streit angefangen. Denn wir dürfen uns nicht einbilden, daß der Krieg bald zu Ende sein würde, wenn wir ihnen ihr Land verwüsten. Im Gegen teil, ich fürchte, wir werden ihn auch noch unseren Kindern hinterlassen. So viel ist gewiß, die Athener sind viel zu stolz, als daß sie ihrer Scholle zuliebe klein beigeben sollten, und haben der Gefahr schon zu oft ins Auge gesehen, um sich durch ein bißchen Krieg gleich ins Bockshorn jagen zu lassen.
„Nun ist es ja keineswegs meine Meinung, den Übergriffen der Athener gegen unsere Bundesgenossen ruhig zuzusehen oder ihnen nicht auf den Dienst zu passen, wo sie Böses im Schilde führen; wohl aber halte ich es für besser, nicht gleich zu den Waffen zu greifen, sondern zunächst mal Gesandte an sie zu schicken, um mit ihnen zu verhandeln, ohne schon mit dem Säbel zu rasseln, aber auch ohne den Schein zu erwecken, daß man den Krieg unbedingt zu vermeiden wünsche. Unter dessen müssen wir selbst rüsten und uns nach Bundesgenossen ) umsehen, seien es Griechen oder Barbaren, um womöglich irgend-woher Hilfe an Schiffen oder an Geld zu erhalten. In einer Lage wie der unserigen, wo es sich um einen Kampf auf Leben und Tod mit den Athenern handelt, kann uns niemand verdenken, wenn wir nicht nur Griechen, sondern auch Bar baren zu Hilfe nehmen. Inzwischen können wir dann auch unsere eigenen Rüstungen vollenden. Geben sie unseren Ge sandten Gehör, um so besser! Wenn nicht, so können wir immer noch zwei oder drei Jahre darüber hingehen lassen, um alsdann, wenn es sein muß, besser gerüstet den Kampf mit ihnen aufzunehmen. Wenn sie sich überzeugen, daß wir fertig und bereit sind, jeden Augenblick loszuschlagen, und auch die Reden hier alsdann denselben Geist atmen, werden sie vielleicht schon eher geneigt sein, andere Saiten aufzuziehen, und sich dazu entschließen, bevor ihr Land verwüstet wird und sie ihre Habseligkeiten in Rauch aufgehen sehen. Immer aber würdet ihr ihr Land nur als Pfand in Besitz nehmen dürfen, grade weil es so gut angebaut ist; denn wenn wir es nicht möglichst schonen und sie dadurch zur Verzweiflung bringen, werden wir erst recht nicht mit ihnen fertig werden. Lassen wir uns jetzt durch die Klagen der Bundesgenossen dazu drängen, nngerüstet wie wir sind, ihr Land zu verwüsten, so sollt ihr mal sehen, wie es uns erst im Peloponnes gehen würde. Beschwerden einzelner Städte lassen sich noch beilegen; kommt es aber solcher Sonderinteressen wegen zu einem allgemeinen Kriege, dessen Ausgang nicht abzusehen ist, so wird man ihn mit Anstand so leicht nicht wieder los.
„Hattet es nicht für Feigheit, wenn so viele eine einzelne Stadt nicht gleich angreifen wollen; denn auch dort haben sie Bundesgenossen, und zwar solche, die ihnen Steuern zahlen, und dadurch Geld die Menge. Im Kriege aber kommt es schließlich weniger auf die Waffen als darauf an, wer den letzten Taler hat, zumal im Kriege einer Landmacht gegen eine Seemacht. Sorgen wir also erst mal für Geld, statt uns von unseren Bundesgenossen vorschnell zum Kriege überreden zu lassen. Uns trifft denn doch ganz überwiegend die Verant wortung für den Ausgang der Sache, und darum wollen wir sie uns vorher in aller Ruhe überlegen.
„Den Vorwurf der Schwerfälligkeit und übermäßiger Be dächtigkeit, den man uns immer macht, könnt ihr euch gern gefallen lassen. Wolltet ihr die Sache jetzt hastig und unvor bereitet angreifen, so würdet ihr damit nur um so später zu Ende kommen. Wir sind immer ein freier und hochangesehener Staat gewesen, und jene Schwerfälligkeit bedeutet in der Tat nichts weiter als eine vorsichtige und besonnene Politik. Denn ihr verdanken wir, daß nur wir im Glück nicht übermütig werden und im Unglück nicht so leicht wie andere verzagen. Will man uns durch Schmeichelei zu gefährlichen Unternehmungen ver locken, so lassen wir uns nicht aus Eitelkeit gegen unsere bessere Überzeugung fortreißen, und wenn man uns durch spöttische Bemerkungen dazu reizen wollte, so würde uns das ebensowenig rühren, und wir würden auch damit nicht zu haben sein. Wir stehen unseren Mann im Kriege wie im Rate, und das verdanken wir unserer strengen Mannszucht. Jenes, weil Ehrgefühl mit guter Zucht, Ehrgefühl aber mit Tapferkeit aufs engste zusammenhängt, dieses, weil man uns nicht durch Überbildung dazu erzieht, die Gesetze zu verachten, sondern uns durch strenge Zucht von Jugend auf daran ge wöhnt, ihnen zu gehorchen. Wir verstehen uns nicht genug aufbrot lose Künste, um erst in wohlgesetzten Reden über die verkehrten Maßregeln des Feindes den Stab zu brechen und dann doch, wenn es zum Klappen kommt, nicht draufzugehen. Wir halten andere auch nicht für dümmer als uns und glauben nicht, daß man sich den Verlauf der Dinge im voraus an den Fingern abzählen könne. Bei unseren Vorbereitungen zum Kriege müssen wir immer davon ausgehen, daß wir es mit einem Gegner zu tun haben, der seine Sache versteht. Man darf seine Rechnung nie auf die Fehler des Gegners machen, sondern sich nur auf seine eigene Schlagfertigkeit verlassen. Glaubt nur, die Menschen sind an sich nicht so sehr voneinander ver schieden; die aber bringen es am weitesten, in denen man die notwendigsten Fähigkeiten ausgebildet hat.
„Das sind die Grundsätze, die wir von unseren Vätern überkommen und bisher auch selbst zu unserem Besten stets befolgt haben, und ihnen laßt uns treu bleiben. Hüten wir uns, hier in ein paar Stunden einen Beschluß zu fassen, an dem das Leben so vieler Menschen, das Schicksal vieler Städte, so viel Geld und Gut und schließlich auch unser guter Name hängt, sondern laßt uns die Sache erst ruhig überlegen. Wir können uns das bei unserer Macht ja eher als andere gestatten. Schickt also zunächst mal Gesandte an die Athener, um mit ihnen über Potidäa und die übrigen Beshcwerden der Bundes genossen zu verhandeln. Sie sind ja bereit, sich einem Schieds gerichte zu unterwerfen, und wer das ist, dem darf man nicht ohne weiteres als Friedensbrecher den Krieg erklären. Zu gleicher Zeit rüstet euch zum Kriege. Das ist der beste Beschluß, den ihr fassen könnt, und er wird seinen Eindruck auf die Gegner nicht verfehlen."
So Archidamos. Zuletzt trat Stenela'idas auf, der damals Ephor war, und ließ sich unter den Lakedämoniern also ver nehmen:
„Das lange Geschwätz der Athener verstehe ich nicht. Erst eine lange Selbstberäucherung, dann aber nicht ein Wort, um die ihnen schuldgegebenen Übergriffe gegen unsere peloponne sischen Bundesgenossen auch nur in Abrede zu stellen. Wenn sie sich damals gegen die Perser gut gemacht haben und sich jetzt gegen uns so nichtswürdig benehmen, so sind sie doppelt strafbar, weil sie aus ehrenhaften Leuten zu Halunken ge worden sind. Wir sind noch dieselben, jetzt wie damals, und müßten den Verstand verloren haben, wollten wir unsere Bundesgenossen, denen es bereits an den Kragen geht, jetzt im Stich lassen, statt ihnen sofort zu Hilfe zu kommen. Haben andere Geld, Schiffe und Pferde die Menge, so haben wir wackere Bundesgenossen, und die dürfen wir den Athenern nicht ausliefern. Mit Schiedsgerichten aber und mit Worten läßt sich das nicht abmachen. Wie man auch ihnen nicht bloß mit Worten zu Leibe geht, sondern mit den Waffen in der Hand, so müssen auch wir ihnen beistehen, und zwar schleunigst und mit aller Macht. Laßt euch nicht weismachen, daß es uns, den Beleidigten, zukäme, die Sache noch lange zu überlegen; nein, grade der Störenfried hätte sie sich erst drei mal überlegen sollen. Darum, Lakedämonier, beschließt, wie eS Spartas würdig ist, den Krieg. Laßt die Athener nicht noch mächtiger werden, und liefert ihnen unsere Bundes genossen nicht aus, sondern mit den G.ötteru drauflos gegen die Spitzbuben!"
Nach diesen Worten ließ er, da er selbst Ephor war, in der Versammlung der Lakedämonier abstimmen. Nach der Ab stimmung, die bei ihnen nicht durch Marten, sondern mündlich erfolgt, aber sagte er, er sei zweifelhaft, wofür die Mehrheit gewesen sei, und um sie um so auffälliger Farbe bekennen zu lassen und dadurch erst recht zum Kriege zu Hetzen, fügte er hinzu: „Wer dafür stimmt, Lakedämonier, daß ein Friedens- bruch vorliegt und die Athener die Schuldigen sind, trete auf jene Seite," - indem er mit dem Finger dahin zeigte, - „wer dagegen stimmt, hier auf die andere." Hierauf standen sie alle auf und traten nach beiden Seiten auseinander, und eS ergab sich, daß die, welche den Frieden für gebrochen erklärten, die große Mehrheit bildeten. Darnach ließ man die Bundes genossen wieder vortreten und eröffnete ihnen, man habe sich dafür entschieden, daß die Athener im Unrecht seien, wolle aber auch sämtlichen Bundesgenossen Gelegenheit geben, dar über ebenfalls abzustimmen, um den Krieg gegebenenfalls in allseitigem Einverständnis führen zu können. Nachdem die Sache abgemacht, reisten die Bundesgenossen wieder ab, und darauf, nachdem sie das Geschäft, welches sie hergeführt, er ledigt hatten, auch die athenischen Gesandten. Diese Ent scheidung der Versammlung, wodurch der Friede für gebrochen erklärt wurde, erfolgte im vierzehnten Jahre des dreißig-'' jährigen Friedens, welcher nach dem Euböischen Kriege ge-j ^ schlossen war.
Den Beschluß, daß der Friede gebrochen und der Krieg unvermeidlich sei, faßten die Lakedämonier aber nicht sowohl ihren Bundesgenossen zu Gefallen, als vielmehr aus Furcht vor dem weiteren Anwachsen der Macht der Athener, die ja schon damals weitaus den größten Teil aller Griechen ihrer Herrschaft unterworfen hatten.
Daß aber die Athener mit der Zeit^zu solcher Macht ge langt waren, hing so zusammen. Nachdem die Perser, zu Wasser und zu Lande besiegt, aus Europa abgezogen und auch die zu Schiff entkommenen Reste ihres Heeres bei Mykale ver nichtet worden waren, ging Leotychides, der König der Lake dämonier, der bei Mykale den Oberbefehl über die Griechen geführt hatte, mit den Bundesgenoffen aus dem Peloponnes wieder nach Hause. Die Athener aber und die inzwischen vom Könige abgefallenen Bundesgenossen aus Jonien und vom Hellespont hielten aus und belagerten Sestos, wo sich die Perser noch behaupteten. Auch brachten sie, nachdem der Winter darüber hingegangen und die persische Besatzung schließlich abgezogen war, die Stadt in ihre Gewalt. Darauf kehrten sie mit ihren Schiffen vom Hellespont alle in ihre Heimat zurück.
Die athenische Regierung aber ließ, sobald der Feind das Land geräumt hatte, Weiber und Kinder und was an fahren der Habe noch vorhanden war, aus den Orten, wohin man sie in Sicherheit gebracht hatte, wieder in die Stadt schaffen und traf Anstalt, Stadt und Mauern wieder aufzubauen. Von der Ringmauer nämlich war nur wenig stehen geblieben, und auch die Häuser lagen meist in Trümmern bis auf einige wenige, die den vornehmen Persern selbst als Wohnung ge dient hatten.
Als die Lakedämonier davon hörten, schickten sie Gesandte nach Athen, um die Sache zu hintertreiben; denn auch sie selbst hätten es lieber gesehen, wenn es in Athen und an anderen Orten keine Mauern gegeben hätte; hauptsächlich aber wurden sie dazu gedrängt durch die Furcht ihrer Bundesgenossen vor der neuerdings entstandenen Seemacht und der im Perserkriege bewiesenen Tatkraft der Athener. Sie ersuchten sie deshalb, ihre Stadt nicht zu befestigen und ihnen auch zur Beseitigung der in anderen Städten außerhalb des Peloponnes vorhandenen Mauern die Hand zu bieten. Ihre eigentliche Absicht aber und ihre Hintergedanken ließen sie dabei nicht durchblicken. Wenn die Perser mal wiederkämen, sagten sie, dürften sie keinen festen Platz finden, auf den sie sich stützen könnten, wie diesmal auf Theben, den Griechen aber werde der Peloponnes als Zufluchts ort und als Stützpunkt für ihre Unternehmungen genügen. Die Athener erwiderten ihnen auf Rat des Themistokles, sie würden dieserhalb selbst eine Gesandtschaft an sie schicken, und -ließen sie damit wieder abziehen. Nun aber riet Themistokles weiter dazu, ihn selbst unverzüglich als Gesandten nach Lake dämon abzufertigen, die übrigen Mitglieder der Gesandtschaft aber nicht gleich mitreisen zu lassen, sondern in Athen zurück zuhalten, bis die Mauer so weit fertig sei, daß man sie im Notfall verteidigen könne. Unterdessen müsse die ganze Stadt Hand anlegen, alles, Männer, Weiber und Kinder, mauern helfen; weder Privathäuser noch öffentliche Gebäude solle man schonen, sendet? einfach alles niederreißen, wenn der Bau dadurch gefördert werden könnte. Nachdem er das in die Wege geleitet und ihnen dann noch angedeutet hatte, daß er das Weitere dort schon selbst besorgen werde, reiste er ab. Nach seiner Ankunft in Lakedämon machte er bei den Herren der Regierung zunächst keinen Besuch, sondern wußte das unter allerlei Vorwänden zu verschieben, und wenn ihn einer von der Regierung darauf anredete, weshalb er sich denn bei ihnen nicht sehen ließe, sagte er, die übrigen Gesandten, die zufällig verhindert gewesen seien, gleich mitzureisen, seien immer noch nicht angekommen, er erwarte sie aber jeden Augenblick und könne nicht begreifen, weshalb sie so lange ausblieben.
Die Lakedämonier trugen kein Bedenken, Themistokles das alles aufs Wort zu glauben. Als dann aber Reisende aus Athen kamen und aufs bestimmteste versicherten, daß die Mauer gebaut würde und bereits eine ziemliche Höhe erreicht habe, konnten sie im Grunde nicht länger zweifelhaft sein. Themistokles, aber, der auch davon hörte, bat sie, auf bloße Gerüchte nichts zu geben, sondern zunächst selbst mal einige zuverlässige Leute nach Athen zu schicken, um sich die Sache anzusehen und ihnen darüber auf Glauben zu berichten. Das taten sie auch. Themi stokles aber ließ die Athener insgeheim verständigen, sie möchten sie, ohne viel Aufsehen davon zu machen, dort festhalten, bis sie selbst aus Lakedämon zurück sein würden; denn inzwischen waren auch die übrigen Gesandten, Abronichos, Lysikles' Sohn, und Aristeides, Lysimachos' Sohn, mit der Nachricht, daß die Mauer schon hoch genug sei, bei ihm eingetroffen. Er fürchtete nämlich, wenn die Lakedämonier die Wahrheit erführen, würden sie auch sie nicht abreisen lassen; die Athener hielten denn auch seiner Anheimgabe gemäß die Gesandten fest.. Und nun kam Themistokles den Lakedämoniern gegenüber endlich mit der Sprache heraus und erklärte ihnen unverhohlen, die Mauer sei bereits fertig und Athen hinlänglich befestigt, um den Ein wohnern den nötigen Schutz zu gewähren. Für den Fall aber, daß die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen mal wieder Gesandte nach Athen schicken wollten, möchten sie sich merken, daß sie dort Leute finden würden, die man nicht erst darüber zu belehren brauche, was für sie und Griechenland das Beste sei. Auch damals hätten sie den Beschluß, daß es für sie das Beste sei, ihre Stadt aufzugeben und zu Schiff zu gehen, auf . eigene Gefahr ohne fremde Hilfe gefaßt und auch nahcher bei den gemeinsamen Beratungen mit ihnen wieder gezeigt, daß . sie nicht dümmer seien als andere Leute. So seien sie auch jetzt der Meinung, daß es für sie das Beste sei, ihre Stadt zu befestigen, und allen Bundesgenossen damit nicht minder gedient sein würde wie ihren eigenen Bürgern. Wenn es nicht allen Bundesgliedern freistehen solle, gleichmäßig für ihre Sicherheit zu sorgen, sei eine gesunde Bundesverfassung über haupt unmöglich; entweder also müßte man allen Bundes genossen verbieten, ihre Städte zu befestigen, oder den Athenern gestatten, es auch zu tun.
Äußerlich ließen die Lakedämonier es sich den Athenern gegenüber nicht merken, wie sie diese Erklärung verschnupft hatte. Natürlich war es ja doch auch bei der Gesandtschaft nicht auf einen Einspruch gegen den Bau, sondern nur auf einen wohlgemeinten Rat an eine befreundete Regierung ab gesehen gewesen, wie sie denn damals mit den Athenern wegen ihres im Perserkriege bewiesenen Eifers überhaupt noch auf gutem Fuße standen. Im Grunde aber war es ihnen doch sehr ärgerlich, daß sie ihren Zweck nicht erreicht hatten. Die Gesandten aber ließ man beiderteils unbehelligt wieder ab reisen.
Auf diese Weise gelang es den Athenern, ihre Stadtmauer in kurzer Zeit wiederherzustellen. Noch jetzt sieht man dem Bau die Eile an, mit der er ausgeführt wurde. Der Unter kau besteht aus Steinen aller Art, wie und wo sie grade zu haben gewesen waren. Zahlreiche Grabsteine und halbfertige Gildwerke wurden mit eingemauert, und da der Umfang der Stadt allenthalben erweitert wurde, schleppte man, was irgend brauchhax war, von allen Seiten zusammen. Auch setzte Themi stokles jetzt durch, daß die Bauten im Peiraieus wieder auf genommen wurden, womit schon im Jahre seines Archontats der Anfang gemacht worden war. Denn nach seiner Ansicht bot der Ort mit seinen drei natürlichen Häfen den Athenern, nachdem sie sich auf die See geworfen, zu weiterer Entwick lung ihrer Macht die beste Gelegenheit. Er zuerst hatte den großen Gedanken gefaßt, ihren Blick auf die See zu lenken, und so hatte er auch den Beginn jener Bauten gleich selbst mit in die Hand genommen. Auf seinen Rat machte man die Mauer um den Peiraieus so dick, wie es jetzt noch zu sehen ist, so daß zwei Wagen, welche Steine herauffuhren und sich darauf begegneten, einander ausweichen konnten. Inwendig war weder Kalk noch Mörtel. Mächtige Steine, an den Schnittflächen winkelrecht behauen, wurden aufeinander ge packt und auf der Außenseite durch eiserne Klammern und Blei verbunden. Fertig freilich wurde sie nur halb so hoch, wie sie nach seiner Absicht werden sollte. Er wollte sie nämlich hoch und dick genug machen, um beim Feinde den Gedanken an einen Angriff auf die Mauer gar nicht aufkommen zu lassen, indem seiner Meinung nach dann schon wenige, ja selbst Invaliden zu ihrer Bewachung genügen, alle übrigen aber auf der Flotte verwendbar sein würden. Denn die Flotte lag ihm immer zuerst am Herzen, und doch wohl deshalb, weil er sich sagte, daß es für ein persisches Heer leichter sein würde, zur See nach Griechenland zu kommen als zu Lande. Darum war auch in seinen Augen der Peiraieus wichtiger als die obere Stadt, und immer wieder empfahl er den Athenern, sich im Fall einer Niederlage zu Lande dahin zurückzuziehen, um von dort auf ihren Schiffen einer Welt in Waffen Trotz zu bieten. So befestigten die Athener gleich nach dem Abzüge der Perser ihre Stadt und richteten sich auch sonst für alle Fälle ein.
Nun aber wurde Pausanias, Kleombrotos' Sohn, aus Lakedämon als Oberbefehlshaber der Griechen vom Peloponnes mit zwanzig Schiffen ausgesandt, und auch die Athener mit dreißig Schiffen und viele andere Bundesgenossen schlossen sich dem Zuge an. Es ging zunächst nach Cypern, das man größtenteils unterwarf, und darauf nach Byzanz, das damals noch im Besitz der Perser war und nun noch unter seinem Oberbefehl belagert und erobert wurde.
Schon längst aber waren die Griechen über sein herrisches Wesen empört und niemand mehr als die Jonier und alle, die eben erst von der Herrschaft des Königs befreit worden waren. Sie wandten sich deshalb an die Athener und baten sie, als ihre alten Landsleute, den Oberbefehl über sie zu über nehmen und die Übergriffe des Pausanias nicht länger zu dulden. Die Athener ließen sich das nicht zweimal sagen und nahmen gern die Gelegenheit wahr, auf diese Weise das Heft überhaupt in die Hand zu bekommen. Inzwischen wurde Pau sanias von den Lakedämoniern abberufen und mit Rücksicht auf die Dinge, die ihnen zu Ohren gekommen waren, in Unter suchung gezogen. Mehrfach nämlich hatten sich Griechen, die nach Sparta gekommen, über den Mißbrauch seiner Gewalt beklagt, und er war darnach offenbar eher wie ein Tyrann als wie ein Feldherr aufgetreten. Die Abberufung erfolgte grade in dem Augenblick, wo die Bundesgenossen, mit Aus nahme der Mannschaften aus dem Peloponnes, aus Erbitterung über ihn zu den Athenern übergingen. In Lakedämon an gekommen, wurde er auch wegen verschiedener Vergehen, die er sich gegen diesen und jenen hatte zuschulden kommen lassen, verurteilt, in der Hauptsache dagegen freigesprochen. Der Hautvorwurf aber, den man ihm machte, war der, daß er mit den Persern durchgesteckt habe, und nach der allgemeinen Meinung unterlag das auch keinem Zweifel. Auch schickte man ihn als Oberbefehlshaber dann auch nicht wieder hinaus, sondern statt seiner Dorkis und ein paar andere mit nur wenig Mannschaft, welche die Bundesgenossen sich jedoch als Ober befehlshaber nicht mehr gefallen lassen wollten und die dann auch, als sie das merkten, wieder abzogen. Nachher schickten die Lakedämonier niemand mehr hinaus aus Furcht, ihre Leute könnten draußen auf schlechte Wege kommen, wie sie das ja an Pausanias erlebt hatten. Überhaupt beteiligten sie sich von nun an nicht weiter am Kriege gegen die Perser, weil sie annahmen, daß die Athener damit schon fertig werden würden und einstweilen mit ihnen noch auf gutem Fuße ständen.
Nachdem die Athener den ihnen von den Bundesgenossen aus Haß gegen Pausanias angetragenen Oberbefehl übernommen hatten, bestimmten sie, welche Orte zum Kriege gegen die Perser Geld tseuern und welche Schiffe stellen sollten, um, wie es hieß, die ausgestandenen Leiden durch Verheerung der Länder des Königs zu vergelten. Damals wurde auch das Bundes schatzmeisteramt von den Athenern zuerst eingerichtet, welches den Phoros, so nannte man die Steuer, zu erheben hatte. Als diese zum erstenmal umgelegt wurde, betrug sie vierhundert sechzig Talente. Schatzkammer war Delos, und in dem Tempel dort fanden auch die Versammlungen statt.
Ich erwähne nun zunächst, was die Athener in der Zeit dieser ihrer Hegemonie über die anfangs noch unabhängigen und auf den Versammlungen stimmberechtigten Bundesgenossen zwischen diesem und dem Perserkriege durch ihre Politik und durch Kriege gegen Perser, unbotmäßige Bundesgenossen und die überall mit dazwischentseckenden Peloponnesier zuwege ge bracht haben. Ich habe das hier mit aufgenommen und mir diese Abschweifung gestattet, weil sich über diesen Zeitraum bei allen meinen Vorgängern nichts findet, da sie entweder nur die griechische Geschichte vor den Perserkriegen oder die Perser kriege selbst behandelt haben. Auch Hellanikos, der in seinem Werke über Attika diese Dinge allerdings berührt, geht nur kurz darüber hinweg und ist in den Zeitangaben ungenau. Zugleich gewährt es einen Überblick über die Entstehung der athenischen Macht.
Zuerst belagerten und eroberten sie unter Kimon, dem Sohne des Miltiades, das noch von den Persern besetzte E'ion am Strymon und verkauften die Einwohner als Sklaven. Darauf eroberten sie die von Dolopern bewohnte Insel Skyros im Agäischen Meere, verkauften auch hier die Einwohner und besetzten sie mit eigenen Kolonisten. Dann führten sie einen Krieg gegen die Karystier auf Euboia, an dem sich jedoch die übrigen Euboier nicht beteiligten, und nötigten sie schließ lich auch, sich auf gewisse Bedingungen zu ergeben. Hierauf folgte ein Krieg gegen Naxos, welches von ihnen abgefallen war, das sie belagerten und zur Unterwerfung zwangen, der erste Fall, wo einem ihrer Bundesstaaten gegen das bis herige Bundesrecht seine Selbständigkeit entzogen wurde. Später sind andere dann freilich auch an die Reihe ge kommen.
Den Anlaß zu solchen Abfällen gaben hauptsächlich Rück stände bei Entrichtung der Steuern und der Stellung von Schiffen, auch etwa vorkommende Verweigerungen des Kriegs dienstes; denn die Athener trieben die Abgaben streng ein und ließen mit Zwangsmaßregeln nicht lange auf sich warten; da- durch aber wurden sie den Bundesgenossen, die solche Plackereien nicht gewohnt waren und verwünschten, in hohem Grade un bequem. Überhaupt war der Oberbefehl der Athener nicht mehr so beliebt wie zuerst; sie behandelten die Bundesgenossen im Felde wie Untertanen, und wenn ja einer von ihnen ab fiel, so unterwarfen sie ihn mit Leichtigkeit wieder. Daran aber waren die Bundesgenossen selbst schuld. Denn aus Ab neigung gegen den Kriegsdienst hatten sich die meisten, um nur nicht mit zu müssen, zur Steuer einschätzen lassen und zahlten, statt selbst Schiffe zu stellen, lieber den dafür auf sie entfallenden Betrag. Durch das Geld aber, das sie den Athenern zahlten, setzten sie diese in den Stand, ihre Flotte zu vergrößern, während sie selbst, wenn sie abfielen, völlig wehrlos und im Kriege unerfahren waren.
Dann aber kam es zwischen den Persern und den Athenern und ihren Bundesgenossen zu jener Land- und Seeschlacht am Flusse Eurymedon in Pamphylien, wo die Athener unter Kimon, Miltiades' Sohn, einen Doppelsieg erfochten und den Phöniziern im ganzen an die zweihundert Trieren wegnahmen und zer störten. Bald nachher fielen die Thasier von ihnen ab, die wegen der Handelsplätze gegenüber in Thrakien und der dort von ihnen betriebenen Bergwerke mit den Athenern in Streit geraten waren. Die Athener schickten eine Flotte nach Thasos) gewannen eine Schlacht und landeten auf der Insel. Um die selbe Zeit schickten sie zehntausend Kolonisten, teils aus Athen selbst, teils aus den anderen Bundesstaaten, nach dem Strymon, um sich bei den Neun-Wegen, wie es damals hieß, dem jetzigen Amphipolis, anzusiedeln. Diese bemächtigten sich auch der im Besitz der Edoner befindlichen Neun-Wege, wurden dann aber bei weiterem Vordringen ins Innere bei Drabeskos im Lande der Edoner von den Thrakern, die in der Gründung der Kolonie eine Feindseligkeit sahen, gänzlich aufgerieben.
Die Thasier aber, mehrfach besiegt und dann auch be lagert, riefen die Lakedämonier um Hilfe an und baten sie, ihnen durch einen Einfall nach Attika Luft zu machen. Die versprachen ihnen das auch hinter dem Rücken der Athener und machten bereits Anstalt dazu, als sie durch den Eintritt des Erdbebens daran verhindert wurden, bei dem auch die Heloten und die Periöken in Thuria und Aithaia sich empörten und Ithome besetzten. Die Heloten waren meist Nachkommen der seinerzeit unterjochten alten Messenier und wurden deshalb alle Messenier genannt. So wurden die Lakedämonier in einen Krieg mit den Messeniern in Ithome verwickelt, und die Thasier ergaben sich im dritten Jahre der Belagerung den Athenern. Sie mußten ihre Mauern schleifen, die Schiffe ausliefern, sofort eine ihnen auferlegte Summe Geld entrichten und von nun an Steuern zahlen, auch allen Ansprüchen auf das Fest land und die Bergwerke entsagen.
Als sich der Krieg gegen Jthome in die Länge zog, riefen die Lakedämonier Bundesgenossen zu Hilfe, namentlich auch die Athener, die dann auch mit einem ansehnlichen Heere unter Kimons Befehl erschienen. Sie hatten sie hauptsächlich gerufen, weil sie im Festungskriege für besonders erfahren galten. Da aber die Belagerung so lange dauerte, schien es ihnen damit nicht allzuviel auf sich zu haben; sonst hätten sie das Nest doch bezwingen müssen. Erst seit diesem Feldzuge trat die Verstimmung zwischen den Athenern und den Lakedämoniern auch äußerlich zutage. Da man den Platz nicht nehmen konnte, fürchteten die Lakedämonier bei der kecken und sprunghaften Politik der Athener, zumal sie nicht mit ihres Stammes waren, sie könnten sich bei längerem Bleiben zur Veränderung wohl gar mit den Messeniern in Jthome einlassen, und schickten sie, und zwar sie allein unter allen Bundesgenossen, wieder nach Hause. Ihren Verdacht ließen sie dabei nicht durchblicken, sondern erklärten einfach, daß sie ihrer Hilfe nicht weiter be dürften. Die Athener aber, weit entfernt zu glauben, daß es damit so böse nicht gemeint gewesen sei, merkten recht gut, daß sie nur deshalb weggeschickt wurden, weil man ihnen nicht traute, waren darüber empört und nicht gewillt, sich eine solche Behandlung von den Lakedämoniern gefallen zu lassen. Auch sagten sie sich gleich nach der Rückkunft von dem noch seit den Perserkriegen bestehenden Bündnis mit den Lakedämoniern los und schlossen mit deren Feinden, den Argeiern, ein Bündnis, dem dann als Dritte auch die Thessaler beitraten.
Als sich die Messenier in Jthome im zehnten Jahre der Belagerung nicht länger halten konnten, trafen sie ein Ab kommen mit den Lakedämoniern, wonah csie freien Abzug aus dem Peloponnes haben, ihn aber nie wieder betreten sollten und jedermann das Recht haben sollte, wenn einer von ihnen sich dort betreffen ließe, ihn festzunehmen und als Sklaven zu behalten. Schon früher nämlich hatten die Lakedämonier ein pythisches Orakel erhalten, den Schutzflehenden des Zeus von Jthome sollten sie ziehen lassen. So zogen denn die Messenier mit Weib und Kind von bannen, die Athener aber nahmen sie auf, schon aus Haß gegen die Lakedämonier, und wiesen ihnen Naupaktos als Wohnsitz an, das sie kurz vorher den opuntischen Lokrern abgenommen hatten. Auch Megara fiel infolge eines Grenzkriegs, in den es mit Korinth verwickelt worden war, von den Lakedämoniern ab und trat dem Athenischen Bunde bei. Die Athener besetzten Megara und Pegai und bauten den Megarern die langen Mauern von der Stadt nach Nisaia und besetzten sie mit attischem Kriegsvolk. Von der Zeit aber rührt eigentlich erst der erbitterte Haß der Korinther gegen die Athener.
Jnaros, PsammitichoS' Sohn, König der Libyer an der ägyptischen Grenze, hatte von der Pharos gegenüberliegenden Stadt Mareia aus in Ägypten einen Aufstand gegen König Artaxerxes erregt, der sich über den größten Teil des Landes verbreitete, und, nachdem er sich selbst dort zum Herrscher auf geworfen, die Athener zu Hilfe gerufen. Diese, die damals mit ihren Bundesgenossen und zweihundert Schiffen einen Zug nach Cypern unternommen hatten, gaben Cypern auf und wandten sich nach Ägypten. Sie fuhren von der See den Nil hinauf, machten sich zu Herren des Stromes und von zwei Dritteln von Memphis und richteten nun ihren Angriff gegen das letzte Drittel, die sogenannte weiße Mauer, wohin sich die flüchtigen Perser und Meder und die dem König treugebliebenen Ägypter zurückgezogen hatten.
Bei einer Landung der Athener im Gebiet der Halier hatten sie ein Gefecht mit Korinthern und Epidauriern, in dem die Korinther siegten; hinterher aber erfochten die Athener in einer Seeschlacht bei Kekryphaleia einen Sieg über die pelo ponnesische Flotte. Dann brach der Krieg zwischen den Athenern und den Ägineten aus, und es kam zwischen ihnen und ihren beiderseitigen Bundesgenossen bei Agina zu einer großen See schlacht, in der die Athener siegten und den Ägineten siebzig Schiffe abnahmen. Darauf landeten sie auf Ägina und be- lagerten unter Leokrates, Stroibos' Sohn, die Stadt. Die Peloponnesier aber warfen zur Unterstützung der Agineten dreihundert Hopliten, die vorher bei den Korinthern und Epi 1 dauriern gedient hatten, auf die Insel. Auch besetzten sie den Kamm der Geraneia, von wo die Korinther und ihre Ver bündeten nach Megaris einfielen. Sie glaubten nämlich, da die Athener schon so viel Truppen auf Ägina und in Ägypten hatten, würden sie nicht imstande sein, Megara zu Hilfe zu kommen, oder wenn sie es trotzdem wollten, von Agina ab ziehen müssen. Die Athener ließen jedoch ihre Truppen vor Hgina ruhig stehen, bildeten aus den zu Hause gebliebenen k ältesten und jüngsten Jahrgängen ein neues Heer und schickten es unter Myronides' Befehl nach Megara. Nach einer un entshciedenen Schlacht mit den Korinthern gingen beide in ihre Stellungen zurück, und beide schrieben sich den Sieg zu. Hinterher aber zogen die Korinther ab, und die Athener, die im Grunde doch auch die Sieger gewesen waren, errichteten ein Siegeszeichen. Als die Korinther dann aber zu Hause von ihren alten Leuten deshalb verhöhnt wurden, nahmen sie etwa vierzehn Tage später die Waffen nochmals zur Hand und er schienen von neuem auf der Walstatt, um dort auch ihrerseits ein Siegeszeichen zu errichten, als wenn sie die Schlacht ge wonnen hätten. Die Athener aber machten aus Megara einen Ausfall, hieben die Leute nieder, welche das Siegeszeichen errichten wollten, und lieferten den übrigen ein siegreiches Gefecht.
Besiegt, wie sie waren, traten die Korinther den Rück zug an. Dabei geriet eine unter dem Nachdrängen des Feindes vom Wege abgekommene größere Abteilung auf einen Bauer hof, der mit einem breiten Graben umgeben war und auf der anderen Seite keinen Ausgang hatte. Als die Athener das gewahr wurden, stellten sie am Eingange schweres Fußvolk, rings herum aber ihre Leichten auf und töteten alle, die darin waren, durch Steinwürfe. Für die Korinther ein schmerzlicher Verlust; doch gelangte der größte Teil ihres Heeres wieder nach Hause.
Um diese Zeit begannen die Athener den Bau der langen Mauern bis an die See, sowohl der nach Phaleros als der nach dem Peiraieus. Die Phokier sielen nach Doris ein, die alte Heimat der Lakedämonier, Boion, Kytinion und ErineoS, und bemächtigten sich auch einer dieser Städte. Die Lake dämonier aber unter Nikomedes, Kleombrotos' Sohn, der für den unmündigen König Pleistoanax, den Sohn des Pausanias, regierte, kamen den Doriern mit fünfzehnhundert ihrer eigenen Hopliten und zehntausend Bundesgenossen zu Hilfe. Nachdem sie die Phokier zum Vergleich und zur Herausgabe der Stadt gezwungen, wollten sie den Rückweg antreten. Auf dem See wege, über den Golf von Krisa, würden die dort mit ihren Schiffen kreuzenden Athener ihnen wahrscheinlich Hindernisse bereitet haben. Auch den Weg durch die Geraneia hielten sie für unsicher, da die Athener noch in Megara und Pegai standen. Die Wege in der Geraneia waren schlecht und be ständig von den Athenern besetzt, die, wie man soeben noch gehört hatte, in der Tat beabsichtigten, sie dort nicht durchzu lassen. Sie beschlossen also, einstweilen in Böotien zu bleiben und abzuwarten, wie sie am besten wieder nach Hause kämen. Indessen waren sie dazu unter der Hand wohl auch von einigen Athenern veranlaßt, welche mit ihrer Hilfe die Demokratie stürzen und den Bau der langen Mauern verhindern zu können hofften. Gegen sie zogen nun die Athener ins Feld, sie selbst Mann für Mann und mit ihnen tausend Argeier und die Kontingente der übrigen Bundesgenossen, alles in allem vierzehntausend Mann. Die Athener aber unternahmen diesen Zug teils, weil sie glaubten, die Lakedämonier würden keines- falls durchkommen können, teils aber auch wohl aus dem Grunde, weil sie in ihnen eine Gefahr für die Demokratie witterten. Der Bundespflicht gemäß hatten sich auch thessalische Reiter bei ihnen eingefunden, die jedoch in der Schlacht zu den Lakedämoniern übergingen.
Als es dann bei Tanagra zur Schlacht kam, siegten die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen; aber beide Teile hatten große Verluste. Hierauf zogen die Lakedämonier nach Megara .ab, wo sie die Felder verwüsteten, und von da über die Gera neia und die Landenge wieder nach Hause. Zweiundsechzig Tage nach der Schlacht sielen die Athener unter Myronides in Böotien ein, schlugen die Böotier bei Oinophyta und unter warfen ganz Böotien und Phokis. Sie schleiften die Mauern von Tanagra, ließen sich von den opuntischen Lokrern die hundert reichsten Bürger zu Geiseln geben und brachten nun endlich ihre langen Mauern zustande. Bald nachher ergaben sich auch die Agineten den Athenern, sie mußten ihre Mauern niederreißen, die Schiffe ausliefern und von nun an Steuern zahlen. Die Athener fuhren auch unter Tolmides, TolmaioS' Sohn, mit ihren Schiffen um den Peloponnes, steckten die Schiffswerft der Lakedämonier in Brand und eroberten die korinthische Stadt Chalkis, worauf sie im Gebiete der Sikyoner landeten und ihnen ein glückliches Gefecht lieferten.
In Ägypten aber hielten die Athener und ihre Verbün deten immer noch aus und kämpften dort mit wechselndem Kriegsglück. Anfangs war ihnen das ganze Land in die Hände gefallen. Darauf schickte der König den Perser Megabazos mit einem Sack voll Geld nach Lakedämon, um die Peloponnesier zu einem Einfall nach Attika zu vermögen und die Athener dadurch zum Abzüge aus Ägypten zu nötigen. Da es Mega bazos damit jedoch nicht glückte und er sein Geld umsonst ausgab, reiste er mit dem Reste wieder ab nach Affen. Hierauf schickte der König den Perser Megabyzos, Zopyros' Sohn, mit einem großen Heere nach Ägypten. Der kam zu Lande, schlug die Ägypter und ihre Bundesgenossen, vertrieb die Griechen aus Memphis und schloß sie endlich auf der Insel Prosopitis ein. Hier belagerte er sie anderthalb Jahre, bis es ihm endlich gelang, den Kanal durch Ableitung des Wassers trocken zu legen, die Schiffe auf den Sand zu setzen und die Insel größten teils landfest zu machen, worauf er dann mit seinem Heere hinüberging und sie eroberte.
So nahm es hier nach sechs Kriegsjahren mit den Griechen ein klägliches Ende. Von dem ganzen Heere retteten sich nur einige wenige durch Libyen nach Kyrene, während die meisten elend umkamen. Damit geriet ganz Ägypten bis auf das Ge biet des Königs Amyrtaios in den sumpfigen Deltaniederungen wieder unter persische Herrschaft. Dem aber konnte man in seinen weiten Sümpfen nichts anhaben, und außerdem sind die Bewohner jener Niederungen auch die besten Soldaten in Ägypten. Jnaros aber, der Urheber des ganzen AufstandeS, fiel durch Verrat den Persern in die Hände und wurde ge kreuzigt. Fünfzig Trieren, welche aus Athen und dem übrigen Bundesgebiete als Ablösung nach Ägypten geschickt und, ohne von diesen Ereignissen zu wissen, in den mendesischen Nilarm eingelaufen waren, wurden hier gleichzeitig vom Lande aus und von der phönizischen Flotte von der See her angegriffen und größtenteils vernichtet. Nur wenigen gelang es, zu ent kommen. So endete der große ägyptische Feldzug der Athener und ihrer Bundesgenossen.
Orestes, der aus Thessalien vertriebene Sohn des thessa lischen Fürsten Echekratides, bewog die Athener, ihn zurück zuführen, und diese zogen in Gemeinschaft mit den damals mit ihnen verbündeten Böotiern und Phokiern gegen Pharsalos in Thessalien zu Felde. Sie brachten das platte Land in ihre Gewalt, soweit sie sich dabei nicht allzuweit von ihrem Lager zu entfernen brauchten, da sie beständig von thessalischer Reiterei umschwärmt wurden, konnten aber die Stadt nicht nehmen. Überhaupt kamen sie mit ihrem Feldzuge nicht zum Zweck und mußten unverrichteter Sache mit Orestes wieder abziehen. Nicht lange nahcher gingen tausend Athener aus dem damals in ihrem Besitz befindlichen Pegai in See und fuhren unter Perikles, dem Sohne des Xanthippos, nach Sikyon, wo sie landeten und die Sikyoner, die sich ihnen entgegentsellten, be isegten. Gleich darauf fuhren sie, durch Achäer verstärkt, nach Oiniadai in Akarnanien hinüber, rückten vor die Stadt und belagerten sie. Indessen gelang es ihnen nicht, sie zu nehmen, und so kehrten sie wieder nach Hause zurück.
Drei Jahre nachher wurde zwischen den Peloponnesiern und den Athenern ein Waffenstillstand auf fünf Jahre ge schlossen. Infolgedessen gaben die Athener den Krieg in Griechen land auf und unternahmen nun mit zweihundert Schiffen, teils eigenen, teils solchen ihrer Bundesgenossen, unter Kimon einen Zug nach Cypern. Fünfzig davon wurden jedoch auf Ansuchen deS Königs Amyrtaios in den Deltasümpfen nach Ägypten entsandt; die übrigen belagerten Kition. Als Kimon starb und ihnen die Lebensmittel ausgingen, zogen sie von Kition ab und fuhren auf die Höhe von Salamis auf Cypern, wo es zur See mit der phönizisch-kilikischen Flotte und gleich zeitig zu Lande zur Schlacht kam; hier wie dort siegten die Athener und kehrten darauf nach Hause zurück und die auS Ägypten zurückgekommenen Schiffe mit ihnen. Darauf zogen die Lakedämonier in den sogenannten heiligen Krieg, bemäch tigten sich des delphischen Heiligtums und übergaben es den Delphiern. Nach ihrem Abzüge aber erschienen die Athener dort mit einem Heere, brachten das Heiligtum in ihre Gewalt und gaben es den Phokiern zurück.
Da sich inzwischen Scharen böotischer Flüchtlinge in Orchomenos, Chäronäa und anderen böotischen Orten festgesetzt hatten, unternahmen die Athener nach einiger Zeit mit tausend Hopliten und den Kontingenten ihrer Bundesgenossen unter Tolmides, Tolmaios' Sohn, einen Feldzug gegen diese nun mehr in Feindeshand befindlichen Orte. Nachdem sie Chäronäa erobert und eine Besatzung hineingelegt hatten, zogen sie wieder ab. Auf dem Rückwege aber wurden sie von den böotischen Flüchtlingen aus Orchomenos, denen sich Lokrer, euböische Flüchtlinge und andere Gesinnungsgenossen angeschlossen hatten, bei Koronaia angegriffen und in offener Schlacht besiegt und dabei gutenteils niedergemacht oder gefangengenommen. In folgedessen räumten die Athener ganz Böotien, nachdem sie sich die Herausgabe der Gefangenen ausbedungen hatten. Die böotischen Flüchtlinge aber und die übrigen kehrten in ihre Heimat zurück, und alle wurden wieder unabhängig.
Nicht lange nachher fiel Euboia von den Athenern ab. Schon war Perikles mit einem athenischen Heere nach Euboia hinübergegangen, als er die Nachricht erhielt, daß Megara ab gefallen wäre und die Peloponnesier einen Einfall nach Attika beabsichtigten, auch die athenische Besatzung, soweit sie nicht nach Nisaia entkommen, von den Megarern niedergemacht worden sei. Die Megarer hatten sich nämlich mit Korinth, Sikyon und Epidauros im Bunde von Athen losgesagt. In folgedessen führte Perikles sein Heer schleunigst wieder aus Euboia zurück. Hierauf fielen die Peloponnesier unter dem lakedämonischen Könige Pleistoanax, dem Sohne des Pausanias, nach Attika ein, kamen bis Eleusis und Thria und verheerten das Land, zogen dann aber wieder ab, ohne weiter vorzudringen. Nun gingen die Athener unter Perikles von neuem nach Euboia hinüber, unterwarfen die ganze Insel und ordneten die dortigen Verhältnisse durch Verträge mit den Einwohnern in ihrem Sinne. Nur die Hestiaier vertrieben sie aus ihrem Lande und nahmen es selbst in Besitz.
Nicht lange nach ihrem Abzüge aus Euboia schlossen sie mit den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen einen dreißig- jährigen Frieden, wobei sie die in ihren Händen befindlichen peloponnesischen Plätze, Nisaia, Pegai, Troizen und Achaia, wieder Herausgaben. Sechs Jahre nahcher kam es zwischen Samos und Milet Prienes wegen zum Kriege. Als die Mileter darin den kürzeren zogen, wandten sie sich nach Athen und beklagten sich dort über die bösen Samier. Doch auch in Samos selbst hielten es einzelne, welche eine Verfassungs änderung erstrebten, mit Milet. Die Athener fuhren also mit vierzig Schiffen nach Samos, setzten dort eine demokratische Regierung ein und ließen sich von den Samiern Geiseln geben, fünfzig Knaben und eine gleiche Anzahl Männer, die sie nach Lemnos brachten. Auf Samos aber ließen sie eine Besatzung zurück und fuhren dann wieder ab. Indessen hatten einige Samier die Ankunft der Athener nicht abgewartet, sondern sich nach dem Festlande davongemacht und in Sardes mit ver schiedenen einflußreichen Persönlichkeiten und dem damaligen Statthalter Pissuthnes, Hystaspes' Sohn, einen Handstreich gegen Samos verabredet. Sie brachten auch siebenhundert Mann zusammen, setzten damit bei Nacht nach der Insel über und suchten sich zunächst der Häupter der demokratischen Re gierung zu bemächtigen, die ihnen auch größtenteils in die Hände fielen. Nachdem sie ihre Geiseln heimlich aus Lemnos entführt hatten, erklärten sie sich für unabhängig und lieferten die dortige athenische Besatzung und die in ihre Gewalt ge ratenen Beamten an Pissuthnes aus. Darauf rüsteten sie sich sogleich zu einem Zuge gegen Milet. Zugleich mit ihnen hatte sich auch Byzanz für unabhängig erklärt.
Als die Athener davon hörten, fuhren sie mit sechzig Schiffen nach Samos, von denen freilich sechzehn abgingen, weil sie teils nach Karien zur Beobachtung der phönizischen Flotte entsandt wurden, teils nach Chios und Lesbos, um dort die Bundesgenossen aufzubieten. Mit den übrigen vierund vierzig, welche Perikles selbzehnter befehligte, kam es bei der Insel Tragia zur Schlacht gegen siebzig samische Schiffe, unter denen sich zwanzig Transportschiffe befanden - da die ganze Flotte grade von Milet kam -, in welcher die Athener siegten. Nachdem sie dann noch durch vierzig Schiffe aus Athen und fünfundzwanzig aus Chios und Lesbos verstärkt worden waren, landeten sie auf Samos, erfochten auch zu Lande einen Sieg und schlossen die Stadt durch drei Mauern und zugleich von der See mit der Flotte ein. Perikles aber war auf die Meldung, daß eine phönizische Flotte im Anzüge sei, unver züglich mit sechzig Schiffen des Blokadegeschwaders nach Kauuos und den karischen Gewässern aufgebrochen. Gleich zeitig aber hatten sich auch Stesagoras und einige andere mit fünf Schiffen heimlich aus Samos aufgemacht, um der phö nizischen Flotte entgegenzufahren.
Unterdessen machten die Samier mit ihrer Flotte plötz lich einen Ausfall; sie übersielen das ungeschützte Schiffslager, bohrten die Wachtschiffe in den Grund und schlugen die gegen sie vorgeführten Schiffe in die Flucht. Dadurch wurden sie auf etwa vierzehn Tage Herren ihrer heimischen Gewässer und konnten ein- und ausführen, was sie wollten. Als aber Perikles zurückkam, wurden sie durch die Flotte von neuem eingeschlossen. Auch erhielten die Athener später noch weitere Verstärkungen, aus Athen vierzig Schiffe unter Thukydides, Hagnon und Phormion und zwanzig unter Tlepolemos und Antikles und außerdem aus Chios und Lesbos noch dreißig. Die Samier ließen sich zwar nochmal auf ein kleines See gefecht ein, konnten sich dann aber nicht länger halten und ergaben sich im neunten Monat der Belagerung. Sie mußten sich dazu verstehen, ihre Mauern niederzureißen, Geiseln zu geben und die Schiffe auszuliefern, auch die Kriegskosten zu übernehmen und in bestimmten Terminen zu bezahlen. Auch die Byzanzer verstanden sich dazu, wie bisher im athenischen Untertanenverbande zu bleiben.